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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel II

Die zehn Ritter der Tafelrunde trugen gleich Gawein, der sich ebensosehr wie der König nach Abenteuern sehnte, und gleich Lancelot, der niemals nach anderem als nach Ginevra Verlangen trug, schöne, volltönende Namen von keltischem Klang. Bohort: das war der Riese mit der Baßstimme, und nächst diesem will ich Agloval und Sagremort, Gwinebant und Galehot, Didonel und Mordred, Hestor und Melegant rühmen. Und wenn sie hin und wieder einander riefen oder bei ihren klangvollen Namen nannten, diese Ritter: »Hei, Galehot! Ha, Gwinebant! So höre doch, Sagremort! Held Agloval! Willkommen, Melegant, und du, tapferer Degen Hestor! Didonel und Mordred, Gott zum Gruße! Ywein und Bohort, seid gegrüßt, ihr Helden ...«, dann dröhnte von den Wänden der Burgsäle, die mit Abbildern von Heldentaten dieser nämlichen Ritter geschmückt waren, der Schall dieser uralten keltischen Adelsnamen in tausendfachem Echo, und es war, als ob ein Donner unter den niedrigen Gewölben und an den plumpen breiten Pfeilern entlangrollte.

Noch ein anderer Ritter war da, der aber niemals mit an der Tafel saß; Keye hieß er. Keye ... das gab keinen guten Klang unter den übrigen keltischen sonoren Namen. Keye ... das klang hinterlistig und giftig, das war wie der Stich einer Wespe inmitten des rollenden Donners: Keye ... da, da hast du wieder einen unsanften Stich; Keye ... so ganz unversehens; Keye ... nur einen Mückenstich: Keye ... Als nun der König, der Ginevra und Lancelot zärtlich umschlungen hielt, zusamt dem wackeren Gawein durch den Hain davonschritt, trat Keye von der Seite auf und blickte verstohlen und spöttisch, als hätte er einen bösen Scherz auf den Lippen, den vier edlen Gestalten nach. Er schielte ein wenig auf einem Auge, er hinkte ein wenig auf einem Bein. Sein einer Arm war – wenngleich auch nur ein wenig – kürzer als der andere. Er hätte des Königs Milchbruder sein können, allein er war es nicht geworden, denn seine Mutter hatte ihn entwöhnt, um König Artur zu nähren. Später wurde er zum Seneschall ernannt und trug stets einen Schlüsselbund im Gürtel. Und war Artur ein majestätischer König geworden, so war Keye, der niemals eine Heldentat vollbracht, niemals Abenteuer bestanden und niemals Liebe genossen hatte, ein tückischer Kobold geworden, ein bösartiger Gnom, der nur spottete, immer spottete, so wie er auch nun hinter den vieren herspottete, während er seinen grauen, struppigen Zwergenkopf schüttelte.

»Schau, schau! Was für einträchtiges Beieinander! Was für eine gute Familie! Gott schütze sie! Sagt, ihr Ritter, wer sind denn sie? Ein Vater mit seinem Töchterchen und seinem Schwiegersohn, deucht mich? Schildknappe dahinter? O nein; bei allen Engeln im Himmel! Das ist ja der fürtreffliche Held Gawein, der allertapferste auch bei den Damen! Und zwischen Ginevras Frauenrücken und Lancelots Männerrücken sehe ich den roten Mantelrücken unseres Königs! Ich kann nicht so gut Rücken unterscheiden, wie ihr tapferen Ritter es sicherlich vermögt: denn da ihr alle die Tapfersten seid, so werdet ihr doch wohl gelegentlich alle einmal die Rücken Fliehender vor euch gesehen haben!«

Und Keye lachte grinsend, die Ritter aber, die noch immer gähnten und sich reckten, blickten ihn unwirsch von der Seite an.

Da nahm der alte Keye zwei Bälle und spielte ganz allein Ball in dem Garten. Und ob er gleich hinkte, so war er doch geschmeidig, und ob er gleich schielte, so verfehlte er nicht ein einziges Mal einen der Bälle, die er abwechselnd und unter seinen Armen hindurch auffing.

