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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
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*

Der Taufpate.

Karoline, das Mädchen des Herrn Matoussaint, teilte eines Abends, nachdem sie den Tisch abgedeckt hatte, mit schüchtern zu Boden geschlagenen Augen und ihre Schürze glatt streichend, ihrem Herrn mit, daß sie sich mit dem Schlosser aus der Nachbarschaft verheiraten würde. Diese Nachricht verstimmte – um mich milde auszudrücken – Herrn Matoussaint aufs äußerste.

Nichts ist unangenehmer, als ein Dienstbotenwechsel, und vor allem für einen alten Junggesellen von fünfundfünfzig Sommern, der an seinen Gewohnheiten hängt. Herr Matoussaint hatte schon vor achtzehn Jahren sein Eisengeschäft aufgegeben, sich mit einer Rente von fünfzehntausend Franken ins Privatleben zurückgezogen und sich behaglich in seiner hellen, freundlichen Wohnung auf dem Boulevard Beaumarchais eingerichtet. Karoline war am selben Tage, wo er sich die Häuslichkeit gründete, bei ihm eingetreten und hatte ihm seither mit Treue und Eifer gedient. Ueberdies war sie eine vorzügliche Köchin, die eine Käseomelette backen konnte trotz einer, und Herr Matoussaint hielt etwas auf gutes Essen. Kurz, Karoline war eine Perle.

»Sie begehen eine nette Dummheit!« rief Herr Matoussaint aus, indem er seine Serviette wütend auf den Tisch warf. »Ich kenne ihn vom Sehen, Ihren Herrn Schlosser; er ist jünger als Sie ... vielleicht gar ein Trunkenbold, der Sie prügeln wird. ... Die Frauen sind doch alle verrückt. ... Was soll denn der in unsrem Stadtviertel für Arbeit haben? Ein paar Klingeln anzulegen, oder hin und wieder Leuten, die ihren Schlüssel vergessen haben, die Thüre öffnen ... aber die Mamsell will halt unter die Haube kommen, will die Madame spielen. ... Wenn Sie bei mir geblieben wären, ich hätte Sie in meinem Testament bedacht. ... Schließlich müssen Sie ja wissen, was Sie thun; ich kann nur wiederholen ... Sie begehen eine Dummheit!«

Als Herr Matoussaint an jenem Abend in seiner Stammkneipe Billard spielte, befand er sich in einer fürchterlichen Laune. Wegen eines zweifelhaften Stoßes wütete er auf seinen Gegner, den Kaufmann Revillod, ein und erklärte dem armen, lammfrommen Familienvater, daß er in seiner Jugend – ja er, Matoussaint – als er noch in seinem Artikel reiste, einmal einen Streit mit einem Dragonerunteroffizier gehabt habe, und daß sie dann auf Säbel ihr Mütchen gekühlt hätten, und daß der gute Revillod sich in acht nehmen und ihn nicht im Bart kratzen solle!

Herr Matoussaint konnte jedoch die Heirat seines Dienstmädchens nicht Hintertreiben, und da er bei allem Egoismus im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch war, bezahlte er ihr das Hochzeitskleid und spendete sogar noch drei silberne Bestecke.

*

Zehn Monate später, als Herr Matoussaint eines Morgens im Schlafrock an seinem Barometer herumklopfte, um zu sehen, ob Regen in Aussicht stehe, trat Euphrasia, sein neues Mädchen, zu ihm ins Zimmer. Ganz beiläufig bemerkt – er war entzückt von ihr, und wenn er gewußt hätte, daß Karoline so leicht zu ersetzen sein würde, hätte er sich wahrhaftig nicht erst in solche Aufregung hineinzuarbeiten gebraucht. Also Euphrasia meldete ihm, daß die einstige Köchin mit ihrem Neugeborenen gekommen sei und den Herrn zu sprechen wünsche.

Der Barometer war gestiegen, Herr Matoussaint infolgedessen gut gelaunt, und Karoline wurde freundlich aufgenommen.

»So, das ist also der Kleine ... ich hoffe, es geht Ihnen gut.«

Karoline war im Sonntagsstaat, im wunderschönen blauen Kleid, bei dessen Anblick einem die Augen schmerzten. Mit der vorsichtig gewandten Bewegung, die Mütter und Ammen an sich haben, hob sie den Schleier von ihres Kindes Gesicht und zeigte in stolzem Glücksbewußtsein ihrem einstigen Herrn den Neugeborenen.

»Er soll Vincent heißen. ... Nicht wahr, wie schön er ist?«

Vincent, dem das Häubchen tief in der Stirne saß, war kupferrot und so häßlich als möglich; sein zahnloser, eingefallener Mund glich dem eines Greises. Kaum hatte ihn seine Mutter aufgedeckt, so öffnete er die wimpernlosen Lider und starrte den alten Junggesellen mit einem unbewußt strengen Blicke an.

