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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXIX

Dann hub das Kämpfen an. Die Barone von Nordcumberland, die noch ruhig in ihren Zelten beim Schachspiel gesessen hatten, aber allbereits gewaffnet waren, warfen sich nun auf die Rosse und ritten den zehn Rittern entgegen, während der Kampf zwischen den Freisassen und den leibeigenen Bauern bereits rings um die belagerte Burg entbrannt war. Allein Gawein führte Bohort, Hestor, Melegant und Galehot an, und Lancelot hatte den Befehl über Sagremort, Ywein, Agloval und Gwinebant, und die widerstanden gar mannhaft dem jähen Ansturm so vieler Nordcumberlander Barone. Bei Sankt Michael, was fuhren da für gute Schwerter durch die Luft! Und was für blitzende Helme und was für glitzernde Speere und was für flatternde Wimpel und was für wehende Banner leuchteten grell und farbig durcheinander, und was sah man für große und starke Rosse! Wohl über fünftausend und mehr waren rings um die Bedrängten geschart. Doch bevor diese zehn ihr frohes Leben ließen, würden sie, deß war man gewiß, so manchen Mann zu Tode treffen. Wie groß ist der Drang aller, einander ans Leben zu gehen! Halsberge werden aufgerissen und Schilde zerschlagen. Bei Sankt Johann, da gibt es ein Schlachten und Schlagen! Und mancher gute Mann muß sterben, der es wagte, dem Speerstich oder Schwertschlag eines unserer Zehn zu trotzen. Tapferkeit ohnegleichen beweisen sie, wenn sie die blanken Schwerter nur so schwingen und herumsausen lassen, gleichviel, wen sie auch treffen mögen, die Helden: Gwinebant so jung und voll sehrender Minnenot, Agloval, der immerfort laut auflacht, Ywein, der beim Dreinhauen nicht mehr stottert, Sagremort, der nun nicht mehr zaudert, noch zweifelt, wenn Lancelot ihn angehen heißt.

Sie sicheln nur so die Köpfe und die Arme ab, und die fallen links und rechts – hier ein Kopf und da ein Arm; bei Sankt Michael, wie viele Arme und Köpfe wohl! Und auch der Riese Bohort, der nicht mehr an den Liebeshain denkt, und Hestor, der nun durchaus nicht mehr bescheidentlich tut, und Melegant, der immer tapferer wird, je kleiner er im Vergleich zu seinem Widersacher ist, und Galehot, der stets so anmutig lächelt und auch unter seinem Visier ein unsichtbares Lächeln um den Mund hat, schwingen die Schwerter, und die Nordcumberländer Köpfe fliegen nach links und nach rechts, und die Nordcumberländer Arme fallen hierhin und dorthin. Gawein vollends gleicht einem Löwen. Gawein kämpft wie ein Leu. Gawein haut die Nordcumberländer in zwei Stücke, Männer und Rosse schlägt er nieder und wirft sie über den Haufen. Noch niemals sah ein Mensch solches Anrennen, noch niemals hörte ein Mensch solch ein Getöse und Gedröhne und Geschmetter und Kampfgebrause. Wie die Sense die Halme mäht, so mäht Gaweins Schwert die gehelmten Köpfe, und jeder, der es sieht, ist entsetzt. Mit Fingern weisen sie alle auf ihn, auf Gawein, den Kühnen, der das Schwert flugs in die Scheide steckt und den Nordcumberländern dann den Speer quer durch die Leiber jagt und sie von seinem Sattel aus nach links und rechts über den Boden schleudert.

Gegen die zehn Ritter der Tafelrunde läßt sich nicht ankommen, sie lassen sich nicht überrumpeln, das sieht sogar der alte König Clarioen ein, der böse König, der schlechte König von Nordcumberland, der sich noch einen Schandkarren für seine Ritter hielt, der König Clarioen von Nordcumberland, der da glaubte, daß ein jeder Ritter ihm nach Leben und Krone trachte, der König Clarioen von Nordcumberland, der sehnlich wünschte, einen Erben aus dem Schoße der holdseligen Prinzessin Ysabel von Endi zu gewinnen. Nein, gegen diese zehn ist nicht anzukämpfen, nicht einmal, wenn Tausende ihnen gegenüberstehen, denn die zehn Zierden der Tafelrunde ragen noch immer mit ihren golden und silbern behelmten Köpfen über dieses entsetzliche Gemetzel, und rings um sie fliegen die Köpfe von den Hälsen, und die abgehauenen Arme wirbeln umher, und das grüne Gras ist verfärbt von dem roten Blute, und überall, wohin sich die zehn zuhauf drängen, haben ihre Gegner das bittere Spiel ausgespielt. Bis die Tausende zu weichen beginnen, zurück zu den fahnengeschmückten Zelten, bis die Zelte nachgeben und zusammensinken, wie Schiffssegel auf wilder See in Sturmesgewalt. Bis der böse König Clarioen von Nordcumberland dem heiligen Johann und dem Kinde Mariens und dem Gott im Himmelreiche selber flucht, so flucht, daß die Teufel und Dämonen aufhorchen und sich schon auf ihn freuen; bis er sich auf sein schwer gepanzertes Roß schwingt und inmitten seiner letzten Barone und Ritter verzweifelt vor seiner ganzen besiegten Heerschar herzutraben beginnt, durch den Wald, durch den Sumpf, durch die Ebene. Und immer weiter trabt er und trabt, trabt, um sein armseliges Leben zu retten.

