Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Coppée >

Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
Schließen

Navigation:

*

Herbstabend.

Geliebt werden ist wohl schön: um aber die Illusion wirklichen Glückes zu haben, muß man selbst lieben. Niemand weiß dies besser, als der berühmte Musiker Michel Paz, der einzige Walzerkomponist, der nach Chopin genannt werden kann. Wenn die Welt von einem oder dem andern seiner Liebesabenteuer etwas erfährt, so geschieht dies gegen seinen Willen – er ist nicht im geringsten eitel – und ist ganz allein dem Aufsehen, das diese Abenteuer hervorrufen mußten, zuzuschreiben. Viele seiner Erfolge und zwar gerade diejenigen, auf die er sich am meisten zu gute thun könnte, sind nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen. Wenn sich der blonde, schwarzäugige Slave ans Klavier setzt, die Handschuhe von den schlanken, blassen Händen streift, schauen ihn die Frauen mit klopfendem Herzen an und gedenken dabei jener schönen, jungen Russin, die er sanft zurückgewiesen hatte, und die sich dann in Nizza durch Einatmen von Chloroform tötete. Das aber wissen sie nicht, die ihn mit bewundernden Blicken verfolgen, daß der Namenszug in dem feinen Batisttuche, an dem er sich, ehe er sein Spiel beginnt, die Finger abwischt, mit den Haaren einer Hoheit gestickt ist.

Michel Paz hat die zwei Millionen Mitgift der jungen Russin ausgeschlagen, wie er sich da oben im Norden der Liebe einer Prinzessin von Geblüt entzog – ohne ein Verdienst darin zu suchen; er liebte eben nicht. Und doch, wie oft ist er schwach gewesen, dieser Künstler mit der schwermütig sinnlichen Phantasie; selten aus Eitelkeit, ziemlich oft aus Selbsttäuschung, aus einer zärtlichen Regung seines Herzens heraus – ach leider, niemals aus Liebe!

Einmal aber hat auch er ernstlich geliebt; vor langer Zeit schon, als er sich noch mit elenden Privatstunden abquälte und abends in einem kleinen Theater die Pauke schlug.

Was war das für eine traurige, würdelose Liebe gewesen! Eine Schauspielerin zehnten Ranges, die ausgehaltene Geliebte eines andern, hatte ihm Herz und Sinne gefesselt. Die ganze Schande dieser Leidenschaft, die volle Qual der Eifersucht und der Machtlosigkeit des mittellosen Liebhabers hatte er durchgekostet, und sein Inneres hatte sich aufgebäumt, wenn sie ihm in gnädiger Laune, wie. einem Hunde einen Knochen, die Worte hinwarf: »Was kann es dir denn ausmachen, da ich doch nur dich liebe?«

Er brach diese Fesseln nach mehreren Jahren der Sklaverei, als ihm der Ruhm zu lächeln anfing und die milden Klänge seines Nixenwalzers die Frauen in kostbaren Gewändern auf dem Parkett des Salons, wie die Ladenmädchen in ihren billigen Kleidchen auf den staubigen Tanzböden der Vorstadt mit fortrissen. Seitdem ist er der berühmte Michel Paz; seitdem hat er ganz Europa konzertierend durchstreift und in seinen Koffern in wirrem Durcheinander Orden aus aller Herren Länder und Liebesbriefe in allen civilisierten Sprachen mit nach Hause gebracht. Aber da er in seiner Jugend bei der guten und tüchtigen Lehrmeisterin Armut in die Schule gegangen war, so ist er ein einfacher und anspruchsloser Mensch geblieben. Die Orden trägt er nie, und wenn er die alten Liebesbriefe einmal wieder liest und in seiner Erinnerung von neuem jene bald mit der flüchtigen Stunde entschwundenen, bald ein Jahr dauernden Beziehungen auftauchen, dann ruft er sich mit einer Sehnsucht, deren er sich schämt, jene Winterabende ins Gedächtnis zurück, wo er, der arme Musikant, nach beendeter Vorstellung, im Schnee fast erstarrend, vor dem Theater auf jenes Mädchen harrte, die dann, eins gegen zehn zu wetten, am Arme eines andern dahinging, und die er doch geliebt hatte, bis zum Wahnsinn geliebt hatte.

»Glück gibt es nur für den, der selbst liebt,« sagte sich Michel Paz in Momenten sentimentaler Verstimmung und fühlte dann, wie ihm eine Thräne im Auge brannte, die seltene und schmerzliche Thräne des Nervösen, der nicht weinen kann.

