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Das Stück Brot und andre Geschichten

François Coppée: Das Stück Brot und andre Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn.
year1893
translatorE. Wulkow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171213
projectid74146dcb
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*

Die Krümelbürste.

Die Krümelbürste ist an allem schuld. Ich meine eine von jenen weißborstigen Bürsten mit elfenbeinernem Rücken und Griff in Form eines türkischen Säbels oder einer Sichel, mit der am Schluß eines Diners das Mädchen, oder manchmal die Dame oder die Tochter des Hauses vor dem Dessert die Brotkrumen vom Tischtuch neben einem jeden Gaste wegfegt, indem sie die Runde um die Tafel macht.

Wie gesagt, eine solche Bürste hat mich ins Unglück gestürzt.

Ich dachte nicht im entferntesten daran, mich zu verheiraten. Mit achtundzwanzig Jahren eilt es damit auch noch lange nicht. Mein Büreauchef, ein ganz vorzüglicher Mensch, hatte mich so oft gewarnt: »An Ihrer Stelle würde ich nicht heiraten. ... Ich rate Ihnen nicht etwa davon ab, weil ich schon seit zehn Jahren getrennt von meiner Frau lebe ... aber an Ihrer Stelle würde ich mich nicht verheiraten.«

Dann las ich auch einmal in La Rochefoucauld einen Gedanken, dessen volle Wahrheit ich erst heute zu verstehen im stande bin, den ich damals aber schon instinktiv bewunderte: »Es gibt gute Ehen, glückliche jedoch nicht.«

Ueberdies war ich vollkommen zufrieden und hatte mir mein Junggesellendasein aufs beste eingerichtet.

Damals war ich – was ich auch heute noch bin – Beamter in einer städtischen Verwaltung. Zweitausendfünfhundert Franken Gehalt und Weihnachtsgratifikation; das ist doch schon recht hübsch mit achtundzwanzig Jahren. Das Büreau, für das ich arbeitete (Morgue und Obduktionshaus) und die Beschäftigung, die mir oblag, die Verteilung der Leichen in die verschiedenen Anatomiesäle, waren nicht gerade sehr angenehmer Natur, das ist richtig. Ich hatte tagaus tagein sechs grüne Kartons vor mir liegen, auf die ich in schöner Rundschrift die Überschrift gesetzt hatte: »Verwendung der Leichname!« Ich war aber in meiner Spezialität so bewandert, daß ich im Handumdrehen mein Pensum erledigte. Die übrigen Büreaustunden schlug ich über irgend einem Rebus der »Illustrierten Welt« tot. Uebung macht den Meister; ich sandte bald die Lösungen ein und genoß den zweifelhaften Ruhm, meinen Namen in der Rätselecke des Journals gedruckt zu sehen.

Die Zeit auf dem Büreau war das Opfer, das ich dem täglichen Brote brachte. Mein eigentliches Leben begann um vier Uhr, wo ich, nachdem ich mir die Hände gewaschen und meinen Arbeitsrock an den Ständer gehängt hatte, nach meiner entfernt liegenden Wohnung wanderte.

*

Mein besonderes Entzücken waren die Sommerabende, wenn die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne die alten Linden und Kastanien vergoldeten. Wie schön wanderte es sich unter ihren stämmigen Aesten und ihrem dichten Laubwerke, und nach dem Spaziergange hielt ich in einem kleinen Restaurant unweit des Westbahnhofes Rast. Der Kellner reservierte mir schon immer meinen Platz am Fenster, wo ich mit Behagen speiste und mich damit unterhielt, daß ich auf die Menge hinausschaute, die bei jedem ankommenden Zuge über den Platz strömte. Bei einbrechender Nacht ging ich in ein Café und trank ein Täßchen Mokka im Freien, und dann kehrte ich gewöhnlich nach Hause zurück.

