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Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Gemma

        Kein andrer Name soll auf diesen Blättern stehn:
Der deine nur, der holde Name meines Glücks,
Der mir das Sein so friedlich liebevoll beglänzt,
    Daß alle bösen Nebel hingeflossen sind
In eine Nacht, von der ich nichts mehr weiß,
                          als dies:
Ich träumte einmal wunderlich und sehr verwirrt.

Vor der Liebe

Die Sehnsucht singt:

                O du mein Stern und süßer Trost,
Du Schein von ferne, tiefer Klang
Aus Weite, wo das Glück mir wohnt, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!

O du mein Traum und mein Begehr,
Du meine holde Zuversicht,
Noch Name nicht und doch schon Glück, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!

O du mein Leben und mein Herz,
Du meine Sonne in der Nacht
Der allertiefsten Einsamkeit, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!

        Alte Lieder hört' ich heute:
Ave rosa sine spiris, –
Deine Stimme hört' ich, Mädchen,
Die ich niemals noch gehört.

Und ich hörte neue Lieder,
Hinter über jenen alten,
Meine Stimme, deine Stimme,
Die ich niemals noch gehört.

      Rüste dich, mein Herz, und bebe
Nicht so sehr: es wird geschehen,
Daß ich ihre Nähe fühle,
Und mein Auge wird sie sehen.

Wird sie sein, wie ich sie träume?
Wird mein Hoffen jäh vergehen?
Rüste dich, mein Herz, mit Stärke,
Denn mein Auge wird sie sehen.

        Alles das ist nur ein Träumen,
Und ich sollte nie erwachen:
Das wär' schön.

Denn der Tag hat kalte Farben,
Und die Wahrheit geht in Wolle,
Rauh und grau.

Wirklichkeit, die alte Vettel
Zückt schon ihre Klapperschere,
Und sie grinst:

Weg die bunten Seidenbänder,
Weg die langen Ringellocken,
Weg den Tand!

Und ein kurzer Krampf im Herzen,
Und das alte böse Lachen:
Siehst du wohl?

        Meine armen Veilchen sind erfroren,
Liegen nun im Schnee vorm Fenster draußen,
Naß und duftlos. Meine holde Hoffnung
Ist gestorben.

Einsam weiter durch das leere Leben!
Mit erfrornen Herzen einsam weiter!
Irgendwo in einem tiefen Walde
Sink ich nieder.

        Mitternacht. In weißen Kutten graben
Sich Trappisten ihre letzte Ruhstatt.
»Ave rosa sine spiris« singen
Ihre Herzen, aber ihre Lippen
Singen nicht.

»Sei gegrüßt, du rote dornenlose
Rose, reinste aller Rosen, große
Weltenrose, Jungfrau, sei gegrüßt!
Dornen haben, ach, uns wundgestochen,
Doch der Herzenswunde bittres Pochen
Hat dein Duften selig übersüßt!«

Lassen Schwunges schaufeln sie die Erde,
Bis sie Raum gewonnen ihren Leibern,
Und sie legen sich zum Sterben nieder,
Einmal noch die schmalen Lippen öffnend:
»Sei gegrüßt!«

Die Begegnung

Erstes Beben

        Im finstern Walde springt ein Reh
Scheu auf . . .
Ach, du mein holdes Kind,
In meiner Seele ist ein schreckhaft Weh,
Dem viele Jäger auf der Fährte sind.

Es war das Feld ganz still,
Da hob sich auf ein Wind;
Nun ist ein Wogelauf
In seinen Halmen jäh,
Die voller Beben sind.

O welch ein Sturm steht mir im Herzen auf.

Hoffnung

        Das will ich dir, mein Herz, gestehn,
Ich freue mich der Welt nicht sehr
Und würde gerne weiter gehn,
Wenn nicht ein Trost von Ferne wär'.

Das ist so: Eine Wiese steht,
Ganz öde, gras- und blumenleer,
Ganz arm und fahl, ganz abgemäht,
Doch kommt ein Duften zu ihr her,

Fern, fern, weit her. Es muß wohl wo
Ein blumenvoller Garten sein.
Die Augen schließ' ich gläubig, – so
Saug' ich den Duft des Gartens ein,

Des Gartens in der Ferne wo,
Des Gartens, den ich niemals sah,
Und mehr bin ich des Gartens froh,
Als aller dieser Dinge da,

Die nahe sind. O Garten du,
Sanftrosiger der Zuversicht,
In deinem Rauschen meine Ruh,
In deiner Schattennacht mein Licht.

