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Das Stück Brot

François Coppée: Das Stück Brot - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFrançois Coppée
titleDas Stück Brot
booktitleMeistererzählungen fremder Dichter
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunZweite Auflage
editorJohannes Henningsen
year1911
translatorE. Wulkow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid3814c334
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Der junge Herzog von Hardimont befand sich in dem savoyischen Bade Aix, wo seine berühmte Stute Perichol den Brunnen trinken mußte gegen eine Erkältung, die sich das Tier bei dem letzten Derbyrennen zugezogen hatte. Der Herzog beendete eben sein Frühstück und las nach einem zerstreuten Blick in die Zeitung die Nachricht von der Niederlage bei Reichshofen.

In einem Zuge leerte er das Gläschen Chartreuse, warf die Serviette auf den Tisch, sandte seinem Kammerdiener den Bescheid die Koffer zu packen, setzte sich zwei Stunden später in den Pariser Schnellzug, lief, in der Hauptstadt angelangt, nach einem der Rekrutierungsbureaus und ließ sich in einem Infanterieregiment anwerben.

Mochte er auch vom neunzehnten bis zum fünfundzwanzigsten Jahre das Leben eines Schwerenöters geführt haben, mochte er immerhin geistig gesunken sein, jetzt kam doch die Gelegenheit, wo der Nachkomme des großen Geschlechtes nicht vergessen konnte, daß Enguerrand von Hardimont an der Pest in Tunis gestorben war, daß Jean von Hardimont die große Armee unter du Guesclin kommandiert hatte, daß François Henry von Hardimont in dem Gefecht bei Fontenoi gefallen war. Mochte der junge Herzog noch so verlebt, noch so blasiert sein, als er hörte, daß die Franzosen eine Schlacht auf französischem Boden verloren hatten, stieg ihm das Blut zu Kopfe und ihm war zu Mute, als hätte man ihn geohrfeigt.

So ereignete es sich, daß in den ersten Novembertagen 1870 Henri von Hardimont, Füsilier im dritten Bataillon des zweiten Freikorps und Mitglied des Jockeiklubs mit seiner Kompagnie vor den in aller Eile aufgeworfenen Schanzen von Hautes-Bruyères, die von den Geschützen des Forts Bicêtre gedeckt wurden, auf Feldwache war.

Der Ort trug ein düsteres Gepräge: eine schmutzige, mit tiefen Lachen durchzogene und mit besenstielartigen Bäumen bepflanzte Landstraße durchschnitt die zertretenen Felder der Umgebung, und am Ende dieser Straße lag ein verlassenes Wirtshaus, in dem die Soldaten ihr Lager aufgeschlagen hatten, ein Wirtshaus mit einem Laubengärtchen. Wenige Tage zuvor war hier ein Gefecht gewesen. Die Mitrailleusen hatten einige der jungen Bäume der Straße in der Mitte abgeschossen, und alle waren von den Kugeln mit weißen Narben übersät. Das Haus selbst bot einen schauerlichen Anblick. Eine Granate hatte das Dach gesprengt, und die gelblichen Mauern schienen mit Blut bestrichen. Die zerstörten Lauben unter ihrem geschwärzten, armseligen Rankwerke, das umgeworfene Kegelspiel, die im Winde an ihren feuchten Seilen knarrende Schaukel und die durch Pulver halb verwischte, einen toten Hasen umgebende Inschrift: »Gesellschaftszimmer – Absinth, Wermut, Wein, das Liter sechzig Centimes« – unter die zwei mit einem Bande übers Kreuz gehaltene Billardstöcke gemalt waren; all dies erinnerte mit grausamer Ironie an die Sonntagsfreuden des Volkes. Und über dem ganzen wölbte sich ein öder Winterhimmel, dessen herabhängendes, schweres, bleigraues Gewölke sich wie in wildem Hasse jagte.

Unter der Türe dieses Wirtshauses stand, fast unbeweglich, der junge Herzog, sein Chassepot umgehängt, das Käppi tief in die Augen gedrückt, die erstarrten Hände in den Taschen seiner roten Hosen und zitterte vor Kälte unter seinem Schafpelz. Er war in dumpfes Brüten versunken, und mit von bitterem Schmerz umflortem Blick starrte er nach den Hügeln hin, die im Nebel verschwammen, und von denen aus in kurzen Zwischenpausen mit einem Knall der Rauch Kruppscher Kanonen emporstieg.

Plötzlich empfand er Hunger.

Er ließ sich auf einem Knie zur Erde nieder und zog aus dem neben ihm an der Mauer lehnenden Tornister ein großes Stück Kommißbrot. Da er sein Messer verloren hatte, biß er ohne weiteres hinein und begann zu essen.

