Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Pierrots Herzensfragmente

Pierrot prologisiert

        Hier, werte Fraun und Mädchen,
An einem rosa Fädchen
Ist alles aufgereiht
Mit himmelblauen Säumen,
Was mir von bunten Träumen
Herblieb aus alter Zeit.

Ihr könnt behaglich lesen,
Was ich ein Träumer gewesen
Und, ach, wie voll mein Herz;
Es schwoll, daß Gott erbarme,
Vor lauter Lust und Harme
Und schwebte himmelwärts
Als eine bunte Blase,
Gebläht von reiner Ekstase, –
Doch als es stand am höchsten,
Zerplatzte es vor Schmerz.

Und schaukelnd fiel hernieder,
Was von ihm übrig blieb,
Eine Handvoll schwärmender Lieder,
Die ich, ein Träumer, schrieb.

Er begleitet sie nach Hause

        Im Heidenlärm der Tanzmusik,
Im Tabaksqualme, schwer und dick,
Warf zu das Glück mir einen Blick,
Einen goldenen Blick aus zwei heißen Sonnen.
Du warst an meiner Seite.

Der laute Lärm verschwamm, verrann,
Nun huben erst ihr Leuchten an
Die Sonnen, da die Nacht begann,
Die himmlischen Sonnen deiner Braunaugen.
Du warst an meiner Seite.

Heil uns: die Nacht, die finstre Nacht.
Nun schnell uns auf den Weg gemacht!
Ich habe dich nach Haus gebracht
Durch dunkle Gassen mit hundert Küssen.
Warm nah du mir zur Seite.

Leis klirrend schlug dein Haustor zu.
Am Fenster Licht. Dann Nacht und Ruh.
Bald lagst in Schlaf und Träumen du,
Ich aber ging weiter durch nächtige Felder,
Die Liebe ging mir zur Seite.

Er hat Fäden an seinem Hute

    »Frauenhaar« trag' ich am Hute,
Wie Flachs so weich, wie Seide so fein,
Flirrfädelnd spinnt's im Sonnenschein,
Flott flattert's in den Wind hinein,
Ich trag' es mit fröhlichem Mute
Und denke dein,
Mein Seidenhaar,
Die meine Sonne, mein Sehnen war,
Mein Leben im bebenden Blute,
Du Weiche, du Feine, du Gute.

Er ruft sie

    Die Luft ist wie voll Geigen,
Von allen Blütenzweigen
Das weiße Wunder schneit;
Der Frühling tobt im Blute,
Zu allem Übermute
Ist jetzt die allerbeste Zeit.

Komm her und laß dich küssen!
Du wirst es dulden müssen,
Daß dich mein Arm umschlingt.
Es geht durch alles Leben
Ein Pochen und ein Beben:
Das rote Blut, es singt, es singt.

Er nimmt sie

        Ich nehme dich und küsse dich
Und lasse dich nicht von mir,
Ein blinder Bettler wäre ich,
Wär' nicht mein Herz bei dir.

Seele, Sinne, alles Meine,
Es ist deine
Jederstund;
Laß mich küssen, laß mich küssen
Deine Hände, deine Stirne,
Deine Augen und den Mund.

Er tröstet sie

    Wenn im Sommer der rote Mohn
Wieder glüht im gelben Korn,
Wenn des Finken süßer Ton
Wieder lockt im Hagedorn,
Wenn es wieder weit und breit
Feierklar und fruchtstill ist,
Dann erfüllt sich uns die Zeit,
Die mit vollen Maßen mißt,
Dann verebbt, was uns bedroht,
Dann verweht, was uns bedrückt,
Über dem Schlangenkopf der Not
Ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur! Es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
Werden wir in Rosen gehn,
Und die Sonne lacht uns Glück.

Er ermuntert sie

        Es geht ein Wind durchs weite Land,
Drängt Mund an Mund, weht Hand an Hand
Und ist als wie ein Singen.

Hat dich und mich zusammengeweht;
Und wenn er auch mal stille steht:
Wir beide wollen springen.

Er erinnert sie an etwas

    Laue Sommernacht; am Himmel
Stand kein Stern; im weiten Walde
Suchten wir uns tief im Dunkel,
Und wir fanden uns.