Wer mag wohl jetzt mein Stübchen bewohnen? Ein Philister wahrscheinlich, der die Wände mit abgeschmackten Photographieen von irgend welchen Politikern verunziert. Zu meiner Zeit war es ein allerdings bescheidenes, aber nach meiner Bequemlichkeit möbliertes Zimmer gewesen, das Zimmer eines soliden Menschen, eines Stubenhockers, der aus jeder Blume seiner Tapete die Erinnerung an alte Träumereien herauslas. Da hing meine Flöte und meine Pfeife; ich hatte einen guten Teppich und einen Lehnstuhl vor dem Kamin, in dem es sich so behaglich saß und wo man ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte. Auf einem Gestell standen meine Lieblingsbücher, und rechts und links vom Kamin glänzten zwei hübsche Kupferstiche: »Brautnacht« und »Glücklicher Zufall«.

Was war so ein Sommermorgen herrlich, wenn ich mich in Hemdärmeln noch eine Weile im Zimmer umhertrieb und mir meine erste Pfeife schmecken ließ, deren Rauchwolken sich mit den Sonnenstäubchen vermischten, und wenn ich durchs weitgeöffnete Fenster das frische Grün der Gärten, die Kuppeln des Pantheons und den Himmel sah; viel Himmel! Und die Schwalben flatterten ganz nahe an mir vorüber und sandten mir ihren Gruß: »Kuik, kuik.« Die Abende waren noch lieblicher, wenn die Sterne zu mir hereinblinkten, während ich las oder auf meiner Flöte Mozart blies.

Frauen spielten in meinem Leben keine große Rolle. Die kleinen Modistinnen, die man des Abends vor ihren Läden erwartet und nach Hause begleitet, langweilten mich bald. Leider war ich so unvorsichtig, gerade dies einem meiner Kollegen einzugestehen. Ich hätte aber auch vor dem Menschen auf der Hut sein sollen, der, in allem nüchtern, praktisch, das Schusterhandwerk zu seiner Erholung und aus Sparsamkeit erlernt hatte und sich in seinen Freistunden oder zwischenhinein, wenn im Büreau nichts zu thun war, selber die Stiefel anfertigte! Der sagte nun natürlich sofort zu mir: »Da wüßte ich ja was für Sie. ... Dreißigtausend Franken und Aussicht auf mehr. ... Dabei eine Mutter mit bläulichen Lippen; die stirbt am Herzschlag. ...«

Ich sträubte mich, konnte mich nicht entschließen ... und vierzehn Tage später hatte ich mir schon eine Blöße gegeben und eine Einladung in der Familie des betreffenden jungen Mädchens angenommen.

*

Die Krümelbürste hat für das übrige gesorgt.

Es war vor dem Dessert. Das Mittagessen war sehr nett und sehr gemütlich verlaufen. Trotzdem die Mama die Photographie ihres Gatten in Gold gefaßt als Broche trug, schien sie eine sehr vorzügliche Frau, und trotzdem der Vater in etwas zu feierlicher Weise schon von der Suppe an über das Verhalten Frankreichs gegen Rußland sprach, mißfiel er mir nicht mit seinem schön geformten Kopfe und dem ehrwürdigen Barte. Ich hatte gut, leider zu gut gespeist. Der Braten war ausgezeichnet gewesen, und der Burgunder schmeckte mir außerordentlich mit seiner zarten Blume. Beim Dessert ging ich aus mir heraus; es war das Dessert des kleinen Bürgers im Winter: Eine Torte, Makronen, verrunzelte Aepfel, Orangen und warme Kastanien unter einer Serviette. Und nun geschah's! Auf einen Wink ihrer Mutter nahm das junge Mädchen ein Körbchen und die wie ein türkischer Säbel geformte Bürste zur Hand, um zwischen den Tellern die Brotkrumen wegzufegen.

Aus Stein ist man ja nun einmal nicht, und wie die große Brünette mit dem runden, frischen Gesicht sich neben mir etwas vornüberbeugte, um das Tischtuch abzukehren, und ihre volle, üppige Gestalt meine Schulter berührte, während der feine Duft ihres pomadisierten Haares mich berauschte, (daran war der Burgunder schuld) da sagte ich mir: »Ich werde um sie anhalten.«

Und ich habe es gethan, zehn Jahre sind es her, und ich wurde angenommen, und seither bin ich der unglücklichste Mensch von der Welt.

