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Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Das Seidene Buch

Otto Julius Bierbaum: Das Seidene Buch - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1904
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Seidene Buch
pages3-10
created20060125
sendergerd.bouillon
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Bilder Träume und Betrachtungen

Die vier Lebensalter

                      Es lag ein Kind unter einem Baum
Und sah hinauf in den grünen Raum
Und lächelte dazu.
Sprach ich: Hör, du,
Was tust du so?
Sprach es: Ei, Mann, ich bin so froh,
Weil da die Vöglein singen
Von Zweig zu Zweige springen.
Ist das nicht lustig? Ach, könnt ich hinein
In die grüne Welt, doch ich bin noch zu klein;
Meine Arme umfassen den Stamm noch nicht;
Sonst wollte ich bald oben sein
Bei den Vögeln im grünen Licht.
*
Es stand ein Jüngling unter einem Baum,
Auf seiner Lippe der erste Flaum,
In seinen Augen die erste Liebe.
Er schnitt ein Herz in die Rinde ein,
Das sollte Denkmal und Rahmen sein,
Darein er ihren Namen schriebe.
Und lächelte dazu.
Sprach ich: Hör, du,
Was tust du so?
Sprach er: Mich macht die Liebe froh.
Das wachsende Leben soll umschließen
Den Namen, der mein Herz umschließt.
Des Lebens Säfte sollen ihn durchfließen,
Der wie ein Glücksschwall mich durchfließt.
Dies soll ein Sinnbild meiner Liebe sein:
Stark wie der Baum ist sie und also rein
Wie seine Säfte, die in tausend Blüten
In jedem Jahre neu sich offenbaren;
Von jungen Jahren bis zu alten Jahren
Will ich als Heiligtum sie selig hüten.
*
Es lag ein Mann unter einem Baum,
Verschrenkte die Arme wie im Traum
Unter dem Haupte und sah hinan,
Wo viele Vögel sangen;
Ruhig, ohne Verlangen sah in das Grüne der Mann
Und lächelte dazu.
Sprach ich: Hör, du,
Was tust du so?
Sprach er: Ich bin der Ruhe froh,
Und daß ich mich von einem Schmerz ermannte,
Den ich zuletzt doch als ein Glück erkannte.
Ich war zu lang
Im Überschwang,
Vertaumelte mein Leben
In eines Traumes Schweben
Und wurde so des Lebens bar,
Unfest, unklar,
Bis mir der Schmerz beschieden war,
Der mich zur Erde mächtig stieß
Und mich den Sinn der Erde,
Das ewige Sei und Werde
Dankbar erkennen ließ.
Ich weiß es nun:
Bewegtes Ruhn
Ist Glück und das Leben kein Traum.
Und will ich's vergessen,
Von Wünschen besessen,
Betracht ich den stehenden, wachsenden Baum.
*
Es lehnte ein Greis an einem Baum,
Der leuchtete im Blütenschaum
Wie ein köstlich Geschmeide;
Geschlossen die Augen beide,
Sah nichts der Greis
Von dem holden Gegleiß
Und lächelte doch dazu.
Sprach ich: Hör, du,
Was tust du so?
Sprach er: Ich bin der Dunkelheit froh,
Die mich umgibt.
Die blühende Helle hab ich einst geliebt,
Nun täte sie mir weh,
Da mir ein Licht ward innerlich;
Das ist so milde:
Ob ich im Dunkeln steh,
Sonne nicht, Blüten nicht seh,
Seh ich doch mich
Klarer als je
Und immer auf Gottes Gefilde.
Es ist eine Nacht, wo die Wurzeln sind,
Eine Nacht von Keimen umgeben,
Da wird zum tiefer sehenden Kind
Der blinde Greis; denn das Leben ist blind
Und der Tod ist das sehende Leben.

Das Lied von ferne

    Ich seh die Welt
Als wie ein Feld,
Das hoch im Halme steht.
Die Sichel singt,
Von ferne klingt
Ein Lied wie hergeweht.

Nun wird es leer,
Und rund umher
Garbe an Garbe steht.
Und immer doch,
Und immer noch
Ein Lied wie hergeweht.

Nun Herbst und kalt,
Und Winter bald,
Und alles überschneet,
Und doch, und doch,
Und immer noch
Ein Lied wie hergeweht.

O reiches Feld,
O reiche Welt,
Durch die mein Leben geht,
Als wie ein Hauch.
Mein Leben auch
Ein Lied wie hergeweht.

Tiefe Stunde

                    Die Sonne ist gegangen.
Ein letzter roter Schein
Liegt auf den höchsten Gipfeln,
Die glühen wie von Wein.
Die Luft ist voller Bangen.
Auf leicht bewegten Wipfeln
Schlafen die Vögel ein,
Die eben noch aus voller Kehle sangen.

Wie tief ist diese Stunde!
Aus unsichtbarem Munde
Trifft mich ein seltsam Wort:
Gegeben und genommen,
Gegangen und gekommen,
Wo ist dein Hier, dein Dort?
Ein Schweben in der Runde –
Dein Leben geht zu Grunde
Und lebt doch fort und fort.

Nun in den Wipfeln – Ruhe,
Auf allen Gipfeln – Dunkelheit.
Auf tut sich schwarz und weit
Die ungeheure Truhe:
Nacht und Vergessenheit.

Gott zeigt Adam das Paradies

                Führt der gütestille Herr der Welten,
Ewig jung in seinem blonden Barte,
Vor das Blüheland der jungen Erde
Adam hin, den nackten braunen Knaben.

Zeigt ihm all die moosblühbunten Steine,
All die schönen Vögel, stillen Tiere,
All die weiten saftiggrünen Wiesen,
Berg und Tal und Busch und Baum und Wasser.
Alles liegt in frischer, keuscher Reine
Unterm silbergrauen hohen Himmel.