*

In solchem Seelenzustande befand sich Michel Paz auch, als ihn im vergangenen Jahre das schlechte Wetter schon im September aus dem Seebade in das noch leere Paris zurücktrieb.

Eines Tages, als er seiner Gewohnheit gemäß, einen rebellischen Tongedanken verfolgend, planlos umherwanderte, schreckte ihn plötzlich lautes Trompetengeschmetter aus seinen musikalischen Träumen auf und er bemerkte, daß ihn der Zufall in den Luxemburggarten geführt hatte, wo die Militärkapelle an Sommernachmittagen Konzerte im Freien gibt.

Er ging auf eine benachbarte Terrasse, lehnte sich über das Geländer, schaute bewundernd nach dem mit kleinen weißen Wölkchen bezogenen Himmel, nach dem hübschen Teich, auf dem die Schwäne schwammen, und nach der Menge hin, die um die Rasenplätze spazierte. Da sah er plötzlich neben sich, auf einem Stuhle sitzend, eine junge Frau, die ihn mit eigentümlicher Aufmerksamkeit beobachtete.

Es war eine zarte, reizende Blondine mit durchsichtigem Teint, einer feingeformten Nase und wundervollen Augen. Und welch ehrbaren Anstrich ihr der einfache Anzug gab; Taille und Hütchen aus dunkelblauem Samt und der Rock aus englischem karrierten Tuche. Und welche Grazie in den Bewegungen ihres ein wenig zu schmächtigen Armes und der Hand, die auf dem Porzellanknaufe ihres Schirmes ruhte!

Als sie Michels Blicken begegnete, errötete die junge Frau und schien sichtlich verlegen, auf ihrer Neugierde ertappt zu werden. Aber Michel lüftete höflich den Hut: »Sollte ich schon das Vergnügen gehabt haben, Sie irgendwo zu treffen, und so ungeschickt sein, Sie nicht wiederzuerkennen?«

Sie wurde purpurrot, und indem sie verwirrt die Augen niederschlug, erwiderte sie: »Nein, mein Herr; Sie kennen mich nicht; aber ich kenne Sie.«

Er setzte sich neben sie, und sie plauderten zusammen. Sie hatte ihn einmal vor drei Jahren in einem Konzerte gesehen, wo er selbst seine Orchestersuite dirigierte. Michel fühlte sich geschmeichelt und rückte seinen Stuhl näher zu ihr heran. Wie? Sie hatte ihn nur einmal gesehen und erkannte ihn doch wieder! Wer sie denn war? O, nichts Besonderes. Sie hieß Lucie und wohnte ganz in der Nähe mit ihrer Schwester, einer Witwe, die viel ernster und gesetzter war als sie, und der sie die Erziehung ihres Knaben überließ. Ein Kind? So war sie also verheiratet? Neues Erröten. Nein, sie war nicht verheiratet, und die Mitteilungen nehmen einen vertraulicheren Charakter an. Sie war nicht immer so vernünftig gewesen, wie jetzt. Nun freilich, wo sie schon das vierundzwanzigste Jahr zurückgelegt hatte, wo sie eine alte Frau war, wollte sie ruhig und still mit ihrer Schwester von ihren kleinen Renten leben und auch ein wenig dabei arbeiten; sie hatte das Putzmachen erlernt. Zuweilen kam sie gegen abend in den Luxemburggarten, um Musik zu hören, ehe sie ihren Jungen aus der Schule abholte.

Sie erzählte mit naivem, fast kindlichem Vertrauen, mit weicher, wohllautender Stimme und zu Boden gesenkten Augen, während sie mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren in den Sand zeichnete. Michel hörte lächelnd zu und wunderte sich, daß er ein so großes Interesse an der alltäglichen Geschichte fand, und ein trauriges Gefühl beschlich ihn, als er schon leichte Fältchen auf der zarten, weißen Stirne der hübschen Blondine entdeckte.

Er, der verwöhnte Liebling aller Frauen, konnte bei diesem ersten besten Abenteuer auch nur einen Augenblick lang verweilen? Es war wie die widerspruchsvolle Handlungsweise eines Verschwenders, der ein Vermögen vergeudet und sich nach einer Stecknadel bückt. Aber er kam den nächsten und übernächsten Tag doch wieder in den Luxemburggarten, wo er Lucie traf. Sie gestand ihm, daß er ihr damals, wo er im Konzert dirigierte, gefallen habe – o wie sehr gefallen! – und daß sie ihn, als sie ihn so in nächster Nähe wiedergesehen habe, trotz der furchtbaren Erregung, in die sie sein Anblick versetzte, mit der stillen Hoffnung beobachtet habe, er werde sie anreden.

