Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der Einsame

Lied des Einsamen

                Ein banger Träumer such ich das Glück.
Drum bin ich nirgends zuhaus.
Manchmal ein Sonnenschein, manchmal ein Blick
Aus fremden Augen – o schnelles Glück,
Wie schnelle löschst du aus.

Verlorene Liebe kehrt nie zurück.
Wie ist das Leben leer.
Ein banger Träumer such' ich das Glück;
Ach, Glück ist selten, und Liebe ist Glück,
Und Einsamkeit ist schwer.

Sehnsucht

        Wie eine leise Glocke klingt
Die Sehnsucht in mir an;
Weiß nicht, woher, wohin sie singt,
Weil ich nicht lauschen kann.

Es treibt das Leben mich wild um,
Dröhnt um mich mit Gebraus,
Und mählich wird die Glocke stumm,
Und leise klingt sie aus.

Sie ist nur für den Feiertag
Gemacht und viel zu fein,
Als daß ihr bebebanger Schlag
Dräng' in die Lärmluft ein.

Sie ist ein Ton von dorten her,
Wo alles Feier ist;
Ich wollte, daß ich dorten wär',
Wo man den Lärm vergißt.

Die Saite sprang – da war das Lied vorbei

      Schönes Kind, ich denk an dich,
Weil die Geigen klingen
Und im Herzen wunderlich
Stille Stimmen singen.

Schönes Kind, die Geige weiß,
Wie ich dich ersehne,
Darum klingt so schluchzend heiß
Ihre Kantilene.

Schönes Kind, mir bebt das Herz.
O, wie starrt das Leben.
Und die Liebe ist der Schmerz
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Abschied

                    Das Leben ist voll Gier und Streit,
– Hüte dich, kleines Vöglein! –
Viel große Schnäbel stehen weit
Und böse offen und heiß bereit,
Dich zu zerreißen.

Dein Herzchen schwillt, dein Kehlchen klingt,
– Hüte dich, kleines Vöglein! –
Der Geier kommt, der dich verschlingt;
Du, so beseelt und bunt beschwingt,
Zuckst in den Fängen.

Mir ist so bitterbang zumut,
– Hüte dich, kleines Vöglein! –
Ich weiß nun bald, wie Sterben tut,
Und laß mich tragen von der Flut,
Die alles fortschwemmt.

Sonntag

    Sonntagsfriede liegt
Heilig über der Stadt;
Ach, wie ist mein Herz
Seiner Wochen satt.

Quälen, Keuchen, Kampf
Um ein kärglich Brot, –
Ach, wann machst du frei,
Lebenssonntag, – Tod.

Unschuld

        Gib, schönes Kind, mir deine Hand
Und sieh mich an,
Den Reisenden aus Wehmutland
Und ärmsten Mann.

Schlag deine Augen nieder nicht;
Sie sind so hold;
Noch nicht voll Glut, doch voller Licht
Und Unschuldsgold.

Das hat so innig milden Schein,
O süßes Kind,
Daß alle Kümmernisse mein
Verflogen sind.

Letzte Bitte

    Laß mich noch einmal dir ins schwarze Auge sehn,
Laß mich noch einmal tief ins heiße Dunkel senken
Den trunkenen Blick, dann will ich weitergehn
Und dich vergessen . . . Nur in harter Zeit,
Wenn sich der Sehnsucht Augen rückwärts lenken,
Wenn meine Seele nach Vergangenem schreit,
Dann will ich jenes einen Blicks gedenken,
Des liebeheißen, gütereichen Blicks,
Der mir im Bann versagenden Geschicks
Das Herz zu einem schmerzentiefen Glück geweiht.

Im Blätterfallen

                Da nun die Blätter fallen,
O weh, wie fahl,
Fühl' ich, wie alt ich worden bin.
Das macht mir Qual.

Die Sonne scheint. Ach, Sonne,
Wie bist du kalt.
Einst war der Herbst mir auch ein Lied.
Jetzt bin ich alt.

Hans im Gehäuse

      Ach, daß mein Herz noch einmal beben könnte
In dieser ungestümen Seligkeit,
Daß ich das Glück noch einmal leben könnte
Der unbedachten Hingegebenheit.

Als ich mein Leben auf zwei Augen setzte,
In denen ich die Himmel leuchten sah,
Als ich Verstand wie einen Strohwisch schätzte,
Wie war ich Narr, wie war ich König da.

Heut weiß ich viel und bin so voll Verstande,
Daß Wahn und Glück mir gleich verboten sind;
Mein Leben rinnt kalt und bedacht im Sande,
Und meine Augen sind den Himmeln blind.

Ich gäbe viel um jene Torennächte,
Da in die Kissen ich geweint, gestöhnt;
Gebenedeit, wer es mir wiederbrächte,
Dies Tränenglück, das mein Verstand verhöhnt.

Da sitz ich nun und bastele Figuren,
Und mir heißt Glück, daß ich ein Meister bin;
Mein Meisterstück: Zwei gräßliche Lemuren
Verscharren eine blonde Königin.

Trinklied

      Ich sitz in einem grünen Busch
Und trinke Wein,
Ein Finkenpaar läßt sich's im Busch
Hier gütlich sein.

Ziepiept und schlägt die Flügel sein –
– Jetzt ist es still . . .
Ich sitz im Busch und trinke Wein,
Komm was da will!

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.