»Eines schönen Tages, das walte Gott, drehe ich ihm doch noch den Hals um«, sagte Bohort. »So zwischen meinen beiden Fäusten: Krrk!«

Und Bohort machte mit seinen Riesenfäusten eine Gebärde, als ob er eine Kehle umspanne und zudrücke.

Die zehn Ritter traten schwerfällig aus der Saalpforte hinaus. Sie kamen auf den offenen Burghof und setzten sich auf die runde Marmorbank unter einem breitästigen Kastanienbaum, der unzählige Blütenkerzen angezündet hatte. Sie alle ließen sich nieder und streckten die mächtigen Beine weit von sich, und hin und wieder gähnte einer noch einmal.

»Himmlische Güte, die Zeit wird einem höllisch lang in Camelot«, meinte Galehot und gähnte. Vor zehn Jahren hatte er drei Drachen erschlagen und zwei Jungfrauen aus Zauberschlössern befreit. Und wenn er nicht gerade gähnte, so lächelte er immer anmutig, so oft von Jungfrauen und Drachen die Rede war ...

»Verlangt's dich nach deinem vierten Drachen, Galehot?« fragte Gwinebant, der Jüngste und Schönste von allen. Er war der Neffe der Königin, war ebenso blond wie sie und hatte noch in sehr jungen Tagen, achtzehnjährig, gemeinsam mit Sagremort und Agloval einst Lancelot aus dem Tal des tollen Tanzes erlöst. Aus dem Tal, darin jeder, der hineingeraten war, weitertanzen mußte, bis er tot zusammenbrach.

»Nein«, sagte Galehot, »bei Sankt Michael, das nicht, Gwinebant: einen Drachen zu töten ist, unter uns, doch nicht eine gar so große Heldentat.«

»Das Untier speit doch aber, weiß Gott, Feuer«, meinte Sagremort zweifelnd und runzelte die Brauen.

»Der Riese, den du, Sagremort, mit einem Hieb erschlagen hast, war sicherlich ein gewaltigerer Gegner als meine drei Drachen«, entgegnete ihm Galehot.

»Fürwahr«, bestätigte der kleine, aber tapfere Melegant, der wohl auch schon ein paar Drachen getötet hatte, »Galehot hat recht.«

Bescheidentlich erklärte Hestor: »Ich habe nur, ohne irgendwelchen Beistand, zehn schurkische Ritter, einen nach dem anderen, in das Gras beißen lassen und ein paar entführte Damoicelen befreit, doch eines Drachens bin ich noch nie gewahr worden.«

»Ein Drache ist ja durch einen einzigen Stich in den Bauch schon tödlich verwundet«, meinte Galehot geringschätzig.

»Speit denn nun das Untier Feuer und Flammen, oder nicht?« fragte Sagremort und runzelte noch immer die Brauen. »Das ist hier die Frage.«

»Wenn es einen anbleckt, versengt sein Atem nicht einmal. Es ist nur ein Fauchen, das etwas nach Schwefel stinkt.«

Hierüber mußte Agloval laut lachen. Das tat er gerne, auch wenn es nicht angebracht war. Und immer noch lachend, obwohl der Gegenstand des Gespräches doch sehr ernst war, sagte er:

»Man könnte doch aber ersticken, wenn der Drache faucht und die Luft um einen her verpestet?«

»Oder der ganze Wald könnte in Brand geraten«, versicherte Didonel ärgerlich. »Helfe mir Sankt Michael!«

»Oder es könnte ein Erdbeben entstehen, und die Stürme könnten sich erheben, wenn das Untier aus seiner Höhle herauskommt«, meinte Mordred verstimmt. Ihn und Didonel, die Drachen bekämpft, aber niemals eine Damoicele befreit hatten, dünkte es nicht angebracht für ihren Ruhm, daß Galehot seine Heldentaten so verkleinerte.

Allein Galehot zuckte noch immer die Achseln.

»Ich wiederhole«, sagte er, »ein einziger Stich in seinen weichen Bauch, und ... Ist denn ein Drache überhaupt wirklich ein Drache, Sagremort? Meine waren kaum mehr als Eidechsen mit Flügeln und schienen mir gar nicht so sehr gefährlich.«

»Nun: die unseren waren Drachen«, meinte Mordred. Es galt, den Ruf seiner Tapferkeit zu verteidigen.