Und er spricht mit leisen Deuteworten,
Wie der Vater spricht zum kleinen Kinde,
Und er legt den Vaterarm um Adam.
Ängstlich vor dem Reichtum steht der Knabe,
Halbgebeugt vor dieser schönen Erde.

Hielt ihn nicht der Gottesarm, der linde,
Sänk er nieder auf den Schoß der Keime.

Ahnung senkte ihm ins Herz der Vater.

Rosen, Goethe, Mozart

              Was will ich mehr? Auf meinem Tische stehn
In schönem Glase dunkelrote Rosen,
Der weiße Marmor-Goethe sieht mich an,
Und eben hört ich Mozarts Figaro.

Ich litt einst Schmerz? Ich war einst müd und krank?
Ich log mir Glück und dichtete ein Wunder
Von Weib, das nichts als gute Maske war? –:
Die Rosen glühen: Alles war ein Traum,
Der weiße Goethe leuchtet Heiterkeit,
Und in mir singt Susanne, Cherubin.

Wie aber: Hab ich denn nicht Kummers viel?
Verliebten Zweifel und des Schaffens Angst?–:
Die roten Rosen glühen: Sieh uns an,
Der weiße Goethe lächelt: Denk an mich,
Und Mozart singt mich süß und heiter ein.

Ich frevelte, wollt' ich nicht glücklich sein.

In der Provence

                    Hier ritten einst die tapfern Troubadours
Mit Schwert und Laute ihrer Liebe nach;
Hier glühte einst das Glück der großen Kunst,
Die wie die Sonne der Provence schien:
Ein goldnes Siegeszeichen, ein Juwel,
Der schönsten Tage schönster Schmuck. Es sprang
Das Lied gleich einem schönen Pagen froh
Den Frauen in den Schoß. Doch manchmal war's
Wie Mistralwind und fegte durch das Land
Und trieb die Wolken und zertrümmerte,
Was alt und morsch war. Sieg und Segen trug
Des Verses Flügel, der schön glänzende,
Durch diese Lüfte voller Blumenduft,
Und Liebe lächelte dem Liede zu.

In diesen Liedern war kein müder Ton,
Und auch die Traurigkeit war stolz und stark,
Denn adelig war noch die Kunst des Lieds,
Und wer zu schönen Frauen sich vermaß
Die Stimme zu erheben und das Herz,
Der wußte, was sich ziemt. So wußt er auch,
Daß nicht für alles Worte ziemlich sind
Und Schweigen eine edle Kunst der Herzen ist,
Die eher brechen, als schamlos den Gram
Der Schwäche zeigen. – Ach, wir reden viel
Von neuen Tönen und von neuer Kunst,
Und unsre Herzen sind so jämmerlich,
Daß uns die Knechte jener Troubadours
Verachten würden, sähen sie, wie wir
Schamlos entblößen, was so ekel ist:
Das Trübe, Dumpfe, Schwache, all die Qual
Des machtlos Ungebändigten, den Satz
Der Seele voller Krampf und Mißbegier.

*
Wir wollen fürder nicht so üppig sein
In großen Worten und Versprechungen
Von neuen Weisen einer neuen Kunst.
Wir wollen wieder schweigen lernen, und die Zucht,
Die Adelsmeisterin, angehn, daß sie
Wachsam und strenge bei uns sei, wenn wir
Uns unterfangen, klangvoll Wort an Wort
Zum Vers zu fügen. Ehrfurcht halte uns
Im schönen Maße, und die edle Scham,
Des Künstlers Tugend, walte über uns!

Stiller Gang

        Stille geh ich meinen Gang
Wiesen, Wälder, Felder lang
Was ich höre, was ich sehe,
Daß mir nichts vorüber wehe,
Fasse ich's in Verse ein,
Und die ganze Welt wird mein.

Sind wohl unscheinbare Dinge;
Mancher achtet sie geringe,
Und ein Nabob wird man nicht,
Fängt man solche Schmetterlinge.
Aber manches wird Gedicht.

Genug

        Ein Ritter ritt durch reifes Korn,
Den Zügel laß und ohne Sporn;

Es fraß der breite Gaul im Schritt,
Nahm manche gelbe Ähre mit.

Der Sommersonne heller Strahl
Lag funkelnd auf dem schwarzen Stahl

Des Rüstkleids, das der Ritter trug;
Im Schild stand ihm ein Wort: Genug.

Es lag die Lanze vor ihm quer,
Darauf die Eisenrechte schwer.

Als er an eine Quelle kam,
Den Helm er sich vom Haupte nahm,

Kniete nieder in den Kieselsand,
Schöpfte Wasser mit der Eisenhand

Und ließ es wieder fließen dann;
Liebreich sah er das Fließen an:

Mein Herz war heiß im Kampfgetos
Mich ließ die Liebe nimmer los;

Nun reite ich nach Haus im Schritt
Und bringe bloß ein Lächeln mit:

Genug.

Die Straßburger Münster-Engelchen

Gib dir weiter keine Mühe, mein Sohn, ohé,
Die kleinen törichten Engelchen
Am Münster
Zu Straßburg
Sind viel gescheiter als du.

Sie rennen nicht
Und reden nicht
Und sitzen auf keinen Stühlen nicht
Und schreiben nicht
Und dichten nicht
Und wissen von Haß und Liebe nicht –:
Stehn bloß so da, aus Stein gehaun,
Und tun den seligen Himmel anschaun
Und loben Gott in guter Ruh
Und machen ein lieb dumm Gesicht dazu
Mit ihren süßen Schnäbeln; – o,
Was sind die törichten Engelchen froh,
Aus Steine,
So kleine.

Gib dir weiter keine Mühe, mein Sohn, ohé,
Die kleinen törichten Engelchen
Am Münster
Zu Straßburg
Sind viel gescheiter als du.