»Gnädiger Herr,« begann Karoline wieder ... »wenn Sie uns die Ehre erweisen wollten, mir und Konstantin ... Konstantin ist mein Mann ... wenn Sie ... wenn Sie bei unsrem lieben Jungen Pate stehen wollten?«

Herr Matoussaint war auf diese Bitte nicht ganz unvorbereitet. Zuweilen schon hatte er zu sich gesagt: »Ich kann es nicht gut abschlagen. ... Mit hundert Franken ist die Sache abgemacht ...« Jetzt aber hatte er gar nicht daran gedacht, sondern nur immer mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen den Neugeborenen betrachtet, der entsetzliche Grimassen schnitt und auf sein Kleidchen geiferte, und der brave Mann fragte sich, wie man ein solches Ungetüm lieben könne.

»Gern, Karoline; an welchem Tage soll denn die Taufe sein?«

»Nächsten Sonntag, gnädiger Herr, um ein Uhr in der Sankt Paulskirche.«

»Und wer ist die Patin?«

»Die Mutter meines Mannes ... der gnädige Herr müssen schon entschuldigen ... Sie wissen ja ... eben eine Frau vom Lande.«

*

Herr Matoussaint machte seine Sache recht gut. Er hatte schon vorher das Credo mehrmals durchgelesen, und sagte es nicht schlecht auf, während der Priester den kahlen, apfelrunden Schädel Vincents mit Weihwasser besprengte. Nach der Ceremonie überreichte er dem Pfarrer eine hübsche gefüllte Dose, bot der Schwiegermutter mit der Bauernhaube den Arm, warf Kupfermünzen unter die Gassenjungen und führte dann die Taufgesellschaft zu einem Frühstück in sein Haus.

Es gab Kuchen und belegte Brötchen und wahrhaftig auch eine Flasche Champagner. Der Schlosser trank ihn, indem er eine Kennermiene aufsetzte, in kleinen Schlückchen; bei sich aber dachte er, ob ihn der ehemalige Herr seiner Frau für krank halte, daß er ihm solch einen Abguß zu trinken gab. Was die Schwiegermutter anbetraf, so hatte sie ihre Theeserviette mit ehrfürchtiger Scheu zur Hand genommen und betrachtete sie wie einen der civilisierten Welt bis dato noch unbekannten Gegenstand.

Herr Matoussaint schaute nach seinem Patchen hin, das Karoline auf den Knieen aus den Windeln wickelte, und das vergnügt mit den krummen Beinchen strampelte. Er fand merkwürdigerweise den Kleinen gar nicht mehr so häßlich. Im Gegenteil, was war so ein frisches, rundes Körperchen zierlich! Und plötzlich dachte der alte Junggeselle, daß auch er einmal ähnlich ausgesehen haben mußte, daß auch er eine Mutter gehabt hatte, eine brave Mutter, die ihn wohl auch so auf dem Schoße geschaukelt und ihm einen entzückten Kuß auf die nackten Füßchen gedrückt haben mochte, wie jetzt Karoline es ihrem Kinde that. Die Toilette Vincents war nun beendet, und Karoline nahm ihn wieder auf den Arm. Da reichte Herr Matoussaint dem Kleinen seinen dicken Finger hin, und als er mit seinen Patschhändchen danach griff, huschte ein gerührtes Lächeln über die Züge des graubärtigen Mannes.

An jenem Abend legte Herr Matoussaint in seiner Stammkneipe eine Himmelsgeduld an den Tag, die man gar an ihm nicht gewohnt war. Revillod konnte so viel Points ansagen, als er nur wollte, und mit noch so triumphierender Miene ausrufen: »Sechzehn zu fünfzehn ... siebzehn zu fünfzehn ... achtzehn zu fünfzehn ... Herr Matoussaint sah ihm mit der Pfeife im Munde ruhig zu, als berührte es ihn nicht im geringsten, daß der Gegner karambolierte.

*

»Wie geht es denn meinem Patchen?« fragte Herr Matoussaint regelmäßig, wenn er an der Schlosserwerkstatt vorüberkam, und seit lange schon geht er absichtlich dort vorüber.

Eines Tages ließ der Schlosser seinen Hammer auf den Amboß fallen, wischte sich die Hand ab, um sie dem Herrn zu reichen, und erwiderte auf die übliche Frage:

»Leider nicht allzu gut, Herr Matoussaint. ... Du, Junge, laß den Blasebalg und rufe einmal meine Frau herunter.«

»Was ist denn mit Vincent? Was ist denn los?« forschte Herr Matoussaint ängstlich.

