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Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Festliche Tage

Zum Neuen Jahr

                        Laßt uns, Freunde, ins neue Jahr
Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus,
In dem die Liebe und der Friede wohnt
Und Schönheit überall heimisch ist.

Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns,
Mit keinem Haß belastet und ohne Neid,
Heil, liebe Freunde, im starken Herzen, laßt uns
In dieses neue Haus einziehn, und lachend.

Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt,
Und jeder spürte, daß Niederträchtigkeit
Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat,
Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen,
Sondern auch vieles zerstören können, das
Mit Mühe und Kunst errichtet ward, – und, ach,
Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt,
Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo
Jeder, wie fest er gefügt sich dünke,
Locker und undicht ist im Baue.

Das aber, Freunde, fechte uns nicht an!
Wir wollen tapfer sein und, gilt's Gefecht,
Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja
Als Edle kämpfen und dem Troß voran
Als Wissende: Es ist die Kraft in uns,
Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt.
Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt
Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns
Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht
Mit Trübsal abziehn, sondern heiter
Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang
Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit.

Dies, liebe Freunde, ist, nach meinem Sinn,
Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag:
Verborgenheit und Ruhe in uns selbst.

Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der
( Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr),
Der nicht allein in dieses schöne Haus
Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht.
In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch,
Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert,
Voll aus, bis aus den Grund aus fühlen möge, welch ein Glück
Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint.

Neujahrs-Besuch

        Kleine Hände, kleiner Mund,
Große Augen, blau und rund,
Weiches, langes Ringelhaar,
Leise Stimme glockenklar –:
Also kam das neue Jahr
Heute zu mir in mein Haus.
Lieblich sah's und lustig aus.

Daß es bleibe, wie es ist,
Wünsche ich als Mensch und Christ.
Mög es nie mit Wutgebärden
Eine schrille Trulle werden,
Die mit Zank und Zorn regiert
Und das Schöne molestiert.

Leise bleib es, klar und lind,
Guter Gast und gutes Kind,
Bring' mir bald in grüner Schüssel
Hohe, gelbe Himmelsschlüssel,
Rosen, wenn der Sommer glüht,
Wein, wenn blaß die Aster blüht,
Und im Winter zünd es dann
Mir die Weihnachtskerzen an.

Wird es dann von hinnen müssen,
Werd ich ihm die Hände küssen,
Die mich so mit Glück begütet
Und in Schönheit eingehütet.

Willst du, Jahr? Die Kleine lacht,
Hat mir einen Knix gemacht,
Hat noch einmal still genickt,
Eine Kußhand mir geschickt,
Und dann ist sie fortgesprungen.

Springend hat sie dies gesungen:
      Zu Flöten und Geigen
      Hintanz ich im Reigen,
      Habe Blumen im Haar.
      O laßt euch bewegen,
      Ihr Trüben und Trägen,
      Im Tanze ist Segen,
      Die Freude macht klar.

      Auf, wagt es, zu springen!
      Es muß euch gelingen,
      Was fröhlich ihr schafft.
      Das grämliche Hocken
      Bringt alles ins Stocken.
      Frei wehn meine Locken,
      Die Freude macht Kraft.

Neujahrs-Choral

            Das ist des Weges Wende!
Nun hebt voll Dank die Hände:
Heil uns, wir stehn am Thor!
Dahinter ist es helle,
Es leuchtet auf der Schwelle
Das junge Licht hervor.

Was werden wir nun sehen,
Wenn sich die Flügel drehen?
Die immer gleiche Bahn.
Heil uns: das Ziel gewonnen!
Heil uns: aufs neu begonnen!
Der Gang hebt wieder an.

Es geht von Tor zu Toren,
Und kein Schritt ist verloren,
Geht nur die Liebe mit.
Wohl dem, den sie begleitet!
Glück ist, wohin er schreitet,
Und fröhlich jeder Schritt.

Und mag in Nacht und Tagen
Uns böses Schicksal schlagen,
Wir bleiben doch getrost:
Uns ist zu jeder Stunde,
Uns ist für jede Wunde
Ein Balsam zugelost.

Die Liebe läßt auf Erden
Nicht müd und irre werden
Und keinen einsam stehn.
Auf, Jahr, mit Lust und Schmerzen!
Wir wolln mit reinen Herzen
Durch deine Pforte gehn.

Osterpredigt in Reimen

        Verehrter Mitmensch, höre und vernimm
Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm:
Dieweil es nun Ostern geworden ist,
Sollst du, von welcher Art du bist,
Ob Heide, Jude, Moslem, Christ,
Durchaus vergnügt im Herzen sein,
Osterwürdig und osterrein.

Mit einem Birkenreise kehre
Aus deiner Seele den Geist der Schwere!
Der Wenns und Abers und Achs und Os,
Die hart und starr dein Herz umrindet,
Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet,
Mache dich hurtig und heiter los!