Scherzo lamentoso

        Heut, mein Fräulein, in der Morgenstunde,
Als der Tag mit Amselschlag begunnte
Und mit vielem, ach, so vielem Sonnenschein,
Fiel mir dies und das: Wie Ihre Augenbrauen
Schön sind und wie hold Sie anzuschauen,
Und wie elend ich bin, fiel mir ein.

Und mir war, als wenn mich etwas stieße,
Und mir war, das beste wär', ich ließe
Mich vom Fenster fallen nieder auf den Stein
Vor der Türe. – In der Morgenstunde,
Als der Tag mit Amselschlag begunnte,
Fielen Sie mir, Fräulein, und das ein.

Der begossene Pudel

            Schön sind Sie, mein Fräulein, und ich könnte
Stundenlang in Ihre Augen schauen,
Drüber sich die schönsten Brauen bauen,
Wenn's das böse Schicksal mir vergönnte.

Aber ach, aus Amors Gnaden bin ich
Längst gefallen; seine holden Gaben
Gönnt er jungen, tanzbeflißnen Knaben,
Und im Winkel Trübsalsverse spinn' ich.

Ihre schönen Augen woll'n nicht sehen,
Wie ich Armer mich um Sie verzehre, –
Wenn ich jung noch und ein Schwätzer wäre,
Würde wohl die Sache besser gehen.

O, das ist betrüblich zu erfahren,
Daß man nicht mehr wie in jungen Tagen
Bloß sein Sprüchlein frech braucht herzusagen, –
Weh, die Liebe rechnet nach den Jahren.

Und so will ich denn zur Seite treten
Und mich herzhaft auf die Lippen beißen:
Klirre nicht, verworfnes altes Eisen!
Höre auf zu lieben, lerne beten!

Zwei Sonette

I.
Verzagt

        Soll ich wieder schwärmen, ich,
Der ich müd bin und verdrossen,
Schicksalslaugenübergossen,
Traurig, trüb und jämmerlich?

Soll ich? Nein, ich drücke mich.
Meine Schwärmer sind verschossen,
Und das Schicksal hat's beschlossen:
Keine Wonnen mehr für dich.

Aber deine Augen, Kind,
Sind bestimmt, das Glück zu schauen,
Das im schönsten Bogen geht:
Ruhe, Klarheit, Majestät,
Davon deine Augenbrauen
Allerschönstes Abbild sind.

Zwei Sonette

II.
Getrost

        Nein, mein Herz, so sollst du dich nicht plagen,
Sei getrost und sieh die Schöne an,
Wie sie kinderfröhlich lachen kann,
Und sie hat wohl auch ein Leid zu tragen.

Doch sie ist zu stolz und stark, zu klagen,
Nur ein Blick verkündet dann und wann,
Daß sie weiß, was Leid ist. Doch in Bann
Läßt sie sich von Kümmernis nicht schlagen.

Willst du, Herz, dich liebend zu ihr wenden,
Sollst du heiter sein, wie sie es ist,
Klar und lauter, stolz und stark.
Erhebe Dich ins Reine zu der Reinen: lebe,
Lebe auf, daß du ihr würdig bist,
Und es wird die Zeit des Jammers enden.

Das Lied vom bißchen Sonnenschein

    Es ist ein bißchen Sonnenschein
Auf meinen Weg gefallen,
Da hört' ich gleich des Glücks Schalmein
Aus allen Himmeln hallen
    Und glaubte gleich,
    Das Himmelreich,
    Das Himmelreich sei mein.

Der Sonnenschein ist weggeglänzt,
Er galt nicht meinem Wege,
Ich habe mich zu früh bekränzt,
Nun kreischt des Grames Säge:
    Der Winter naht,
    Der Potentat,
    Es hat sich ausgelenzt.

Trost im Winkel

      Laß es gehn, Herz, laß dich treiben,
Alles hat hier seine Bahn,
Wenig gilt hier: Mitgetan,
Alles gilt: Im Strome bleiben.

