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Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 170
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Der flötende Faun

        In Stahl gehüllt,
Auf weißem Roß,
Reitet ein Ritter
Durch dämmernden Wald.

Von der verscheidenden Sonne läuft
Goldig mattes Abschiedsleuchten
Zärtlich
Durch die ruhenden Blätter.

Sinnenversunken
Reitet der Ritter.
Klingende Klage,
Fragende Freude
Tönt ihm im Herzen:
Träume tragen
Auf Flötenwellen
Weit hinüber ins Land der Sehnsucht,
Weit ins Land der Erinnerung tragen
Träume den Ritter.

Sieh: da wird aus dem Traume des Ritters,
Sieh: da wird aus der sinkenden Sonne,
Sieh: da wird aus dem Schatten der Bäume
Ein Faun.

Horch: er bläst. Seinen ruhenden Hirschen
Bläst auf seinem schilfenen Rohre
Zärtlich süß der Traumgewordene
Leise Lieder.

Ach, das Menschenherz klagt,
Ach, die Sonne verglüht,
Ach, die Nacht wirft aus ihr schwarzes Netz.

Weh, was raschelt im Laub,
Weh, was schauert durchs Moos,
Weh, die Nacht umschlingt ein Menschenherz.

Ruhig reitet
Der träumende Ritter,
Klangbenommen in schwarze Nacht.

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