Und Didonel setzte finster hinzu:

»Und sie brachten uns in der Tat in große Gefahr.«

»In so große Gefahr, wie die Damoicelen, die du befreit hast«, rief Keye, der dabei mit den Bällen spielte.

»Was schwatzest du, Galehot?« meinte Sagremort und seine Stirn glättete sich. »Einen Drachen gäbe es – vielleicht! – ebensowenig wie einen Riesen? War denn der Riese, den ich fällte, wirklich ein Riese? Oder war er vielleicht nur ein häßlicher Schelm, der bloß ein paar Schuhe größer war als ich?«

»Dddd ... arüber sss ... ind www ... ir uuu ... ns seh ... on lll ... ange einig«, meinte Ywein, »ddd ... aß es Riesen und Ddd ... rächen nicht mehr ggg ... ibt.«

»Und Wunder ebensowenig, so wahr mir der Sohn der heiligen Jungfrau helfe«, meinte Bohort der Riese bestätigend, wenn es auch ein wenig rauh klang. »Was wir taten, war Kinderspiel. Wir zählten nicht mehr als zwanzig Lenze, als wir diese Aventiuren bestanden und große Freude daran hatten, weil wir glaubten, ritterliche Taten vollbracht zu haben; aber im Grunde genommen waren es eben doch nur Kindereien ...«

»Ein Spiel mit uns selber«, fiel Galehot ein.

»Und von allen meinen Wunden«, fuhr Bohort fort, »ist mir nicht eine einzige Narbe geblieben, weil ich in dem elfenbeinernen Bett gepflegt wurde, in dem alle Wunden in einer Nacht heilen.«

Keyes spöttisches Lachen gellte böse und giftig dazwischen.

»Ist denn das elfenbeinerne Bette, in dem alle Wunden geheilt werden, kein Wunderding? O Bohort, du Riese, dein Kopf ist zwar wahrhaftig so groß wie der Goliaths, aber dein Verstand ist nur so klein wie der des geringsten Bauern, das glaube mir, Mann!«

»Ich werde Euch um Euer böses Lachen schon noch eines Tages in Grund und Boden schlagen, Herr Keye«, rief Bohort drohend und eilte mit hoch erhobenen Fäusten auf Keye zu.

Allein der stellte sich so, als befalle ihn heftige Furcht. Er tat, als wollte er hinter einen Baumstamm fliehen, und trotz seines Alters hinkte er dabei sehr flink und behende. Dazu rief er:

»O, was für ein grimmer Leu, was für ein fürchterlicher Löwe ist auf diesen friedlichen Hain losgelassen! Helft mir, helft mir, all ihr Heiligen im Himmel!«

Ein immer näher kommendes Summen ward vom blauen Himmel her vernehmlich.

»Das ist Merlin, das ist Merlin«, schrien die Ritter in großer Erregung durcheinander. Und Ywein rief:

»Ddd ... as ist Mmm ... erlin!«

Agloval lachte laut auf, nicht so sehr, weil Ywein stotterte, als weil er eben sehr oft und gern laut auflachte, und zwar aus eitel Freude ...

Und die Ritter zeigten einander einen Vogel, der mit Windeseile aus der Ferne herangeflogen kam.

»Auf seinem Phönix, der auch kein Wunder ist«, grinste Keye den Rittern zu, »den aber immerhin keiner von jenen Helden begreift!«

Die Ritter starrten entzückt empor. In der Tat schwebte dort ein blauer Phönix herbei. Und sein Flug war begleitet von einem seltsamen rhythmischen Geräusch – es surrte und summte gar geheimnisvoll. Sein schmaler Nacken trug einen phantastischen Vogelkopf mit Federn, sein ganzes Gefieder schien aus Edelsteinen zu sein, pfauengleich leuchtete er in allen Farben um Hals und Augen, und die großen und starken Flügel, die ihn in weiten Kreisen über die Burg trugen, schienen aus blauer Seide zu sein. Das war der Zaubervogel Merlins des Zauberers, und Merlin selber ritt auf ihm und saß im goldenen Gefieder des hohlen Rückens und richtete und wendete ihn nach Belieben, bis das Zaubertier mit leisem Schwung in den Hain, über die Grasfläche herabschwebte und dann zitternd stillstand.

