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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XXI

Indessen irrten Lancelot und Gwinebant durch andere Wälder, darin sie Gawein zu finden hofften.

»Hätten wir nur Merlin in den letzten Zeiten sehen können! Er würde uns gewiß gesagt haben, wo Gawein wohl zu treffen wäre.«

»Wir haben aber Merlin seit Tagen und Monden nicht mehr gesehen«, entgegnete Gwinebant.

»Er ist sicherlich noch mit seiner drahtlosen Theorie beschäftigt«, meinte Lancelot sinnend.

Gwinebant antwortete nicht. Er wahrte es im Herzen, daß Merlin, ob er gleich als Zauberer unsichtbar blieb, ihn jede Nacht, o Seligkeit, von der schönen Ysabel träumen ließ und von süßem und verliebtem Zusammensein mit ihr, und er fragte sich, der schöne Knabe, ob Merlin wohl auch versuche, diese Träume drahtlos zu senden. Doch er erwiderte dem Lancelot nichts und gab sich lieber schweigend der Erinnerung an den letzten Traum hin: Ysabels Arme hatten sein blondes Haupt umfaßt, Ysabels Mund hatte auf seinem Munde geruht. Das Grübchen in seinem Kinn vertiefte sich schalkhafter ...

Dämmerung senkte sich bereits auf die dichten Zweige herab. Und in den Wipfeln schimmerte noch die untergehende Sonne.

Die Ritter hatten keinerlei Begegnung, und Lancelot meinte bereits, daß dieser Tag ein verlorener wäre und daß sie sich nun umsehen müßten, eine Herberge zu finden, denn die fahrenden Ritter waren stets darauf aus, während der Nacht ein Bette, wo nicht eine Burg oder ein Kastell zu finden – am liebsten ein Wunderbette, in dem sie all ihrer Wunden am folgenden Tage genesen waren. Verwundet waren Lancelot und Gwinebant nun zwar nicht, doch sie hatten Hunger, so verliebt und so verträumt sie auch beide sein mochten. Da hielten sie denn beide ein wenig mürrisch Ausschau, ob keine Burg zwischen den Bäumen emporstieg. Allein es schien so, als dehne sich der Wald endlos aus, bis sie plötzlich Ächzen und Stöhnen hörten.

»Das Abenteuer«, sagte Lancelot, und fast andächtig hob er den Finger.

»Das Abenteuer«, wiederholte Gwinebant.

Das Ächzen und Stöhnen kam näher. Das war keine Frauenstimme. Bei einer Biegung des Weges wurde nun ein Karren sichtbar, der von einem armseligen Klepper gezogen und von einem Zwerg geführt wurde. Dem Pferde waren Ohren und Schweif abgeschnitten, und in dem Karren lag ein halbnackter Ritter, an Händen und Füßen gebunden, und er war es, der so ächzte und stöhnte.

»Sieh, der Karren!« rief Gwinebant heftig erschrocken.

»Der Karren!« rief auch Lancelot mit größtem Entsetzen. »Der Karren der Schande! Du Zwerg, sage mir, wen führst du auf diesem Schandkarren durch die Wälder?«

Der Zwerg grinste. Er war ein Idiot: allein der Ritter auf dem Karren stöhnte immer vernehmlicher.

»Ihr Herren Ritter, wer ihr auch sein möget, erbarmet euch meiner. Ich bin Lionel, ein Ritter des Königs Clarioen von Nordcumberland, und der befahl, daß man mich nackt auf den Schandkarren werfe und daß dieser aller Vernunft bare Zwerg mich durch alle Straßen, über alle Wege, an allen Burgen vorüber führe, auf daß alle Bewohner mich von den Fenstern aus verlachen und meine Schande immer größer machen sollten. Ihr Herren Ritter, der König Clarioen beschuldigte mich, ich hätte ihm nach dem Leben getrachtet, um mich seines Thrones zu bemächtigen. Allein er beschuldigt alle Ritter, daß sie ihm nach dem Leben trachten, um sich seines Thrones zu bemächtigen. Edle Ritter, das kommt daher, weil er keine Nachkommen hat, keinen Sohn und keinen Erben, und weil er seine Braut, die junge Ysabel, noch nicht zur Ehe nehmen darf.«

»Ysabel«, rief Gwinebant heftig erschrocken, »welche Ysabel, o sagt es mir, lieber Ritter!«

»Ysabel, die Schöne, die Enkeltochter des König Assentijn, die Prinzessin von Endi.«

Gwinebant und Lancelot waren abgesprungen.

»Schwört mir, daß Ihr unschuldig seid«, sagte Lancelot.

»Ich schwöre es Euch, edler Herr!« rief der andere. »Ich, Lionel, bin der sechste Ritter aus Nordcumberland, der unschuldig auf diesem Schand- und Zauberkarren umhergefahren wird. O erlöset mich, erlöset mich, ihr Herren!«

»Euch erlösen, von diesem Schandkarren?« rief Lancelot im heftigsten Entsetzen.

»Von dem Schandkarren Euch erlösen?« fragte auch Gwinebant ratlos.

Und die beiden Ritter hoben die Arme zum Himmel empor und flehten Sankt Michael an.

