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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kapitel XXXV

Den folgenden Monat gab es auf Camelot großes Trauern um Gawein, der – so meinten nun alle – der tapferste Ritter der Tafelrunde gewesen. Und sein Leib ruhte nun in dem Grabgewölbe unter der Burgkapelle. Allein seine Seele, dessen waren alle gewiß, hatten die Engel mitgeführt in das Paradies zu Sankt Michael ... Und König Artur war sehr siech; ihn drückte der Jahre Last und Wehmut darum, daß seine Ritter nicht mehr an Wunder und Abenteuer glauben mochten. Gawein war der letzte gewesen, der davon erfüllt gewesen war, die neuen Ritter aber, die sich bei der letzten Verteidigung von Camelot als tapfere Helden erwiesen hatten, hielten gar nichts mehr davon und meinten – König Artur hatte es selber gehört –, daß alle Abenteuer und, als damit zusammenhangend, auch alle Kriege der alten Könige untereinander in der neuen Welt keine Bedeutung mehr hätten. Und sie glaubten, Krieg mit Paris oder Köln müsse kommen, um Logres und die anderen Königreiche von Britannje erst recht zur Blüte zu bringen. Diese neuzeitlichen Ansichten schmerzten König Artur gar sehr in seinem alten Königsherzen, um so mehr, als er nun mit den neuen Rittern ganz allein war. Denn die neun von der ersten Tafelrunde, Lancelot, Gwinebant, Sagremort, Bohort, Ywein, Agloval, Galehot, Hestor und Melegant waren mitsammen zu Fuße nach Rom gepilgert. Ihre Seelen waren schwer belastet durch den mehr oder weniger üblen Scherz, den sie mit dem von Merlin gesandten Schachbrett an ihrem lieben Gefährten Gawein getrieben hatten. Sie hatten gemeint, daß Merlin allen Anlaß haben dürfte, mit ihnen zu ziehen, allein Merlin der Zauberer – wenn er auch kein böser Zauberer war – sagte, er ginge nicht nach Rom. Und er brauchte keine Buße zu tun. Er hätte nur die Dinge gelenkt, die auch ohne ihn sich ereignet haben würden, wie es im Willen der Allmacht und des Himmels und der Kirche gelegen hätte ... So recht begriffen die Ritter nicht, was Merlin mit der Aufzählung der himmlischen Mächte meinte. Allein sie beteten für ihn unterwegs und in Rom... Der Trauer wegen saß der König Artur während all der Monate nicht an der Tafelrunde, auch mochte er die neuen Ritter, deren Zweifel und Widerwillen er bemerkt hatte, nicht trotz ihres Unglaubens unter seine Anschauungen zwingen. Aber es schmerzte ihn sehr, und gern hätte er wenigstens einmal allein an der Jaspistafel gesessen, doch er unterließ es um Ginevras willen, die ihm mit ihrer melodischen Stimme sagte, nun, da er siech und alt wäre, würde das für seine Gesundheit und sonderlich für seinen Magen gar nicht gut sein. Und der ›Urquell aller Schönheit‹ hatte König Artur sanft von dannen gezogen.

Zum Trost für ihn waren König Assentijn und Ysabel auf Camelot geblieben.

Krieg drohte jetzt nicht mehr mit Nordcumberland. Zweimal war Clarioen besiegt, und so würde er wohl jetzt, wenn auch die neun Helden zur Buße romwärts gepilgert waren, keinen Streit mehr wagen. Und die Wintertage schleppten sich eintönig hin. Der Schnee lag in den entlaubten Wäldern und säumte mit breitem Saum die Festungswälle um Camelot und die Zinnen und die Türme, und fast nie mehr erklang der Hörnerschall der Wächter. Kein Ritter durchzog diese Lande. Der Nordwind blies um die Burg. Die kurzen Tage ließen schon am frühen Nachmittag trübe Wehmutsstimmung in den grauen Winkeln der Kemenate aufkommen, und weil König Artur siech darniederlag, wollten Sorge und Trübsal nicht mehr weichen.

