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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXII

So war das Leben gut und schön, voller Freude und schmerzlich süßem Glück, meinte Gawein, während er mit Ysabel an den Gräben entlang und über die Wälle wandelte, wo auf hohen Stengeln Sonnenblumen blühten und ihre großen Strahlenkränze, die um den dunkleren Kelch standen, sich von dem rotbraunen Stein der Burgmauern abhoben, aus denen hier und dort ein vereinzeltes Bogenfenster glänzte. Und süße Worte quollen, wenngleich Gawein kein Dichter war, wie Wasser aus lebendigem Quell Gawein aus dem Herzen, und er sprach mit seiner tiefen Stimme, und Ysabel lauschte, während sie längs dem Sonnenblumenhag neben ihm einherschritt, in ihrem weißen enganliegenden, leicht schleppenden Gewande: golden fielen ihr die beiden schweren Flechten über den schmalen Rücken und auf den zarten Busen hernieder. Und mit Freuden wandelte sie so, wiewohl ihr in jeder Nacht von Gwinebant, von Gwinebant träumte. Und wieder sprach sie ihrem Ritter, den sie jetzt nicht mehr Ohm, sondern Gawein nannte, davon, daß sie nun sicherlich bald dem alten König Clarioen von Nordcumberland zur Ehe folgen würde, und Gawein begriff das, dieweil sie doch die Prinzessin von Endi war und das Prinzessinnenkrönchen mit den drei Zacken ihre Schläfe umschloß und sie darum keinen anderen als einen König ehelichen könnte, und weil alle Könige in den Ländern ringsum alt waren... Allein Ysabel sagte, wenn sie ihr Prinzessinnenkrönchen erst gegen die Königinnenkrone von Nordcumberland eingetauscht hätte, so wollte sie doch recht höfische und in allen Künsten der Courtoisie wohl geübte Ritter an ihrem Hof haben, einen oder zweie; sie wisse nicht viel von den nordcumberländischen Rittern, und darum müßten sie sicherlich aus ihres Großvaters Landen Ritter mit ihren Frauen auf die Brautfahrt geleiten. Und so ward dem Gawein viel Hoffnung gegeben, während er so glücklich an Ysabels Seite dahinlebte, wie er noch niemals neben einem minnigen Weibe gelebt hatte, nicht einmal an der Seite seiner ersten Ysabel, die dieser zweiten Ysabel Mutter und die Tochter des Königs Assentijn gewesen war. So gab es ein endloses Umherwandeln des Morgens nach der Messe über die Wälle und durch die Haine und durch die von der hineinlachenden Sonne aufgehellten Winkel zwischen den Mauern und Türmen, endlos um die Burg herum; liebe Wanderungen waren es durch Tore über Brücken an grünblauen und gelbgrauen Gräben entlang, die sich wie breite Gürtel ringsum schlangen, und Gawein entsann sich nicht mehr der grimmen Taten, die er dereinst hier vollbracht hatte.

Wie sie eines Morgens sich wiederum dem Schloßhof näherten, gewahrten sie eine große Bewegung und sahen, wie unzählige Köpfe – Diener und Kammerfrauen – aus allen Burgfenstern spähten, und sie selber sputeten sich, um zu erfahren, was da draußen vor der Burg auf dem Wege geschähe, der hinausführte und von den Gräben aus sichtbar war.

Und mit dem König und dem ganzen Hofe sahen Gawein und Ysabel, während der Edelfrauen Schoßhündchen auf den Wällen kläfften, einen Schandkarren, den ein Zwerg führte; der saß auf der Deichsel. Und in dem Karren lag halbnackt ein Ritter und stöhnte vor Schmerzen, und ihm zur Seite ritten zwei Ritter mit hochgeschlagenem Visier. So von weitem über die elf Gräben hinweg und durch den beständig aufsteigenden Dampf des siedenden Zauberflusses waren die Ritter nicht sogleich zu erkennen. Nicht nur der auf dem Karren, sondern auch seine beiden Gefährten schienen bleich und müde, vielleicht erschöpfter noch, als wenn sie aus einem Zweikampf oder einer Feldschlacht gekommen wären. Schon erhob sich nach üblem Brauch ein Johlen und Schreien der Burgsassen; mitleidslos höhnten besonders die vielen minderen Diener, die über die Wälle wimmelten, um zu gaffen und ihren Spott mit dem zu treiben, der von einem halbtollen Zwerg auf dem Schandkarren umhergeführt ward.

