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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXVII

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Gawein erwachte und ganz erstaunt um sich blickte, wie er dort im Walde lag. Gringolet lief grasend umher, und rings um den Ritter fanden sich am Boden sein Helm, sein Sattel, sein Schwert, Schild, Speer und seine Panzerhandschuhe. Und als er sah, wie sein Roß so ruhig neben ihm graste, war Gawein hocherfreut und dachte vor dem jungen Hengst an die verlorene Grigolette, die auch niemals von ihrem Herrn gewichen wäre, die treue Stute, die er, weh und ach, sich in dem Strom hatte zu Tode quälen lassen.

Nun wollte er nicht länger säumen und erhob sich und rückte sich sein Panzerhemde zurecht: ein Ritter, der auf Abenteuer zog, rastete wohl hin und wieder weniger bequem, als wenn er in einem heilbringenden Wunderbette in einer gastfreien Burg am Wege ruhen konnte! Er rieb Gringolet die Flanken, sattelte ihn flugs und behelmte sich und gürtete sein Schwert um, saß auf und ritt wieder weiter. Wehmut und Glück mischten sich in seiner Seele, die in der Einsamkeit des morgendlichen Waldes zur Ruhe kommen wollte: Wehmut beim Gedanken an Alliene, Glück im Erinnern an Ysabel, und dazwischen dachte er an viele andere Frauen, aber über sie alle stieg dann immer und immer wieder das Bild der einen Jungfrau, Ysabels, empor. Und ihr war keine gleich ...

Für die Wahl der Wege und Wegkreuzungen durfte er sich getrost und froh dem heiligen St. Michael anvertrauen, der ihn schon recht leiten würde, so wie es vorausbestimmt war, auf daß er das Schachbrett fände. Oftmals war es vor ihm hergeschwebt, bis es in die Burg von Endi herabgestürzt und verschwunden war. Wie aber, wenn es doch noch immer in der Burg läge? Freilich hatte er allein und mit Ysabel zusammen in allen unterirdischen Gewölben und Winkeln und hinter allen Türen und in allen Verliesen gesucht. Und darum glaubte er wohl, daß es von neuem aus dem Schlosse entschwebt sei und er es wiederum suchen müßte und von neuem finden würde und von neuem die Gunst seines Königs Artur erringen könnte, mitsamt der Minne seiner Jungfrau: Ysabel ...

Während Gawein so in Grübeln versunken war, trottete sein Roß gemächlich weiter. Die Morgensonne offenbarte alle Geheimnisse des Waldes. Schon begannen die Blätter sich gelb zu färben und golden zu leuchten, und der Himmel blickte ganz blau und durchsichtig durch die Zweige und hochaufgetürmten Wolkenmassen ... Da ertönte zwischen dem Gezwitscher der Vögel plötzlich, beinahe unhörbar erst, doch allmählich deutlicher, ein feines Gesurre, und Gawein sah, hoch oben am blauen Himmel auf den weißen Wolkenbergen, gleichsam herausfordernd, das Schachbrett schweben gleich einem Vogel, und es blitzte flüchtig auf mit seinen kostbaren Figuren, die noch immer unbewegt aufrecht standen. Das Schachbrett! Das Schachbrett! Da war es! Wohin würde es ihn jetzt führen, zu welcher Burg, zu welchem Abenteuer? Es ging bereits gegen Mittag, und Gawein, der schon einen ganzen Tag und eine ganze Nacht gefastet hatte, fühlte dennoch, daß ihm die Kräfte wuchsen, so wie es stets gegen Mittag der Fall war.

Oh, an diesem Tage war er auf alles vorbereitet trotz seiner Wehmut, trotz seines Glückes – auf alles. Wenn er nur endlich des Schachbrettes sich bemächtigen könnte! Und zum erstenmal seit seiner neuerlichen Ausfahrt, seit gestern und heute, spornte Gawein Gringolet an und trabte mit ihm über den Weg, und leicht sprang das Roß über alle Hindernisse hinweg, die umgestürzte Bäume boten, und war schon bald aus dem Walde hinaus und einer Lichtung nahe, wo dunstige Hügel rings den Sehkreis eingrenzten ... Das Schachbrett blieb indessen gleich einer schimmernden Lerche hoch, ganz hoch über Gaweins Kopf hangen. Oh, daß Gawein Flügel hätte! Dann wollte er durch die Sommerlüfte dem Schachbrett nachschweben, bis er es griffe! Und der Ritter, der beinahe unbewußt seinem Roß die Sporen gab, daß es sich aufbäumte, als könne es wirklich hoch empor in die Lüfte steigen, starrte noch immer sehnsüchtig nach dem Schachbrett, das da über ihm schimmerte ... Er stieß einen Schrei aus wie ein Knabe, der einen Falter greifen will. Er streckte – vielleicht ohne es selber zu wollen – seine geöffnete Panzerhand dem Unerreichbaren entgegen, das da hoch in den Lüften herausfordernd schwebte, nach dem glitzernden Dinge ...

