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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXXIV

»Mein viellieber Neffe«, sprach König Artur gerührt, »mein tapferer Held, ich danke dir für die so schön vollbrachte Aventiure. Sie war nicht minder schön, als dereinst die Fahrt nach dem ersten Schachbrett, wenngleich Didonel und Mordred, wehe mir, sich als zwei Schurken erwiesen ...«

Der König – er hatte inzwischen das Schachbrett der Sorge seiner Schatzmeister empfohlen – wollte hinzufügen, daß er die Tafelrunde, wenn er auch in den letzten Jahren mancherlei von der Zweifelsucht seiner Ritter erraten haben mochte, noch immer für eine ausgezeichnete ritterliche Einrichtung erachte, und daß er nicht daran denke, sie aufzuheben ...

Allein er wollte nun König Assentijn, der sich nach der ersten Begrüßung so echt königlich bescheiden nicht allzusehr in den Vordergrund drängen wollte, erst mit Ehren überhäufen und rief:

»Mein Freund und König von Endi! Wie freut es mich von Herzen, daß Ihr mit der Blume Eures Herzens, Eurer Enkeltochter, der Prinzessin Ysabel, jetzt nach Camelot gekommen seid, so daß wir die Bande königlicher Freundschaft zwischen uns beiden enger knüpfen, und ...«

Da stand Gawein, während seine Züge sich schmerzlich verzerrten, aus seiner knienden Stellung auf und ging zur Seite und hielt die Hand unter das Herz gelegt.

Alle riefen: »Die Wunde schmerzt! Ihn schmerzt die Wunde. Lasset ihn sich neben Gwinebant auf das Wunderbett legen.«

Allein Gawein wandte sich in Schmerzensqualen um, schritt von den Stufen des Königsthrones hernieder und wehrte den Gefährten.

»Lasset mich, meine lieben Gefährten«, sagte Gawein. »Ich fühle, daß es für mich schon zu spät ist.«

Nein, das wollte keiner von allen glauben. Zu spät, wenn doch das Wunderbette, das Merlin so kunstvoll geschaffen hatte, dort oben in der Kammer stand? Zu spät, wenn sie ihn jetzt sogleich an der Seite des Gwinebant betteten, der bereits – so meldeten drei, vier Ärztemeister – im gesunden Zauberschlaf lag und dessen Wunde an der Schläfe unter den Augen dieser drei, vier Ärzte, die seine Genesung verfolgten, herrlich heilen würde – zu spät? Es könne nicht zu spät sein, riefen sie alle Gawein zu und wollten ihn forttragen; er aber wehrte ihnen ab.

»Meine lieben Freunde«, sprach er leise, und er sprach so höfischer Form voll, wie er stets in seinem Leben alles und zu einem jeden voll höfischer Form gesprochen hatte, »lasset mich zu euch reden und glaubet mir, so wahr ich ins Paradies zu kommen hoffe: es ist so weit, ich sterbe ... Meine lieben hehren Könige von Logres und Endi, mein Oheim Artur und Ihr, mein Schwiegervater, ich sterbe. Seid dessen gewiß! Wenn ich fühlte, daß ich auf dem Wunderbette noch genesen könnte, auf dem Gwinebant ruht und gesundet, so würde ich nicht zaudern, denn ich bin einer ...«

Beinahe wären ihm die Sinne geschwunden.

Und angsterfüllt neigten sich alle über ihn.

»Ich bin einer, der das holde schöne Leben gar sehr liebte mit all seinen Wundern, Abenteuern, Schlachten und schönen Frauen. Ich habe es vielleicht zu lieb gehabt. Meine Freunde, gebeichtet habe ich niemals. Meine Freunde, ruft mir den Kaplan!«

Der Gottesmann trat vor.

»Ich beichte«, stammelte Gawein. »Ich bin ein schlechter Mensch gewesen, ein Sünder ... ein schurkischer Ritter ... ich beichte, ich beichte alles!«

Er stammelte dem neben ihm knienden Pfaffen ins Ohr.

Rings um den stille Beichtenden ertönte nun allgemeines Wehklagen. Gawein ... stirbt? ... Sie wollten es nicht glauben. Ungläubig fragten sie Merlin, und einer wollte es vom anderen bestätigt hören. Die zwei Könige fragten einander, und Ysabel fragte voller Schmerz die Königin Ginevra:

»Stirbt Gawein wirklich? ...«

Keiner von allen konnte es glauben. Gawein, der so stark, so jung, so rüstig, so mannesstark, so mannesjung ihnen im Kampfe vorangeleuchtet hatte gleich einem Erzengel, gleich Sankt Michael selber mit dem flammenden Schwert ... Gawein sollte sterben ...?

Allein Gawein rief mit erlöschender Stimme:

»Ysabel!«

Sie näherte sich ihm und zitterte wie eine vom Wind bewegte Lilie. Und ihr Schoß war mit Blut befleckt, und blutrot streckte sie ihre Händchen vor.

»Gawein«, murmelte sie und kniete neben ihm nieder.