Du brauchst nichts weiter dazu zu tun,
Als dich im Grünen auszuruhn.
Da atmet sich's sehr wonnig ein,
Was dir das Herz macht frei und rein:
Der jungen Blumen frischer Hauch;
Und die Augen haben der Wonne auch,
Denn nichts ist lieblicher anzusehn,
Als wie sie da hold beisammenstehn,
Blau, weiß und rosa, klar und licht,
Der Erde süßestes Ostergedicht.

An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen,
Sollst du, o Mensch, dich keineswegs schämen!
Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei
Gedankenlos dem lieben Leben
Blumeninnig hingegeben;
Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben
Und sei in seliger Einfalt frei
Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert!

Er hat dich freilich hoch geführt
Und vieles dir zu wissen gegeben,
Aber das allertiefste Leben
Wird nicht gewußt, wird nur gespürt.

Der Blumen zarte Wurzeln fühlen
Im keimlebendigen, frühlingskühlen
Erdboden mehr von ihm als du.

Und bist doch auch ein Kind der Erde.
Daß sie nicht sinnenfremd dir werde,
Wende ihr heut die Sinne zu!

Das ist der festlich tiefe Sinn
Der Ostertage: Mit Entzücken
Sollst du zum Mutterschoß dich bücken.
Gib heut, o Mensch, dich innerst zu beglücken,
Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin!

Frommer Tanz

( Mai-Fest)
 

        Kinder, laßt uns fröhlich sein
Und aus diesen Wiesen springen!
Hier stehn Rosen, dort Syringen,
Und ein Waldhorn hör ich klingen,
Das soll unsre Flöte sein:
    Trio – lio – larum – lei,
    Walzer, Polka, Ringelreih;
    Mädel, darum ist es Mai,
    Daß wir wie die Böcklein springen.

Andre sagen, es sei dumm,
Dieses Tanzen und Sichdrehen;
Weise sei es, still zu stehen,
Sauer vor sich hin zu sehen –
Ach du dummes Publikum!
    Trio – lio – larum – lei,
    Wer von uns der Weise sei,
    Ist uns gänzlich einerlei,
    Wenn im Wind die Röcke wehen.

Himmel, deine Augen, Kind!
Wie sie leuchten, wie sie lachen!
Soll ich mir Gedanken machen,
Wo so allerliebste Sachen
Um mich her lebendig sind?!
    Trio – lio – larum – lei,
    Alle graue Grübelei
    Ist vergessen, ist vorbei;
    Gott im Himmel, sieh uns lachen!

Wie die Rosen lachen wir,
Rot vor Lust und lauter Leben;
Hör uns jauchzen, sieh uns schweben,
Deinen Segen mußt du geben,
Denn wir Frommen tanzen dir!
    Trio – lio – larum – lei,
    Das ist unsre Litanei:
    Walzer, Polka, Ringelreih
    Rund und bunt durchs ganze Leben.

Pfingsten

        Zwischen Tulpenflammen und Narzissen
Springen unter schweren Fliederbüschen
Kleine Mädchen losen Haars im Garten.
Lerne, Herz! Die kleinen Mädchen wissen
Mehr vom Glück, als du; mit ihrem Springen
Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten
Zwischen Tulpenflammen und Narzissen.

Denn der heilige Geist ist ausgegossen
In den glutenbunten Tulpenflammen,
Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder!
Jede Blume, glorienumflossen,
Ist, dem Haupt Mariens gleich, ein Abbild
Milder, tiefer, süßer Gottesliebe . . .
Denn der heilige Geist ist ausgegossen.

Andächtige Pfingsten

    Blauer Himmel und weiße Blüten,
Ein göttliches Begüten
Liegt über aller Welt;
Es ist ein himmlisch Hüten,
Das uns in Armen hält.

Weiß nicht, wohin mich's leite,
Weiß nicht, wohin ich schreite,
Mein Herz ist wohl bestellt:
Ich wandre in die Weite,
Wohin es Gott gefällt.

Der hat mit tausend Blüten
Mir meinen Weg erhellt.

Johannistag

        Breit hängt vom Himmel die Fahne der Freude,
Dunkelblau, unbewegt, sonnendurchprunkt;
Hurra, die Herzen hoch, hurra dem Heute,
Was auch das mürrische Morgen uns unkt.

Morgen der Tod, aber heute das Leben,
Leben und Liebe zu allem, das blüht;
Laßt uns die Herzen zur Sonne erheben,
Die wie ein Heilandsherz gütevoll glüht.

Schielt Tante Mors mit der silbernen Glatze
Heute zur Nacht wieder über die Welt,
Lachen wir ihr in die bleichkalte Fratze,
Denen das Herz Göttin Sonne erhellt.

Der Stern von Bethlehem

        Es stand ein Stern ob einem Dach,
Dem reisten Weise und Könige nach;
Und war kein Schloß und kein Palast
Dem seligen Sterne Lust und Rast:
War nur ein Hüttlein und ein Stall.

