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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel V

In ihrer Kemenate lag die Prinzessin Ysabel auf ihrem Lager und schlief. In dem niedrigen braunen, gewölbten Raum, inmitten der reglosen Gestalten auf den Wandteppichen, die in des rubinroten Lämpchens mattgoldener Dämmerung vor dem Bildnis der Mutter Gottes zu wachen schienen, erhob sich auf zwei Stufen das große vergoldete Bett. Es war das Lager ihrer Eltern, und die Prinzessin Ysabel schlief, wie es die Sitte gebot, auf dieser Ruhestatt, rein und keusch. Ihr blondes Köpfchen ruhte auf dem mit Quasten geschmückten Pfühl, die Decke hatte sie über die Brust gezogen, und eines ihrer Händchen ruhte darauf. Es schien, als sinne sie im Schlafe darüber nach, wer dermaleinstens in dem breiten Bette als ihr Gemahl ihr zur Seite ruhen würde. Aus dem bräunlichen Schatten des Lagers zwischen den rötlichen Vorhängen leuchtete weiß ihr süßes Kindergesichtchen mit geschlossenen Augenlidern unter den scharf gezeichneten Bogen der Brauen hervor. Ihre Lippen öffneten sich leicht zu einem unbewußten Lächeln. Auf einer Stufe des Bettes ihr zur Seite lag ihr Prinzessinnenkrönchen. Ihre Pantöffelchen standen brav und artig auf dem Fell, das vor ihrem Bette lag. Durch das eine Fenster blaute die Nacht herein, und Mondenglast floß über die beiden Blumenschalen auf der Fensterbank. Weiterhin im Gemache ward der Dämmerschein zu goldenem Glänze. Das kam durch das Lämpchen über dem Betstuhle. Das kupferne Weihwasserbecken schimmerte rötlich auf. Vor dem anderen Fenster waren die Läden halb geschlossen; nur ein schmaler Streifen Mondlicht drang durch die Ritzen zu dem kleinen Tischchen, das da stand, und zu dem Bücherschrank daneben. Auf seinen Borden reihten sich die Chroniken und die Heiligenleben und die von kundigen Schreibern zusammengestellten Beschreibungen der um zehn Jahre zurückliegenden Aventiuren von König Arturs Rittern der Tafelrunde. Und ein schwarzbraunes Hündchen lag schlafend mitten im Gemache.

Unbeweglich ruhte Prinzessin Ysabel. Waise war sie, die Enkeltochter des Königs Assentijn, dessen Reich Endi an das Land Logres grenzte. Finster und böse von vielem Ungemach und großem Kummer, den er erlitten hatte, bewachte der König sein Enkelkind als sein Liebstes voll Eifersucht. Sie durfte das Kastell nur mit einem dichten Gefolge vieler Bewaffneter verlassen, um sich auf die Jagd oder zum Turnier oder auf eine Wallfahrt zu begeben. Sonst mußte sie unerbittlich im Schlosse bleiben. Zwölf Mauern umringten es, und zwischen zwei Mauern zog sich ein tiefer Graben hin, und das Ganze war von einem tiefen und breiten Wasserlauf umgeben, der in steter Siedehitze gehalten wurde, also, daß, wer in ihm ertrank, zugleich verbrannte. Wer aber nach Assentijns Wunsch einst mit seiner Enkeltochter das große goldene Bette teilen sollte, das war der alte König Clarioen von Nordcumberland, dem er sehr verpflichtet war, und König Clarioen wünschte Ysabel zu ehelichen, sobald sie nur erst sechzehn Jahre alt sein würde.

Die Prinzessin wußte darum und hatte König Assentijn versprochen, dem König Clarioen ein treues Weib zu sein, wenngleich er schon einen grauen Bart hatte und beinahe so alt war wie ihr Großvater. Sie hatte in den gereimten Berichten von der Ritterschaft der Tafelrunde gelesen, daß König Artur im Lande Logres ebenfalls sehr alt sei, während seine Königin Ginevra allzeit jung blieb. Sie hatte auch von Lancelot gelesen, der seiner königlichen Gebieterin stets ein treuer Ritter gewesen war mehr als zehn lange Jahre, und Ysabel hoffte, daß Gott ihr, so König Clarioen ihr Gemahl würde, wohl auch so einen lieben tapferen Ritter bescheren würde. Darum war sie voller Vertrauen auf die Zukunft. Und sie lag so ruhig da, wie ein artiges Kindlein. Auch das schlummernde Hündchen regte sich nicht. Und vollends regten sich nicht die wachenden Gestalten, die gleich Schutzgeistern im goldenen Licht der Dämmerung auf den Wandteppichen leuchteten.

