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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXV

»Du darfst auf Gawein nicht eifersüchtig sein«, sagte Ysabel sehr ernst und hob den Finger. »Ich will es nicht, Gwinebant. Mir ist Gawein sehr teuer, und ich mag ihm keinen Kummer bereiten, und er darf nicht wähnen, daß ich dich mehr liebe als ihn. Er ist mir in Treuen minnig zugetan, Gwinebant, und er darf solches nicht denken.«

»Aber wen liebst du denn am meisten, Ysabel?«

Ysabel umarmte ihn.

»Gwinebant«, antwortete sie und sah ihm tief in die Augen.

Gwinebant schloß die seinen.

»Gehen wir«, sagte die Jungfrau, »ich will diese Nacht wieder von dir träumen, mein Lieb.«

»O Ysabel«, sprach Gwinebant.

»Wirst du auch im Traume dieser Nacht bei mir sein, Liebster?«

»Ja, ich will es«, sagte Gwinebant, »will träumen von dir und allen unseren Küssen.«

Sie gingen. Allein vermöge eines ganz einfachen Zaubers wußte Merlin, der in seinem Versteck gelauscht hatte, es zu fügen, daß Gwinebant sich in dem Schatten Ysabels verlor, und daß zugleich Gawein, der sie suchte, ihr begegnete.

»Ysabel«, rief er erfreut aus, »finde ich Euch endlich!«

»Ach, Gawein!« sprach Ysabel, »sucht Ihr mich? So suchte ich auch nach Euch und bin nun gar froh, daß ich Euch gefunden habe.«

»Ich traf Euch nicht im Saale«, sagte Gawein, »wo die Burggenossen nach festlichem Mahle beisammensitzen, und bei der Tafel sah ich Euch mit Lancelot so süßes Spiel treiben und Dinge voller Courtoisie sprechen, daß ich nicht wußte, was ich denken sollte, o Ysabel!«

»O Gawein, mein viellieber Gawein«, gab Ysabel schalkhaft zurück, »was verdächtigst du mich, daß ich mit Lancelot Courtoisie triebe? Lancelot ist der Freund des ›Urquells aller Schönheit‹, der Königin Ginevra, indessen ich nur ein töricht armes Jungfräulein bin. Lancelot bewundere ich als einen Helden aus dem Reiche Logres, der nur Euch, Gawein, vergleichbar ist.«

»Indessen, Ysabel, bewundert Ihr mich auch als einen wackeren Kämpen aus Logres und Helden der Tafelrunde, so sagtet Ihr mir doch, daß Ihr mich sehr lieb hättet! O Ysabel, wenn Ihr das nicht mehr tätet, würde es mein Tod sein, mein Tod, den mir nicht einmal der Kampf mit viermal zwanzig Mannen an den zwölf Toren dieser Burg gebracht hat. Der Tod, o Ysabel würde mir also nicht in Feldschlacht oder Zweikampf drohen, auch nicht von Drachen oder von Riesen, nicht auf Ritterfahrt und Abenteuer, sondern von einem ›töricht armen Jungfräulein‹, das eine holde Prinzessin ist und sogar Königin von Nordcumberland werden, dabei aber doch Lancelot, den Freund Ginevras, zu minnigem Dienst um sich haben will.«

»O Gawein, wie sollte ich wohl Lancelot minnen, den Freund der Ginevra? Ich wage kaum, ihm in die Augen zu blicken, die doch so sanft sind. Er ist so hoch über mich erhaben, und dazu ist er so treu, wie niemalen ein Ritter war. Die Dichter haben in dem Roman, dessen Held er ist, seine Treue über alles gepriesen. Wie sollte ich, o Gawein, wohl diesen Lancelot zu minnen wagen!«

»Oder mein Tod, Ysabel, wird mir von dem nämlichen Jungfräulein kommen, so diese den Gwinebant lieben sollte.«

»O Gawein, wie könnte ich wohl den Gwinebant lieben, wenn solches Minnen Euch Tod bedeuten würde? Glaubt Ihr, ich könnte Euren Tod wollen um Gwinebants Minne? Nein, das vermöchte ich nicht, mein Gawein.«

»So saget mir, Ysabel, so schwöret mir, o Ysabel, daß Ihr weder Lancelot noch Gwinebant minnet, denn ich bin dessen nicht gewiß, welchem von jenen beiden Ihr, o Ysabel, wohl minnig zugetan sein könntet.«

»O Gawein, Liebesschwüre sind wie Vögel mit leichten Fittichen, sie fliegen durch die Luft, sobald man sie freiläßt. Ysabel tut darum keine Liebesschwüre: doch wie könnte sie wohl Lancelot oder Gwinebant so minnen, wie sie Euch minnet, o Gawein?«

»So küsse mich, süße Ysabel.«

Da küßte Ysabel im Schatten, den die Burgmauern in die blaue Mondnacht warfen, den Gawein, und Gawein küßte Ysabel lange wieder, und er glaubte, daß sie ihn minne und nicht Lancelot, auch nicht Gwinebant, auch nicht Galehot oder Sagremort oder Lionel, den Nordcumberländer, und er fühlte, daß diese Liebe ihm das Leben bedeutete. War er auch niemals getreu wie Lancelot gewesen, so würde doch dieses Mal seine Liebe ihm Tod bringen können. Und während sie so miteinander kosten, schaute Merlin erst immerfort um die Ecke und entwich dann, und Amadis blickte um eine andere Ecke, und der Schildknappe hörte gerade, wie Ysabel nach einem langen Kusse schalkhaft sagte:

»Seht, Gawein, meine größte Minnepein wird mir, fürchte ich, von einem Ritter kommen, der nicht Lancelot noch Gwinebant ist, und den ein gar schöner Schildknappe begleitet, und unter dieses Schildknappen Panzerhemde birgt sich eine Jungfrau – und darum möchte ich nun, meine Eifersucht zu stillen, wohl wissen: hat jener Ritter seinen Schildknappen lieb?«

»O Ysabel«, hörte Amadis da seinen Herrn Gawein antworten, »wie könnte ich wohl Amadis – wie Alliene sich nennt, die ich ritterlich erlöste – wie könnte ich sie voll Mitleid und Barmherzigkeit wohl anders minnen denn ein Bruder seine Schwester liebt? Wie könnte ich Amadis lieben, so wie ich nur Ysabel, meine Ysabel, einzig und allein zu minnen vermag?«

Da küßten sich Gawein und Ysabel lange, Amadis aber floh von dannen – –

Aus dem Burgsaal ertönten Fanfaren.

Und Gawein und Ysabel eilten an den dunklen Mauern entlang und durch die Tore zu dem Saale, und der Ritter führte die Prinzessin zu den Stufen des Thrones, wo ihr Vater saß. Und alle die Barone und Edelfrauen und alle die Burggenossen waren schon versammelt, und Merlin stand inmitten des Saales. Und er sagte:

»Gawein, mein hoher Held, wir haben dich erwartet, denn nun du zu unser aller Freude von dem Karren erlöst bist, ist es meine Pflicht, dich, dem Galehot von König Artur Botschaft gebracht und vermeldet hat, daß er böse sei, weil du das Schachbrett vergessen hättest, seine eigene königliche Stimme vernehmen zu lassen.«

»Wie das, Merlin?« fragte verwundert Gawein. »Camelot liegt doch gar weit von Endi entfernt, und Ihr könntet mich des Königs Artur Stimme hören lassen?«

»Merlin ist ja so vieler Zauberkünste fähig«, sagte der König Assentijn voller Güte. »Lasset zu uns dringen, Merlin, mein Freund, des Königs Artur königliche Stimme.«

Alle drängten neugierig herbei.

Und Merlin machte ein Zeichen.

Sechs Diener trugen eine große Trompete aus rotem Golde herein, wie man sie noch nie gesehen hatte; groß und rund weitete sich ihr Schallrohr.

Und sie stellten die Trompete auf einen Tisch aus rotem Gold, und Merlin verneigte sich sehr ehrfurchtsvoll, gleich als neige er sich vor einem Fürsten.

Und er beschrieb mit seinem Stab einen Bogen darüber.

Und es war, als ob die Trompete leicht erzittere.

Und dann sprach sie mit des Königs Artur Stimme:

»Höre mich, Gawein, mein Neffe: so du das schwebende Schachbrett vergissest und auf deiner Fahrt säumig wirst, die du als Ritterpflicht auf dich genommen, so werde ich, dein König, selber mein gutes Roß besteigen und auf die Suche nach dem Zauberbrett ausreiten. Das schwöre ich bei meiner Krone und beim Gott im Himmelreiche und bei dem Sohne Mariens, der für uns geboren ward.«

Durch den Saal ging ein Rauschen und Bewegen voller Verwunderung. Wahrlich, das war des Königs Artur Stimme – also sprachen im höchsten Erstaunen Assentijn und die Ritter der Tafelrunde. Kein Zweifel daran war möglich. Er redete mit seiner königlichen Stimme, dringend, befehlend, aus der goldenen Trompete.

Gawein erblaßte wie ein Knabe.

Und er neigte das Haupt.

Dann rief er laut:

»Morgen vor Tau und Tag werde ich auf die Weiterfahrt ausziehen, so wahr mir St. Michael helfe!«

Allein vor die große Trompete hatte man eine kleinere gestellt, die war zierlich und mit kostbaren Edelsteinen besetzt: mit Demanten und Rubinen und Karfunkeln. Und Merlin erwies auch dieser Trompete wiederum höchste Ehrfurcht und schwang seinen Stab.

Und dann sprach die kleine Trompete:

»Lancelot, mein Ritter, kehre zurück nach Camelot, denn der König Artur sitzt den ganzen Tag mit den zwölf neuen Rittern der Tafelrunde und wartet, ob keine Kunde von Abenteuern zu ihm dringt, und die Stunden der Mahlzeit gehen vorüber, und wir essen nicht, und wir spielen nicht, und wir lieben nicht, und wir leben nicht, und dieses Dasein ist mir eine große Qual ohne dich, Lancelot, mein Ritter!«

Andächtig hörten alle zu und hielten die Hand an das Ohr gelegt...

Ysabel hatte sich erhoben, trat ein paar Schritte näher und lauschte mit süßem Entzücken der Stimme der Königin Ginevra.

Lancelot aber rief schmerzlich und dennoch beherrscht:

»Weh mir, meine süße Fürstin, ich kann noch nicht nach Camelot zurückkehren, denn wenn Gawein von neuem auszieht, das Schachbrett zu suchen, so reiten wir andern – nicht wahr, meine Gefährten? – so reiten Sagremort, Galehot, Gwinebant und ich, Lancelot, nach der Burg der Schurken und der bedrängten Damoicelen, wo jene Bösen fünf Ritter der Tafelrunde gefangenhalten. Bohort!«

»Und Ywein!« rief Gwinebant.

»Und Agloval!« rief Sagremort.

»Und Melegant!« rief Galehot.

»Und Hestor!« riefen alle vier zusammen.

Und der Saal hallte wider von dem sonoren Klange der keltischen Namen.

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