Und während König Assentijn neben dem Bette des Königs Artur saß und ihm Trost zusprach und ihn dabei an das ruhmreiche Einst erinnerte, da noch an jedem lieben Tage sich Abenteuer zutrugen (wenn es auch Tage voll großer Mühsal gewesen seien, meinte Assentijn, der niemals sehr für die Tafelrunde geschwärmt hatte): währenddessen suchten Ginevra und Ysabel einander. Die Jungfrau war froh, die holdselige Königin, von der sie im Ritterroman vom treuen Lancelot so viel gelesen hatte, nun mit eigenen Augen schauen und sie, die Königin der Minne, liebhaben zu dürfen, und sie selber gestand ihr ein, daß sie Gwinebant minne, und daß sie ihn allzeit geminnt habe, und daß sie darum Gawein die Unwahrheit gesagt habe, als er sterbend unter der Königslinde lag. Und wiewohl Ginevra sie tröstete, weil sie aus Barmherzigkeit gelogen hatte, und obwohl der Kaplan ihr die Beichte abgenommen und Absolution erteilt hatte, wollte Ysabel noch größere Buße tun, als daß sie jeden Tag an des Gawein Grabstätte im grauen Gewölbe unter der Kapelle für seine Seele betete und für sich selber Vergebung erflehte. Und so zog sie denn auf Pilgerschaft zusammen mit der Königin, die glaubte, es sei besser, ob so treuer ehebrecherischer Liebe zu Lancelot eine Bittfahrt zu tun, als niemals Reue zu zeigen. Und die Königin und die Prinzessin und ihre Edelfrauen wallfahrteten barfuß in weißen Kutten über die verschneiten Wege, die langen, im Winde flatternden Kerzen in der Hand, und ließen sich von Rittern und Waffenknechten drei Tage lang von Kapelle zu Kapelle geleiten. So gelangten sie auch zu dem Kirchlein, bei dem auf dem Friedhof Mordred und Didonel von Gawein begraben worden waren. Und sie beteten für beider Seelen. Sie sprachen vielerlei Gebete, und allüberall verteilten sie ihre Gaben. Doch sehr erfreut waren sie, als sie dann nach Camelot zurückkehren und sich an den großen flammenden Feuern die erfrorenen Händchen und Füßchen wärmen und einander von ihrer Minne mit geringerer Reue erzählen konnten, nun sie drei Tage durch den Schnee gepilgert waren.

Doch oftmals rief Assentijn Ginevra an das Krankenlager des Königs. Der aber wünschte es nicht, daß die Königin allzeit dort verweile. Aber nun, da er sich von einem Tage zum anderen dem Tode näher fühlte, legte er, während sie neben ihm niederkniete, seine große geäderte Hand auf ihr goldblondes Haupt und dankte ihr, daß sie allzeit liebevoll zu ihm gewesen, wie ein Töchterchen. Wenn er sie nun verlassen müsse, so würde sie als Königin über Logres herrschen, und er empfehle ihr, sich einen anderen Gemahl zu küren. Zu Lancelot rate er ihr ... Sie weinte gar sehr. Und ihre Tränen flossen über des Königs Hände, und des Königs Kuß traf ihre Stirn und segnete die süße und treue Sünderin.

Da eines Tages kehrten die neun Pilger von Rom zurück. Auf dem Wege hatten sie miteinander viel darüber gesprochen, wie seltsam doch Wunder und Abenteuer seien. Sie mußten einander zugeben, daß das von Merlin gesandte Schachbrett, um das sie alle gewußt hatten, allerlei nach sich gezogen hatte, zum Exempel: Schandkarren und bedrängte Damoicelen und sogar – wehe! – des Gawein Tod. Hatte sich nicht alles eins an das andere gefügt bis zu der Pilgerfahrt, zu der sie sich bewogen fühlten? Und als sie nach Camelot zurückgekehrt waren, umarmte Ysabel Gwinebant, und Ginevra umarmte Lancelot und sagte ihm, dieweil ihr die Tränen über die Wangen rannen und sie noch schöner machten, daß der König im Sterben läge. Und die neun Helden standen um des Königs Lager, und zu ihnen fand sich ein Sänger, den sein Fiedler begleitete, und der sang von früheren Rittertaten, und umringt von den Seinen und in Gesichten von Wundern und Abenteuern verschied König Artur, der über das Land Logres geherrscht hatte, in seiner Burg zu Camelot.