Merlin stieg ab und näherte sich mit höfischem Gruß den Rittern. Er war im Alter Arturs und Keyes. Doch weil er jeden Morgen ein Bad in seinem Jungbrunnen nahm, so sah er jünger aus als alle die anderen Ritter und glich viel mehr einem mutwilligen Jüngling, der einen Bart trug.

»Gott zum Gruß!« rief er laut und kam über die Rasenfläche herangeschritten. Er trug eine zierliche Samara aus rotem Taffet. Seine Locken waren schwarz, an seinen Brauen sträubten sich die Haare empor, als wenn kleine Skorpione ihre scharfen Zähne zeigen, und sein zierliches Bärtchen war ganz spitz gestutzt. »Ich bin meinem König zu Ehren gekommen. Aber hat er denn schon Hof gehalten, daß ich euch alle hier bei müßigem, lenzlichen Zeitvertreib antreffe?«

Sagremort runzelte die Brauen, was er stets tat, wenn er zweifelte, und entgegnete: »Wir reden gerade darüber, ob es Wunder, Riesen, Drachen und Heldentaten gibt, Merlin?«

»Die Zweifelsucht hat Euch in den Klauen, Herr Sagremort«, meinte Merlin.

»Wie? Was?« fragte Agloval laut auflachend.

»Des Teufels Tochter«, sagte Merlin. »Wenn Ihr an Euch selber zweifelt, so begebt Ihr Euch unaufhaltsam höllenwärts.«

»Aber Mordred und Didonel zweifeln nie, Merlin«, grinste Keye hinter einem dicken Baumstamm hervor, »und werden also in den Himmel eingehen.«

Didonel und Mordred hörten nicht auf ihn. Sie waren in geheimnisvolles Flüstern versunken. Worüber? Das will ich euch noch nicht sagen ...

»Ich zweifle im geringsten nicht«, sagte Sagremort, »aber ich prüfe gern erst lange, Merlin. Sage mir, Merlin, ist dein schwebender Vogel wirklich ein Zaubervogel? Und alle die schönen Wunderdinge in deiner Burg: sind das Werke der Zauberei und Magie? Wenn du mit einem von selbst dahersausenden Wagen auf glatten Wegen dahinfährst, ist das denn wirklich Magie?«

»Es ist alles Magie und Zauberei, Sagremort«, versicherte Merlin. »So gut wie der Wunderbaum, den ich der Königin gemacht habe und auf dessen Zweiglein Tausende von Vögeln zwitschern, und so gut wie das elfenbeinerne Bette, das ich ebenfalls machte und in dem all eure Wunden heilen. Es ist alles Zauberei, Sagremort!«

Keye, der auf den Rasen getreten war, um sich den azurflügligen Phönixvogel näher anzusehen, hinkte, während er sehr angespannt aufpaßte und immerfort laut lachte, um dieses Wunderding herum.

»Zauberei!« rief er. »Zauberei! Der Vogel ist aus Stahl und Seide! Sein Kopf ist aus Edelsteinen, seine Augen sind Diamanten. Und er summt und schnurrt, wenn er aufsteigt und wenn Merlin auf ihm durch die Lüfte fliegt. Durch Zauberei schnurrt und summt er, und wer daran zweifelt, kommt in die Hölle!«

»Merlin«, fragte Bohort, »warum gibt es für uns seit zehn Jahren und länger kein Abenteuer mehr?«

»Weil wir zweifeln? Weil wir ungläubig sind wie Sagremort? Weil wir von allen empfangenen Wunden nicht eine einzige Narbe zurückbehielten?« fragten die Ritter und drängten sich um Merlin.