Fanden uns im weiten Walde
In der Nacht, der sternenlosen,
Hielten staunend uns im Arme
In der dunklen Nacht.

War nicht unser ganzes Leben
So ein Tappen, so ein Suchen?
Da: In seine Finsternisse,
Liebe, fiel dein Licht.

Er macht sich etwas vor

        Schwarze Blumen blühten mir im Traume,
Kronenschwere, die sich nicht bewegen,
Ob der Wind auch über ihnen wandert.
Ihre sommerlichen Düfte fliegen
Wie der Wärme Wellen auf zum Himmel,
Aber Winter war es um die Blumen.

Und es kam von ungefähr ein Mädchen,
Flora kam, die mit dem Blumenhorne,
Und sie nahm die Blumen an die Brüste.
Sieh: da wurden bunt die schwarzen Blumen,
Rot und gelb und blau, violenfarben,
Da sie starben an des Mädchens Brüsten.
Ich erkannte nicht des Traums Bedeuten.
Aber, als ich wach ward, sah ich leuchten
Brauner Augen zwei, in deren Scheine
Meine Selbstsucht starb und Liebe wurde.

Er macht sich noch etwas vor

        Heut sagte ich die ganze Nacht
Im Traum: Ich wollt, ich wäre tot.
Doch, als ich morgens aufgewacht,
Begrüßten mich zwei Lippen rot.
Frau Güte hat mich angelacht
Und flüsterte: Es hat nicht not,
Beiseite ist das Gift gebracht,
Da, nimm und iß des Lebens Brot!

Den ganzen Tag hab ich gelacht:
Herr Meister Tod, gut Nacht, gut Nacht!
Es ist nicht not! Es ist nicht not!

Und noch etwas

        Perlen glitten durch meine Hand –:
Das war das Wasser, das verschwand,
Gold kam über mich hergelaufen –:
Wolkenberge, Wolkenhaufen;
Nichts ist mehr in meiner Hand,
Und ich kann mir gar nichts kaufen,
Und mir blieb nur, was ich fand:
Ein Herz für mich, ein Glück für mich,
Zwei Augen, die leuchten: Ich liebe dich,
Und eine Wärme innerlich:
Du, du und ich . . .

Er hat einen Wunsch

              Daß deine Hand auf meiner Stirne liegt,
Wenn mich das Sterben in der Wiege wiegt,
Die leis hinüber ins Vergessen schaukelt,
Von schwarzen Schmetterlingen schwer umgaukelt.
Ein letzter Blick in deine braunen Sonnen:
Vorüber strömen alle unsre Wonnen
In einer bittersüßen Letztsekunde;
Ein letzter Kuß von deinem warmen Munde,
Ein letztes Wort von dir, so liebeweich:
Dann hab ich, eh ich tot, das Himmelreich,
Und tauche selig in den großen Frieden:
Der Erde Holdestes war mir beschieden.

Er tanzt mit ihr

          Ringelringelrosenkranz,
Ich tanz mit meiner Frau,
Wir tanzen um den Rosenbusch,
Klingklanggloribusch,
Ich dreh mich wie ein Pfau.

Zwar hab ich kein so schönes Rad,
Doch bin ich sehr verliebt
Und springe wie ein Firlefink,
Dieweil es gar kein lieber Ding
Als wie die Meine gibt.

Die Welt, die ist da draußen wo,
Mag auf dem Kopf sie stehn!
Sie intressiert uns gar nicht sehr,
Und wenn sie nicht vorhanden wär',
Würd's auch noch weiter gehn:

Ringelringelrosenkranz,
Ich tanz mit meiner Frau,
Wir tanzen um den Rosenbusch,
Klingklanggloribusch,
Ich dreh mich wie ein Pfau.

Er bringt ihr ein Ständchen

        Ich blase meine Flöte
Im Glanz der Morgenröte,
Der Garten liegt voll Tau.
Die Morgenwolken blühen
Am Himmel auf und glühen
Dir ihren Gruß ins weiße Bett,
Vielliebe, liebe Frau!

Hör aus der Morgenkühle,
Was ich im Herzen fühle,
Was meine Sehnsucht singt.
Du sollst noch nicht erwachen,
Dir soll im Traume lachen,
Was in der Morgenröte Glanz
Aus meiner Seele klingt.