Ist es dir bestimmt, zu wohnen,
Wo die Schönheit Ruhe gibt,
Wirst du, wie du bist, geliebt, –
Liebe schenkt sich, ist kein Lohnen.

Laß es gehn, Herz, laß dich treiben,
Spare dir des Zweifels Qual,
Und du findest doch einmal
Einen Herd, beglückt zu bleiben.

Adoration

            Ich strecke meine Hände aus nach dir,
Wie Beterhände sich zum Antlitz strecken
Der gnadenreichen Mutter, die im Arm
Das liebevolle ernste Kind umfängt.

So, o Madonna, möcht' ich, daß mein Herz
Umfangen wär' von deinem Herzen; so,
So, o Madonna, möcht' ich, daß dein Blick
Der heitere mich überstrahlte. Sieh,
Madonna, sieh, wie ich voll Glaubens bin,
Versunken ganz in deine Güte, ganz,
Ganz fromm und selig, wie ein armes Herz,
Das schon gestorben war in Graus und Gram
Und zur Madonna seine Zuflucht nahm
Und stark in Liebe ward, neu lebend, frei,
Daß es vor Glücke zuckt und bebt und bangt
Und nichts mehr, nichts von dieser Welt verlangt,
Als daß es stets im Glanz Mariens sei.

Versprochen

Devotionale

          Schöne du, Erbarmerin,
Weil mir deine Augen lachen:
Nimm mein Lied in Gnaden hin, –
Schöne du, Erbarmerin.

Nimm mein Herz in deine Hand,
Wieg mein Leid in Trost und Träume
Schöne, himmelhergesandt,
Nimm mein Herz in deine Hand.

Alles wird dann ruhig sein,
Denn die Heimat ist gefunden,
Kehrt mein Herz in deinem ein, –
Alles wird dann ruhig sein.

Glück

        Ich bin so voll von Liebe,
Wie die Traube ist voll von Süße,
Mein Herz ist wie im Sommer
Der volle Apfelbaum.

Ich gehe stille Wege
Mit ruhigem Gemüte,
Der hohe blaue Himmel
Ist mir kein leerer Raum.

Ich bin mit allem Leben
Verwurzelt und verwachsen,
Die Sonne ist meine Mutter,
Gott ist mein schönster Traum.

Zuversicht

          Dich zu liebem das wird Ruhe sein,
Hand in Hand, getrost und ohne Bangen;
Kein Verzagen –: Glauben; kein Verlangen –:
Frucht und Friede, Freiheit und Verein.

Aber Lust wird in der Ruhe sein,
Sommerlust, ein Schauen und Genießen,
Jene Lust der windbewegten Wiesen,
Die voll Blumen sind und still gedeihn.

Verbunden

Du, mein Glück

        Meine Seele, eine Taube,
Lang verflogen und verirrt,
Regt nun zwischen lauter Blüten
Auf dem schönsten Frühlingsbaume
Ihre Flügel leis vor Glück.

Du mein Baum voll lauter Blüten!
Du mein Glück! Du meine Ruh!
Meiner Sehnsucht weiße Taube
Regt die Flügel, regt die Flügel
Dir im Schoße. Süße! Süße!
Welch ein Wunder: Ich und du!

Die Hauptsache

        Wir sind, wer weiß es von wem, auf die Welt,
Wer weiß es woher, wozu gestellt;
Es ist ein Gewirre.
Der eine geht seinen Weg gradaus,
Der andre findet nie nach Haus,
Jeder geht einmal irre.

Ich – weiß nicht viel
Von End' und Ziel,
Geh meine Straße wie im Spiel
Und denke frei:
Was es auch sei, –
Ich bin auf der Welt, und du bist dabei.

Liebe

              Es ist ein Glück, zu wissen, daß du bist,
Von dir zu träumen hohe Wonne ist,
Nach dir sich sehnen, macht zum Traum die Zeit,
Bei dir zu sein, ist ganze Seligkeit.

Beruhigung

        Alle meine Schmerzen
Sind in deinem Herzen,
Wie in einer Wiegen
Stille Kinder liegen,
Die im Traum in Himmelvaters Armen sind.
Und du selber, Gute,
Bist in meinem Blute,
Darum bin ich heiter wie ein stilles Kind.