Als verheirateter Mann und als Familienvater hieß es vor allem ein gesetzter Beamter werden.

An die Rätsel der »Illustrierten Welt« ist gar nicht mehr zu denken! Bis über die Ohren sitze ich in meinen widerlichen Akten. Allen Fragen, die sich auf das Wesen der Morgue beziehen, gehe ich bis auf den Grund und ochse daran herum. Das ekelt mich an; aber ich habe drei Kinder und bin noch immer zweiter Büreauvorsteher mit fünftausend Franken Gehalt. Um mich vor meinen Vorgesetzten als einen sattelfesten Spezialisten aufzuspielen, habe ich einige kleine Schriften herausgegeben, deren Titel allein schon genügen, um mich mit Abscheu zu erfüllen: »Die Morguen, was sie waren, sind und sein werden, I. Band in – 8°«; oder: »Von der Gefahr der überstürzten Beerdigung, I. broch. in 8°«; und augenblicklich bereite ich einen umfangreichen Bericht vor über: »Die Vorstadtkirchhöfe und der Leichentransport auf Eisenbahnen, sowohl vom Standpunkte der Schicklichkeit wie der allgemeinen Hygiene aus betrachtet«. Das schreibe ich, der einstige Flötenspieler; ich, der Sonette dichtete!

Meine arme, liebe Flöte! Es ist lange her, daß sie nicht mehr aus ihrem Etui herausgekommen ist, ebensowenig wie meine schöne Meerschaumpfeife, deren Kopf von einer Adlerklaue gehalten wird. Musik und Träumereien, die sind für Dichter und Junggesellen!

Auch die herrlichen Spaziergänge nach den Büreaustunden haben aufgehört. Jetzt benütze ich so schnell als möglich die Pferdebahn, um in das scheußliche Stadtviertel zu fahren, wo meine Frau wohnen wollte, um in der Nähe ihrer Eltern zu sein. Da haben wir ein häßliches Parterre mit niedrigen Zimmern, und wenn ich mich morgens rasiere, sehe ich vom Fenster aus auf einen Holzhof und dahinter auf die Seitenwand eines sechsstöckigen Hauses. Darauf ist ein Riese gemalt, der aus seinem Füllhorn die Weste, Jacke und die Hosen eines »vollständigen Anzuges zu siebzehn Franken« schüttelt.

Ueber meine Frau kann ich mich ja eigentlich nicht beklagen, außer, daß sie ihre Kinder nicht wie eine Mutter, sondern wie eine Henne liebt und sie ganz entsetzlich verzieht. Nur an ihre Unordnung werde ich mich nie gewöhnen. Kann es aber auch ein nervöser Mensch aushalten, wenn tagtäglich beschmutzte, feuchte Kinderschuhe am Kamin stehen und Windeln davor aufgehangen sind? Dabei ist es mir unbegreiflich, warum sie das Mädchen mit dem Muttermal im Gesicht, deren Anblick mir regelmäßig den Appetit verdirbt, durchaus nicht fortschicken will.

Auch mit meiner Schwiegermutter ist auszukommen. Die Aermste zittert so vor den schwarzen Augenbrauen und dem weißen Vollbart ihres Eheherrn, daß sie nur in einer Weise mit ihm zu sprechen wagt, die höchste Zärtlichkeit und tiefste Verehrung in sich vereinigt. Zum Beispiel: »Willst du die große Güte haben und mir den Senf reichen, lieber Dubu. Darf ich dir noch etwas Suppe anbieten, mein bester Dubu?«