Nachdem der König in seinem königlichen Grabe mitten in dem Gewölbe unter der Kapelle beigesetzt war – Gawein ruhte gleich daneben –, huldigten die Helden in Gegenwart Assentijns und Ysabels der Königin Ginevra und legten ihr als ihre Vasallen und Barone feierlichen Treueschwur ab. Und darauf zog Bohort den Lancelot in den Vordergrund. Allein der und die anderen schoben wiederum Bohort vor, der ja so riesengroß war und der gewißlich leicht das rechte Wort würde sprechen können, während Ginevra so lieblich verlegen auf dem Throne saß und ihr zur Seite ihre Gäste, Assentijn und Ysabel. Und da sagte Bohort, daß die Königin um des Landes und um ihrer Krone willen sich unter ihnen allen von der Tafelrunde einen neuen Gemahl wählen müsse. Und Bohort machte es sehr gut, gleich als wenn er keinen Augenblick an Lancelot gedacht hätte, und auch die anderen alle hielten sich sehr gut, gleich als käme auch ihnen keinen Augenblick Lancelot in den Sinn. Und als die Königin nun den Lancelot erkor – mit züchtiger Stimme kündete sie ihre Wahl –, da stellten sie alle sich so an, als seien sie sehr überrascht, zugleich aber auch so, als ob sie ihrer Königin Wahl sehr priesen; denn sie stießen Freudenrufe aus und brachten Lancelot als dem zukünftigen König von Logres ihre Huldigung dar.

+++

Was soll ich es nun noch so lang machen? Als der Winter vorüber war, brach der Weltkrieg zwischen allen vereinigten Königreichen von Britannje und Wallis, die sich mit Paris und Rom vereinigt hatten, und dem König von Köln aus. All die alten Könige waren gestorben, auch der gute Assentijn von Endi und auch der böse Clarioen von Nordcumberland. Und der schöne Gwinebant hatte die schöne Ysabel geehelicht; sie beide herrschten über Endi, und Lionel, der Ritter vom Schandkarren, gebot über Nordcumberland. All diese jungen Könige schloß die moderne Politik zu einem Bunde zusammen, und eine ungeheure Heeresmacht zog unter ihrer aller Führung gen Köln, wo gleichfalls ein neuer König herrschte, gleichwie zu Paris und Rom, denn es gab allenthalben lauter junge Könige in der Welt. Der Weltkrieg mußte gewaltig werden, wie man noch nie einen erschaut hatte.

Zu Camelot und Endi blieben die Königinnen Ginevra und Ysabel, die von König Lancelot und König Gwinebant Abschied genommen hatten, allein zurück. Ginevra aber, die edlere und auch ältere der beiden, sandte Botschaft an Ysabel, ob sie nicht in Camelot Wohnung nehmen wolle, bis ihrer beider Könige und Gemahle siegreich aus dem Weltkriege heimkehren würden. Die nahm es voller Dank an und kam nach Camelot. Und Merlin, der hin und wieder auf seinem blauen Phönixvogel herbeigeeilt kam, fügte es so, daß den beiden Königinnen in jeder Nacht von ihren Königen träumte, und daß zwei Wundertrompeten auf ihren Tischen standen, aus deren einer des Königs Lancelot milde tiefe Stimme erklang, dieweil die andere den nachtigallenhellen Ton von König Gwinebants Stimme wiedergab. Auch lud Merlin die beiden Königinnen häufig ein, sich auf der weißen Zauberwand in seinem Schlosse die letzten Wunderbilder der ausziehenden Heeresscharen anzusehen: er bestellte dies alles jetzt durch drahtlosen Fernspruch und hatte auch die Gewogenheit, die edlen Fürstinnen zu einer kleinen Ausfahrt in seinem Zauberwagen oder gar zu einem Flug mit seinem Phönixvogel aufzufordern, der mit ihnen hoch emporstieg, weit über die Zinnen von Camelot und von Endi.

Allein im Grunde liebte die Königin Ginevra all diese neuen Maschinen nicht sehr, während Königin Ysabel dafür schwärmte. Und an einem sonnigen Maimorgen – der Weltkrieg mußte vorüber sein, denn Weltkriege dauerten damals nicht länger als einen einzigen Winter – sprach die holde Ginevra zur nicht minder holden Ysabel:

»Meine vielliebe Fürstin und Freundin, würdet Ihr mir, während wir unsere siegreichen Könige und Helden erwarten, eine Freude bereiten wollen, so kommt doch mit in meinen Hain der Freude, in dem ich damals so häufig mit meinem Lancelot wandelte, als König Artur noch lebte. Dort steht ein Wunderbaum, der alte Wunderbaum, der mir von allen Maschinen des Merlin eigentlich am allerteuersten ist, und Merlin hat ihn auf mein Ersuchen selber ausgebessert. Und wir werden darunter sitzen und die goldenen Vöglein singen hören und die goldenen Blättlein sich regen sehen ...«