Entzückung

            Hier mein Herz, Welt, hier mein ganzes Leben
Dich umfass' ich, Gott; was du gegeben,
Ström' ich wieder in Entzückung her.
Hat mein Herz der Leiden viel getragen,
Darf es wieder nun in Wonnen schlagen,
Und von Müdigkeit weiß es nichts mehr.

Nehmt es hin! Wie selig ist das Schenken!
Liebe ist mein Fühlen und mein Denken,
Und mein innerlichstes Glück ist Kraft.
Nehmet hin und freut euch! Seht, mein Leben
Will ich freudig an die Freude geben.
Süß ist diesem Frucht und voller Saft.

Liebeslied im Herbste

        Ach, mein Herz ist bange,
Bange nach meiner Geliebten.
Sehnsucht hält die Schatten-
Flügel über mir.

Wolken fliehn im Winde;
In vergilbenden Wipfeln
Stöhnt es; meine Seele
Singt und stöhnt nach ihr.

Du und unsre Liebe!
Du und dein Herz voller Güte! . . .
O mein Glück, mein Leben:
Einsam bin ich hier.

Doch ich will nicht klagen.
Über die grauen Weiten
Spannt sich ein Liebesbogen
Hoch von mir zu dir.

Was die Liebe bindet,
Trennen nicht Berg und Meere.
Schließe die Augen: siehe! –:
Sieh, ich bin bei dir.

Zwei Liebesbriefe

I
            Über die Ferne hin,
Täler hin, Berge hin,
Durch alle Tage und Nächte hin
Sing' ich zu dir, o Geliebte.

Hörst du mich?

Lausche dem Rauschen der Bäume im Regen,
Lausche dem Winde, der über die Halme
Mit dem zärtlichen Fittiche hinstreift,
Lausche dem hohlen Munde der Nacht;
Lausche in dich.

Lausche geschlossenen Auges, höre,
Höre dein Herz, das rauschende, höre,
Höre dein Blut: es trägt meine Stimme,
Trägt meine Liebe durch all dein Leben:
In dir, um dich
Tönt mein Rufen,
Tönt meine sehnsuchtsvolle Seele,
Die dich sucht.

Über die Ferne hin,
Berge hin, Täler hin,
Durch alle Tage und Nächte hin
Sing' ich zu dir, o Geliebte,
Singt meine Seele zu dir.

 

II
        Wenn mein Herz auch müde ist,
Müde von zu vielen Schmerzen,
Ist dies müdeste der Herzen
Doch zu dir in Glut entbrannt.

Ach, daß du mir ferne bist.

Doch mein Herz ist deiner Güte,
Wie dem Himmelslicht die Blüte,
Sonnenstrahlenzugewandt.

Und so wird durch deine Strahlen
Aller Schmerzen, aller Qualen
Bald mein Herz entladen sein,
Denn der Liebe Licht heilt schnelle.
Sende, spende deine Helle,
Du mein lieber Sonnenschein.

Fröhliche Stille

      Ich will nun willig warten,
Es kommt jetzt doch die Zeit,
Da blühn in meinem Garten
Die Blumen hold gereiht,

Und geht in ihrer Mitte
Die schönste Gärtnerin
Mit leisem Pflegeschritte,
Gelaßnem Schritte hin,
Und blüht im Licht der Sonnen
Ein neues Licht mich an,
Macht mich in leisen Wonnen
Zum fröhlich stillen Mann.

Das grüne Blatt

      Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt; – der grüne Schein
Soll meine Zuversicht
Und liebe Ruhe sein.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Wir leben so
Im leisen Auf und Ab
Und sind des Schwebens froh.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Mir ist so gut.
Komm an mein Herz, du Grün,
Das solche Wunder tut.

Ruhe

        Das Leben ist ein Glück.
Wie tut das Atmen gut.
Wie schlägt mein Herz getrost,
Wie ruhig rollt mein Blut.

In meinem Auge wohnt
Die Welt, ein Blumenstrauß.
Sie war wohl sehr verwirrt,
Nun ruht sie sicher aus.

Gute Stunde

      Gebt mir ein Blatt Papier.
Die Feder läuft geschwind.
Ich weiß, daß jetzt um mich
Huldreiche Geister sind.

Ihr Wort geht in mich ein,
Ihr Wort geht aus mir aus,
Drum schimmert mein Gedicht
Gleich einem Blumenstrauß.

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