Freundliche Vision

        Nicht im Schlafe hab ich das geträumt,
Hell am Tag sah ich's schön vor mir:
Eine Wiese voller Margueritten . . .
Tief ein weißes Haus in grünen Büschen . . .
Götterbilder leuchten aus dem Laube . . .
Und ich geh mit einer, die mich lieb hat,
Ruhigen Gemütes in die Kühle
Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.

Segenschwerer Traum

        Mein Acker wogt, mein Weizen blüht . . .
Die Sonne scheint mir ins Gemüt . . .
In Ballen flieht der Sorgen Qualm . . .
Gedichte sprießen Halm an Halm . . .
Es wellt der Hoffnung Wiesengrün . . .
Der Liebe Sphinxenaugen glühn . . .
Ein schmerzlich Glück, duftwolkenschwer,
Drängt dunkelsamtenblau sich her
Und droht mir schwülend ins Gemüt . . .
Mein Acker wogt, mein Weizen blüht . . .

Schwerer Traum

            Ich lag an einem Birkenstamm
Und sah durchs grüne Schleierlicht,
Wie eine weiße Wolke schwamm
Im hohen Blau. Und ein Gedicht

Ward in mir. Leise sang mich's ein;
Ich schlief und lebte einen Traum:
Mir war's, ich war ein Kind, und klein
Stand neben mir der Birkenbaum.

So schmächtig zart; ich griff ein Blatt
Und blies darauf, da führte mich
Ein Sturm in eine große Stadt
Voll Lärm und Stöhnen fürchterlich.

Ein glühend Ungeheuer stand
Auf weitem Markt, und Dampf und Rauch
Spie aus sein Mund, und seine Hand
Riß alles her und riß mich auch.

Fraß alles Leben in sich ein,
Und alles Leben drängte sich
Zu ihm mit jammergellem Schrei'n;
So starb mit allem Leben ich.

Das war, den ich geträumt, der Traum.
Die weiße Wolke war nicht mehr,
Und über meinem Birkenbaum
Kroch wolkengrau ein Wetter her.

Ein Traum

                   Kommt her und seht, was in der Nacht ich sah,
Kommt und erlebt, was mir im Traum geschah:

Ich stand an einem weiten, grauen See;
Feucht war die Luft und blaß des Himmels Blau,
Wie flüssig Blei das Wasser. Und ein Kahn
Lag unbewegt am Ufer, das ganz leer,
Wie eine Wüste war. Kein Busch, kein Baum,
Kein Schilf, kein Gras, nur knirschend grauer Sand.

Da, leise, ging aus mir ich selber fort.
Ich sah mich aus mir selber gehn. Leb wohl!
Rief ich mir zu, ich, der ich schauend stand,
Leb wohl, rief ich mir zu, ich, der ich ging.

Der Schreiter, ich, das war ein junger Mann,
Er wiegte in den Hüften sich und warf
Die Arme rüstig hin und her, sein Gang
Sprach: Leben! Leben! Doch der Bleibende,
Ich, der am Ufer stand, war matt und alt.
Und auf den Boden sank er, ich, und starb.

Nun war ich risch im Kahn und ruderte
Und schnitt die Wellen mit dem schwarzen Kiel
Und schoß durchs Grau des unbewegten Sees.
Voran! Voran! denn ich bin jung und stark,
Ich fühle meine Kraft, ich freue mich
Der Muskeln, wie sie mir gehorsam sind,
Wie alles fest mir in den Händen ruht,
Wie meiner Lungen Gleichmaß saugt und stößt,
Wie meine Blicke in die Weite gehn.

Doch nichts als Grau um mich und über mir.
Der Himmel auch hat sich in Grau getan,
Und grauer Hauch weht von mir in die Luft.

Da werd ich mählich matt und willenlos.
Die Ruder lass ich, lautlos sinken sie
Rechts, links ins Wasser, und ich lege mich,
Wie eine Leiche lege ich mich lang,
Als ob ein Sarg er wäre, in den Kahn.

Wer bin ich denn? Bin ich der Tote nun,
Der dorten in den Sand sank, bin ich nicht
Der junge Schreiter mehr?
                                          Es treibt der Kahn
Lautlos, doch schnell, ich fühl's. Ich wage nicht
Die Augen aufzutun. Ich bin wohl tot.

Da, durch die Lider rötet's mir: um Gott!
Ein zischender Eisenklumpen auf grauem Ambos, ruht
Die Sonne auf Wolkenballen in dunkelroter Glut.
Langsam, von Riesenfäusten gehalten, ein Hammer droht,
Eine Krone aus ihr zu schmieden, eine Krone blutglührot.
Eine Krone . . . und ich hebe hoch mich auf
Und greife in den Himmel, und herab
Hol ich die Krone mir und setze sie
Aufs Haupt mir. Hei, ein Strahlenzucken fährt
Von meinem Haupt ringsum, und alles ist,
Was mich umgibt, erhellt und feierlich.

Und vorn am Buge meines Kaiserschiffs
Steh ich und fahre ein ins Himmelreich.
Das liegt vor mir in lauter Schönheit da,
So weit gedehnt, wie nie mein Blick vordem
Etwas gesehn. Doch still und leer und tot
Ist dieses Land, und wie mein Silberkiel
Auf seines Hafens goldne Kiesel knirscht,
Ist tiefe, schauerkalte Nacht um mich.

Nur ferne blinzt ein zages Zitterlicht,
Und ferne klingt ein zager Glockenton,
Und ferne, dort, weiß ich, ist's warm und gut.
Ich geh zum Licht, ich geh zum Ton, ich geh
Dahin, wo mein ein Herd, wo mein ein Herz
Warm wartet. Ach, wie meilen-, meilenweit
Ist Licht und Ton und Herz und Herd! Ich geh
Viel viele Jahre lang, und stets in Nacht.

Da endlich lichtet sich's, so wie im Mai
Es morgenrötet über jungem Grün,
Und zwischen Fliederbüschen wirbelt blau
Herdrauch aus rotem Schornstein, und ein Haus,
Ein kleines Bauernhaus mit moosigem Dach
Seh ich, und an der Tür:
                                        . . . Du, du, o du!