Draußen wehte kaum ein Lüftchen durch die Baumwipfel des Waldes. War es Wind, der durch die Blätter fuhr, oder waren es die allzu früh erwachten Vögel? Oder war es das Flüstern von Sylphidenstimmen, von Tausenden zwar, allein so zart, daß Ysabel sich nicht einmal im Schlafe regte? Es waren nicht Vogelflügel, die an die blau beschienene Scheibe des Kreuzfensters schlugen. Es waren Sylphidenflügel, und sie waren fast geräuschlos. All die Sylphiden waren durch das Fenster eingedrungen, das für sie kein Hemmnis bedeutete: gab es doch für sie kein Drinnen noch Draußen, war doch – für sie – die Kemenate wie ein Luftschloß ... Sie drangen ein, bis sie zu Tausenden den Raum erfüllten. Doch so leicht, so luftig, so nebelgleich, daß es schien, als sei nur ein wenig Mondenschein mehr hereingeglitten. Das Hündchen regte sich nicht, allein Ysabel hatte sich leicht umgewendet zu der leeren Statt an ihrer Seite, und ihr zweiter Arm kam unter der Decke hervor, und beide Arme streckten sich nun aus und schlössen sich, als umschlängen sie einen, der dort ruhte ...

Und sie träumte von Gwinebant, und weil die Elfen etwas von dem Wesen der Schlafenden wie einen Astralleib mit sich davontrugen, so träumte Gwinebant im Walde, wo die Gnomen seiner Seele leibliche Hülle bewachten, den gleichen Traum.

Ysabel war es, als wandle sie mit dem jungen Ritter, dem sie bei dem letzten Turnier ihren losen Ärmel gereicht hatte, auf daß er ihr zu Ehren gegen die anderen Ritter kämpfen sollte, und den er um seinen Helm gewunden hatte ... als wandle sie in Minneseligkeit, wie die Königin Ginevra und Lancelot es allzeit taten, schritte über die Wälle des Kastells erst durch die blühenden Haine, dann durch die Säle, ja, es war, als ob sie sogar in der Kemenate zusammen zwischen den blumengefüllten Vasen auf der Fensterbank saßen und im selben Buche lasen: von Alexander, dem Helden vor Troja, und Lancelots Roman, daran die Dichter just zu dieser Zeit schrieben ...

Und da sprach Gwinebant zu Ysabel im Traume:

»O schöne Jungfrau, ich liebe dich; du bist wie die Rose, die alle anderen Blumen an Schönheit übertrifft.«

Und Ysabel antwortete:

»Mein Ritter, reich an Tugend und voll höfischer Zucht und Sitte, auch ich habe dich lieb seit dem Turnier, davor du meinen Ärmel an deinen Helm heftetest. Und dieweil mich König Clarioen von Nordcumberland zu seiner Königin erkoren hat, sollst du mir sein, was Lancelot der Königin Ginevra ist, so wie ich es in jenen Büchern gelesen habe, die kundige Männer geschrieben haben und daraus die Sänger schöpfen, wovon sie singen und sagen.«

Da wurde Gwinebant im Traume gar traurig zumute. Allein, weil er Ysabels reine Unschuld nicht betören wollte, so wagte er es nicht zu sagen, daß er viel Kummer und Schmerz erleiden würde, wenn die liebliche Jungfrau des alten Königs Gemahl werden müsse, und so sagte er nur dies:

»Ysabel, mein Glück, du mein allerliebster Herzenstrost, hast du vom Ritter Gawein gehört, der mit uns zur Tafelrunde zählt?«

»Ja, Gwinebant, ich habe von ihm gehört«, antwortete Ysabel. »Denn Gawein ist mein Oheim, er führte meine Mutter heim, deren Seele nun im Paradiese ruht.«

»So wisse denn, daß er alsbald nahen wird auf abenteuerlicher Ritterfahrt, die er vollbringen soll. Und es wird gut sein, wenn du ihn so liebevoll empfängst wie deine Mutter, deren Namen du trägst, ihn vor zehn Jahren empfangen hat.«

»Empfangen werd' ich meinen Oheim Gawein, o Gwinebant, wie meine Mutter ihn empfangen hat«, antwortete Ysabel.

Und so sangen sie gemeinsam im Traum die süße Weise weiter in keuscher Freude und Seligkeit, und die Küsse, die sie tauschten, wurden ihnen von den Sylphen gegönnt, mehr aber gönnten die Sylphen ihnen nicht.