Doch schon nach den ersten Bissen hatte er genug; das Brot war hart und bitter. Und frisches gab es erst bei der Verteilung des kommenden Tages, das heißt auch nur, wenn es der Militärintendantur so beliebte. Soldat sein, war manchmal nicht leicht; was Wunder, daß er sich jetzt gar oft auf der Erinnerung dessen ertappte, was er früher ein einfaches hygienisches Mahl genannt hatte, das er am Vormittage nach einem Abend mit allzu reichlichem Souper einzunehmen liebte. Dann pflegte er sich an eines der am Boulevard gelegenen großen Fenster des Café Anglais zu setzen und ließ sich – du lieber Gott! eine ganze Kleinigkeit: ein Kotelette und Rührei mit Spargelköpfen servieren. Der Kellner, welcher des jungen Mannes Gewohnheiten schon kannte, entkorkte unaufgefordert mit größter Vorsicht eine feine Flasche Léoville und stellte sie, sorgsam in ein Körbchen gebettet, vor das Gedeck des Speisenden. Donnerwetter! Schön war's immer gewesen, und niemals würde er sich an diese Nahrung des Elends gewöhnen!

Und in einer Aufwallung von Ungeduld warf der junge Herzog den Rest seines Brotes in den Schmutz.

*

Im selben Moment trat ein Infanterist aus dem Wirtshause, bückte sich nach dem Brote, hob es auf, wischte mit dem Ärmel den Schmutz davon ab und biß gierig hinein.

Henri von Hardimont schämte sich schon seiner Handlungsweise und betrachtete den armen Teufel, der einen so guten Appetit aufwies, mit mitleidsvollen Blicken. Der Betreffende, ein hochaufgeschossener Bursche mit fieberglänzenden Augen und einem im Spital gewachsenen verwilderten Barte war von solcher Magerkeit, daß seine Schulterblätter sich scharf unter dem abgetragenen Soldatenmantel abzeichneten.

»Du bist wohl sehr hungrig, Kamerad?« fragte der Herzog, indem er auf den Soldaten zutrat.

»Wie du siehst,« erwiderte dieser, mit vollem Munde kauend.

»Entschuldige nur. Hätte ich geahnt, daß dir an dem Brot etwas liegt, so würde ich es nicht weggeworfen haben.«

»Mein Gott, das schadet ja nichts!« meinte der Soldat. »Ich ekle mich nicht so leicht.«

»Immerhin, was ich getan habe, ist nicht schön gewesen, und ich mache mir Vorwürfe darüber. Ich will nicht, daß du eine schlechte Meinung von mir behältst – ich habe alten Kognak in meiner Feldflasche ... Weißt du was, den trinken wir zusammen.«

Der Soldat hatte zu essen aufgehört. Er und der Herzog nahmen je einen Schluck Schnaps, und die Bekanntschaft zwischen den beiden war hergestellt.

»Wie heißt du?« fragte der Infanterist.

»Hardimont,« antwortete der Herzog, seinen Titel verschweigend.

»Und du?«

»Jean-Victor ... Ich bin erst in die Kompagnie gesteckt worden ... War bisher im Lazarett. Ich bin bei Catillon verwundet worden ... O, ist man da gut versorgt, im Lazarett; man bekommt vorzügliche Pferdebouillon ... Aber ich hatte nur eine leichte Schramme; der Stabsarzt stellte mir den Entlassungsschein aus und jetzt geht das Hungern wieder los ... Du magst es mir glauben oder nicht, so wie du mich hier siehst, so habe ich all mein Lebtag gehungert.«

