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Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Abend und Nacht

Abend und Nacht

            Die Sonne schickt den goldenen Scheidegruß,
Des Lichtmeers letzten, leisen Wogenwurf
Der müden Welt. Ein Schattenschleier schwebt
Engmaschig über alles Leben her;
Aus seinen Falten schüttelt er den Schlaf,
Den Sorgenlöser, der Vergessen gibt.
Langsam versinkt in stummes Glück die Welt.
Die Vögel zirpen letztes Nestgeschwätz,
Vom fernen Hofe bellt ein lauter Hund,
Ein letzter Wind rauscht durch das hohe Gras.
Dann alles still . . . Den Atem hält die Welt.

Nun übergraut den Himmel dichter Flor,
Nun deckt sich alle Farbe müde zu,
Nun weichen alle Formen in die Nacht.

Und alles leer und schwarz, und alles hohl und kalt,
Und endlos alles Raum, und alles, alles Flucht,
In unermeßnes Nichts ein Schweben ohne Laut.
Der Tod stellt seinen schwarzen Spiegel auf,
Deß Bilder keines Lebenden Auge schaut.
Doch wenn dein letzter Atem dir entfloh,
Stellt eine dürre, kalte Hand dich leis
Vor seinen Plan. Und siehe: du erkennst
Zum erstenmale dich . . .
                                        Drum bebt dein Herz,
Wenn sich in schwarze Nacht dein Blick verliert.

Traum durch die Dämmerung

        Weite Wiesen im Dämmergrau;
Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:
Nun geh ich zu der schönsten Frau,
Weit über Wiesen im Dämmergrau,
Tief in den Busch von Jasmin.

Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
Mich zieht ein weiches, samtenes Band
Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
In ein blaues, mildes Licht.

Gegen Abend

        Nun hängt nur noch am Kirchturmknopf
Der letzte Sonnenschein;
Bald werden auch die Höhen
Ganz ohne Sonne sein.

Und Silberglanz dann überall;
Des Mondes blasses Licht
Umschüttet unsre Laube,
Umleuchtet dein Gesicht.

Der Mond, das Licht der Küsse,
Das alles zaubrisch macht:
Komm, Nacht, mit deinen Gnaden,
Du liebereiche Nacht!

Abendlied

        Die Nacht ist niedergangen,
Die schwarzen Schleier hangen
Nun über Busch und Haus.
Leis rauscht es in den Buchen,
Die letzten Winde suchen
Die vollsten Wipfel sich zum Neste aus.

Noch einmal leis ein Wehen,
Dann bleibt der Atem stehen
Der müden, müden Welt.
Nur noch ein zages Beben
Fühl durch die Nacht ich schweben,
Auf die der Friede seine Hände hält.

Abend

        Die grauen Geiersittiche der Nacht
Rauschen über den See.
In seinen erzenen Fängen hält der Riesenvogel
Die Leiche des Tages.
Eine Blutspur hinter ihm her
Wellt nach Westen.
Die schwarzen Augen des Waldes
Heben die Nadelwimpern
Und starren stumm
Dem Fluge des Räubers nach
Dem eine Schaar verdrossener Schatten folgt.
Vom Himmel herunter
In frostigen Winden
Haucht ein Gedanke:
Auf schwarzen Schwingen
Schwebt alles Leben
Schweigend
In das Tal des Todes.

Frühlingsabend

        Das junge Feld vor mir. Es wächst in ihm,
Die Säfte steigen stetig auf zum Halm,
Kein Wind bewegt die stille, grüne Kraft.

Der Wald dahinter. Starr der Wipfel Wuchs;
Es zeichnet sich ihr Zackenrand am Himmel,
Tiefdunkel, schwarzgrün vor gestähltem Blau.
Ein rosagelber Streifen, lang und schmal,
Ruht segnend drüber, eine Heilandshand.

Das ist der Friede. Fruchten lebt in ihm.
Ein einziger Vogel singt im tiefen Wald.

Banger Abend

        Nacht neigt sich auf die Gassen;
Ich fühl mich so verlassen,
Bin nirgendwo zu Haus.
Die Zimmer werden helle;
Mir winkt hier keine Schwelle,
Ich geh zum kleinen Flusse, der zwischen Wiesen fließt, hinaus.

Sein Fließen ist so leise;
Im weiten Wiesenkreise
Liegt graue Stummheit schwer.
Ich seh mein Leben fließen:
Flach zwischen fahlen Wiesen
Verrinnt es ohne Klingen müd in ein tiefes, graues Meer.

Die Nacht

                    Nun will es Abend werden;
Der rote Himmelsstrich,
Den Eros mit dem Pfeilgefieder
Gemalt zu haben schien, verblich.

Es überbräunt sich leis der Wald;
Die zarten Birkenstämmchen blinken
Nur graulich silbern noch; es ließ
Der Tag die goldene Krone sinken.

