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Das Sonntagsblatt

Joseph Schreyvogel: Das Sonntagsblatt - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleDas Sonntagsblatt
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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Die Schöpfung von Haydn

Das Sonntagsblatt – Nro. 66

Sonntag, den 3. April 1808

Die Freunde der Musik, welche in diesem Winter, durch die Concerte im Saal der Universität, um die Unterhaltung des gebildeten Publicums dieser Kaiserstadt sich ein ausgezeichnetes Verdienst erwarben, haben am vorigen Sonntage ihre letzte Versammlung durch ein Fest gefeyert, das einzig in seiner Art genannt werden kann. Es wurde Haydn's Meisterstück, die Schöpfung, ausgeführt, mit italienischem Text, wie es hier noch nie öffentlich gehört worden ist. Die Unternehmer hatten den achtzigjährigen Haydn zu dieser Aufführung eingeladen, und der ehrwürdige Greis, welcher seit zwey Jahren seine Wohnung nicht verlassen hatte, nahm die Einladung an, vielleicht nur, weil er nicht wußte, daß dabey eine öffentliche Huldigung seiner Verdienste Statt finden sollte. – Um die Mittagsstunde war die Gesellschaft versammelt; sie hatte sich zahlreicher und glänzender als jemahls eingefunden. Wer in Wien Anspruch auf Geschmack macht, und Achtung für die Kunst empfindet, suchte gegenwärtig zu seyn. In der Mitte des Saales sah man eine dreyfache Reihe Stühle für unsere ersten Musiker bestimmt, unter denen sich die Herren Salieri, van Bethoven, Hummel (einer der vorzüglichsten Schüler Haydn's), Gyrowetz und Guiliani, der treffliche Meister der Guitare, befanden. Auch einige Dichter, v. Birkenstock, Collin, Carpani, bemerkte man in den Reihen. In der Mitte dieser Umgebung stand ein Armstuhl für Haydn. Als das Zeichen seiner Ankunft gegeben wurde, gerieth, wie durch einen electrischen Schlag, die ganze Gesellschaft in eine freudige Unruhe. Aller Augen waren auf die Thüre gerichtet, die Entferntesten stiegen auf die Stühle, um den Eintritt beobachten zu können. Die edle Fürstin Esterhazy ging selbst, an der Spitze mehrerer Virtuosen, Damen und Herren, dem Greise bis an die Treppe entgegen. Der achtzigjährige Künstler wurde auf einem Armsessel in den Saal getragen. Seine erhabene Fürstin begleitete ihn auf der einen, Salieri auf der andern Seite. Der Schall der Pauken und Trompeten, und ein allgemeines Vivat erhöhten den Eindruck dieser Scene.

Als Haydn sich niedergesetzt hatte, wurden ihm die Gedichte überreicht, die zur Feyer des Tages waren verfaßt worden, und mehrere der angesehnsten Bewohner dieser Stadt umringten seinen Stuhl, um dem großen Künstler ihre Achtung für sein Genie und ihre Teilnahme an seinem um die Kunst so hochverdienten Leben zu bezeugen; der Enthusiasmus eines unserer Großen ging so weit, daß er dem alten Meister der Kunst, worin er selbst Virtuose ist, die Hand küßte. Der Botschafter einer fremden Nation, die sich, wie durch alles Große, auch durch die Achtung, welche sie dem Talente beweist, auszeichnet, trat zu Haydn, und sagte ihm einige verbindliche Worte. Mehrere vornehme Russen, von den ersten fürstlichen Familien ihres Reiches, nahmen an der Ausführung der Musik selbst Theil. Der Obersthofmeister unseres Monarchen, Fürst von Trautmansdorf, und der liberale Beförderer der Musik, Fürst von Lobkowitz, wetteiferten, in der Aufmerksamkeit für den ehrwürdigen Greis. Einige Damen legten ihre Shawls um seine Füße, um ihn gegen die Luft zu schützen; andere bothen ihm Erfrischungen an. Alle diese herzlichen Beweise einer allgemeinen Liebe und Verehrung mußten tief auf sein Gemüth wirken. Er sprach einige abgebrochene Worte, ungefähr des Inhaltes: »Nie habe er diess empfunden! wenn er jetzt stürbe, so träte er als ein Glücklicher in die andere Welt!«

Die höhere Stimmung aller Anwesenden schien sich auch den Künstlern im Orchester mitzutheilen. Man glaubte die Schöpfung nie vollkommener gehört zu haben; und wirklich war die Musik, unter Salieri's und Kreutzers Leitung, und bey dem vortrefflichen Gesänge der Demoiselle Fischer und der Herren Radichi und Weinmüller, ein Muster der Ausführung. Haydn ward bis zu Thränen gerührt, und hob mehrere Mahle dankbar die Hände gegen den Himmel.

Da unter dem Wechsel der Freude und Rührung das Ende der ersten Abtheilung der Musik herannahte, erschienen die Träger wieder. Haydn winkte ihnen, sie möchten sich entfernen, weil er keine Störung verursachen wollte. Die Besorgniss jedoch, seine Kräfte möchten den allzu starken Eindrücken unterliegen, bewogen diejenigen, welche ihn zu nächst umgaben, ihn zu bitten, daß er sich entfernen möchte, um seine Gesundheit keiner Gefahr auszusetzen.

Und so wurde er nach Endigung der ersten Abtheilung wieder unter Trompetenschall und Vivatrufen hinausgetragen. Das Fräulein von Kurzbeck und die Freyin von Spielmann begleiteten ihn; beyde bekanntlich Meisterinnen auf dem Piano-forte, und die erstere Haydn's talentvollste Schülerin. – Er wendete an der Thür sich gegen die Zuschauer, und hob die Hände, sie segnend, empor. Jedermann fühlte sich innig bewegt. Die Huldigung, welche einem erhabenen Talente widerfährt, erweckt Empfindungen von so ernster und rührender Art, als sonst nur den Anblick der Tugend zu begleiten pflegen.

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