Es war ein furchtbares Wort, welches der Arme da aussprach, einem Lebemann gegenüber, der sich kurz zuvor noch auf sehnsüchtigen Erinnerungen an die Küche des Café Anglais ertappt hatte. Der Herzog von Hardimont schaute mit fast entsetztem, staunendem Blicke zu dem Soldaten auf. Ein schmerzliches Lächeln zog über den Mund Jean-Victors und zeigte seine langen Zähne, die Zähne eines Ausgehungerten, die so weiß abstachen von dem erdfahlen Gesicht, und als ob er gefühlt hätte, daß eine Mitteilung willkommen sei, begann er: »Lassen Sie uns ein wenig auf und ab gehen, damit wir uns die Füße etwas erwärmen.« Er duzte den Kameraden nicht mehr, da er zweifellos in ihm den Reichen und vom Glück Begünstigten erriet. »Ich werde Ihnen Dinge erzählen, von denen Sie gewiß noch nie gehört haben. Ich heiße Jean-Victor, ganz kurz Jean-Victor; denn ich bin ein Findelkind, und die einzig schöne Erinnerung, welche ich habe, ist die an meine erste Jugend im Armenhaus. Die Wäsche unsrer kleinen Betten war rein und weiß; wir durften in einem Garten spielen, unter großen Bäumen; ich war der Liebling der barmherzigen Schwester, eines jungen, blassen Dings, das an der Schwindsucht dahinsiechte. Einen Spaziergang mit ihr zog ich allen Kinderspielen vor; denn sie streichelte mich mit ihrer mageren, heißen Hand ... Von meinem zwölften Jahre an aber, nach der Konfirmation, weiß ich nur noch von Elend. Die Waisenhausverwaltung gab mich zu einem Stuhlflechter in die Lehre. Das ist kein Handwerk, wissen Sie, das seinen Mann ernährt, deshalb konnte der Meister als Lehrlinge auch nur die armen Jungen aus dem Findelhause brauchen. Da hab ich zum erstenmal Hunger gelitten. Der Meister und die Meisterin – zwei alte Limousiner, welche später ermordet wurden – waren von erschrecklichem Geize. Das Brot, von dem sie bei jeder Mahlzeit ein kleines Stückchen vorschnitten, blieb den ganzen Tag über eingeschlossen. Und beim Abendessen, da hätten Sie mal die Meisterin sehen sollen in ihrer schwarzen Haube, wie sie uns die Suppe ausschöpfte und bei jedem Löffel voll einen Seufzer ausstieß. Die beiden andern Lehrlinge waren nicht besser dran, als ich; aber sie beachteten die vorwurfsvollen Blicke nicht, mit denen mich das böse, alte Weib maß, wenn sie mir den Teller hinreichte. Das Hauptunglück war eben damals schon, daß ich an einem besonders guten Appetit litt. Kann ich was dafür? ... So habe ich meine dreijährige Lehrzeit in unausgesetztem Heißhunger verbracht. Drei Jahre! Das Handwerk lernt man in einem Monat, die Waisenhausverwaltung kann ja nicht alles wissen und hat keine Ahnung davon, wie man die Kinder ausnützt ... Sie waren erstaunt, als Sie mich Brot aus dem Schmutze auflesen sahen. Du lieber Gott! Daran bin ich gewöhnt; wieviel Krusten habe ich nicht aus dem Kehricht zusammengesucht, und wenn sie zu hart waren, weichte ich sie über Nacht in meiner Waschschüssel. Halbangenagte Stücke Brot von Schulkindern, die den Rest ihres Frühstücks wegwarfen, wenn sie die Schule verließen, gehörten auch zu meiner Nahrung. Wenn ich Ausgänge für den Meister zu machen hatte, suchte ich stets an einer Schule vorüberzukommen. Dann, nach der Lehrzeit, kam das Handwerk selber, das, wie ich Ihnen ja schon sagte, wenig einträglich ist. Ich habe noch alles mögliche andre daneben getrieben; keine Arbeit ist mir zuviel. Maurern habe ich Handlangerdienste geleistet; ich war Ausläufer, Stiefelputzer, was nicht alles! Das eine Mal jedoch fand ich keine Arbeit, das andre Mal verlor ich eine Stelle; kurz, satt gegessen habe ich mich nie! Wie hat es mich zuweilen gepackt, wenn ich an einem Bäckerladen vorüberging! Zum Glück erinnerte ich mich in solchen Momenten stets an unsre liebe barmherzige Schwester im Findelhaus, die mir so oft eingeprägt hatte, ein ehrlicher Mensch zu bleiben. Dann war mir, als fühlte ich ihre feuchte, kleine Hand auf meiner Stirn. Mit achtzehn Jahren kam ich zum Militär. Der Soldat, das wissen Sie so gut wie ich, hat knapp genug, und jetzt, beinahe ist's zum Lachen, Belagerung und Hungersnot! Sie sehen, daß ich nicht gelogen habe, wenn ich Ihnen sagte, daß ich immer, immer Hunger gelitten!«

*

Der junge Herzog hatte ein weiches Gemüt. Die trostlose Erzählung eines Menschen, den die Uniform zu einem ihm Gleichgestellten gemacht, erschütterte ihn aufs tiefste. Zum Glück für sein blasiertes Phlegma trocknete der Abendwind zwei Tränen, die ihm den Blick trübten.