Bis plötzlich das Allerundenklichste geschah ...

Es knallte etwas ...

Ein seltsames Geräusch war es, ein merkwürdiger zauberischer Lärm in dieser einsamen Welt der Hügel, der Ebene, der Wolken, des Waldes ...

Es knallte etwas ... vermutlich in dem Schachbrett ... Und siehe, aus dem Schachbrett drang blauer Dampf, der sich sogleich am bläulichen Himmel auflöste ...

Und dann, o Wunder, sank das Schachbrett, gleich als wäre etwas darin zerbrochen, rasch, wirbelnd, immer schwerer und schwerer aus der Luft herab, und Gawein, dem der Mund vor Staunen offen blieb, sah, wie es mitten auf der Ebene in das Gras herabfiel.

Er sprengte in rasender Hast dorthin, fürchtete erst, daß es ihm wieder entweichen könnte, doch als er die Stelle erreicht hatte, wo es herabgefallen war, fand er es zwischen den Halmen liegen.

Er war so verwundert, daß er nicht sogleich abstieg, um es zu ergreifen.

Dann aber sprang er aus dem Sattel – ergriff das Schachbrett ...

Die Figuren rollten durcheinander, wenngleich sie noch an dem Brette hangen blieben ...

Das Spiel war in Unordnung geraten, und man sah nun, wie die Figuren an metallenen Fädchen über dem Brett hingen ...

Sogar der goldene König, Arturs Ebenbild – ein zierlich getriebenes Figürchen – hatte sich losgelöst, und Gawein hob es aus dem Grase auf und betrachtete es ...

Er hatte das Schachbrett!

Allein die Partie war nicht mehr auszuspielen ...

Er hatte das Schachbrett. Allein das Brett mit den Edelsteinfeldern war zerbrochen. Gawein betrachtete es neugierig.

Es hatte, wie es schien, einen doppelten Boden. Der war geborsten, und in seiner Höhlung entdeckte Gawein eine seltsame, kleine, zierliche Maschine; so kompliziert war sie, daß sie ihn wie ein Rätsel dünkte. Sehr kleine Räderchen saßen an unzähligen kleinen Eisendrähten, die miteinander verbunden waren, und all diese feinen Drähte lagen nun durch- und übereinander, zerbrochen, verbogen, zu einem hoffnungslos verworrenen kleinen Knäuel zusammengeballt, und Gawein schüttelte den Kopf und zuckte, selber unwissend und dazu in seinem Denken von allerlei Abenteuern verwirrt, die Achseln. Er schaute hinein und tastete mit blutig gerissenen Fingern vorsichtig nach den kleinen Metalldrähten und befühlte die kleinen Rädchen. Allein er begriff nichts davon. Er sah nur so viel ein: daß Zauberei und seltsame Maschinen aller Art, ob groß oder klein, wohl sehr viel Zusammenhänge miteinander hatten. Und eines wenigstens wußte er gewiß: er hatte das Schachbrett wieder, wenn auch zerbrochen. Es sah sogar aus, als würde es ihm nie mehr davonschweben können. Und sorgfältig raffte er die an den metallenen Fädchen hängenden Figuren zusammen und verwahrte sie samt dem Brett in der Tasche an seinem Sattel. Das Schachbrett fand nicht völlig darin Platz. Es guckte mit seiner oberen Seite heraus. Was für ein elendes Ding schien es doch nun zu sein, wie es so da aus der Satteltasche hervorsah! Und Gawein war, während er aufstieg und langsam im Schritt weiterritt, der Gedanken voll. Was würde sein König sagen, wenn er nun nach Camelot mit dem zerbrochenen Schachbrett zurückkehrte, das nicht mehr schwebte und auf dem sich keine Partie mehr ausspielen ließ, so daß Artur, von seinem Traume befangen, um den Verlust seiner Krone Sorge tragen müßte? Es bedrückte Gawein immer mehr, daß er dieses Schachbrett nicht so wie das erstemal unversehrt und noch zauberkräftig zurückschaffen konnte. Ja, es gab zwischen Himmel und Erde mehr seltsame Dinge, als ein fahrender Ritter sich träumen ließ! Und Gawein, der des Denkens müde war, schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln ... und überließ sich ganz der Führung seines Rosses, das ihn wieder in den Wald hineintrug.