Doch Gawein legte die Hand über die Augen und rief:

»Bei unserer lieben Frau, bei aller himmlischen Gnade, was sehe ich! Ist jener eine Ritter nicht Lancelot? Ist es möglich, daß es wirklich Lancelot ist?«

»Lancelot!« rief Ysabel jubelnd, »Lancelot ist es, den ich dort erschaue? Lancelot, von dem ich eben in einem schönen Ritterroman gelesen habe?«

»Er ist es, mein Schwiegervater«, rief Gawein dem König Assentijn in heftiger Bewegung zu. »Und wer anders könnte nun der in dem Schandkarren sein als ein Ritter ohne Furcht und Tadel; würde ihm wohl sonst Lancelot Trost spenden und die Ehre seines Geleits erweisen? Nur einen, der dessen wert ist, wird Lancelot auf diesem fürchterlichen Karren begeleiten.«

Und Gawein schritt heftig bewegt durch das erste offene Tor und rief von der Brücke über den vordersten Schloßgraben mit lauter Stimme:

»Lancelot! Mein Lancelot!«

Der blickte schmerzlich auf, er erkannte ihn.

Und mit schwacher Stimme hallte es zurück:

»Gawein! Gawein, den wir suchten!«

Gawein aber stieß einen zweiten Ruf aus, schmerzlicher noch als den, mit dem er Lancelot gerufen:

»Was sehe ich: Gwinebant! Mein Gwinebant!«

Denn nun erkannte er den Ritter auf dem Karren.

Und hinter ihm erklang ein schriller Frauenruf. Der kam von Ysabel, die nicht mehr um Lancelot jubelte. Ysabel lief hinter Gawein her; gleich vielen aus der Schar der Barone und Edelfrauen hatte sie Gwinebant erkannt und rief ihn nun bei seinem Namen:

»Gwinebant! O alle ihr Heiligen im Paradiese! Auf dem Karren liegt Gwinebant, mein Ritter, der meines Gewandes Ärmel als Helmzier trug und mir zur Ehre im letzten Turnier so tapfer kämpfte.«

Und noch bevor ihr Großvater und die Barone sie daran hindern konnten, war sie mit Gawein fortgeeilt, dann vor ihm und vor ihrem nachkläffenden Hündchen her durch alle die Tore, über alle die Brücken bis auf den Weg, auf dem der Zwerg mit seinem Karren und dem elenden Klepper heranzog.

»Lancelot!« rief Gawein.

Und: »Gawein!« rief Lancelot, »dich suchten wir!«

Und er schwang sich von seinem Pferde, und die beiden Ritter lagen einander in den Armen.

»Lancelot«, fragte nun Gawein, »warum liegt mein Gwinebant, unser jüngster und schönster Gefährte, auf dem Karren?«

»Er liegt darauf, weil er ritterlich seine Pflicht tat«, sagte Lancelot. »Er liegt darauf, weil er Lionel befreien wollte, der schuldlos auf den Karren geworfen war. Wir sind ausgezogen, Gawein, nach dir zu forschen, da du uns so lange fernbliebst, und wir begegneten dem Karren, und Gwinebant befreite hier diesen: Lionel!«

»Doch ich, ihr Herren!« rief Lionel, »bin nun wieder zu Kräften gekommen. Ich werde selber von neuem den Karren besteigen.«

»Nicht also, Lionel!« sagte Lancelot dagegen, »an mir ist es jetzt, solches zu tun, und der Zwerg wird mich nach Camelot führen, da will ich meinem König Kunde vom grausen Abenteuer bringen, und dann wird Merlin den Karren entzaubern!«

»Nein!« rief Ysabel, »nicht doch, edler Lancelot, dessen Ruhm mir ein wundervoller Roman kündete – ich las ihn jüngst mit Gawein, meinem Ritter –, Ihr, der Treueste der Treuen in aller Christenheit, Ihr, der Ihr in nimmer wankender Neigung dem ›Urquell aller Schönheit‹, der Königin Ginevra dienet – o, wie gerne sähe ich sie! – Ihr dürfet nicht den Karren besteigen. Gawein, mein Ohm und Ritter, wird das tun, um Gwinebant zu erlösen!«

Und in die erregten Worte der Jungfrau mischten sich die erregten Stimmen Lancelots und Lionels und Gaweins, die miteinander voll Edelmut wetteiferten, wer von ihnen den Karren besteigen sollte!

Denn Gawein, das Muster aller Ritterschaft, zögerte nicht einen Augenblick, dem Wunsche Ysabels zu willfahren, die er mehr denn alles in der Welt liebte. Noch bevor Lancelot und Lionel ihn daran hindern konnten – Knechte eilten indessen, ihnen die Pferde abzunehmen –, setzte er seinen Fuß auf den Karren ... Aus heiterem blauem Himmel kamen Donner und Blitz, der Zwerg bleckte grinsend die Zähne, die Mähre wieherte angstvoll, und ...

Auf dem Karren lag Gawein ...

Er wand sich, doch festgeknebelt lag er in zerrissenen Kleidern da ...

Zwischen Lancelot und Lionel stand zitternd und schwankend Gwinebant. Er war totenbleich. Er hielt die Augen geschlossen, und die Freunde mußten ihn stützen.

Er schien völlig erschöpft von den Schmerzen, die er während der Nacht auf dem unseligen Karren erlitten hatte.

