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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXVIII

Lancelot hatte Mitleid mit seinem Freund.

»Die Pforte zum Liebeshain ist ja allezeit gastlich geöffnet«, sprach er mit sehr sanfter Stimme.

Und Gwinebant, der um Ysabels, der Schönen willen, im innersten Herzen eifersüchtig auf Gawein war, bezwang sich und fügte ritterlich hinzu:

»Und alle Zugbrücken waren herabgelassen.«

Gawein lächelte höflich und verstehend:

»Ich begreife«, sagte er wohlwollend.

»Gar so große Schurken waren jene Ritter auch nicht, denen wir dort begegneten«, meine Bohort entschuldigend mit seiner tiefen Baßstimme. Und dabei schüttelte er energisch verneinend das ungeheure behelmte Haupt.

»Wir spielten mit ihnen das Wurftafelspiel«, sagte Hestor so bescheidentlich, wie er nur konnte.

»Wir trrr – ranken mit ihnen roten burgundischen Wein und dunkelsüßen aus sss – sonnigen Ländern des Südens«, sagte Ywein und stotterte ein wenig mehr als sonst, da er Gawein gegenüber seiner Sache sicherer war.

Allein Agloval rief laut auflachend:

»Wir aßen mit ihnen saftigen Braten und Wildbret!«

»Und wir übten höfische Ritterspiele mit ihnen«, sagte Melegant prahlerisch, und dabei krähte er wie ein Hahn.

»Euer Abenteuer, meine lieben Gefährten«, sagte Gawein und lächelte dabei noch immer so höflich, daß sie alle fünf merkten, wie gut er sie begriff, »verlief so, wie es eben nur verlaufen konnte, und ich bin hocherfreut, euch allen bei guter Gesundheit zu begegnen, und wollet ihr nach Camelot und zu unserem gnädigen König Artur zurückkehren, so ziehe ich mit Euch, denn ich habe das schwebende Schachbrett nun gewonnen. Sehet, hier steckt es in meiner Satteltasche.«

Und damit zeigte Gawein die eine Ecke des Schachbrettes, die aus seiner Satteltasche herausguckte.

Alle Ritter verwunderten sich.

Das Schachbrett, das schwebende Schachbrett! Das Schachbrett – das Merlin hatte fortschweben lassen, das Schachbrett, das zu so vielen Abenteuern geführt hatte – dieses Schachbrett hatte Gawein nun gefunden und gefaßt – und nun war er auf dem Wege, es dem König zu bringen.

»Es ist aber arg zerbrochen«, sagte Gawein.

Und alle die neun schauten einander an, und ihre fragenden Blicke kreuzten sich. Abenteuer? Hatte das Schachbrett in die große Langeweile ihres Daseins Abenteuer gebracht?

»Kehren wir alle nach Camelot zurück, meine lieben Gefährten«, sagte Lancelot mit freundlichem Neigen des Hauptes. Er fühlte sich eigentlich sehr beschämt, weil er um das Schachbrett wußte, das Merlin gesandt hatte.

Und er ritt zur Linken Gaweins, während Gwinebant sich rechts von ihm hielt und ohngeachtet seiner Eifersucht wegen der schönen Ysabel hoch erfreut darüber war, daß Gawein ohne Missewende die Aventiure, die eigentlich gar keine rechte Aventiure gewesen war, vollbracht hatte.

Allein hinter ihm flüsterten die anderen Ritter:

Sagremort: »Das schwebende Schachbrett ... war das nun Zauberei oder nicht?«

Galehot: »Es ist so sehr Zauberwerk, daß es am Ende gar arg zerbrach.«

Ywein: »Es ist

... auberei, denn Merlin ist und bleibt ein

... auberer ...«

Bohort sagte nichts, weil er in all seiner Riesengröße Anführer der Ritter gewesen war, die ausgezogen waren, um Gawein, Mordred und Didonel zu suchen, und sich nun einigermaßen beschämt fühlte, weil er glaubte, an den Begebenheiten im Liebeshain ein groß Teil Schuld zu tragen.

Auch Melegant sagte nichts, weil er plötzlich nicht mehr ganz sicher war – der Zweifel steckte ihnen wohl allen mehr oder weniger im Blut –, ob die Ritter, mit denen er im Liebeshain fröhlich gewesen war, wohl wirklich lauter echte Ritter gewesen sein mochten ...