Ein altes Weiblein in schlohweißem Haar
Kommt auf mich zu mit leisen Schrittelchen
Und legt mir an die Brust das alte Haupt
Und blickt zu mir mit braunem Auge auf.
O tiefes Glück: das ist der alte Blick,
Der Kinderblick, der aus dem Herzen kommt,
Und, o, das ist die liebe Stimme auch,
Die glockenleise: Komm, du, komm, du, komm;
So lange, lange fort! . . Da seh ich erst
Im blauen Wasserspiegel, daß mir weiß
So Haar und Bart. Und zweisam, Arm in Arm,
Gehn wir ins kleine Haus. Die Türe fällt
Leis zu . . .

Schmied Schmerz

Der Schmerz ist ein Schmied.
Sein Hammer ist hart,
Von fliegenden Flammen
Ist heiß sein Herd;
Seinen Blasebalg bläht
Ein stoßender Sturm
Von wilden Gewalten.
Er hämmert die Herzen
Und schmeißt sie mit schweren
Und harten Hieben
Zu festem Gefüge.

Gut, gut schmiedet der Schmerz.

Kein Sturm zerstört,
Kein Frost zerfrißt,
Kein Rost zerreißt,
Was der Schmerz geschmiedet.

Ich wollte wohl, doch leider . . .

        Ich sah zwei Schiffe fahren
Im Flusse Seit an Seit,
An ihren Rahen waren
Viel Wimpel aufgereiht.

Auf ihrem Decke gingen
Gestalten bunt und viel,
Und war ein silbern Klingen
Um ihren schlanken Kiel.

Frühling an beiden Seiten
Des schnellen Flusses war,
In allen Höhn und Weiten
Der Himmel wolkenklar.

Da rief an seinem Rade
Der junge Steuermann:
Was stehst du am Gestade?
Komm mit! Wir halten an.

Ach Gott, ich käme gerne,
Doch sagt mir nur zuvor:
Wohin!? –: In alle Ferne!
Komm! Frage nicht, du Tor!

Wer mit will, darf nicht fragen,
Wer fragt, der ist nicht wert,
Daß ihn die Wellen tragen,
Daß er ins Ferne fährt.

Ich wollte wohl, doch leider
Sann ich erst nach genau.
Die Schiffe fuhren weiter,
Der Himmel wurde grau.

Mit trockenen Blumen

        Hoffnungswimpel im Lenze,
Banner des Todes nun,
Gern wären es Liebeskränze,
Die hier wie Leichen ruhn.
. . . Der Herbst hat's getan,
      Sterben hebt an . . .
      Grüß Gott, grüß Gott, du Mann mit der Sense!

Andacht zu meiner Welt

      In einem Haus, versteckt in Linden,
Durch die das Licht grüngolden fällt,
Will ich vergehen und verschwinden
Vor dem Gelärme dieser Welt.

Aus dieser Welt der Wutgrimassen,
In der der Zaum die Blöden hält,
Im Lieben dumpf und flau im Hassen,
Aus dieser lauten, leeren Welt.

Ich will mir eine andre bauen,
Von innerlichem Licht erhellt,
Und will in Andacht still beschauen
Die von mir selber ist, die Welt.

Zum Ziele

                    Nun laßt uns fahren über Land!
Die Pferde sind schon angespannt
Und scharren mit den Hufen.
Schön ist die Welt, und die Welt ist mein,
Ich höre eine Stimme rein
Fern meinen Namen rufen.

Fahr, Kutscher, fahr in den dunklen Tann!
    Ich fahre.
Fahr, Kutscher, fahr mich den Berg hinan!
    Ich fahre.
Und dann hinunter ins Gartenland,
Da steht ein Haus: Zum Glück genannt.
    Ich fahre.

Es traben die Pferde, es knirscht der Sand,
Es geht durch lachendes, blühendes Land.
Da steht der Tann in Schweigen.
Wir fahren langsam in ihn ein,
Grün wird der goldene Sonnenschein,
Nun, Rappen, geht's ans Steigen.

Hörst du die Stimme aus dem Grund?
    Ich höre.
Sie widerhallt von Schlund zu Schlund.
    Ich höre.
Es schwebt um uns der leise Schall,
Die Stimme ist allüberall.
    Ich höre.

Der Gipfel da. Die Stimme schweigt.
Der Kutscher in den Abgrund zeigt.
Blau dehnt sich's ohne Ende.
Dort unten ist es kalt und leer!
O, wende die Rappen, wende!

Wo hast du mich, Trauriger, hingebracht?
    Zum Ziele.
Wohin fällt diese schwebende Nacht?
    Zum Ziele.
Ich aber, ich will nicht, ich will zurück,
Ich will zum Hause, genannt zum Glück!
    Zum Ziele.

Da wurde mir ruhig und wurde mir klar,
Da wußt ich, wohin ich gefahren war,
Und war's zufrieden.
Der Kutscher fuhr rückwärts, ich gab ihm die Hand
Und sprach: o grüß mir das blühende Land,
Aus dem ich geschieden.

Und aus der Leere klang's hell und lind:
    Komm schnelle.
Müd ward ich wie im Spielen ein Kind.
    Komm schnelle.
Ich lief in den Abgrund, ins schwebende Meer
Und fühlte von mir kein Fühlen mehr.
    Komm schnelle.

Die Herberge

                        Du kaltes Haus voll müder Dunkelheit . . .
Spinnwebenüberschleiert schläft in dir die Zeit;
Auf weichen Socken schleicht in dir der Tod;
Stets um dich Dämmerung; das Morgenrot
Trifft deine Schindeln nicht, die bleich wie Blei;
In weiten Kreisen bangt das Leben dir vorbei.