Als er die Lider aufschlug, erkannte er inmitten unzähliger Barone und Edelfrauen, deren Schoßhündchen ringsumher kläfften, eine Jungfrau, so blond, so weiß, so golden von Haar, strahlend in ihrem lichten Gewände, daß sie einem Engel glich ...

Und voller Liebespein blickten ihre blauen Augen ihn an.

Und er erkannte sie ...

Einstmals hatte er sie beim Turnier erschaut ...

Und er hatte ihren Ärmel, den sie ihm dargereicht, um seinen Helm geschlungen.

Seither hatte er sie unzählige Male voll unsagbaren Glückes in seinen Träumen gesehen ...

»Ysabel« ... flüsterte er ...

Und: »Gwinebant« ... die Jungfrau.

Und ihre weißen Händchen streckten sich ihm entgegen ...

Er ergriff sie und küßte sie innig.

»Ich sah Euch« ... stammelte er.

»Und Euch sah auch ich, Gwinebant ...«, hauchte Ysabel.

Allein sie sagten nicht, wo sie einander gesehen.

In den letzten Zeiten waren sie einander in jeder Nacht begegnet – in ihren Träumen –, wenngleich er nicht um die ihren wußte und sie nicht um die seinen ...

Und dieweil sie die Augen ineinander ruhen ließen und Liebesblicke voll seligen Erkennens tauschten, wieherten die Rosse um sie herum und bäumten sich hoch auf unter den Fäusten der Knechte, die sie am Zaum hielten.

Die Edelfrauen riefen Weh und Ach ...

Die Barone überhäuften Lancelot und Lionel mit Lob und Preis.

Und die Schoßhündchen kläfften wie rasend.

Da knallte der Zwerg mit der Peitsche.

»Ich kenne alle Burgen in der Runde«, grinste der halbblöde Zwerg. »Wir gehen nach Camelot, im Lande Logres, und dann zurück nach Nordcumberland!«

Allein Lancelot, Lionel und alle die Barone wollten nicht, daß der Zwerg mit dem Karren wegfahren solle, und auch König Assentijn, der aus den Toren über die Brücken herangekommen war, wünschte es nicht.

»Wir alle möchten es nicht!« rief es ringsum. »In die Burg mit dem Zwerg! Hier in Endi soll der Karren bleiben. Hinein mit dir, Zwerg; was schiert uns deine Zauberei! Liegt Gawein schon ohne sein Verschulden auf diesem Karren, so soll er doch nicht auf allen Straßen herumgezeigt und zum Spott von Schurken und Bösewichtern werden. In die Burg, Zwerg!«

Und sie zwangen ihn, durch den heißen Nebel des siedenden Wassers über die Brücke zu fahren. Die Knechte führten die beiden Pferde ab ...

Die Schoßhündchen kläfften ...

Es war ein ungeheures Lärmen, und kaum konnte der König sich verständlich machen, der Lancelot, Lionel und Gwinebant huldvoll aufforderte, ihm Gäste zu sein. Gawein stöhnte leise und wand sich, wand sich auf dem Karren, wand sich unter dem Zauberschmerz, der ihm durch die Glieder zuckte, aber er stöhnte mehr noch – anderes als ein Stöhnen war sein Klagen nicht –, weil er vor der Schandmähre, die den Karren zog, Ysabel mit Gwinebant einhergehen sah, seinem jungen Gefährten, den er wohl liebte ...

Und er litt Qualen der Eifersucht, denn Ysabel führte, so glaubte er zu gewahren, den Gwinebant, der bleich, noch in seiner zerrissenen Rüstung, einherwankte ...

Und Gawein sah, wie Gwinebant der Ysabel verstohlen zulächelte und ihr sicherlich bedeutete, es gehe ihm besser und ein Ritter der Tafelrunde werde gewiß nicht sterben, wenn er eine einzige Nacht unschuldig auf dem Schandkarren gelegen. In der Tat richtete sich auch Gwinebants schlanke, breitschultrige Gestalt so jugendlich auf wie die eines Kampfengels, und er gliche dem heiligen Michael, meinte Gawein stöhnend. Und Ysabel lächelte verstohlen dem Gwinebant zu – und wiederum stöhnte Gawein. Und derweilen erhob sich ein solches Lärmen, daß der König Assentijn, der zwischen Lancelot und Lionel schritt, plötzlich mit donnernder Stimme rief:

»Jungfrauen und Edelfrauen! Ich gebiete euch: bringet – und das sogleich! – eure unseligen Schoßhündchen zum Schweigen, sonst – bei meiner Königskrone! – will ich sie alle von den Knechten in die Gräben werfen lassen!«

Da stürzten alle die Frauen und Jungfrauen auf ihre Hündchen zu und bargen die lieben Tierchen auf ihren Armen, an ihrer Brust und in den Falten ihrer Gewänder ...

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