Der auf diese Weise angesponnene Roman mußte sehr bald an derjenigen Stelle anlangen, die mit einer Linie Gedankenstriche angedeutet zu werden pflegt. Aber wo der blasierte und skeptische Künstler nur ein alltägliches Abenteuer erwartet hatte, empfand er zu seinem eigenen Erstaunen etwas wie Glück.

Diese Liebe, die ihm so bereitwillig entgegengebracht wurde, war so schön, so ohne jegliche Koketterie, so ohne jeden Eigennutz, sie war die aus dem Herzen kommende, instinktive Liebe eines einfachen Menschenkindes. Und während Michel mit auf die Uhr gerichteten Blicken Lucie zur bestimmten Stunde erwartete, fühlte er, der fünfunddreißigjährige, in zahllosen Liebesabenteuern erfahrene Mann, sein Herz nach langer, langer Zeit zum erstenmal wieder schneller schlagen. Wie reizend waren die kleinen Mahlzeiten, die sie zusammen einnahmen. Wenn sie dann die Servietten weggeworfen hatten, schmiegte sich Lucie schüchtern an die Schulter des Künstlers, der ihr wie ein Wesen höherer Art, wie ein Halbgott erschien, den man nur vorsichtig anfassen durfte, und fast ängstlich nahm sie seine Hand, führte sie an ihre Lippen und bedeckte sie mit leisen, zahllosen, beinahe ehrerbietigen Küssen.

Michel Paz gab sich voll und ganz dieser Liebe hin, die ihm bis in die innerste Seele hinein wohl that. Sehr oft ertappte er sich darauf, daß ihm Lucie in den unerwartetsten Momenten einfiel und er mit einem unwillkürlichen Lächeln des Glücks auf den Lippen an ihr reizendes Gesichtchen und vor allem an die Art dachte, womit sie die Zähnchen übereinander zu beißen pflegte, wenn sie ihn mit aller Kraft an sich drückte und ihm mit leiser, leidenschaftlicher Stimme zuflüsterte: »Du Süßer!«

»Mein Gott!« rief er eines Tages plötzlich aus, »sollte ich sie gar lieben? Liebe ich sie denn?«

Ach, er wollte der heimlich und spöttisch in ihm sich regenden Antwort kein Gehör schenken! Der Herbsthimmel war so blau, seit vier Wochen schon kannte er Lucie, er wollte ihr lieber einmal einen wahren Liebesfesttag bereiten; und er, für den Prinzessinnen schwärmten, entschloß sich, mit dem einfachen Mädchen einen ganzen Tag auf dem Lande zu verbringen.

*

Sie mußten schon in aller Frühe aufbrechen, wenn sie noch zum Essen in einem Dorfe sein wollten, das im Norden von Paris, am Saume eines Gehölzes, so schön von Wäldern und Seen umgeben liegt. Trotzdem fand er sie schon auf dem Bahnhofe vor, wo sie am Schalter mit ihrem Reisetäschchen auf ihn wartete; eine bescheidene, ehrbare Erscheinung.

Sie waren allein im Coupé. Wie sie sich küßten! Auch in dem Postomnibus, der sie auf einer mit Obstbäumen bepflanzten Landstraße dahinführte, blieben sie allein, und Lucie, das arme Stadtkind, klatschte, berauscht von der reinen Lust, in die Hände, und als sie durch den sich zerteilenden Morgennebel in der Ferne das freundlich auftauchende Dörfchen erblickte, rief sie jubelnd aus: »Wird das heute schön werden!«

Nach einer Stunde holperte der Wagen über das Dorfpflaster an einer Parkmauer vorbei, über die das dichte, grüne Laubwerk der Bäume emporragte. Beim Weiterfahren sahen sie noch flüchtig eine Schießbude und einen über und über mit lateinischen Inschriften bedeckten Brunnen aus dem vergangenen Jahrhundert, dann hielt der Omnibus. Sie waren am Ziele.