Er, Dubu, der alte Schwiegervater ist es, der mir das Leben vergällt; er, der Haustyrann, der greuliche Philister. Ein unbedeutender, eingebildeter Mensch ist er, der seine ernste, ehrwürdige Physiognomie dazu mißbraucht, um all seinen Worten den bittern Stempel der Lehrhaftigkeit aufzudrücken. Er verfolgt mich mit seinen Theorieen über den Fortschritt, das Nützlichkeitsprinzip und die Wohlthaten der Bildung; alles, was ich schon in den Zeitungen gelesen habe, muß ich wiederkäuen. Der Anblick seines Patriarchenkopfes, der einer aus Seife gefertigten Büste gleicht, bringt mich durch seinen Ausdruck von unausstehlichster Dummheit so außer Fassung, daß, wenn mir mein Schwiegervater von den Eingriffen des Klerus spricht, ich die größte Lust verspüre, mich einer Wallfahrt nach Lourdes anzuschließen, und daß, wenn er die gerechten Errungenschaften des Bürgertums, der Aristokraten der Arbeit, wie er sie nennt, preist, ich mich versucht fühle, mir eine rote Schärpe umzugürten und mich an die Spitze einer Bande Petroleure zu stellen. Selbst sehr engherzig und hart in Geschäftssachen, verlangt er die Lösung der sozialen Frage; erklärt Wohlthaten als für den armen Mann entwürdigend und verweigert Bettlern das Almosen unter dem Vorwand, daß sie allerlei Gebrechen künstlich nachahmen, und daß er einmal von einem zerlumpten Weibe angehalten worden sei, die sich aus alten Lappen einen falschen Säugling angefertigt hatte.

Da ich im Anfang meiner Ehe die Unklugheit begangen habe, mich diesem schrecklichen Manne unterzuordnen, der alles billiger und besser zu bekommen behauptete, so bin ich jetzt von roten Samt- und Mahagonimöbeln umgeben, und die Uhr in unsrem Salon ist aus einem scheußlichen, käsefarbenen Stück Marmor. O, du meine niedliche Schwarzwälderuhr, die du mir so fröhlich die Stunden meiner Freiheit schlugst! Seit lange schon sind meine hübschen Stiche als unanständig in einen dunklen Korridor verbannt, und schaudervolle Nachtstücke, Geschenke meines Schwiegervaters, Jane Gray vor dem unheilvollen Block neben dem weinenden Henker, und Lord Strafford, der die Hände durch die eisernen Gitter seines Gefängnisses streckt, verdüstern in überladenen Rahmen die Wände meines Zimmers.

An dem letzten Geburtstage meiner Frau sah ich mich genötigt einzuschreiten, als Herr Dubu meine Wohnung mit einer entsetzlichen Scene aus der Inquisitionszeit bereichern wollte! ein Mönchstribunal mit Henkern in Kutten und ganz nackten Missethätern, die sich auf glühenden Kohlen winden. Mein Schlaf ist ohnehin schon nicht der beste. Wenn ich etwas schwer Verdauliches bei Tisch gegessen habe, verfolgen mich Jane Gray und Lord Strafford in meinen nächtlichen Phantasieen und ich träume, ich sei gezwungen, meiner Frau den Kopf abzuschlagen, oder daß ich vor einem Kellerloch kniee, durch das mir mein Schwiegervater die Hand zum Kusse reicht.

Er hat sich übrigens für die Zurückweisung des Inquisitionsbildes zu rächen gewußt, indem er in dem Schlafzimmer seiner Tochter, das heißt in unsrem ehelichen Gemache, in ansehnlichster Größe seine eigene, mit den Freimaurerabzeichen versehene Photographie aufhing.

*

Das ist mein Leben! Und warum? Weil mir das Blut in dem Augenblick zu Kopfe stieg, als Adelaide – meine Frau heißt Adelaide – als Adelaide das Tischtuch von den Brotkrumen säuberte. Und jeden Sonntag abend, nach dem Essen bei den Schwiegereltern, wenn das Dessert aufgetragen wird, und ich, auf den weißen Bart meines Schwiegervaters starrend, an die Unbequemlichkeit der Heimkehr durch die Regennacht, an die so schwer zu schleppenden Kinder und an das nimmer enden wollende Warten an den Omnibushaltestellen denke, fegt meine Frau, wie um in meinen Wunden zu wühlen, den Tisch ab und bildet sich dabei ein, liebliche Erinnerungen in mir wachzurufen, denn sie zeigt dann lächelnd auf die Krümelbürste, deren gebogene Form mich wehmütig an das letzte Viertel unsres so lange schon entschwundenen Honigmondes gemahnt.

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