»Jean-Victor,« sagte er, indem auch er in instinktivem Zartgefühl aufhörte, den Mann aus dem Findelhaus zu duzen, »wenn wir beide unversehrt aus diesem entsetzlichen Kriege hervorgehen, dann sehen wir uns wieder, und ich hoffe, Ihnen nützlich sein zu können. Da es aber augenblicklich hier keine Bäckerläden gibt, und da meine Brotration um das Doppelte zu viel für meinen spärlichen Appetit ist, so gilt es ein für allemal zwischen uns: wir teilen wie zwei gute Kameraden.«

Ein derber, herzlicher Händedruck war die Antwort.

Dann, da es spät wurde, und die beiden von Nachtwachen aufs äußerste erschöpft waren, gingen sie ins Haus hinein, wo etwa ein Dutzend Soldaten auf Stroh gebettet lagen. Hardimont und Jean-Victor warfen sich nebeneinander aufs Stroh und fielen bald in tiefen Schlaf.

Gegen Mitternacht erwachte Jean-Victor, wahrscheinlich vor Hunger. Der Wind hatte die Wolken auseinandergetrieben, und ein Mondstrahl, der durch das durchlöcherte Dach fiel, beleuchtete hell den schönen blonden Kopf des jungen Herzogs. Noch tief gerührt von der Güte seines Kameraden, betrachtete ihn Jean-Victor mit naiver Bewunderung, als der Sergeant die Tür öffnete und die fünf Mann aufrief, welche die Vorposten ablösen sollten. Der Herzog gehörte dazu, aber er erwachte bei Aufrufung seines Namens nicht.

»Hardimont! Aufstehen!« wiederholte der Unteroffizier.

»Wenn Sie es erlauben wollten, Herr Sergeant,« sagte Jean-Victor, indem er sich erhob, »so würde ich für ihn aufziehen – er schläft so gut – und ist mein Kamerad.«

»Mir ist's gleich.«

Die fünf Mann verließen das Haus; die andern schliefen wieder ein.

Aber schon eine halbe Stunde darauf fielen ganz in der Nähe rasch aufeinderfolgende Schüsse.

In einer Sekunde waren die Soldaten auf den Beinen; sie verließen das Haus, tappten sich vorsichtig weiter, das schußfertige Gewehr in der Hand, und sahen die im Mondlicht weiß beleuchtete Landstraße entlang.

»Ja, wieviel Uhr ist es denn?« fragte der Herzog. »Ich sollte doch heute nacht auf Posten kommen.«

Jemand antwortete: »Jean-Victor ist für Sie gegangen.«

In diesem Moment erblickten sie einen Soldaten, der sich ihnen von der Straße her näherte.

»Was gibt's?« fragte man, als er atemlos bei ihnen angelangt war.

»Die Preußen greifen an ... wir müssen uns hinter die Schanzen zurückziehen.«

»Und unsre Kameraden?«

»Sie kommen ... nur der arme Jean-Victor ...«

»Was ist's mit dem?« rief der Herzog.

»Eine Kugel traf ihn mitten durch den Kopf. Er blieb auf der Stelle tot, ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben!«

*

Vergangenen Winter, gegen zwei Uhr morgens, kam der Herzog von Hardimont mit dem Grafen von Saulnes aus dem Klub; er hatte einige hundert Louisdors verloren und verspürte etwas Kopfweh.

»Wenn es Ihnen recht ist, André,« sagte er zu seinem Begleiter, »so gehen wir zu Fuß nach Hause, ich möchte noch etwas Luft schöpfen.«

»Wie es Ihnen beliebt,« erwiderte der Graf, »obgleich das Pflaster herzlich schlecht ist.«

Sie sandten ihre Coupés weg, schlugen ihre Mantelkragen in die Höhe und wandten sich der Madeleine zu. Plötzlich rollte ein kleiner Gegenstand vor ihnen her, den der Herzog mit der Spitze seines Schuhes berührt hatte. Es war eine dicke, über und über mit Schmutz bedeckte Brotkruste.

Da sah Graf Saulnes zu seiner höchsten Verwunderung, wie der Herzog das Stück Brot aufhob, es sorgfältig mit seinem wappengestickten Taschentuch reinigte und es auf eine Bank des Boulevards legte, so daß das Licht einer Gasflamme hell darauffiel.

»Was machen Sie denn nur?« fragte der Graf, in schallendes Gelächter ausbrechend. »Sind Sie verrückt geworden?«

»Das tue ich zum Andenken an einen armen Mann, der für mich in den Tod gegangen ist,« erwiderte der Herzog mit einer Stimme, die leicht zitterte ... »Lachen Sie nicht, mein Bester, Sie könnten es sonst mit mir verderben.«

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