Ich blase meine Flöte
Im Glanz der Morgenröte
Und bin voll Morgenrot.
Die Bäume und Blumen im Garten,
Ich und die Vögel warten,
Bescher dich uns, o Herrin, gib
Uns unser täglich Brot!

Er bildet sich etwas ein

        Wenn wir alt sein werden,
Wenn der Ruhe Dämmerung
Leis in immergleichem Atemzuge uns im Herzen haucht,
Wenn das Auge matt und milde blickt,
Kältre Farben sieht und flockigen Umriß,
Wenn der Hände Drücke,
Altersfaltenweich,
Immer abschiednehmender, zag sich fühlen,
Wenn das Hirn,
Vor Erkenntnis starr, immer kälter wird,
Und der Hoffnung warmer Taubenflügelschlag
Nicht mehr linde Glücksgedankenwellen schlägt,
Wenn an Rosen-Statt
Herbstzeitlose blaßt . . .:
Sonne, Sonne!
Du auch wirst mir dann verbleichen,
Die ich kindlich und anbetend liebe.
Eine Wärme nur,
Eine Liebe nur,
Nur einen Glauben dann
Werd' ich mir wahren:
Dich,
Du Traumvergangene,
Heilige.

Er schwärmt

        Wenn dieser Körper einst zerfallen ist,
Seele, du meine Seele,
Träumst du dir einen andern Leib?
Lebst du auf einem andern Stern?
Treibst du aus deinem Drange, der die Schönheit will,
Blumen, Bäume?

O meine Seele, wenn du nicht vergehst,
Dann bleib bei ihr, die mir das Leben lieber macht
Als alle Schönheit.

Umblühe sie,
Umhüte sie,
Laß alle Sterne, alle Seligkeit
Und bleibe bei ihr.

Und wenn auch sie dann, wachgeküßt vom Tod,
Sich selbst in ihrer tiefsten Reinheit lebt,
Dann geh in sie und gib dich selber hin,
Sei eins mit ihr.

Das ist die Seligkeit, die ich dir hoffe,
Meine Seele.

Er merkt etwas

      –: »Ich hab' dich lieb« . . .
Ich hör' das so.
Könnt' ich es glauben,
Wär' ich wohl froh.

–: »Ich hab' dich lieb« . . .
Welch holder Ton!
Wie Geig' und Flöte . . .
Ich hörte ihn schon.

–: »Ich hab' dich lieb« . . .
Sag's immer, Kind!
Ich weiß, daß Lügen
Geschenke sind.

Finis

          Ach, mein Schatz ist durchgegangen,
      Larida!
Erst wollt' ich ihn wiederfangen,
      Larida!
Doch dann hab ich mich besonnen:
      Larida!
Manch Verloren ist Gewonnen.
      Larida!

Zwar es war ein süßes Mädchen,
      Larida!
Und wir hatten manches Beetchen,
      Larida!
Nicht bloß Veilchen, Tulpen, Rosen,
      Larida!
Auch zwei Stämmchen Aprikosen.
      Larida!

Und wir wohnten ganz alleine,
      Larida!
Hatten Nachbarinnen keine,
      Larida!
Unser Nest war zungensicher,
      Larida!
Vor Gekeife und Gekicher.
      Larida!

Ach, nun sing ich all das Holde,
      Larida!
Was ich doch vergessen wollte.
      Larida!
Nein, das heißt nicht klug gesungen,
      Larida!
Denn der Hase ist entsprungen.
      Larida!

Treue war nicht seine Sache.
      Larida!
Drum ists besser, daß ich lache:
      Larida!
Wär's nicht gestern mir geschehen,
      Larida!
Müßt ichs morgen mich versehen.
      Larida!

Also, Herze, sei zufrieden,
      Larida!
Viele Hasen gibts hienieden,
      Larida!
Ist der eine dir entlaufen,
      Larida!
Kannst du einen andern kaufen.
      Larida!

Einen schönen, weichen, weißen,
      Larida!
Mucki-Nucki soll er heißen,
      Larida!
Ach, wie schlägt das Herz mir schnelle,
      Larida!
Springt er über meine Schwelle,
      Larida!

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.