Schnell hebt die neidische Nacht sie auf;
Doch ihre kalten Hände eisen
Das Gold zu Silber; durch das Schwarz
Endlosen Raums hebt's an, zu gleißen.

Da rauscht sie feuchteschwer heran.

Von schwarzem Riesenschwangespann
Wird durch das Luftmeer sie getragen.
Sie lehnt in breitem Muschelwagen.

Erst hält sie, still, am Horizont,
Der purpurglüh sich ausgesonnt.
Dann breitet seinen Fittich weit
Der schwarze Schwan, schwimmflugbereit.
Und ihre Arme hebt die Nacht . . .

Das All ist dunkelüberdacht.

Nur noch das Schwanensittichwehn,
Das Brüsteaufundniedergehn
Der stummen Riesin hört die Welt,
Die müdebang den Atem hält.

Gebet

      Liebe Nacht! Auf Berg und Wiese
Ruhst du, stille Trösterin.
An dem Saume deines Mantels
Leg ich all mein Wünschen hin:

Liebe Nacht! An deinen Brüsten,
Mutter aller Frömmigkeit,
Ruhe meine Unrast, schlafe
All mein Sehnen und mein Leid.

Liebe Nacht! O wiege, wiege
Dieses Herzens Drängen ein!
Laß mich still wie du, gelassen,
Und umfassend laß mich sein!

Oft in der stillen Nacht

        Oft in der stillen Nacht,
Wenn zag der Atem geht
Und sichelblank der Mond
Am schwarzen Himmel steht,

Wenn alles ruhig ist
Und kein Begehren schreit,
Führt meine Seele mich
In Kindeslande weit.

Dann seh ich, wie ich schritt
Unfest mit Füßen klein,
Und seh' mein Kindesaug
Und seh die Hände mein,

Und höre meinen Mund,
Wie lauter klar er sprach,
Und senke meinen Kopf
Und denk mein Leben nach:

Bist du, bist du allweg
Gegangen also rein,
Wie du gegangen bist
Auf Kindes Füßen klein?

Hast du, hast du allweg
Gesprochen also klar,
Wie einsten deines Munds
Lautleise Stimme war?

Sahst du, sahst du allweg
So klar ins Angesicht
Der Sonne, wie dereinst
Der Kindesaugen Licht?

Ich blicke, Sichel, auf
Zu deiner weißen Pracht;
Tief, tief bin ich betrübt
Oft in der stillen Nacht.

Aus der Ferne in der Nacht

        Wenn im braunen Hafen
Alle Schiffe schlafen,
Wach' ich auf zu dir.
Stille in der Runde,
Heilig diese Stunde,
Denn sie bringt dich, atemhaltend, mir.

Stehst in Mondenhelle
Wartend an der Schwelle,
Und ich fühle dich;
Komm, daß ich dich halte,
Deine Seele walte
Über meinen Träumen mütterlich.

Lied in der Nacht

        Straßen hin und Straßen her
Wandr' ich in der Nacht;
Bin aus Träumen dumpf und schwer
Schluchzend aufgewacht.
Tränen,
Sehnen,
Lust und Schmerz, –
Ach, wohin treibt mich mein Herz?
Ach, wohin treibt mich mein Herz?

Steht ein Haus in Grün gebaut
Draußen vor der Stadt,
Wo der Fluß mit leisem Laut
Sein Geströme hat.
Blüten
Hüten
Dicht es ein:
Dort möcht ich zu Gaste sein,
Dort möcht ich zu Gaste sein.

Licht in der Nacht

        Ringsum dunkle Nacht
Hüllt in Schwarz mich ein.
Zage flimmert gelb
Ferneher ein Schein.

Ist als wie ein Trost,
Eine Stimme still,
Die dein Herz aufruft,
Das verzagen will.

Kleines, gelbes Licht,
Bist mir wie der Stern
Überm Hause einst
Jesuchrists des Herrn.

Und da löscht es aus.
Und die Nacht wird schwer.
Schlafe, Herz, du hörst
Keine Stimme mehr.

Alb

        So bebebange . . .
Die schwarze Nacht
Hat mit hohem Gewölbe die Welt überdacht.

Willst schlafen und träumen?
Es geht nicht an.
Dich knebelt und knechtet ein dumpfer Bann.

Lieg stille und lausche
Im schweigenden Raum,
Dich umschleiert kein Schlaf, dich tröstet kein Traum.

Gedulde und warte:
Es wird schon Licht,
Und es hebt sich das schwere, das schwarze Gewicht.

Nachtgang

        Wir gingen durch die dunkle, milde Nacht,
Dein Arm in meinem,
Dein Auge in meinem;
Der Mond goß silbernes Licht
Über dein Angesicht;
Wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt,
Und du erschienst mir wie eine Heilige: mild,
Mild und groß und seelenübervoll,
Gütig und rein wie die liebe Sonne.
Und in die Augen
Schwoll mir ein warmer Drang,
Wie Tränenahnung.
Fester faßt ich dich
Und küßte –
Küßte dich ganz leise, – meine Seele
Weinte.