»Jammervoll ist es! Wenn es doch wieder einmal eine Aventiure gäbe, die uns aus diesem Grübeln errettete!«

»Die uns von dieser Langeweile erlöste!«

»Auch wenn wir nicht an das Abenteuer glaubten«, riefen Sagremort und Agloval, Hestor und Melegant, Galehot und Ywein und Bohort durcheinander. Nur Gwinebant, der schöne Junge, der Neffe der Königin, rief nicht mit, sondern behielt Mordred und Didonel im Auge. Was die beiden wohl miteinander zu flüstern hatten?

»Hört«, flüsterte Merlin den Rittern zu, und zwar ganz leise, damit Keye nichts vernähme, der immer noch neugierig um den Phönix herumhinkte. »Ich kann durch Magie wohl ein Abenteuer bereiten oder vielmehr eins sich wiederholen lassen, wie sich ja eigentlich alles im Leben wiederholt, nur immer anders; und das nennen wir Evolution ...«

»Welches Abenteuer?« drangen die Ritter in Merlin.

»Eines«, flüsterte Merlin noch geheimnisvoller und hob den Finger, »das Gawein vollbringen und wiederholen kann, weil er glaubt und schmachtet.«

»Seinem Weibe blieb er nicht immer so treu wie seinem Glauben an Wunder!« sagte Galehot.

»Er genoß vieler Frauen Minne«, flüsterten die Ritter untereinander, »doch mehr als sie alle liebte er Abenteuer.«

»Gawein soll denn das Wunder und Abenteuer erleben!« flüsterte Merlin. »Ihm wird es sich offenbaren. Was soll es sein? Ich denke: ein schwebendes Schachbrett, wie das letzte Mal! Kommt, ihr lieben Freunde, in dieser Nacht auf meine Burg, daß wir uns beraten können!«

Die Ritter versprachen es und waren froh ob der Verschwörung. Sie gelobten einander, es ganz geheim zu halten, daß Merlin ein künftig Abenteuer vorbereiten wolle.

Keye hinkte mit seinem Schlüsselbund davon, um Weisungen für die Abendmahlzeit zu erteilen, und Merlin rief Mordred und Didonel zu:

»Ihr beiden, kommt auch ihr diese Nacht in meine Burg?«

»Wir werden kommen, Merlin«, sagten die zwei Ritter hastig zu, die er aus ihrer geheimen Zwiesprache aufgeschreckt hatte ...

»Und du, Gwinebant?« fragte Merlin.

Gwinebant war jünger als die anderen. Er hatte breite Schultern, schön und gerade war seine Nase, breit und glatt die Stirn, grau die Augen und braun die Brauen. Blondes, welliges Haar hatte er. Sein Hals war schneeweiß und rund. Seine Wangen blühten wie Rosen. Im Kinn hatte er ein Grübchen, in den Hüften war er schmal, vollendet also an allen Gliedern.

Er versprach Merlin, zu kommen. Allein seine Gedanken weilten weder bei dem bevorstehenden Abenteuer, noch mehr bei Didonel und Mordred, denn er war einer fernen Jungfrau minniglich zugetan. Und wenn er so wie jetzt die Königin, seine Muhme, durch den Hain wandeln sah, allzeit mit Lancelot, den sie liebte und dem sie Treue trug, wie er ihr, so seufzte Gwinebant voll unbefriedigter Sehnsucht, vornehmlich dann, wenn ihr Schleier im Winde wehte und die beiden unter den herabfallenden Apfelblüten sicherlich miteinander Liebeswort und Kuß tauschten.

Dann gedachte er der Jungfrau, die er liebte, Isabels, der schönen Prinzessin von Endi und König Assentijns Enkeltochter ... Isabels, die er nicht zu gewinnen verstand, weil er zu schüchtern war, wenn er auch der Neffe der Königin Ginevra war.

»Gwinebant, du schöner Knabe, den ich krank vor Minne weiß, willst du Lancelot, den ich nicht stören mag, nun die Königin und er miteinander süße Weisen in den Apfelblütenhainen singen, willst du Lancelot kundtun, daß ich auch ihn in dieser Nacht in meine Burg bitte, um über neue Dinge Rats zu pflegen?«

Gwinebant versprach es: »Ja, Merlin, ich ...«

Und seufzte tief, weil er vor Sehnen nach Isabel verging.

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