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Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Mädchenlieder

Mädchenreigen

      Es ist ein Reihen geschlungen,
Ein Reihen auf dem grünen Plan,
Und ist ein Lied gesungen,
Das hebt mit Sehnen an,
Mit Sehnen, also süße,
Daß Weinen sich mit Lachen paart:
Hebt, hebt im Tanz die Füße
Auf lenzeliche Art.

Mädchenlied

        Auf einem jungen Rosenblatt
Mein Liebster mir geblasen hat
Wohl eine Melodei.
Es gab mir viele Dinge kund
Das Rosenblatt am roten Mund,
Und war kein Wort dabei.

Und als das Blatt zerblasen war,
Da gab ich meinen Mund ihm dar
Und küßt' an ihm mich satt.
Und viel mehr Dinge tat noch kund
Der rote Mund am roten Mund,
Selbst als das Rosenblatt.

Das Mädchen am Teiche singt

    Fische, Fische feine
Schwimmen in meinem Teiche;
Über dem Wasser im Sonnenscheine
Hängt eine grüne Weide.

Leise, leise, leise
Ründen sich Wellenkreise,
Wenn ein Fischlein sprang.
Bald ist mir lustig, bald ist mir bang.

Ein Ringlein lass ich sinken
Tief auf den Grund,
Tut aus der Tiefe blinken
Ringlein rot und rund.

Wie wenn ein Fischlein sprang,
Gehn von dem Ring die Kreise;
Ach Gott, wie ist mir bang.

Das Mädchen ohne Bräutigam

            Wenn ich Braut bin, wenn ich Braut bin,
Will ich haben kein weißes Kleid,
Kein weißes Kleid;
Aus schwarzer Seide, so soll es sein,
Aber viele, viele weiße Rosen drein,
Große, weiße Rosen gestickt.
So will ich gehen, so will ich gehen,
Ganz langsam, langsam an den Altar.
Aber rote Rosen, ganz dunkelrote Rosen
Im Haar.

Und mein Brauthemd? mein Brauthemd?
Wie soll das sein?
Vom allerfeinsten Linnen
Und schneeweiß soll es sein.
Bloß oben am Halse von Spitzen ein Rand,
Und unter den Spitzen ein blaßblaues Band.
So soll mein weißes Brauthemd sein.

Und dein Bräutigam, Mädel, wie soll der sein?

Schön und stark soll mein Bräutigam sein,
Nicht gar so baumlang, aber auch nicht klein,
Und nicht schniegelbügelglatt;
Mit den Augen soll er lachen,
Wenn er im Arme mich hat.

Kennst du so einen?

Gott, bist du dumm! Ich kenne keinen.
Wenn ich einen kennte und hätt ihn lieb,
Mir keine Zeit zum Ausmalen blieb.
Nähm ihn, wie er wäre, ob groß oder klein;
Auch das Brautkleid sollte mir einerlei sein.
Würde nach seinem Auge mich kleiden
In schwarze oder weiße Seiden.
Weiß doch, daß mir alles steht.

So ist dir gar nicht ernst, was du sagst?

Nein bist du dumm, wie so ernst du fragst!
Bloß, daß die Zeit vorübergeht,
Bis er kommt, den ich und der mich mag,
Vermal ich bunt mir so den Tag.

Ach, dann, wenn er da ist, dann, ach, dann
Mal ich mir weder Kleid noch Mann.
Dann tu ich . . . Was denn?
                                          Hasche mich, du!
Na, so komme doch, lauf doch, greif doch zu!
Gott, bist du langsam! Wenn ihr alle so seid,
Brauch ich niemals ein Hochzeitskleid.

Rosen

        Als ich im kurzen Röckchen ging,
Da wußt' ich gerne jedes Ding
Und ließ der Mutter keine Ruh:
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Schwer war es, Antwort sagen
Auf so viel schwere Fragen:
Du Mama, sag, Mama,
Wozu sind denn die Rosen da?
Sprach Mama:
Eisasa!
Rosen sind zum Brechen da.

Nun trag' ich schon ein langes Kleid
Und bin selbst fürchterlich gescheit
Und darf nicht jeden stellen: Du,
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Und hab' doch viel zu fragen.
Was würde sie wohl sagen,
Früg' ich: Du, sag, Mama:
Wozu sind denn wir Mädchen da?
Spräch' Mama:
Eisasa!
Mädchen sind zum Küssen da.

Lied des Schiffermädels

        Auf der fernen See ein Segel steht,
Mein Schatz ist auf der See;
Der Wind mir an die Beine weht,
Der Wind, der Wind von der See.

Blas ihn her zu mir, blas ihn schnell zu mir her,
Du Wind, du Wind auf der See;
Mein Herz ist so tief, so tief wie das Meer
Und so stark wie der Wind auf der See.

Die Kranke singt:

        Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank;
Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.
Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft,
Das von der Feder, die es trieb und hielt,
Gelöst ward. – Ach, sie pflegen mich so lieb.
Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei.
Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil,
Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind,
Wie meine Blumen, die im Garten sind.

Die schwarze Laute

    Aus dem Rosenstocke
Vom Grabe des Christ
Eine schwarze Laute
Gebauet ist;
Der wurden grüne Reben
Zu Saiten
Gegeben.
O wehe, du, wie selig sang,
So erossüß, so jesusbang,
Die schwarze Rosenlaute.

Ich hörte sie singen
In mailichter Nacht,
Da bin ich zur Liebe
In Schmerzen erwacht,
Da wurde meinem Leben
Die Sehnsucht
Gegeben.
O wehe du, wie selig sang,
So jesussüß, so erosbang,
Die schwarze Rosenlaute.

Brautlied

        Ein Vogel singt gottlobesam,
Ein Vogel tief in meiner Brust;
Der Vogel ist die Liebe,
Die Liebe.

Leis ist die Stimme, die er hat,
Und seine Weise ist ganz schlicht,
Doch fröhlich ist sein Singen,
Sein Singen.

Gottlobesames leises Lied,
Du fröhlich Lied in meiner Brust,
Du bist mir Trost und Glaube,
Und Glaube.

Die kleinen Mädchen tanzen und singen:

        Ich und du und du und du,
Zwei mal zwei ist viere,
Tragen Kränze auf dem Kopf,
Kränze aus Papiere;

Rechts herum und links herum,
Röck' und Zöpfe fliegen,
Wenn wir alle schwindlich sind,
Falln wir um und liegen,
Purzelpatsch, wir liegen da,
Patschelpurz, im Grase:
Wer die längste Nase hat,
Der fällt auf die Nase.

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