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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel IV

Und in dem dämmerigen Saale sahen die Ritter auf der straff gespannten weißen Wand vor sich, zwischen den leuchtenden gotischen Floskeln der Umrahmung – Stil der Zukunft, der ihrem ästhetischen Bewußtsein noch fremd war – wie auf einem lebendigen Gemälde die letzte Aventiure aufleben, Gaweins Aventiure mit dem schwebenden Schachbrett, das er dem König auf mühevoller Fahrt gesucht und schließlich gefunden hatte. Ja, jetzt waren sie dessen gewiß, daß Merlin die Vergangenheit von neuem heraufbeschwören könne, weil es allbereits vor ihren Augen geschah. Sie sahen ja, wie vor Zeiten, sich selber zusammen um die runde Tafel geschart, während der König sie reihum fragte, wer ihm das Schachbrett suchen wolle. Dann sahen sie Gawein sich erheben, sich waffnen, sein gutes Roß Gringolette besteigen, das zwar jetzt noch im Stall stand, aber zu ritterlichen Ausfahrten ob seines Alters nicht mehr taugte. Sie sahen, wie ihr wackerer Genosse sich im Walde verlor und dann, wie er vor einem Berge haltmachte, der ihm den Weg versperrte, sie sahen, wie der Berg sich – war es Zauberei? – plötzlich weit auftat, und wie er Gawein verschlang. Und dann plötzlich gewahrten sie Gawein im wilden Kampfe mit dem Drachen, der ihn mit seinem Schweif umklammert hielt. Was sie seit Jahren weder geschaut noch verrichtet hatten, einen Drachen und eines Ritters Kampf mit einem solchen, das erblickten sie jetzt, während sie gemächlich in ihren weichen Sesseln saßen. Und es war ihnen ein gar belustigend Schauspiel, und sie alle waren höchlichst erstaunt und kleinmütig dazu und verwunderten sich darob, bis der Saal plötzlich im hellsten Lichte aus großen Edelsteinen, Topasen und Karfunkeln, erstrahlte und Merlin zu ihnen anhob:

»Weiter, meine tapferen Helden und lieben Kumpane, vermag meine Kunst die Aventiure des Vaters der Abenteuer nicht zu zeigen. Meine dienenden Geister wußten nur noch Gaweins Kampf mit dem Drachen in den Maschinen festzuhalten, die die Vergangenheit aufnehmen und sie für alle Zeit bewahren. Doch was ihr sähet, ist genug, euch daran zu erinnern, daß ein Schachbrett hereingeschwebt kam, wie sehr ihr alle auch zweifeltet. Und so, sage ich euch, wird nun, da Pfingsten nahet, von neuem ein Schachbrett am heiligen Feste hereinschweben, und so ihr mir und Gawein zu Willen sein und den König vor trübem Sinne bewahren wollet, werdet ihr von neuem zaudern, um das Werk zu vollbringen. Dann wird, so wie er es bereits einmal getan, Gawein sich erheben, dann wird er zum zweiten Male ...«

In diesem Augenblick erklang zitternd eine silberne Glocke über einer großen Lilie aus Perlmutter, und Merlin sprach:

»Vergebt mir, meine Gefährten, und vergönnt, daß ich einen Augenblick mit meiner Schwester spreche, der Fee Morgueine, die ferne weilt in ihrem Kastell, und die mich durch dieses Zeichen ruft.«

Die Ritter verwunderten sich sehr, allein Merlin näherte sich der wundersamen großen Perlmutterlilie und rief in die Blume hinein:

»Hallo! ... Vielliebe Schwester Morgueine, bist du da? Ja, gewiß. Mit Freuden werde ich dir morgen meinen Zauberwagen senden, der ohne Gespann von selber läuft, und sicher wirst du auf den glatten Wegen, die dein Schloß umziehen, am Saume des Meeres mehr Freude daran erleben als ich, dem inmitten dieser Wälder von Logres solch schöner Wagen doch nicht frommt. Sei dessen gewißlich versichert, vielliebe Schwester, daß ich dir den Wagen gebe, und daß du selber dessen innewerden wirst, wie geräuschlos er läuft.«

Die Ritter waren höchlichst erstaunt und umringten Merlin, als er sich von der großen Perlmutterlilie abwandte.

