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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXXII

Und wirklich: näher und näher kam ein lautes Stampfen von Rossen und Blitzen von Waffen und Funkeln von Schilden, und heran brausten die zehn Ritter als eine festgeschlossene Ritterschar: schwer und breit erschienen sie auf ihren schweren Rossen mit den breiten Schabracken: Gawein, Lancelot, Gwinebant, Bohort, Hestor, Melegant, Agloval, Ywein, Sagremort und Galehot – und hinter ihnen, inmitten seiner Barone, ritt der alte Assentijn. Ehrfurchtgebietend war der Greis zu Pferde, und hinter ihm her zog sein Heer, und die vielen Fähnlein und Wimpel und Banner flatterten an den Lanzen und Speeren und Fahnenschäften. Aber über die Ebene war derweil auch im Halbkreis Clarioens Heeresmacht dem näher gerückt, um Camelot zu umzingeln. Vom Turm aus ließ sich nicht unterscheiden, auf welcher Seite die größere Heeresmacht stand, auf deren Clarioens oder auf der des Assentijn: für den bildeten freilich schon die zehn Helden allein eine gewaltige Macht, die über den Weg dahergebraust kam.

Jetzt aber erblickten die beiden Heere einander dort, wo der Weg aus dem Walde in die Ebene führte, und die Mannen Clarioens begriffen, daß von Umzingeln nun keine Rede mehr sein könnte. Mit wildem Kriegsgeschrei wandten sich die zehn Helden von der Burg ab über die Ebene, und sie erschienen mit den herabgelassenen Visieren wie zehn eiserne Zentauren, so waren sie mit ihren Rossen verwachsen, und im Nu war der Kampf entfacht. Himmel, was sah man da für gute Schwerter und Speere, und was für starke Helme und Stahlhüte, und wie bunt flatterten die Wimpel durcheinander: gelb und silbern und rot und golden und blau und grün! Und was waren das für große und starke Rosse! Wohl ihrer fünftausend auf der einen und nicht weniger auf der anderen Seite. Doch bevor eines von ihnen in das Gras beißen würde, müßte auch wohl mancher Mann sein Leben lassen. Begehrlich waren sie, einander auf dem Schlachtfelde zu fällen, und sie stießen gewaltig zusammen. Herr des Himmels, wie hieben die Schwerter durch die sausende Luft, die davor erzitterte, und wie klirrten die baumstarken Speere gegeneinander! Mancher Held blieb dort auf der Wal. Und Gawein stach hierhin und dorthin und traf überall mit seinem Speer und bohrte ihn in blühende Leiber und warf sie aus dem Sattel. Hier fiel ein Ritter, dort einer, lauter Ritter von Nordcumberland. Sie flogen auf das Schlachtfeld nach rechts und nach links von ihren Rossen herab, die dann wie toll über sie hintrabten oder strauchelten oder gleichfalls durchstochen aufstöhnend zu Boden fielen. Auf beiden Seiten zog, wer kämpfen konnte, sein Schwert, und es gab ein Hauen und ein Stechen. Manch kühnem Mann kostete es das Leben. Ritterliche Tapferkeit bewährten alle die zehn Helden. Die Köpfe flogen nach links und nach rechts unter dem Schwertschlag Lancelots und Gwinebants, Bohorts und Sagremorts ... wozu soll ich all die anderen Namen nennen? Keiner schlug weniger Köpfe ab als der andere, nur Gawein traf vielleicht die meisten, die rings um ihn her flogen, daß es aussah wie ein schwingendes Rad aus Köpfen, lauter blutigen Köpfen. Und Arme fielen, und Beine verloren die Kämpen des Königs Clarioen, und Hunderte wiesen mit den Fingern auf Gawein und riefen über das Schlachtfeld, so von der einen, wie auch von der anderen Seite:

»Seht den dort, sehet, seht dort jenen! Gawein ist es! Keinen Tapfereren gibt es fern oder nah!«

Inmitten seiner Barone schaute der König Clarioen von Nordcumberland auf dieses entsetzliche Gemetzel. Und von dem Wege, der aus dem Walde kam, blickte König Assentijn auf diese allerfürchterlichste Niederlage der Nordcumberländer; er befehligte seine tapferen endischen Barone. Und neben ihm, inmitten vieler unerschrockener Edelfrauen, die aufgesessen waren, schaute Ysabel, die Schöne, von ihrem Zelter auf dieses mehr denn entsetzliche Schlachten. Da sah man Halsberge aufgerissen, Helme zerspellt, Schilde zertrümmert, Ritter mit Speeren aus den Sätteln gehoben, sah Köpfe durch die Luft sausen und wie rote Brünnlein die Blutstrahlen emporspringen. Und Ysabel folgte mit dem Blick hier dem Gawein und dort dem Gwinebant, Gwinebant und Gawein. Und sie hatte auch auf der höchsten Turmzinne Ginevra entdeckt, die süße Ginevra, der Lancelot schon seit Jahren Treue gehalten hatte, und die selber dem Lancelot all die lange Zeit treu geblieben war, Ginevra, von der sie in den schönen Ritterromanen der Dichter gelesen hatte. Und nun, da sie das alles mit eigenen Augen und in lebendigster Wirklichkeit sah, davon sie kurz vorher nur hatte lesen können oder singen und sagen hören, da dachte sie wohl bei sich, daß viel, gar viel Blut flösse, allein sie verzagte nicht, dafür war sie die Prinzessin von Endi und gebürtig aus dem Blute so vieler streitbarer Helden und Könige.