»Ysabel«, sagte Gawein, »siehst du, ich sterbe. Langsam, langsam fließt mir das Blut aus dem Herzen. Nein ... laßt mich hier liegen, auf der Stufe von meines Herrn Königs Thron. Laßt mich in meiner Rüstung sterben, das ist mir besser denn der Tod auf einem Bette. Denn für das Wunderbette ist es, wehe, zu spät. Ysabel, du meine Liebste, sage mir nur ein einziges Mal – woran ich hin und wieder sehr gezweifelt –, was ich so manches Mal nicht so sicher gewußt habe ... sage mir jetzt ein einzig Mal nur, aber aufrichtig: hast du mich lieb ...? Oder hast du Gwinebant, den werten Gefährten, allzeit lieber gehabt als mich?«

Ysabel kniete neben Gawein und schlang die Arme um sein braunes lockiges Haupt, drückte ihre Brust an seine Wunde, schaute ihm lange und tief in die braunen Augen, die zu brechen schienen, und sprach:

»Gawein, mein lieber Gawein, glaube mir in dieser Stunde: Ich habe dich immer lieber gehabt als Gwinebant!«

Seine Arme schlossen sich um ihr blondes Haupt, das er liebevoll drückte ... Die Abenddämmerung brach herein: überall im Hofe und vor den Toren flammten die Fackeln auf, und große Kerzen wurden entzündet. Überall knieten hier und dort Frauen, Ritter und Barone und beteten. Und auf der Schwelle war Gwinebant erschienen, den die Ärzte stützen mußten. Genesen war er noch nicht. Doch als er aus dem ersten Zauberschlaf erwacht war und vernommen hatte, daß Gawein im Sterben liege, hatte er sich von dem Zauberbett erhoben. Und da stand er nun auf der Schwelle der Burgtür ...

Und hörte Ysabels Worte, die sie wiederholt hatte:

»Ich habe dich, Gawein, immer lieber gehabt als Gwinebant!«

»Gwinebant!« hörte man hier und dort flüstern und manch einer erschrak, weil er noch nicht völlig genesen schien.

Ysabel löste sich aus Gaweins Armen und hob den Kopf auf. Sie schaute Gwinebant gerade in die Augen, die aus seinem bleichen Antlitz sie anstarrten. Und sie lächelte ihm über Gawein, der selig die Augen schloß, schmerzlich zu.

Gwinebant verstand, und sie verstanden sie alle. Der Kaplan begriff und machte wegen ihrer Lüge, ohne daß Gawein es sehen konnte, das Zeichen des Kreuzes über Ysabels Stirn.

Und er bat den Gott des Himmelreiches, er möge ihr vergeben.

»Gawein!« rief Gwinebant bleich von der Schwelle her.

»Gwinebant!« tönte es von dem sterbenden Gawein zurück, »komm zu mir.«

Gwinebant näherte sich und kniete neben Gawein nieder.

»Du hast mich gerettet, Gawein«, sprach er, »und du stirbst an der Wunde, die du für mich empfingest.«

Allein Gawein drückte mit beiden Armen Ysabel und Gwinebant an sich, er drückte ihrer beider Köpfe an seine Brust, die heftig pochte, und seine Augen schauten in die Nacht empor, zu den klaren Sternen, die hoch über den qualmenden Fackeln ringsumher vom Himmel strahlten.

»Gwinebant«, murmelte Gawein, und: »Ysabel! O meine geliebte Ysabel, meine Braut, liebte mich, doch sie liebte auch dich, Gwinebant! So es unseren Königen recht ist, mein Freund, so empfange Ysabel von mir, da ich sterbe. Sei ihr Gatte, Gwinebant. Und du, Ysabel, die ich minnte, wie ich nie ein Weib geminnt habe, sei dem Gwinebant Gattin. Ich sterbe, wie gern ich auch noch hätte leben mögen. Ich sterbe glücklich. Seht, seht all meine Freunde: die Himmel öffnen sich, es glänzt, es strahlt. Ein Heer von Engeln mit silbernen Flügeln füllt den offenen Himmel. Schauet, König Artur, ich sehe Sankt Michael selber, den heiligen Helden; sein Schwert flammt, und er besiegt Luzifer, und er stürzt ihn aus dem Himmel. Mein heiliger Schutzpatron, ich sehe dich: Sankt Michael! Sankt Michael! Ich sehe dort die himmlischen Wälder; sie sind voller Drachen, die ich bekämpfen werde! Sankt Michael winkt mir. Ich sehe schwebende Schachbretter, sehe viele blutende Speere, und ich sehe ... den heiligen Gral, die strahlende Schale voll heiligsten Blutes. Das ist ein helles Leuchten! Sankt Michael, ich komme. Euer Ritter, den Ihr wohl empfangen müsset, wird die sündige Rüstung von den sündigen Gliedern streifen und zu Euch kommen und in diamantener Rüstung erstrahlen, die Ihr mir geben sollt. Ysabel, die ich minnte, fahr wohl! Gwinebant, lieber Knabe, leb wohl! Sehet nur, die Engel steigen hernieder, um meine Seele zu empfahen!«

Langsam öffnete Gawein seine Arme ...

Und er ließ Gwinebant und Ysabel los.

Seine sterbenden Augen blickten verzückt mit brechendem Blick empor, wo die Himmel sich vor ihm in voller Glorie öffneten ...

Ringsum in der Nacht, in dem Qualm der windbewegten Fackelflammen auf dem Burgplatze knieten alle nieder ...

Gebete erklangen ...

»Gott im Himmelreiche, der du für uns geboren wurdest ...«

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