»Was!« riefen Sagremort und Agloval, Bohort, Hestor und Melegant. »Bei Sankt Johann! Bei Sankt Michael! Bei Mariens ewigem Sohne! Ihr habt mit Eurer Schwester gesprochen, mit Morgueine, die so weit von Euch am Meere wohnt?«

»Warum sollt' ich nicht, vielliebe Gefährten, die Wunderkraft meiner Zauberlilie nutzen?« antwortete Merlin. Und nun sahen sie alle, daß er gänzlich verändert und gealtert war und vor ihnen stand wie ein ehrwürdiger Greis mit silbergrauen Locken und silbergrau wallendem Bart. »Hat doch meine Schwester in ihrem Schlosse eine gleiche Zauberlilie – eine Sprechblume – mit dem schönen Kelch, durch welchen sie zu mir redet, und aus dem sie meine Stimme vernimmt.«

»M ... m ... mit wem«, fragte Ywein, »bist du noch durch solche Sprechblume verbunden, Merlin?«

»Mit niemand mehr, Ywein«, versicherte dieser, »denn nur allergrößte Zauberkunst vermag diesen Anschluß von Schloß zu Schloß zu bewerkstelligen, und nach Camelot wäre es zu meinem Schmerz nicht möglich, weil die Burg unseres königlichen Gebieters nach alter Sitte und Art gebaut und für unsere letzte Erfindung der Zauberkunst nicht geeignet ist ... Und nun, ihr Herren, denk ich in meinem Sinn, daß ihr euch zur Ruhe legen und süße Träume haben werdet, die ich euch senden will, auf daß ihr morgen, am Pfingsttage, auf das Abenteuer des Gawein vorbereitet seid, das sich zu Nutz und Frommen unseres Helden und unserem sehnsüchtigen König zu Liebe wiederholen wird.«

Die Ritter nahmen von ihrem gastlichen Freunde höfischen Abschied, die weiten Türen öffneten sich, und plötzlich erstrahlten die Lichter auf den Treppen, und es schien, als ob sie aufleuchteten und erloschen, je nachdem Merlin seine Hand an den einen oder den anderen Knopf legte, wie sie hier und da an der Wand zwischen dem gotischen, golden aufflammenden Schnörkelwerk fast gänzlich versteckt angebracht waren. Bis Galehot, der, hinter den anderen herschreitend, dies beobachtet hatte, das Licht über den die Treppe hinabsteigenden Rittern erlöschen ließ, dann sein Hand an den topasgelben Knopf legte, und ... den soeben erloschenen Glanz zu neuem Erstrahlen brachte.

»So wahr mir Gott helfe!« rief Galehot, »schaut nur, ich bin ein Zauberer und lasse das Licht nach meinem Willen leuchten!«

Die anderen Ritter wendeten sich um, sahen das Licht dort aufstrahlen, wo es soeben hinter ihnen erloschen war, und erschraken sehr, und Bohort rief:

»Gnade Euch Gott, vieledler Galehot! Drachen habe ich bekämpft, weiß kaum wie viele, allein bei allem Degentum fürchte ich mich vor dieser teuflischen Lampe. Wie habt Ihr die nur aufleuchten lassen können?«

»So und nicht anders!« rief Galehot aus, und zugleich ließ er von neuem eine Lampe an der Wand aufstrahlen, die der Seneschall soeben gelöscht hatte – und lachte, lachte ...

Allein die anderen Ritter lachten nicht, und selbst Agloval blieb diesmal ernst, und sie baten Galehot angsterfüllt, mit dem Zauber nicht leichtfertig Spiel zu treiben.

+++

Indessen, nicht alle von der Tafelrunde waren die Treppe hinabgestiegen, nach Camelot zurückzukehren. Als Merlin die Weggehenden hinausgeleitet hatte und in den Saal zurückkehrte, fand er Gwinebant, den Neffen der Königin, der mißvergnügt in seinem Sessel saß, dieweil Lancelot besorgt vor ihm stand.