Tapfer hatten auch die Barone Assentijns und wacker hatten auch die Landleute mit ihren Spaten und Äxten mitgekämpft, und der Sieg war – Sagremort zweifelte nicht daran – zugunsten derer von Endi entschieden. – Der Tag ging zur Rüste. Kupferfarben rot sank die Sonne. Ihr letzter Schein war wie mit Blut gefärbt, gleich als ob sich die vergossenen Ströme edelsten Lebenssaftes in ihr spiegelten. Das Feld war weithin mit Toten bedeckt, und die Barone befahlen ihren Gefolgsmannen, daß sie aufräumen sollten. Es sollte wohl Tage und Nächte dauern, bis so viele erschlagene Reiter und Rosse bestattet sein würden.

Die zehn Ritter der Tafelrunde sammelten sich und ritten mit den Baronen der Burg entgegen, auf deren Zinnen die Edelfrauen mit ihren Schleiern winkten, während die Schoßhündchen kläfften, und just als die Barone und Ritter über die erste herabgelassene Zugbrücke reiten wollten, trat der Kaplan mit sechs Chorknaben heraus. Er brachte auf des Königs Assentijn Geheiß den Sterbenden auf dem Schlachtfelde das Heilige Sakrament. Beten wollte er für alle sündigen Seelen, die dort im dämmrigen Abend zagten, weil die wilden Teufel in den fallenden Schatten sicherlich schon mit glühenden Augen lauerten, um mit den armen Seelen ihren grimmen Scherz zu treiben und mit ihnen wie mit Bällen zu spielen.

Ehrerbietig ließen die Barone und Ritter den Kaplan mit seinen sechs Chorknaben vorüber, die bereits die Totengebete murmelten, und die tapferen Helden bekreuzigten sich und ritten dann gleich über alle die Brücken und wurden auf dem Burgplatze mit großem Jubel empfangen. Nun brach die Nacht bereits herein, und der König Assentijn stand unter der Linde auf seinem Thron und empfing mit offenen Armen Gawein, den er an sein Herz drückte, und sagte, alles einst Gewesene sei vergessen, aller Groll wegen der ersten Ysabel, die Gawein entführt, und wegen der viermal zwanzig Mannen, die er ihm dazumal vor jedem der zwölf Tore erschlagen habe. Und der König umarmte auch Lancelot und Gwinebant und Sagremort und Agloval ... warum soll ich es so lang machen? – Kurz, er umarmte alle zehn tapferen Ritter der Tafelrunde des Königs Artur, die ihm zu Hilfe geeilt waren, und er war froh, seine guten Barone wiederzusehen, die sich vor ihm auf ein Knie niederließen, und er pries sie ob ihrer vielen kühnen Waffentaten. Und dann trat Ysabel im Kreise ihrer Edelfrauen heraus – allein der König hatte streng befohlen, daß alle Schoßhündchen eingesperrt werden sollten, auf daß der feierliche Augenblick nicht gestört würde! – Sie glich – meinte Gawein – und auch Gwinebant dachte das nämliche – in ihrem weißen Gewande aus kostbarem Stoffe, mit ihren goldenen Flechten einem Engel, so weiß und so glänzend stand sie im gelben Schimmer der schwelenden Fackeln; und sie dankte den Rittern in der ihr eigenen holden Sprache, und als sie sich vor ihr neigten, fühlte ein jeder sich in seinem Innern bewegt, weil er sich dessen bewußt war, seiner beschworenen Ritterpflicht nachgekommen zu sein, als er mit der Heiligen Jungfrau Hilfe diese liebreizende Prinzessin erlöste – und mit ihr so viele anmutige Edelfrauen.