Und die Königin Ginevra führte die Königin Ysabel mit sich in ihren Hain. Der Mai lachte rings aus allen Blütenblättern. Allein das Schönste an ihrem ganzen Hofe wäre doch, so meinte Ginevra, der Wunderbaum, den Merlin bereits vor Jahren für sie gemacht hätte. Und Ysabel sah den Baum, den sie aus den Liedern der Troubadoure bereits kannte, und lächelnd und sehr neugierig schaute sie ihn an. Der köstliche Baum war aus eitel rotem Golde und breitete seine Zweige und Äste weit aus, die auch alle aus feinstem Golde waren, und auf jedem Zweige, auf jedem Ästlein stand ein goldenes Vögelein, sehr künstlich und fein bereitet und allerliebst anzusehen. Der Baum war in jeder Hinsicht sehr wohl gelungen und voll zauberhafter Schönheiten. An jedem seiner schönen Blättlein hing ein goldenes Glöckchen.

Und Ginevra lud Ysabel ein, auf der Marmorbank unter dem Baum Platz zu nehmen. Und die beiden Königinnen blickten lächelnd empor, und ihre Edelfrauen und Damen kamen auch herbei, um zu sehen und zu hören. Und plötzlich begann jedes der Vöglein sich aufzurichten und zu zittern, gleich als lebe es, und dann ganz süß zu singen; ein jedes Vöglein gab sein eigenes Liedlein. Und das alles klang so schön und so hell, daß die beiden Königinnen mit frohen Sinnen zuhörten. Zu sechst und zu sieben sangen die Vöglein ihre Liedchen, hoch und tief, und darauf begannen auch die Glöckchen an den Blättern zu klingen, hoch und tief, und das alles zusammen bildete eine einzige Harmonie voller Melodie, und Ginevra sagte, während sie andächtig ihren schlanken Finger hob:

»Hört Ihr es, vielliebe Ysabel? Schönere Musik ertönt auch wohl nicht bei den Engeln im Paradiese. Und wenn einer bis zum Tode verwundet wäre: er würde aller Schmerzen bar, so er hier nur eine kurze Weile diese Vöglein hören könnte. Und wir, meine süße Ysabel, wir werden, bis unsere Könige siegreich aus dem Weltkriege heimkehren, ihrer hier harren und diesen klaren Tönen lauschen und darüber die langen Stunden des Wartens vergessen. Und unter dem Wunderbaum, müsset Ihr wissen, o Ysabel, ist kunstvoll und mit großem Geschick ein Verschlag hergerichtet, und darin stehen wohl sechzehn Männer, und die haben acht Blasebälge in den Händen, und mit diesen treiben sie mit großer Wucht Wind in den Baum, von unten her in die Wurzeln bis hinauf in die Wipfel, und wenn sie dann mit ihrem Luftzug die Vöglein und auch die Glöcklein treffen, so singen sie alle zusammen ... Hört! Hört!«

»Hört! Hört!« wiederholten leise die Edelfrauen, und alle hoben sie lauschend einen schlanken Finger in die Luft.

Darauf lauschte auch die Königin Ysabel lachend. Alle die Frauen sangen die Musik nach, und auch Ginevra sang entzückt mit, und alle lachten und sangen. Und die Vöglein zwitscherten höher, und die Glöcklein läuteten tiefer. Und das alles war Wunder und Zauberei.

Die beiden Königinnen lächelten leise singend mit erhobenem Finger einander zu. Da gewahrte Ysabel plötzlich, daß in dem goldblonden Haar des ›Urquells aller Schönheit‹ ein Silberfaden glänzte, und Ysabel begriff, warum Ginevra den alten Baum lieber habe als alle neuen Maschinen.

Allein sie sagte nichts, die süße Ysabel, denn eigentlich war es ja auch Zauberei, daß ihr in jeder Nacht von ihrem jungen Gemahl, dem König Gwinebant, träumte, der schöner war als Sankt Michael selber ...

Plötzlich ward über der Musik des Baumes eine schmetternde Fanfare aus den Kupferhörnern der Turmwächter hörbar. Sie kündete die Heimkehr der siegreichen Könige an.

Und die Königinnen sanken einander jubelnd in die Arme, während Keye hinkend dahergelaufen kam, mit seinem schweren Schlüsselbund die Tore zu öffnen.

Da weihte die süße Ysabel inmitten des Fanfarengetönes und der klingenden Zauberbaummusik dem Gawein, als dem ritterlichsten aller Ritter der Christenheit, eine Zähre der Erinnerung.

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