Ich aber ging hinein und saß in dir zu Gast . . .
O wie du mich so lieb und lind umfangen hast!
Ich lehnte meinen Kopf an deine graue Wand,
Mir streichelte das Kinn des Hausherrn harte Hand.
Sein Auge lud mich ein zu weißer Lagerstatt,
Da sank ich federntief, von weichem Wehe matt.
Der Krankenwärter Tod sang in den Schlaf mich ein,
Da ward das stille Glück, das . . . stille . . . Glück ward mein.

Es hauchte um mich her ein Atem moderbang,
Und eine Stimme dumpf aus Weltenweiten sang:
»Hinüber, Seele, nun, spann deine Flügel weit,
Schwimm schwanenfittichstill in blaue Ewigkeit.
Hörst du den leisen Ton? Das ist der letzte Schlag
Vom Turm der Erdennacht, nun goldet dir der Tag,
Der nie sein Blut vergießt ins Abendrötenmeer . . .«
Da hob ich mich in Angst von meinem Pfühle schwer.
Fort! Fort! Von hier hinaus! Hinaus ins helle Licht!
Noch einmal sah ich in des Hausherrn bleich Gesicht.
Das lächelte. Mir war: Dies Lächeln legte sich
Ins Herz mir wie ein Wort, kalt: Unabänderlich!
Ich schritt auf schwankem Fuß, ich taumelte hinaus,
Ich wandte meinen Blick: Versunken war das Haus.
Und eine Grube lag an seiner Stelle, tief . . .
Mir war's, als ob's aus ihr leis meinen Namen rief.

Der flötende Faun

        In Stahl gehüllt,
Auf weißem Roß,
Reitet ein Ritter
Durch dämmernden Wald.

Von der verscheidenden Sonne läuft
Goldig mattes Abschiedsleuchten
Zärtlich
Durch die ruhenden Blätter.

Sinnenversunken
Reitet der Ritter.
Klingende Klage,
Fragende Freude
Tönt ihm im Herzen:
Träume tragen
Auf Flötenwellen
Weit hinüber ins Land der Sehnsucht,
Weit ins Land der Erinnerung tragen
Träume den Ritter.

Sieh: da wird aus dem Traume des Ritters,
Sieh: da wird aus der sinkenden Sonne,
Sieh: da wird aus dem Schatten der Bäume
Ein Faun.

Horch: er bläst. Seinen ruhenden Hirschen
Bläst auf seinem schilfenen Rohre
Zärtlich süß der Traumgewordene
Leise Lieder.

Ach, das Menschenherz klagt,
Ach, die Sonne verglüht,
Ach, die Nacht wirft aus ihr schwarzes Netz.

Weh, was raschelt im Laub,
Weh, was schauert durchs Moos,
Weh, die Nacht umschlingt ein Menschenherz.

Ruhig reitet
Der träumende Ritter,
Klangbenommen in schwarze Nacht.

Fühle nur

              Einsam bist du? Sieh, die vielen Sterne
Stehn, ein Weltenkranz, ob deinem Haupte,
Und die Lindenbäume, Kronenträger,
Schicken ihre Düfte dir ins Zimmer.

Fühle nur! Saug ein und gib dich wieder!
Schmähe niemand, schmäh auch dich nicht selber!
Denk: du darfst auf dieser reichen Erde
Durch den sonnenvollen Weltraum fliegen,
Und dein Herz gehört auch zu den Sternen,
Die ein bißchen Lust und Wärme strahlen.

Drei Sprüche in einem Gedicht

        Geh zum Tisch des Lebens: nimm!

Sieh es ist ein bunter Strauß,
Weiße Lilien und rote Rosen
Blenden, flammen zwischen großen
Grünen Blättern bunt heraus.

Glaube nicht ans ewige Grau!

Sei nur selber froh und bunt;
Schluckst du Staub, so trinke Weines,
Schmäle nicht, daß nur ein kleines
Glas dir ward für deinen Mund.

Schiel nicht auf der andern Art!

Sei getrost auf dich gestellt,
Sei Kristall und fange Strahlen
Und laß dir im Herzen malen
Sich aus Strahlen deine Welt.

Von Rosen und weisen Männern

        Leute gibt's, mit langen grauen Bärten,
Dicke Brillen auf den breiten Nasen;
Feierlich, mit ungemeiner Würde,
Klagen sie, die Erde sei vom Übel.

Glaube nicht sothanen Klagemännern!
Allerdings, nicht immer blühen Rosen,
Und zuweilen stechen dich die Dornen,
Aber, und dies Aber sei gepriesen,
Wo ein Dorn dich sticht, da darfst du hoffen;
Bald schwebt eine Rose hier im Winde.
Eine Rose, hundert, tausend Rosen,
Und die harten Dornen sind vergessen:
Kleine Mädchen tanzen um die Büsche,
Ihre Seelen wissen nichts von Dornen.

Dumm sind diese lieben kleinen Mädchen,
Und du Griesebart bist viel gescheiter;
Tief muß meinen Hut ich vor dir ziehen,
Denn du bist in Dornen sehr beschlagen.

Aber wenn im Wind die Rosen schweben
Und im Tanz die lieben kleinen Mädchen,
Dann, mein sehr gescheiter Mann im Barte,
Drücke dich, geh, mach dich in die Büsche.
Denn, verzeihe: Wenn die Rosen blühen
Und die lieben kleinen Mädchen tanzen,
Ist die Dornenweisheit überflüssig.
Wenigstens für uns. Du selber kannst ja
Eine Dissertation im Busche
Oder meinetwegen zweie schreiben.

Licht

                Ich lag in Trübsinns Klammer
In dicht verschloßner Kammer,
Nacht war es um mich her.
Nur auf der Fensterschwelle
Lag breit ein Streifen Helle,
Als wär von Lichte draußen groß ein Meer.