Und ging doch von ihm aus ein Schwall
Von Licht und allerhellstem Schein.
Denn in ihm lag ein Kindlein klein,
Des Herz war aller Liebe Samen,
Darum die Weisen und Könige kamen.

Die Weisen und Könige boten dar,
Was ihre Weisheit und Reichtum war;
Die Weisen und Könige knieten hin
Und fühlten des Lebens geheiligten Sinn;
Die Weisen und Könige hatten das Glück
Gesehn und gewonnen und reisten zurück.

Das ist vor grauer Zeit geschehn.
Kein Stern blieb seither stille stehn,
Und Weise und Könige sind zumeist
Anderen Sternen nachgereist.
Doch immer, wenn das rollende Jahr
Zum Tag kommt, da es geschehen war,
Daß zu Bethlehem der heilige Christ
Der wirren Welt geboren ist,
Entzünden wir kleiner Sterne Schein
Und kehren in uns selber ein,
Und fühlen, daß sehr weise gewesen
Die Wanderer aus Morgenland,
Die sich dem Sterne zugewandt,
Von dem wir in den Büchern lesen.

Weihnachtslied

            Maria lag in großer Not,
Mit Lumpen angetan,
In einem Stall zu Bethlehem
Und sah die Stunde nahn,
Da sie ein Kindlein haben sollt.
Der Himmel stand in lauter Gold;
Da hub ein Singen an:

»Süße Maria, sei getrost;
Das um dich ist kein Stall.
Blick um dich, allerholdste Frau,
Und sieh die Gäste all,
Die von weither gekommen sind,
Dich zu begrüßen und dein Kind
Mit Flöt und Geigenschall.«

Und wie Marie ihr Haupt erhob,
O Wunder, was sie sah:
Es knieten auf der schlechten Streu
Drei goldne Könige da,
Und, wie wenns ihr Gefolge wär,
Ein Heer von Engeln stand umher
Und sang Halleluja.

Es war ein Licht und war ein Glanz,
Wie sie es nie gesehn,
Und vor den Türn und Fenstern war
Ein Auf- und Niedergehn,
Als ging die ganze Welt vorbei;
Da hört sie einen leisen Schrei:
Da war das Glück geschehn.

Maria strahlte wie ein Stern
Und hob das Kind empor;
Das war so hold und engelschön,
Wie nie ein Kind zuvor.
Die Wände sanken, und die Welt,
Die weite Welt war rings erhellt,
Und alles sang im Chor:

»O seht die Blume, die da blüht,
Die Blume weiß und rot!
Der Kelch ist von der Lilie,
Ein Herz darinnen loht.
Nun ist die ganze Erde licht,
Wir fürchten Schmerz und Trauern nicht
Und fürchten nicht den Tod.

Die Blüte leuchtet uns den Tag,
Und es versank die Nacht,
Und aus der Blüte wird die Frucht,
Die alle fröhlich macht;
Die Frucht, die allen Nahrung gibt,
Der Mensch, der alle Menschen liebt:
Die Liebe ist erwacht.«

Der Chor verklang. Es sank der Stall
In braune Dunkelheit.
Maria gab dem Kind die Brust.
Still ward es weit und breit.
Da ward Marien im Herzen bang,
Sie küßt ihr liebes Kindlein lang,
Ihr tat ihr Kindlein leid.

Der armen Kindlein Weihnachtslied

        Hört, schöne Herr'n und Frauen,
    Die ihr im Lichte seid:
Wir kommen aus dem Grauen,
    Dem Lande Not und Leid;
Weh tun uns unsre Füße
    Und unsre Herzen weh,
Doch kam uns eine süße
    Botschaft aus Eis und Schnee:
Es ist ein Licht erglommen,
    Und uns auch gilt sein Schein.
Wir habens wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
    Und soll auch uns gekommen sein.

Drum gehn wir zu den Orten,
    Die hell erleuchtet sind,
Und klopfen an die Pforten:
    Ist hier das Christuskind?
Es hat wohl nicht gefunden
    Den Weg in unsre Nacht,
Drum haben wir mit wunden
    Füßen uns aufgemacht,
Daß wir ihm unsre frommen
    Herzen und Bitten weihn.
Wir haben's wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
    Und soll auch uns gekommen sein.

So laßt es uns erschauen,
    Die ihr im Lichte seid!
Wir kommen aus dem Grauen,
    Dem Lande Not und Leid;
Wir kommen mit wunden Füßen,
    Doch sind wir trostgemut:
Wenn wir das Christkind grüßen,
    Wird alles, alles gut.
Der Stern, der heut erglommen,
    Gibt Allen seinen Schein:
Das Christkind ist gekommen! –
Die ihr es aufgenommen,
    O, laßt auch uns zu Gaste sein!

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