Sie betraten das Gastzimmer, legten ihre Mäntel und Taschen aufs Billard, und um ja keine Minute des schönen Tages zu versäumen, frühstückten sie sofort im Garten in der mit rotem Wein beschatteten Laube, wo die Sonne das Netz einer Herbstspinne mit ihren Strahlen vergoldete. »Schnell etwas zu essen! Was gerade da ist! Eine Omelette und einen guten Weißwein!« Und Lucie, die ein Schnurrbärtchen von Rahmkäse hatte, schaute mit vor Freude leuchtenden Augen zu Michel hin und sagte: »Was das für eine gute Idee von dir war, du süßer Schatz! Und wie lieb ich dich habe!«

Und jetzt nach dem Walde! Es ist höchste Zeit., denn im Oktober wird es schon frühe dunkel. Unter Bäumen, auf einem feuchten, finstern Wege wandern sie durch das gefallene, modernde Herbstlaub, aber über ihren Häuptern tanzen die Sonnenstrahlen auf den Zweigen und zwischen dem Blätterwerk wird zuweilen ein Stückchen blauer Himmel sichtbar. »Kra, kra!« und eine Schar Raben fliegt auf, und hin und wider fällt der Schuß eines Jägers. Wie sie den würzigen Harzduft einziehen, die armen Städter! »Ach, sieh doch, noch blühendes Heidekraut!« Lucie kniet nieder, um die letzten Blümchen zu sammeln, und Michel, der den Hut in den Nacken geschoben hat, schlägt den großen Giftpilzen unter den Eichen mit seinem Stocke die Köpfe ab.

Manchmal bleibt er zurück, um das fröhliche junge Weib vor sich hergehen zu sehen. Wie zierlich sie ist in ihrem braunen Kleide! Welch hübschen Gang sie hat, und gewachsen ist sie wie eine Göttin der Jagd! Jetzt wendet sie sich zurück und ruft ihrem Gefährten zu: »Du, Haselnüsse!« und sie ist so graziös, wie sie sich vornüberbeugt, um sie abzupflücken, daß er hinzueilt, sie umarmt und ihr einen langen Kuß auf den Nacken drückt, da wo sich die goldenen Löckchen kräuseln.

»Aber, Schatz, hast du mich erschreckt!«

So laufen sie den ganzen Tag im Walde umher, steigen die Hohlwege hinab, wo das Echo ihres fröhlichen Lachens widerschallt, klettern zwischen Felsgestein die Ziegensteige hinauf, wo der Fuß auf Tannennadeln ausgleitet, und allmählich, unter dem feierlichen Dach der hochstämmigen Bäume werden sie stiller, und wenn sie an eine Lichtung kommen, stützt sie sich ein wenig müde, wie berauscht auf seinen Arm.

Endlich überrascht sie der Abend an einem großen Weiher. Lucie hat sich auf eine umgestürzte Ulme gesetzt, und Michel, der sich zu ihren Füßen niederläßt, legt seinen Kopf in ihren Schoß. Sie hat den Handschuh ausgezogen und streicht ihm liebkosend durchs Haar.

Kein Wölkchen ist am Himmel; kein Windhauch geht. Die Sonne steht friedlich strahlend am Horizont, und in dem glatten, wellenlosen Teich spiegeln sich die unbewegt ins Blaue hineinragenden hohen Bäume wieder.

Mit unnennbarer Wehmut überkommt es den Künstler. Ihm ist, als gäbe es keine Vergangenheit mehr, als sei nie etwas andres in seinem Leben gewesen, als diese Minute. Sein müdes Herz, das von der Schönheit der Natur auf einen Augenblick verjüngt wird, will sich, einer späten Rose gleich, zum Blühen öffnen. Er drückt Lucie einen langen, einen zärtlichen Kuß auf die Hand, und zum erstenmal tritt ihm das Wort über die Lippen, das er in seinem edeln Abscheu vor der Lüge seit so vielen Jahren nicht mehr ausgesprochen hat: »Ich liebe dich!«

Aber wie er es sagt, sinkt jenseits des Weihers, hinter den düstern Tannen die Sonne hinab. Ueber alles, über das Wasser, den Himmel, die Bäume und über das Herz dieses Mannes zieht plötzlich ein kalter Hauch. Lucie, deren Blicke auf dem Geliebten ruhen, sieht ihn erschauern, und mit dem Bedürfnis nach Wahrheit und der ruhigen Entsagung der demütig Bescheidenen, flüstert sie mit klangloser, fast gebrochener Stimme: »Nein, du Süßer, du liebst mich nicht! ... Ich liebe dich!«

*

Immer noch liebt Lucie den Künstler, der sich von ihr lieben läßt. Aus dem stets wiederkehrenden Mollthema in seinem neuesten Walzer spricht ein verzweifelter Schmerz: Michel Paz hat in jenen wenigen Noten die traurigen Worte wiedergegeben, die das junge Weib, damals am Rande des Teiches, bei sinkender Sonne, ihm zuflüsterte. Und deshalb auch hat er den Walzer, den man nicht hören kann, ohne daß einem die Augen feucht werden, »Herbstabend« genannt.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.