              Da sprach eine Stimme:

Das Licht liegt auf der Schwelle,
Da draußen ist es helle,
Soll's bei dir dunkel sein?
Mach auf, mach auf den Laden,
Und sieh, in Schwall und Schwaden
Fließt dir das Licht in Aug und Seele ein.

              Da schloß ich die Augen.

Ich will das Licht nicht haben,
Ich fühle mich begraben
In eine tiefe Nacht;
Was ich genoß im Lichte,
Das ward in mir zunichte,
Mir hat ein Schmerz die Seele blind gemacht.

              Da sprang der Laden auf.

Rot drang's durch meine Lider,
In alle meine Glieder
Floß es wie heißer Wein.
Soll ich es wirklich wagen,
Die Augen aufzuschlagen?
Soll ich dem Licht noch einmal gläubig sein?

        Da gingen mir die Augen auf:

Die mir im Herzen saßen,
Trübsinn und Gram, zerblasen
Wie Nebel vor dem Wind,
Verwehten vor der Helle;
Der Sonne sandt' ich schnelle
Kußhände lachend wie ein frohes Kind.

Sei getrost!

        Das ist die Sünde, die du fliehen sollst:
Der Hader mit dem Schicksal. Sei getrost!
Es führt dich gut, geht es auch dunklen Weg.
Folg nur ergebnen Herzens wie ein Kind,
Das an der Mutter Hand im tiefen Wald
Nach Hause strebt und innig sicher ist:
Die Mutter, o die Mutter kennt den Weg.

Aussicht in den Garten

      Liegt ein Buch am Fensterbrette,
Aber keiner liest darin,
Denn es locken Blumenbeete
Frei ins Freie Blick und Sinn.

Anfangs ging ich brav und weise
Seitenzeilen hin und her,
Daß ich nach Gebot und Fleiße
Recht ein Weisheitswandrer wär,

Aber, ach, die Blumen standen
Allzu nahe nebenbei,
Und die leichten Blicke fanden,
Daß es draußen schöner sei,

Wo die weiten Wiesen wogen,
Wo die schwanken Büsche stehn,
Wo in himmelhohen Bogen
Leichte, weiße Wolken gehn,

Wo der Bäume Wipfel leise
Sich im Winde neigen. – Nein,
Heute mag ein andrer weise
Und ein Bücherleser sein.

Wenn es regnet, wenn es schauert,
Bin, o Buch, ich wieder da,
Doch solang schön Wetter dauert,
Lockt mich keine Kabbala.

Bleibe nur am Fensterbrette!
Weisheit, lüfte dich heut aus!
Ich geh in die Blumenbeete,
Hol noch einen Blumenstrauß.

Sonnenaufgang

        Rauch über Acker und Moor;
Über das ganze Land
Ist, aus Nebeln gerafft,
Riesig ein Netz gespannt.

Wird Leviathan gejagt,
Da er entstiegen dem Meer?
Hui, wie tobt er im Netz,
Schleppt es und schleift es umher.

Sieh! Da blendet's im Ost:
Offen der Himmel, es schießt
Goldene Speere der Tag,
Und der Wurm zerfließt.

Hoch seinen goldenen Schild
Über den Wolkenwall
Hebt der siegende Tag;
Licht lacht über das All.

Der Tod krönt die Unschuld

        Kind, ich schenke dir den Reif der Reine,
Kind, ich kröne dich mit goldenem Scheine,
Kind, ich nehme dich in meinen Schoß.
Deine Mutter muß dich mir verlassen,
Meine Fittiche wollen dich umfassen,
Meine Fittiche sind weich und groß.

Ruhst darin wie unterm Mutterherzen
Schlafumfangen, ledig aller Schmerzen;
Deine Seele bleibt vom Leben rein.
Linde bin ich, eine gute Amme,
Tränke dich mit Träumen, – kleine Flamme,
Schlafe, schlaf auf meinem Schoße ein.

Der schwarze Ritter

        Im Tale unten die blaue Tiefe,
Grau am Himmel jagende Wolken;
Langsam reitet,
Die Lanze im Arm,
Auf braunem Rosse ein schwarzer Ritter;
Rote Ebereschentrauben
Leuchten aus dunklem Grün heraus
Wie offene Wunden . . .

Ekstase

        Gott, deine Himmel sind mir aufgetan,
Und deine Wunder liegen vor mir da
Wie Maienwiesen, drauf die Sonne scheint.

Du bist die Sonne, Gott, ich bin von dir,
Ich seh' mich selber in den Himmel gehn,
Es braust das Licht in mir wie ein Choral.

Da breit' ich Wandrer meine Arme aus,
Und in das Licht verweh ich wie die Nacht,
Die in die Morgenrötenblust vergeht.

Zwei Träume

I
        Ich hört ein himmlisch Lachen
Heute nacht im Traum.
Das ließ mich froh erwachen.

Wie schlug mein Herz geschwinde!
Kamst du mir nicht her? –:
Der Vorhang ging im Winde.

Ich neigte seinem Saume
Nahe meinen Mund, –:
Und ich bin noch im Traume.


II
Ach, was sah ich im Traum:
Du hast die Hand mir gegeben,
Und stumm sprach mir dein Mund:
Ja, ich fühle wie du.

Tief im Walde geschah's:
Es sangen um uns die Vögel,
Sonne küßte das Moos
Und deinen seidenen Schuh.

Nahe warst du mir so,
Daß deinen Atem ich fühlte,
Und ich sah dir ins Aug,
Und ich weinte vor Glück.

Mädchen, was mir der Tag
An Kümmernissen mag bringen:
Lächelnd denk ich des Traums,
Selig denk ich an dich.

Entsagung

          Fahl zieht der Strom in letzter Abendhelle,
Bald wird es Nacht und alles Schweigen sein.
Nun kommt die Zeit, daß ich mein Glück bestelle,
Dies schwarze Ährenfeld, dies Dein und Mein.