»Was gibt es, ihr guten Freunde?« fragte Merlin. »Und warum folget ihr nicht den andern allen?«

»Gwinebant ist krank«, sagte Lancelot, während er seine Hand auf die schmale Stirn des Jünglings legte. »In seinen Schläfen pocht es wie Hammerschläge, und sehet doch selbst, wie bleich seine Wangen sind. Könnt Ihr ihm nicht helfen, Merlin, Ihr, der Ihr um allerlei Zauberkünste wisset und auch die heilsamen Blumen und Kräuter kennet?«

Merlin blickte eine Weile auf den schönen Gwinebant und sprach dann:

»Fürwahr, mein lieber Lancelot, dieser Knabe, der sonst einer Rose gleich blühte, siecht in letzter Zeit dahin wie eine gebrochene Blume. Bei meiner Ehre, es ist nicht schwer, zu raten, was ihm fehlt. Ihn drückt sonderer Kummer, unseren lieben Gwinebant, Liebeskummer sehrt ihn. Sagt, ist es nicht so, Gwinebant?«

»Ja, Merlin, es ist so«, antwortete Gwinebant, und schlaff fielen die sonst so kräftigen Arme an seinem schlanken Leibe herab. »Seit ich vor Monaten, beim letzten Turnier, Ysabel geschaut habe, die schöne Tochter des Königs Assentijn von Endi, hält die Liebe meine Sinne umfangen, und mein Hirn erfüllt kein anderer Gedanke als der an jene edle Jungfrau. Ysabel nennt mehr Schönheiten ihr eigen als Venus, die Göttin der Liebe selber. Ysabel ist schöner als Helena von Sparta oder als die irische Isolde mit den blonden Haaren, zu der Tristan so unselige Neigung trug. Ja, Ysabel ist schöner – vergib mir, Lancelot, daß ich das sage – als unsere schöne Königin Ginevra, und wenn ich euch beide durch die blühenden Haine wandeln sehe, so bin ich dessen wohl inne, daß Ysabel Ginevra weit übertrifft an vielerlei Schönheit, mir aber stockt das Herz in der Brust; es ist, als würde ich von Flammen verzehrt und wüßte nicht, wie ich meinen brennenden Durst löschen soll.«

Und der liebeskranke Gwinebant legte sein hämmernd Haupt an Lancelots Brust, als wolle er Trost suchen bei einem Freunde, bei Merlin – wie alt war er nun, da die Mitternacht vorüberstrich! –, der nun den Finger an seine Stirn legte und ausrief: »Ysabel! Ysabel! Die Enkelin Assentijns! Wahrlich, ihr lieben Freunde, ich hatte in meinem Sinn nie an sie gedacht. Allein wir bedürfen ihrer nötig zu unserer Aventiure, die sich nun nach zehn Jahren erneuern soll. Denn hat Gawein nicht des Assentijn Tochter, die einstens Ysabel genannt wurde, in der Burg zu Endi gefunden, wo das erste Schachbrett durch das offene Fenster hereinschwebte, und hat er sie nicht mit sich geführt an des Königs Hof, zu seinem ehelichen Gemahl genommen, und ist sie nicht im Wochenbette gestorben? Armer Gawein! Untreu war er ihr oft, wenngleich er sie heiß liebte, seine Ysabel, sein liebes Weib, das aller Tugenden voll war. Eine Enkeltochter hat Assentijn von seinem Sohn, der im Kampf gegen Rom umkam. Und sie trägt den Namen ihrer Mutter Ysabel. Diese zweite Ysabel wird ihren Oheim Gawein zu Endi empfangen, so wie einst ihre Mutter ihn empfangen hat.«

Gwinebant war in großer Verwirrung aufgesprungen.

»Was meint Ihr, Merlin? Und welchen Wunsch bergt Ihr hinter all Eurem Nachsinnen und in all Euren Zauberplänen?«

»Nichts anderes, viellieber Gwinebant, als deiner Liebe zu dienen, mein guter Knabe! Du, Lancelot, kehre zurück nach Camelot und lasse mir Gwinebant. Und du, Gwinebant, vertraue dem Merlin, der noch nie ein böser Zauberer war, und steige noch in dieser Nacht auf meinem Phönix mit mir in die Lüfte empor. Dann will ich dich zu Ysabel geleiten.«

Der junge Ritter stieß vor lauter Freude einen Schrei aus.

»Zu Ysabel, zu Ysabel!« rief er.