Die Ritter und Barone, die verwundet waren – denn sicherlich, es gab ihrer fürwahr manchen, der eine Schramme oder eine Beule empfangen hatte, ja, es wurden sogar einige mit schweren Schäden vom Schlachtfeld hereingetragen –, die legten sich zu dritt oder viert in das Wunderbette: das war, wenngleich es nicht von Merlin gefertigt war, dennoch ein außerordentlich heilkräftiges Wunderbett – es stand ja in jenen Tagen in jeder Burg ein solches – wie es vor Zeiten nur beim König Mirakel eines gegeben hatte ... Und nach zwei oder drei Stunden – das hing von der Schwere ihrer Wunden ab – konnten sie genesen sein. Doch indessen hatten die zehn Ritter der Tafelrunde und die Barone und Edelfrauen rings um den König und die schöne Ysabel gegessen und getrunken: Ochsenfleisch und Wildbret und roten Burgunder und gewürzten süßen Wein, und der Sänger hatte zu seines Fiedlers Weise sogleich die Feldschlacht besungen – doch niemand gab viel acht auf ihn. Es war schon spät in der Nacht, und die Ritter waren müde vom Kampf und der König nicht minder – nur die Prinzessin Ysabel war es nicht. Und als die Barone und Edelfrauen sich vor dem König verneigt hatten, da zupfte Ysabel ihren Großvater an einem Zipfel seines Hermelinkragens und sagte, während sie ihr Köpfchen hob und alle die zehn Helden sie hörten:

»Mein viellieber Großvater und mächtiger Fürst: das ist ja nun alles schön und gut; wir von Endi haben gesiegt, und die von Nordcumberland sind ohne Zweifel unterlegen. Aber nun, da wir auf jenen Bösewicht, jenen Schalk, jenen Clarioen erzürnt sind und der auf uns von Endi erzürnt ist ... nun sagt: welcher König soll die Ysabel ehelichen, mein vielteurer Großvater und wohledler Herre?«

»Mein süßes Enkeltöchterchen«, erwiderte darauf Assentijn ein wenig verstört, während Ysabel ihr Köpfchen an seinen watteweißen Bart geschmiegt hielt, »sei dessen gewiß: deine Ehe wird in Ehrung aller Fragen höchster Staatskunst geschlossen werden, und ich darf darüber nicht so ohne weiteres befinden, aber ... wenn du auch gar keinen König wählen solltest, mein Herzblatt, so würdest du doch dereinst Königin von Endi werden, wenn ich zur ewigen Ruhe eingehe. Drum sei außer Sorge und laß uns jetzt schlafen gehen. Am morgigen Tage können wir weiter darüber beraten ...«

Darauf verneigte sich Ysabel, dieweil der König Assentijn lange und laut gähnte nach einem so ermüdenden Tage, der vielerlei Aufregungen gebracht hatte: Belagerung und kriegerische Rüstungen und Kriegskostenfragen, und gegen Sonnenuntergang einen unerwartet schnellen Entsatz seiner Burg. Sie neigte sich vor ihrem Großvater, der sie auf die Stirn küßte, neigte sich wie eine Lilie vor den zehn Helden, die sie ritterlich grüßten, und flüsterte Gawein und Gwinebant zu, während sie jedem einen süßen Blick zuwarf:

»Wie es auch gehen möge, ihr lieben Helden, und welchem König Ysabel auch zur Ehe folgen, wo immer sie auch Königin werden möge: zwei Ritter wie ihr werden ihr stets willkommen sein, wenn ihr mir ritterlich Treue wahret! –«

+++

Nach einer Stunde lag alles in dem Schlosse in tiefem Schlaf.

Nach einer Stunde träumte Ysabel von Gwinebant – –

Und Gwinebant träumte von Ysabel – –

Gawein aber erwachte plötzlich ... und er schaute aus dem Fenster ...

Er blickte über das noch mit Leichen besäte Schlachtfeld ... Weithin erstreckte es sich zwischen Burg und Wald ... Und ihm war, als sähe er weiße Nebel sich herabsenken und wieder emporwallen ... und als sähe er glühende Augen aus den Schatten hervorlauern ... und wiederum verschwinden ...

Wie Augen umherschleichender Dämonen ...

Ihm war, als höre er Engel ganz leise Gebete für die vielen Toten singen ...

Und er wußte nicht mehr, ob er glücklich war oder unglücklich, weil er Gwinebant, dem so viel Schöneren und Jüngeren, auf den er eifersüchtig war, den Blick Ysabels neidete ...

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