»Weiß man denn das je bei solchem Wurm? ... Er hustet fürchterlich ... und ist ganz rot; er gefällt mir gar nicht. Ach, Herr Matoussaint, sind Sie glücklich daran, daß Sie unverheiratet sind und keine Kinder haben. ... Das ist eine ewige Unruhe! Der Doktor hat übrigens versprochen, heute nachmittag noch einmal nachzusehen.«

Da trat auch schon Karoline mit überwachten, geröteten Augen, unfrisiert und noch in der Nachtjacke in Begleitung des Lehrjungen in die Werkstatt.

»Nun, wie geht es?« fragte der Vater des kranken Kindes.

»Nicht schlimmer; wie oft habe ich dir dies schon wiederholen müssen!« erwiderte die arme Frau in schmerzlich ungeduldigem Tone.

»Ich will zu ihm hinaufgehen. Führen Sie mich zu ihm,« sagte, immer ängstlicher werdend, Herr Matoussaint zu Karoline.

Diese zog ihn in den Hof hinaus.

»Sie können ihn nicht sehen, gnädiger Herr,« rief sie in Schluchzen ausbrechend. »Der Arzt hat es verboten. Er fürchtet, es ist die Bräune. ... Ich habe noch nicht den Mut gehabt, es Konstantin zu sagen; er wird es noch früh genug erfahren, der arme Mann. ... Ach, mein lieber, guter Herr! Was war das für eine Nacht! Welch eine entsetzliche Nacht! Ein so prächtiges Kind ... und schon so kräftig für seine zwei Jahre ...«

Und sie sprach und sprach immer wieder dasselbe, wie eine Verrückte; und der alte Junggeselle, der ihre Hände ergriffen hatte, fühlte, wie die Thränen der verzweifelten Mutter heiß und schwer, wie die ersten Tropfen eines Gewitterregens auf seine Hand herniedertropften.

»Sagen Sie mal, Revillod,« fragte Herr Matoussaint am Abend beim Billardspiel seinen Gegner, der eben einen großartigen Stoß ausführte: »Hat schon irgend eins Ihrer Kinder die Bräune gehabt?«

»Ja, meine kleine Luise. ... Wir haben sie kaum durchgebracht.«

Und während Herr Matoussaint bei dem Gedanken, daß also die Kinder nicht alle an der Bräune sterben müssen und zuweilen auch gerettet werden, erleichtert aufseufzte, verfehlte er einen Ball, der bequemer nicht hätte liegen können.

*

Er war wieder gesund!

Herr Matoussaint hatte sie alle drei, Vater, Mutter und Kind zum Frühstück geladen, um das freudige Ereignis festlich mit ihnen zu feiern. Austern standen auf dem Tische, und der brave Mann hielt eben eine Flasche Chablis zwischen den Knieen, um sie zu entkorken, als es klingelte.

»Euphrasia, da sind sie! Machen Sie gleich auf!«

Der Schlosser trat allein mit dem noch etwas bläßlichen Jungen auf dem Arme ins Zimmer.

»Ja, kommt denn Karoline nicht?«

»Sie möchten sie gütigst entschuldigen, Herr Matoussaint; sie liegt jetzt zu Bett, die arme Frau ... nichts von Bedeutung. ... Ein bißchen Uebermüdung nach der anstrengenden Pflege.«

Der alte Junggeselle tröstete sich rasch mit seinem Patchen über die Abwesenheit der Mutter. Wenn er nur den Kleinen hatte, dann war schon alles recht. Er liebte auf der Welt nichts weiter mehr, als dieses Kind; auch so kann sich der Egoismus äußern.

»So, da setze dich hinein!« rief er, indem er es dem Jungen auf einem hohen Stuhle bequem machte, den er am Abend zuvor in höchst eigener Person erstanden hatte.

Als der kleine Mann den Löffel zur Hand nahm und damit einen Heidenspektakel auf seinem Teller verführte, guckte ihn sein Vater mit großen Augen warnend an: »Junge, Junge!« schalt er.

Aber Herr Matoussaint sagte: »Lassen Sie ihn doch gewähren!« und indem er die Austern vollständig vergaß, suchte er das schönste Stück von den noch auf der heißen Platte brotzelnden Nieren aus und legte es Vincent vor.

Da endlich glaubte der Schlosser ernstliche Vorstellungen machen zu sollen.

»Aber, Herr Matoussaint, wir müssen in der That böse werden, wenn Sie uns den Jungen so verwöhnen!«

Mit komischer Wut drehte sich der alte Junggeselle nach seinem Gaste um und schrie ihm ins Gesicht: »Sie, Herr Papa, wollen Sie uns vielleicht in Frieden lassen? Bin ich sein Pate, oder bin ich es etwa nicht?«

Dann wandte er sich wieder dem kleinen Jungen zu, griff nach Messer und Gabel, beugte sich über den Teller Vincents, und indem er dabei seine ganze Zärtlichkeit für das Kind hineinlegte, schnitt er ihm das Fleisch in winzige Stücke.

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