Plötzlich blickte er auf: war er denn auf dem rechten Wege nach Camelot? Um König Artur das Schachbrett zu bringen? Er glaubte nicht, daß diese Straße nach Camelot führte, und er wußte selber eigentlich nicht recht, warum: vermutlich wohl, weil die Erfüllung seiner Aufgabe, wie er voll Unbehagen in seinem ritterlichen Gemüte empfand, ihn von seinem Glück in Ysabel ablenkte, empfand er plötzlich alle Dinge als etwas recht Übles: diese Wälder, die einander so sehr glichen, daß ein fahrender Ritter sich immerfort in ihnen verirrte, diese Wege, die nur dazu gemacht zu sein schienen, um fahrende Ritter noch mehr zu verwirren, als es ohnedies ihre Bestimmung war, das Abenteuer, das wohl ein guter Ausgang zu krönen schien, das jedoch immerhin nicht restlos befriedigte, weil das wunderbare Schachbrett in der Tat zu nichts mehr nütze war. Und ärgerlich auf sich selber und auf alles, und auch dem hilfreichen St. Michael gar nicht allzu fromm und ergeben gesinnt, schaute Gawein, der sogar nur mit Mühe einen Fluch unterdrückte, nach allen Richtungen aus und glaubte, er müsse jetzt südwärts reiten, war aber keineswegs dessen sicher, bis er – wie so froh war er ob solchen Schalles in dieser Einsamkeit! – Hufgetrappel sich nähern hörte und die Zweige krachten, die herabgebrochen am Wege lagen. Und wohlbekannte Stimmen glaubte er zu vernehmen, und eine dieser Stimmen rief:

»Ja, wahrlich, bei Gott im Himmelreich, es gibt doch noch Abenteuer: zuweilen locken sie noch, auf Ritterfahrt zu gehen ... Gawein ist ausgezogen, um ein Schachbrett ...«

»Und hat zwei unserer eigenen Gefährten bestraft, weil sie Schurken waren ...«

»Und eine bedrängte Damoicele gerächt und befreit ...«

»Und wir ...«

Indessen waren die nahenden Ritter um die Biegung des Weges gekommen, und sobald Gawein ihrer ansichtig wurde, erkannte er, zwei und zwei nebeneinander reitend, die Ritter der Tafelrunde!

Lancelot, Gwinebant, Galehot und Sagremort, und mit ihnen Hestor und Melegant, Agloval, Ywein und Bohort.

Und die Neun ihrerseits erkannten Gawein und jubelten ihm freudig zu, und der beantwortete nach ritterlichstem Brauche ihre freudigen Grüße.

Und er sprach:

»Ihr habt also, meine viellieben Gesellen Lancelot, Gwinebant, Galehot und Sagremort, mitsammen die fünf anderen Degen gestern aus dem Liebeshain befreit?«

Da brach Agloval in ein lautes Lachen aus, aber die anderen aus dem Liebeshain erlösten Ritter blickten starr und verlegen vor sich hin.

Agloval lache sehr laut, meinte Galehot lächelnd. Das sei wohl das beste, was er tun könne, statt sich zu entschuldigen.

»Waren sie gefangen oder nicht?« meine Sagremort, »das ist die Frage.«

»Die waren niemals gefangen im Liebeshain«, stotterte Ywein, doch er stotterte nur leicht, »und die Damoicelen wollten gar nicht befreit werden ...«

»So daß wir in Wahrheit gar keine schurkischen Ritter mehr zu bekämpfen hatten«, erklärte der kleine, aber tapfere Melegant, »sei dessen gewiß, viellieber Gefährte.«

Sie kamen und gingen, die Ritter – Hestor berichtete es sehr einfach und erklärend dem Gawein – es waren unter ihnen solche von König Mirakel ...

Von König Ban ...

Auch von König Assentijn ...

»Und auch von allen anderen alten Königen der ganzen Christenheit ringsumher«, riefen Agloval, Ywein, Melegant und Hestor durcheinander.

»An allem ist nur Bohort schuld«, meinte Ywein, während er mit dem Finger auf ihn zeigte und ihn anklagte.

Und die drei anderen wiederholten und wiesen dabei ebenfalls mit dem Finger auf ihn:

»An allem ist nur Bohort schuld!«

»Was wollt ihr!« sagte Bohort, und stark errötend schlug er die Augen nieder, wie riesengroß er auch auf seinem Rosse sitzen mochte. »Die Damoicelen neigten sich gar so verführerisch aus den Fenstern, als wir kamen, sie zu erlösen ...!«

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