An die Nacht

        Düfteschwüle, feuchteschwere,
Rauschende, raunende, sternenleere,
Schwarze, samtene Sommernacht!
Mein Herz lauscht an deines bange,
Nimm von mir, was mich so lange
Müde hat gemacht.

Sieh, ich flüchte mich in deine
Arme, siehe, Nacht, ich weine,
Und ich kenne mich nicht mehr.
Stille Mutter, heilige, große,
Sieh mein Haupt in deinem Schoße,
Banger Wehen schwer.

Nimm mich ein in deine Güte,
Hürde mich in dein Gehüte,
Das der Müden Hafen ist:
Küsse mild mich ins Vergehen,
Die du aller Lebenswehen
Linde Löserin bist.

Traumsommernacht

        Sommernacht, Traumsommernacht . . .
Die Brunnen rauschen leise,
Die Trauerweide wiegt sich sacht;
Nun steigt der Mond in voller Pracht
Empor zur Wolkenreise.

Traum und Frieden . . .
Was hienieden
Unruhvoll das Herz verstört,
Senkt sich in des Traumes Tiefen.
Und der Ruhe Geigentöne,
Die in Tages Lärme schwiegen,
In der heißen Helle schliefen,
Seelentiefe, seelenschöne,
Kommen nun heraufgestiegen,
Werden nun gehört.

Sommernacht, Traumsommernacht . . .
Ein Rauschen lieb und leise,
Die Seele wiegt sich süß und sacht
Nach ihrer Geigenweise:

Traum und Frieden . . .
Hingeschieden
Alles, was uns traurig macht.
Sterne glimmen,
Wolken schwimmen,
Und das Märchen ist erwacht.

Nachts an die Nachtigall

                  O du Nachtigall mit süßem Sang,
Liebesruferin in dunkler Nacht,
Kleine Brust, von Seligkeiten bang,
Seele, die in Sehnsucht schluchzend lacht,

Flöterin aus dunkeltiefem Grund,
Warum macht dein Lied das Herz mir schwer?
Ach, ich fühl's, noch immer ist es wund,
Dieses Herz, und duldet viel zu sehr.

Schlägt noch nicht im eigenen Genuß,
Liegt noch immer in der Sklaverei,
Daß es allem Leide fronden muß,
Bebend lauschen jedem Weheschrei.

Wär's wie du und fühlte nur die Lust
Und die Schönheit dieses Lebensdrangs,
Seiner Sehnsucht stürmisch nur bewußt
Und der Fülle eigenen Gesangs,

Wär's wie du, o süße Nachtigall,
Glücklich wär dies Herz, und all sein Schlag
Wäre wie Gebet und Glockenschall
Zu der Sonne und dem lichten Tag.

Mythologie

            Schwand der Frühlingstag, der frische Tummeljunge,
Floh zum grauen Meer hin über die blauen Berge;
Hei, wie flatterten ihm die grünen Raschelkränze
Hell im Haar, wie wehten die lichten Locken!
Schau, da schwindet der Saum, der rote, gewirkt mit Golde,
Den seine kräftige Hand hob im brausenden Lauf.

Kommt die milde Magd, der bleiche Frühlingsabend,
Kommt mit leisen Schritten über die Maienwiese,
Hat das Köpfchen weich links überschulter geneigt.
Aschblond ist ihr Haar, wie überstäubt von Flocken
Junger Frühlingsblüten, es fließt ihr über den Rücken
Bis zur Beuge des Knies, schmiegeweich wellt es hinab.

Ihre Augen suchen, ihre grauen Augen,
Die so furchtsam blicken wie der Rehkuh Lichter,
Auf der Maienwiese die Spur des flüchtigen Tages.

Suchen, suchen, suchen, die milden, grauen Augen,
Aber Dunkel webt, wohin die Arme schreitet,
Längst verschwand der golddurchwirkte, sonnenrote
Saum des Frühlingstags am überflorten Himmel.

Und es blinkt der erste blasse Stern am Himmel,
Blinzelt mitleidgütig auf die Suchebange.
Immer dunkler wird's, es kommen tausend Sterne.

Alles still. Kein Wind. Kein Atemwehen.
Alles tot. Die Sterne blicken kalt.
Tief ins Dunkel getaucht der Nacht, der stummen Gebietrin,
Schwand die suchende Magd. Silbern erhebt sich der Mond.

Dunkle, schöne Nacht

        Nicht Mond noch Stern, die Nacht steht stumm
In schwerem Schwarze da.
Ein stilles Glück geht lautlos um,
Ist jedem Herzen nah.

In jedem Herzen süß und sacht
Die heilige Stille blüht:
Das ist die tiefe Weihenacht,
In der der Glaube glüht.

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