Vielmehr jubelte sie über die Maßen, weil Gwinebant so tapfer war, und weil Gawein unüberwindlich schien. Bis sie plötzlich seitlich von der Ebene Gwinebant, der von seinen Gefährten abgedrängt war, im Kampfe mit fünf, nicht weniger denn fünf Nordcumberländer Baronen sah, die von allen Seiten auf ihn einhieben; bis sie sah, wie Gwinebant, die Schenkel fest um sein Roß gepreßt, sich hierhin verteidigte, dorthin zur Wehr setzte, seinen Schild, mit dem er sich deckte, bald hierhin, bald dorthin wandte, und zugleich mit dem Speer hierhin stach, mit dem Schwert dorthin hieb, gleich als habe er zehn Hände. Ysabel konnte von so weit her nicht begreifen, wie er das wohl anfange. Sie zeigte ihn ihrem Großvater, und währenddessen schlug ihr das Herz vor Rührung und Erregung. Einer gegen fünf, einer gegen fünf, dachte sie, und bald atmete sie heftiger und keuchend und war bleich vor Angst, dann ward sie wieder rot vor Stolz. Kam ihm denn keiner der anderen zu Hilfe? Würde er wohl Sieger bleiben können? Zwei Nordcumberländer Köpfe sah sie bereits durch die Luft fliegen, einen nach rechts, den anderen nach links. Da stieß sie plötzlich einen Schrei aus, gleich als wäre sie selber verwundet. Denn Gwinebants Roß bäumte sich unter ihm und legte sich dann durchbohrt auf die Seite; und er selber sank, weil er sich mit Schild und Speer und Schwert nicht sogleich frei machen konnte, und während sein Fuß noch in dem Bügel unter dem Pferde hing und er im Sattel rücklings zurückgeworfen war, schien er einen Augenblick wehrlos und in Todesgefahr, ob er sich auch gleich hinter seinem Schilde zur Wehr setzen mochte. Da stach er seinen Speer einem dritten Nordcumberländer quer durch den Leib, allein ihm selber entglitt das Schwert, und wiederum stieß Ysabel einen Schrei aus ...

So daß ihr Großvater ihr sagen mußte, eine Prinzessin, die mit in den Kampf gezogen, dürfe sich nicht von ihren Gefühlen so überwältigen lassen.

Da blieb sie einen Augenblick, bleich, hoch aufgerichtet auf ihrem Roß sitzen und zitterte vor unterdrückter Erregung, bis sie sah, daß die zwei noch übriggebliebenen Nordcumberländer sich auf Gwinebant stürzten und nur noch sein Schild zwischen ihnen und ihm war, denn seinen Speer konnte er nicht mehr gebrauchen.

Und ungeachtet ihres Großvaters Verbot stieß Ysabel einen durchdringenden Schrei aus. Erst mehr vor Wut, dann mehr vor Schmerz. Und dessen gewiß, daß Gwinebant dort beinahe unmittelbar vor ihren Augen sein Leben lassen müsse, spornte sie plötzlich, bevor sie noch einer hätte daran hindern können, ihr Roß, und stürzte sich ... einen Angstschrei stießen die Frauen aus ... mit einem Sprunge ihres Pferdes von dem höheren Wege in die tiefere Ebene hinab.

Der König Assentijn stieß nun selber einen grimmen Verzweiflungsschrei aus, als er seine Ysabel hoch zu Rosse inmitten des fürchterlichen Kampfgewühls sah.

Die Barone um ihn folgten ihrer Prinzessin ratlos ...

»Viktoria!« rief dort drüben Lancelot.

Denn die Ritter von Nordcumberland um ihren König Clarioen wichen zurück und ergriffen die Flucht, wie damals vor der Burg zu Endi ...

»Viktoria!« riefen auch Bohort, Sagremort und Ywein ... wozu soll ich all die anderen erst noch nennen!

Allein Gawein stimmte nicht mit ein in den Siegesruf.

Er hatte dort drüben an der Ebene die Prinzessin inmitten der ratlosen Barone erschaut.

Und zugleich gewahrte er einen der Ritter der Tafelrunde, der auf seinem sterbenden Rosse lag, und über ihm zwei Angreifer: alles ein Klumpen krachenden, rasselnden, aufeinanderklirrenden Eisens.

Er erkannte den Ritter der Tafelrunde:

»Gwinebant!«

Und heftig drückte er Gringolet die Sporen ein ...

Und während er nur mit den Knien sein Roß lenkte, jagte Gawein dahin, seinen schwer gepanzerten Körper hoch aufgerichtet, den Schild am Riemen über der Schulter, den Speer mit der Linken, das Schwert in der Rechten schwingend – er sah entsetzlich und schön zugleich aus, strahlend wie Sankt Michael, der Erzengel selber – wie er so Gwinebant zur Hilfe herbeieilte.

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