Eine Weile später ritt Lancelot durch die Nacht nach Camelot. Daß er durch alle die Pforten gelangen würde, die Keye so sorgfältig verschlossen hatte, versprach ihm Merlin, wie er es auch den anderen Rittern versprochen hatte.

Und auf dem Phönix, den Merlin lenkte, stiegen Gwinebant und der Magier empor. Der junge Ritter saß hinter seinem Lenker und wunderte sich über die Maßen.

Der rauschende, pfauengleich schillernde Vogel mit den geraden Flügeln, azurfarben im Mondenschein anzusehen, schwebte höher und höher, und aus seinen demantenen Augen schössen zwei Bündel greller Lichtstrahlen, die den Weg erleuchteten und die Baumwipfel des nächtlichen Waldes trafen. Und zwischen Himmel und Erde, zwischen Wäldern und Sternen führte Merlin den jungen Gwinebant zur minnigsten Maid. Vor Glück lachend, hob Gwinebant von dem schwarzen Blättermeer, das drunten lag, einem gar stillen Meer mit nur leicht gekräuselten Wogen, sein Antlitz zu den Sternen empor. Wie sie schwebten! Wie der Phönix dahinflog! O Zauberei, o köstliche Zauberei des Fliegens und Schwebens durch die Lüfte, durch die Sommernacht, über die Welt, zwischen Sternen und Wäldern, bis sich in der Ferne von dem klaren Nachthimmel die gedrungene Silhouette der Burg Assentijns, des Gawein Schwiegervater, abzeichnete. Ysabel, seine Tochter, vorzeiten Gaweins liebes Gemahl, war von dieser Erde geschieden. Allein Ysabel die Junge, Assentijns Enkeltochter, die Gwinebant so sehr liebte, sie lebte dort in jenem Schlosse ...

Der Phönix kreiste über dem Schlosse: ganz geräuschlos jetzt und unsichtbar durch die Kunst Merlins, die auch ihn selbst und Gwinebant unsichtbar machte ... Ringsum in den Lüften war ein anschwellendes Brausen hörbar wie von vielen leichten und luftigen Flügeln: ein Sausen wie von Hunderten von Stimmen, das anschwoll und immer stärker anschwoll ...

»O Merlin«, hob Gwinebant an.

Allein es schien, als schwebte er hinter Merlins Rücken.

»Meine lieben Trabanten«, flüsterte Merlin links und rechts den Lüften zu. »Meine treuen Diener, meine allzeit frohen Sylphen! Hierher, hierher! Auf eure leichten Falterflügel nehmt den jungen Ritter hier, und übergebt seine leibliche Hülle den Gnomen im Walde, die ihn behüten sollen, meine Getreuen! Sie sollen gute Wacht über ihn halten. Ihr aber, ihr Sylphen, ihr sollt seine Seele voller Liebe mit euch führen bis in Ysabels Traum! Kommt, kommt. Nehmt ihn und tragt ihn mit euch dahin!«

Einen Augenblick drang ein Mondenstrahl durch die Wolke, die Merlin und Gwinebant unsichtbar machte, und in dem Mondenstrahl hing, für Tausende von oben herabblinkender Geisteraugen sichtbar, die blaue Zaubermaschine, der schwebende Wundervogel, und deutlich wurden die unzähligen silbernen Sylphenflügel, die waren wie die Schwingen von Libellen und Wasserjungfern, und die durchsichtigem Glase glichen.

Die Schar der Sylphiden, die den ohnmächtigen Körper Gwinebants trugen, senkte sich herab, langsam, langsam, und wurde dann wieder deutlicher in silbrig strahlenden Umrissen, als sie aus den dunklen Wäldern empor Gwinebants Astralleib in den Armen hinaufhob.

»Webet den Traum von hier nach dort, von dort nach hier«, flüsterte befehlend Merlin. Er wies vom Schloß nach dem Walde, vom Walde nach dem Schloß.

Wie weitgesponnenes Spinnengewebe leuchteten silbern die schwarzen Fäden vom Schloß zum Walde, vom Walde zum Schlosse, während Merlin, der unsichtbar auf dem wie leblos schwebenden Phönix stand, mit seinem Stabe magische Zeichen in die Lüfte schrieb.

Und das Traumgewebe, das durchsichtige Spinnengewebe, spann sich weiter und weiter zwischen Erde und Himmel, zwischen Ritter und Jungfrau.

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