Allein Agloval lachte plötzlich laut auf und wies auf eine weite Ebene hin, an der sie vorüberritten; da wogten gleich einem Meer viele Schafherden, die von unzähligen ihnen rasch folgenden Hirten getrieben wurden.

»Seht nur, meine Gefährten, wie die tollen Schafe vor den noch tolleren Hirten fliehen, die hinter ihnen her sind!«

Die Ritter machten halt im Schatten der Buchenzweige, die sich über den Weg neigten, und über die in Sonnenschein gebadete Ebene näherten sich die fliehenden Schafe vor den hinterdrein jagenden Hirten. Und die Ritter hörten die Hirten rufen:

»Große Barone und tapfere Helden, helft uns! Steht uns bei, ihr hier im Lande Endi, schützt uns, die wir zum Hofhalte des Königs Assentijn gehören.«

»Was geht hier vor?« riefen Gawein, Lancelot, Gwinebant.

Die Hirten hoben verzweifelt ihre Stäbe empor:

»Der König Clarioen von Nordcumberland ... er kommt mit einem Heer, um Endi zu belagern! Er ist unserem König, dem König Assentijn, gram. Er trägt ihm Groll, weil er den Karrenritter an seinem Hofe zurückhält. Er ist erzürnt, weil unser König sich weigert, seine Enkeltochter, die Prinzessin, solch grimmem Fürsten zur Ehe zu geben!«

»Ysabel«, riefen Gawein und Gwinebant aus.

»Helft, helft uns, ihr tapferen Helden und großen Barone«, riefen die Hirten!

Wie ein graues wolliges Meer wogten die Schafe längs des Weges.

»Wo ist die Straße, die am schnellsten nach Endi führt?« rief Gawein.

Denn fahrende Ritter kannten nur selten die kürzesten Wege.

»Hierhin! Dorthin!« schrieen die Hirten und wiesen über die Ebene zurück. Und dann ...

Dann jagten die zehn Ritter auf ihren freudig aufsteigenden Rossen ungeduldig über die Ebene. Sie hörten nichts mehr. Ihre Rüstung und ihre Waffen klirrten laut und rasselten in dem blendenden Sonnenschein. Prächtig anzuschauen waren alle diese Zehn wie silbervergoldete leuchtende Metallsilhouetten auf den kräftigen, schwer gebauten Rossen mit den Schabracken, und deutlich hoben sie sich von dem zitternd herabfließenden Lichte des Mittags ab. Rings um sie jagten die Schafe, schrieen die Hirten und schwirrten die erschreckten Schwalben ...

+++

Als die zehn Ritter der Tafelrunde nach einem wilden Ritt über Ebenen, durch Wälder und Sümpfe, auf Wegen und Umwegen, in Heide und Weide dahergestürmt kamen und der Königsburg von Endi ansichtig wurden, sahen ihre Augen nun freilich ein Schauspiel, das sie verwunderte. Ein ungeheures Heer hatte sich rings um die Burg gelagert. Große und kleine Zelte in dichtem Gewimmel waren aufgeschlagen, und Fähnlein flatterten grün, blau, gelb und rot, und die goldenen Adler von Nordcumberland hoben sich glitzernd von dem Grün der Wälder und dem Blau des Himmels ab. Und als die Ritter das Heer sahen, das sich so gewaltig groß, so breit um die Burg des Königs Assentijn zog, da kam ihnen zum Bewußtsein, daß sie ihrer zehn waren, nicht mehr und nicht weniger, und nun so das große Abenteuer bestehen und die gewaltige Tat vollbringen mußten, die Burg zu entsetzen, weil doch König Assentijn und König Artur von Logres Freunde waren und weil doch des Königs Assentijns Enkeltochter, die Prinzessin Ysabel, zwar, wie alle wußten, dem nämlichen Clarioen, der in das Reich eingefallen, verlobt, aber zugleich doch die Herzallerliebste des Gawein oder des Gwinebant war: wessen von beiden, das wußte man nicht so gewiß, allein keiner wollte aus Höflichkeit den Gawein oder den Gwinebant fragen. Sie wußten nur, daß sie gegen ein ganzes Heer würden kämpfen müssen, zu zehnt als echte Helden, die sie waren. Nun gewiß, wenn sie sich besser umschauten und die Hand über die Augen legten, denn das Visier hatten sie noch hochgeschlagen, so sahen sie wohl, wie über Weide und Heide, auf Wegen und Umwegen, durch Sümpfe und Wälder und Ebenen all die Leibeigenen des Königs von Endi dahergestürmt kamen und all die kleinen Vasallen und Diener Assentijns herbeieilten, ihren Herrn zu entsetzen. Allein die zehn Helden lachten darüber, denn diese Kerle aus den Dörfern, von denen viele noch dazu nur mit Spaten, Stöcken und Schaufeln bewaffnet waren, würden ja doch kaum mit den Kriegsknechten des Clarioen fertigwerden! So versprachen sich denn unsere zehn Ritter gegenseitig mit Eid und Handschlag, daß sie für den König Assentijn und für die Prinzessin Ysabel kämpfen wollten, wobei Sagremort allerdings noch erst rief:

»Aber will sie denn Königin von Nordcumberland werden oder will sie es nicht mehr? Das ist die Frage.«

Worauf Agloval laut auflachte und Ywein etwas stotterte und Gawein sagte:

»Meine lieben Gefährten, zaudert noch ein weniges. Nun ich das schwebende Schachbrett gefunden, habe ich meine Fahrt vollbracht. Ich darf mit diesem kostbaren Pfand in meiner Satteltasche nicht in den Kampf ziehen. Lasset es mich hier bei dieser Eiche vergraben, und sollte ich in der Schlacht fallen, so mag derjenige unter euch, der verschont bleibt, um des Himmels willen das Schachbrett ausgraben und es mit der Versicherung meiner unwandelbar gebliebenen Treue und Liebe dem König Artur bringen...«

Sie alle stiegen ab, sie alle halfen ein Loch graben mit ihren Schwertern. Gawein legte das Schachbrett mitsamt seinen Figuren hinein und breitete Farrenblätter darüber. Dann füllten sie die Grube wieder mit Sand und darüber schwuren sie bei den Kreuzgriffen ihrer Schwertklingen einen Rittereid.

Sie stiegen wieder zu Rosse, ließen das Visier herab und stürmten dann, laut schreiend, in der Richtung vor, wo das feindliche Heer vor dem Haupttore der Burg lag, gegenüber dem Burghof mit der Königslinde, unter der König Assentijn zu sitzen pflog. Auf allen den Wällen der Burg und vor den Toren und an den aufgezogenen Brücken wimmelten die eisenstarrenden Kriegsknechte, die den Angriff erwarteten, und die Barone von Endi erkannten von den Festungswällen aus die zehn Ritter der Tafelrunde, die dahergejagt kamen, so wie auch jene selber die Barone erkannten und ihnen zuriefen, daß sie nur guten Muts bleiben sollten. Aus dem größten Bogenfenster sahen die zehn Gefährten den König Assentijn herausspähen, den die Edelleute zurückhielten, sich noch weiter in den Bereich feindlicher Wurfspieße oder Pfeile vorzuwagen.

Droben aber von der höchsten Zinne sahen die zehn, und von ihnen Gawein und Gwinebant zu allererst, etwas Weißes flattern. Es war der Schleier der Ysabel. Da stand Ysabel selber inmitten der Schar ihrer Edelfrauen und Dienerinnen. Alle die Frauen von Endi sahen sich von dort oben die Belagerung mit an. Während ihre eigenen Rufe den zehn Rittern, die jetzt die Speere als Zeichen des Grußes und zur Ermutigung erhoben, nur schwach entgegenklangen, ertönte laut das Gekläffe der zahllosen Schoßhündchen, die von den Edelfrauen mit auf diesen höchsten Turm genommen worden waren und in ihren Armen, an ihrer Brust, in den Falten ihrer Gewänder aus kostbaren Stoffen sich geborgen fühlten. Und deutlich ließen sich die kläffenden Hundeköpfchen mit ihren scharfen Äuglein über den unzähligen sich heiser kläffenden Kehlen unterscheiden, und über allen diesen Frauen und Hündchen flatterte rauschend das gewaltige grüngelbrote Banner von Endi ...

Aber auch in dem Lager Clarioens, des Königs von Nordcumberland, der erzürnt war, weil sein Ritter Lionel von dem Schandkarren befreit und der Karren selber entzaubert worden war und weil König Assentijn ihm durch Botschafter plötzlich hatte ausrichten lassen, daß er ihm seine Enkeltochter, die schöne Ysabel, nicht als Frau und Königin geben wollte, waren die zehn Ritter der Tafelrunde gesehen worden.

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