Das ist viel stiller als das tiefste Schweigen,
Und ist viel schwärzer als die tiefste Nacht;
Die hohen Halme beugen sich und neigen
Ehrfürchtig ihrer schweren Ähren Pracht.

Denn du bist dort. In deinem weißen Kleide,
Von dem ein Leuchten wie von Sternen weht
Und ein Gesang vom Rauschen deiner Seide,
Wenn leis dein Fuß durch diese Ähren geht.

Wo lauschen deine Tale?

        Land des Friedens mit den roten Herzflammfahnen der Liebe,
Die wie Herdrauch leise in lauen Winden wellen,
Gelobtes Land, o Kanaan meiner Seele,
Nach dem mein Sehnen seine Sucheaugen
Hinaus läßt leuchten in goldenen Glaubensblicken,
Grünes Friedensland:
Wo lauschen deine Tale?

In Sommersonne lachend liegen sie,
Die Vögel ziehen lautlos drüber hin,
Der Himmel ist von Seligkeiten tief;

          Und du und ich
          Ein kleines Haus,
          Ein Rosenbusch,
          Ein Nelkenbeet,
          Und du und ich,
          O, du und ich . . . .
          Und unsrer Herzen Liebe,
          Verflammt sich mild
          Zur Sonne uns,
          Die über unserm Hause steht,
          Wie einst der goldene Winkestern
          Über der Krippe in Nazareth.

Pulchra ut sol, clara ut lux

        In einer Kirche sah ich goldne Statuen
Von Engeln, die auf ihrer Schultern Macht und Pracht
Das Chorgewölbe trugen. Wie aus Griechenland,
Mit klarem Antlitz, rosenkranzgeschmückt,
Goldlockig, edel standen sie und lächelten.

Vier Engel waren's, und von goldnen Lettern schien
Aus dämmerigem Dunkel leuchtend dieser Satz:
Pulchra ut sol, clara ut lux.
                                                          Ich träumte oft
Von diesen Engeln, und voll Andacht war mein Herz,
Wenn ich die Augen schloß und mir das holde Bild
In seiner strengen Schönheit hell aufsteigen ließ
Und ganz umfaßte. Aber niemals wagt ich es,
An sie zu glauben, ja, ein großes Trauern war
In meiner Seele, daß aus Gold nur oder Stein
Der Künstler solche Schönheit selig bilden kann,
Indes Natur sie ewig strenge uns versagt.

Jetzt ist es anders. Heiter, aller Gnaden voll
Geh ich umher und bin ein selig Wissender,
Und, schließe ich die Augen, denk ich jetzt nicht mehr
An jene goldnen vier in Kirchendämmerung.

Die Mauer entlang

                  Die Mauer entlang,
Wo das Wässerchen rinnt,
Wo die Rosablüte des Apfelbaums
Das ernste, dunkle Baumgrün grüßt,
Da stehen die schönsten Blumen.

Von jeglicher Art,
Vielfarbenhell,
Leis duftgewiegt und schattengeschützt
Lachen sie her aus grünem Gras;
Ach, wollen sie sterben im Frühlingsglanz?
Ich breche die flammglührote.

Dir, Liebe, geb ich sie, die du still
Im schwarzen Kleide traurig gehst
Zwischen Lautenschlag und blühender Pracht.
An deiner Brust aufprange sie hell,
In dein Herz lohe ihr Lebensrot,
Dir singe ihr Duft aus tiefem Kelch:
Sieh, dir auch lacht die Au!

Mädchengeflüster

        Geflüster aus Mädchenmunde
In sommernächtiger Stunde,
Das ist wie Märchengesumm;
Drin raunt das Werden der Zeiten,
Viel Lachen und viel Leiden,
Und wie beim Wiegenliede der Mutter steh ich stumm.

Sie wissen nicht, was sie fragen,
Sie wissen nicht, was sie sagen,
Und ihrer Worte Klang
Ist doch ein tiefes Künden
Aus allen Lebens Gründen;
Wie wird es mir beim Klange der Glocken am Ostern bang.

Aus scheuen Dämmerungen
Wispern des Lebens Zungen;
Das ewige Rätsel lallt.
Da wird es den Mädchen bange
Vor ihrem eigenen Klange,
Aus dem das Wellenversinken der Welten widerhallt.

Liebe und Tod

      Zwischen Rosenranken steht der kleine Gott,
Nackt im Fleische seiner süßen Lust
Vor dem Haus, dem er sein Glück beschert.

Kommt die Todesgöttin, grünlichweiß
Überschleiert, lakeneingehüllt,
Hebt den Arm zum Tor und will hinein.

»Ach, in meine Rosen schreite nicht!«
Wehrt der Gott, »ich rankte sie ums Haus,
Denn es heimt jungheiße Liebe drin.«

Doch die Göttin mit gesenktem Haupt
Hebt den starken Arm . . . Die Türe kreischt,
Und die Rosen, eben aufgeblüht,
Fallen ab vom Stamm.
                                      Die Stille klagt.
In die nackten Rosenranken weint der Gott.

Antritts-Visite

    Welch Geglöckel, welch Gebimmel
Klingelt meinen Berg heran?
Kommt der brave Schellenschimmel
Jener guten Fee Morgan?
Und der Himmel! Nein, der Himmel!
Seht doch nur den Himmel an!

War er grau nicht noch soeben?
Und jetzt ist er glüh und klar!
Sollt es heut noch Wunder geben?
Nein, das ist nicht wunderbar:
Durch die schwanken jungen Reben
Kommt ein junges Ehepaar.

Zwei Prinzessen

            Die Prinzessin fährt zum Hochzeitsfest,
Vier Schimmel am Wagen,
Mit rotem Kragen
Die Kutscher und silberbetreßt.
    Trara!
Hell schmettern Trompeten und Trompetinen.
Prinzeßlein sitzt da mit süßen Mienen
In Galatoilette und Gloria.