+++

Am nächsten Tage war Pfingsten. Die Glocken in der Kapelle von Camelot läuteten ihr Bimbam, und König und Königin schritten zur Frühmesse. Leise sagen sie die Hymne an den Heiligen Geist, während sie durch die Haine wandelten, deren Blüten von einer leichten Brise auf sie herabgeweht wurden. Und nach der Messe, die der Kaplan las, ließen sich alle zwölf Ritter rings um König Artur im runden Saal nieder. Um den runden Tisch aus Jaspis saßen sie schweigend, wie sie es nun schon seit zehn Jahren taten, und harrten des Abenteuers. Auch Lancelot setzte sich, ob ihm Ginevra gleich winkte, die unter den blühenden Obstbäumen seiner wartete, denn sie wußte nichts von all dem, was sich da vorbereitete. Weil Frauen eher als Männer über Dinge sprechen, die besser verschwiegen blieben, hatte Merlin die Ritter ersucht, vor der Königin nichts laut werden zu lassen. Auch Keye, der Spötter, wußte nichts und wunderte sich darum sehr, daß der Freund der Königin, als Ginevra ihn zum Wandeln in dem Hain aufforderte – weil ja doch nimmermehr von einem Abenteuer Kunde kommen würde – ihr durch Kopfschütteln zu verstehen gab, er wolle nicht kommen und müsse auf seinem Platze verharren. Darob ward dann die Königin höchlich erstaunt und am Ende gar böse, bis sie sich endlich dichter in ihren Schleier hüllte und gekränkt allein weiterwandelte. Ihre Frauen, die sich anfangs bescheiden zurückgezogen hatten, näherten sich ihr nun, fragten, begriffen nicht und begleiteten sie alsdann auf ihrem Gange, und rieten ihr, in den Garten zu gehen, wo Merlins Zauberbaum stand, auf daß sie dort die goldenen Vögelein singen höre.

Um den König saßen schweigend die Ritter, während Keye Ball spielte, allein und behende, wie ein Junger, mochte er auch hinken und schielen. Und besorgt und wehmütig saß der König in seinem weißen mottenzerfressenen Samt und Hermelin, und mottig war auch sein silberner Bart, und Gawein an seiner Seite war wehmütig und besorgt gleich ihm. Keiner von beiden glaubte im Innersten der Seele mehr an ein neues Abenteuer, und wenn sie so still, schweigend und harrend mit den anderen dasaßen, mit Lancelot, Bohort und Ywein, Agloval, Sagremort und Melegant, Hestor, Mordred und Didonel, Galehot und Gwinebant, so geschah dies viel mehr, um nicht den frommen Glauben an die Vergangenheit, an die herrlichen Tage von einst zu zerstören, da sie kaum je zur Tafel gegangen waren, ohne daß ein Abenteuer gelockt hatte oder ein Ritter oder zwei auf ruhmreiche Fahrt hinausgezogen waren. Und Gawein gähnte leicht hinter der Hand und war schläfrig nach der Messe und mißmutig ob des allzeit vergeblichen Wartens. Allein die übrigen elf gähnten nicht und warteten voller Spannung auf das, was sich nun ereignen sollte. Bohort sagte flüsternd zu Lancelot:

»Bei St. Michael, nähert sich denn noch immer nichts?« Worauf Lancelot verstohlen zum Himmel emporblickte und Ywein flüsterte:

»Ge...ge...dddduld!«, so daß Agloval nur mühsam sein allzeit bereites Lachen aus Ehrfurcht vor dem schweigenden König unterdrücken konnte, während Sagremort, der selber an diesem Morgen daran zweifelte, daß sich durch Merlins Zutun jemals das Abenteuer zutragen könnte, den Kopf schüttelte und die Brauen runzelte. Die anderen schwiegen stille. Hestor, der Bescheidene, sprach nie viel, Mordred und Didonel blickten einander vielsagend an, weil sie beide an ein Abenteuer dachten, das sie gemeinsam vorbereiteten, und von dem ich nichts anderes vermelden kann, als dies: daß es der Tafelrunde nicht würdig war; wehe, wenn König Artur darum gewußt hätte! ... Galehot lächelte neugierig, und Gwinebant hing einem seligen Traume nach und war nun, da Lancelot sitzen blieb, beinahe gar nicht mehr eifersüchtig auf den Wandel durch die Haine, weil er sich eigener Gesichte und Traumseligkeiten entsann ...