Die Menge verneigt sich und hebt den Hut;
Wie prunkt die Karosse! Wir stehn in der Gosse . . .
»Ach Gott, so eine hat's gut . .«
    Trara!
Hell schmettern Trompeten und Trompetinen.
Eine Kleine sagt's mit sauren Mienen
Und glänzt doch in Schönheit und Gloria.

Die Prinzessin hab ich nicht mehr gesehn,
Ich sah nur die feine,
Die liebe Kleine
Im wollenen Röckchen stehn.
    Trara!
Hell schmettern Trompeten und Trompetinen.
Doch alles hat golden überschienen
Der armen Schönheit Gloria.

Der Lachende

                Es stand ein Baum im Königsland,
Der trug viel schöne Blumen;
Die schönste Blume, die er trug,
Das war des Königs Tochter.

Des Bauern Sohn darunter stand,
Der täte zu ihr lachen,
Da winkte sie ihm mit ihrer Hand,
Er sollte sie fröhlich machen.

Der Bauernsohn steigt auf das Nest
Mit seinem Lachen munter,
Der König hält ihn am Mantel fest:
»Du Kecker, komm herunter.

Sie ist viel höher geboren als du,
Du lagst in holzener Wiegen.«
– Und ist sie viel höher geboren, als ich,
So bin ich höher gestiegen!

Heidi, heido, die zweie warn froh
Hoch oben im Wipfelneste.
Der König sprach hm, ei, ei, o, o,
Dann lud er die Hochzeitsgäste.

Die Ritter und Damen die riefen: Warum?
Das sind bedenkliche Sachen!
– O Ritter und Damen, was seid ihr dumm:
Der Bauer konnte lachen!

Heidi, heido, heiringelreiho,
Ein König ist er geworden
Und stiftete einen Orden froh:
Den goldenen Lacherorden.

Des alten Weibleins Lied vom Schwager Tod

        Es fährt ein Postillon durchs Land, –
O, der ist höflich und galant!
Nimmt alte Leute bei der Hand,
Hilft ihnen in den Wagen.
Will keinen Lohn,
Fährt schnell davon;
Wohin – will er nicht sagen.

Die Peitsche knallt,
Herr Schwager, halt,
Seht her, hier steht noch eine;
Heut fahr ich mit,
Ob Trab, ob Schritt,
Denn müd sind meine Beine.

Dank, Schwager! So! Und nun fahrt zu,
Blast euer Liedel trutute!
Es geht zum Schlafen, geht zur Ruh,
Es geht ins Endlich-Gute;
Lebt wohl! Ade!
Mir ist nicht weh,
Nur wundermüd zum Mute.

In Thomas Werkstatt

( Vor dem » Kinderreigen« und dem »Jüngling mit den Märchenvögeln«)
 

        Wie Kinder sich fassen
An ihren unschuldigen Händen,
So, meine Stunden,
Wünscht' ich euch eilenden,
Daß ihr, zum heitersten Spiele verkettet,
Tanzend euch zögt über blumige Wiesen,
Klarheit über euch,
Unschuld in euch,
Reiner Seele voll,
Junger Frische voll,
Lachend.

Ach, mein Himmel ist nicht so klar,
Und meine Stunden sind nicht so rein;
Unschuld, Kindheit, Spiel und Tanz
Sind mir wie entschwebende Wolken,
Denen die Arme zum Himmel auf
Meine Sehnsucht weinend breitet,
Wie der Jüngling am tosenden Flusse,
Der den Märchenvögeln nachblickt.

Daß ich einmal dem Meister gliche,
Der euch malte, Kinder, und dich,
Betender Jüngling!
Stille und Güte,
Klarheit und Kraft,
Spielender Ernst und schaffende Treue
Wohnen und walten an seinem Herde;
Glück ward hier lebendige Gottheit,
Weilende, heimische, dauernde: Ordnung;
Glück, das fliegende, ward hier fest.

Schlichter Mann im weißen Haare,
Laß mich deine Hände drücken,
Dank im Herzen, stummen Mundes:
Segne mich mit deinen klaren,
Guten Augen, schlichter Mann!

Im Hause Thoma

        Stiller Heiterkeit ein Glanz,
Leisen Glückes leiser Tanz,
Schaffens frohe Kraft,
Heitrer Liebe stille Hut,
Schalkheit auch, das Kleinod gut,
Und die Meisterschaft.

Alles dies in einem Haus;
Keiner ging noch aus ihm aus,
Der das Glück nicht pries,
Das ihn hier in engem Raum
Einen guten klaren Traum
Leibhaft sehen ließ.

Einem schönen Mädchen unter sein Bildnis.

            Wo sah ich das doch schon einmal?
Dies zart und liebliche Oval,
Die großen Augen tief und klar,
Dies bogenfeine Lippenpaar
Und diesen Strudel Lockenhaar?
Wo, wo? Und plötzlich seh' ich's licht:
In Form und Farben ein Gedicht,
Das Botticellis teure Hand
Gedichtet auf die Leinewand.

Stand lange in Florenz davor,
Mich ganz in Schauens Lust verlor,
Andächtig zu der klaren Kraft,
Die uns in Schönheit Tröstung schafft.

Denn aller Schönheit höchste Huld
Ist Trost und Stille und Geduld.
Wer recht zu sehen weiß, der spürt
Sein Herz von Schwingen angerührt,
Die himmelher und heilig sind.
Ihr Wehen ist so lieb und lind
Wie Mutteratem über der Wiegen
Du fühlst dich eingebettet liegen,
Liebeingefriedet wie ein Kind.

Dem Meister, der so Hohes gab,
Legt Dankbarkeit den Kranz aufs Grab;
Der Schönheit, die ins Leben blüht,
Naht sich mit Wünschen das Gemüt:

Sei nicht bloß Schenkerin –: Beschenkte auch!
Im eignen Innern wohne dir der Hauch,
Den Schönheit atmet: Friede sei dein Teil!
Du lieb Gesicht, halt deine Seele heil!

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