Da plötzlich ...

»Seht, seht!« rief Gwinebant.

Sie schauten alle auf. Und sie gewahrten alle, wie am blauen Himmel, der über den Apfelbäumen sommerlich glänzte und zwischen den romanischen Bogen große runde, strahlendblaue Flächen ausspannte, ein Schachbrett daherschwebte, und sie merkten alle, wie es sich der Burg näherte, wie es sich schwebend herniedersenkte gleich einem großen schillernden Vogel, wie es dann in der Luft hing über des Königs greisem Haupt, das sich emporrichtete, damit seine ungläubigen Augen das Wunder sehen könnten. Gawein hatte sich mit lautem Ausruf erhoben. Hinter der Tafel stand Keye mit offenem Munde, die Hände in die Seiten gestemmt, und glaubte nicht, was er doch sah, und während die Königin und ihre Frauen herbeigeeilt kamen und der Hain von ihren erstaunten Rufen widerhallte, riefen die Ritter alle zusammen, wie ein wohlgeübter Chor, auf dessen Schulung der Sangesmeister viel Mühe verwendet hat:

»Ein Wunder, ein Wunder! Zum zweiten Male schwebt ein Schachbrett herbei!«

Wären nicht der König und Gawein und die Königin und Keye in diesem Augenblick vor Verwunderung ganz außer sich gewesen, so müßten sie es bemerkt haben, daß die elf Ritter ihren Ruf so gleichmäßig im Takt und Ausdruck wie einen wohlgeprobten Chorus hatten erklingen lassen. Bohort rief mit seines Basses Grundgewalt und Ywein stotterte nicht, Agloval lächelte dabei flüchtig, und Gwinebant sang die Worte mit seiner Nachtigallenstimme heraus. Und der Ruf klang schön und ward von dem Echo des runden Saales aufgenommen und wiederholt, daß es schien, als ob die Klänge in einer Reihe an den gemalten Wänden hintereinander herliefen. Dann schwiegen alle. Wer aufgestanden war, setzte sich wieder, und während der König die alten Hände zitternd erhob, schwebte das Schachbrett mit leichtem Summen, das an eine dicke Hummel erinnerte und viel leiser war als das Geräusch von Merlins Phönix, ein weniges in der Luft umher und sank dann vor König Artur nieder.

Dessen altes pergamentenes Antlitz hatte sich völlig aufgehellt und schien vor Freude ganz verjüngt. »Das Abenteuer mit dem Schachbrett wiederholt sich«, rief der König jauchzend mit schallender Stimme.

»Wiederholt sich«, jubelte Gawein.

»Wiederholt sich«, rief Keye verwundert aus.

»Wiederholt sich«, riefen die Frauen mit ihren hellen, hohen Stimmen dazwischen.

»Wiederholt sich«, ertönte, wie im Finale einer Oper aus späteren Jahrhunderten, der Chor der elf Ritter.

Und das alles zusammen klang sehr schön ...

Jetzt stand das verzauberte Schachbrett vor dem König, und ungeachtet seines Schwebens waren die goldenen und silbernen Figuren nicht in Unordnung geraten oder umgefallen, sondern geordnet auf den Feldern aus Achat und Chrysopas stehengeblieben. Was für ein prächtig schönes Schachbrett war es doch! Vor König Artur standen die goldenen Figuren: das war sicherlich eine Artigkeit des unsichtbaren Gegenspielers. Und sie waren in zierlichster Arbeit getrieben. Sie stellten König Artur und die Königin Ginevra selber dar. Die Bauern glichen den Rittern der Tafelrunde, und jeder von den Zwölfen konnte sich, wenn er wollte, gut erkennen; auch das war leicht zu sehen, daß die Springer den berühmten Rossen der Ritter glichen, die natürlich alle berühmte Rosse besaßen; Gaweins Gringolette war unter ihnen am allerberühmtesten. Und die Türme waren getreulich nach dem Vorbilde der Burg Camelot geschmiedet und getrieben, und was für schöne Edelknaben und Schildknappen waren doch die acht Läufer!

Der silberne König aber hatte ein wenig Ähnlichkeit mit dem König Clarion von Nordcumberland ...

Da machte der König Artur, vor Glück erstrahlend, einen Zug. Er schob einen der Läufer vor.

Eine unsichtbare Hand spielte gegen ihn.

Alle sahen zu ...

Und es wollte Gwinebant erscheinen, als sähe er die gespenstische Hand, die das Gegenspiel führte, und als gliche diese Hand der des Merlin ...

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