Dem Karren zu begegnen, galt als ein großes Unheil. Denn der Schandwagen mit dem armseligen Klepper und dem Zwerg, der ihn führte, war ein Zauberkarren, ein Folterwerkzeug, und wer in ihn hineingeworfen ward, wurde von selber an Armen und Füßen gefesselt, und wer einmal gefesselt darauf lag, konnte nur von einem befreit werden, der freiwillig an Stelle des Gefesselten den Karren bestieg. Dem Karren zu begegnen, bedeutete somit Unheil für den fahrenden Ritter, denn es war für ihn Ritterpflicht, den Gefangenen zu erlösen und an seiner Statt aufzusteigen. Allein der fahrende Ritter wollte weit lieber hundert Riesen erschlagen, und hundert Drachen dazu!

Da sagte Lancelot: »Ich werde den Karren besteigen ...«

»Nein!« rief Gwinebant aus und umarmte Lancelot, »nein, liebster Freund, du nicht, nicht du, der Erste am Hofe, der zur Rechten des Königs sitzt, nicht du, der unsere Königin minnet, nicht du, mein Gefährte, den ich liebhabe! Nimmer soll das geschehen! Ich bin der Jüngste, ich bin Gwinebant, der zu Ysabel im Herzen Minne trägt! Ich werde den Schandkarren besteigen!«

Und er setzte den Fuß darauf.

Es war sehr dunkel geworden.

Und auf dem Karren entspann sich ein wütendes Gefecht.

Es blitzte ...

Und der Donner grollte ...

Als Lancelot die Hände ausstreckte und umhertastete, trafen sie nicht Gwinebant, sondern Lionel, und er hörte, wie Gwinebant schon gefesselt auf dem Karren lag und vor Schmerz und Schmach ächzte und stöhnte.

»Gwinebant!« rief Lancelot schmerzbewegt, »nun werde ich dich befreien!«

»Erst nach zwölf Stunden«, sagte grinsend der Zwerg.

»Lionel!« rief Lancelot, »hülle dich in meinen Mantel und besteige meines Freundes Roß. Du, Zwerg, ziehe mit uns weiter. Kennst du die Burgen wohl?«

Der Zwerg grinste bestätigend.

»So führe den Karren!« rief Lancelot, »führe ihn diese ganze qualvolle Nacht hindurch, bis wir des Tages an den Burgen vorüberfahren, wo Frauen und Ritter meinen süßen Gefährten von den Fenstern aus verlachen und verhöhnen werden, daß es ihm zur Unehre gereicht ...«

»Gwinebant«, rief Lionel dem Jüngling auf dem Karren zu: der lag da, halbnackt in seinen durch Zauberei von ihm abgefallenen Rüstungsstücken. »Gwinebant!« rief Lionel und deckte ihn mit einem Mantel zu. »Gott wird es dir lohnen! Gott wird es dir lohnen, du mein Befreier!«

Und während er noch ob der erlittenen Schmerzen stöhnte, bestieg er Gwinebants Roß.

Der Zwerg saß auf der Deichsel des Karrens und riß an den Zügeln. Die Schandmähre zog an.

Ein Platzregen fiel herab.

»Ich bin zwar ein armer Narr, aber die Burgen kenne ich wohl«, meinte der Zwerg grinsend.

+++

Was war das Leben doch schön und gut, meinte Gawein, was für Seligkeit war es allein schon, zu atmen, und war es nicht Paradieseswonne für einen Liebenden, wenn er glauben durfte, wiedergeliebt zu werden? In hochsommerlichem Glanze strahlte der blaue Himmel wolkenlos über der Burg, die gewaltig wie eine Stadt mit ihren zahllosen Türmen und ihren verwitterten Mauern sich inmitten der Wälder aus dem immer höher ziehenden Nebel emporreckte, der von dem siedenden Zauberflusse aufstieg. Und mit Ysabel wandelte Gawein über die Wälle und an den Gräben entlang und durch die zwölf Tore, die jetzt friedlich offenstanden, so daß sie zum einen Tor hinein und zum anderen hinaus schlendern konnten, während im Hof vor der Burg der alte König behaglich unter einer Linde saß und in dem milden Sonnenschein ein wenig einnickte, und seine Ritter Ball spielten, und die Edelfrauen an den Pagen wie an ihren Schoßhündchen ihre Lust hatten ...

Gawein aber schritt unentwegt Ysabelen zur Seite als ihr Ritter, der auch in künftigen Turnieren ihr zu Ehren kämpfen würde, und kein anderer Ritter war so wie Gawein höfischer Sitte mächtig: wenngleich er die Dinge nicht so kunstvoll zu benennen wußte wie die wortreichen Dichter es vermochten, so wußte er alle Taten der Courtoisie doch zu tun, wie sie nur ein Ritter für die Dame seines Herzens zu tun vermag. Er lief eines Nachmittags hinter Ysabels Falken her, der davongeflogen war, bis er den Vogel endlich, des Fliegens müde, im Gestrüpp fand, und er rettete einst Ysabels Hündchen, das in einen der Gräben gefallen war, und sprang in das Wasser, um mit eigener Lebensgefahr das bereits untergehende kläffende Tierchen zu fassen: es ward ihm fast unmöglich, wieder aus dem Wassergraben herauszukommen. Da las Ysabel in dem Ritterroman des Lancelot – den die Schreiber auch bereits aufgezeichnet hatten –, dieser habe, nachdem er von einem feindlichen König drei lange Wintermonate hindurch eingekerkert gewesen war, die Gitterstäbe seines Fensterchens verbogen, um nur endlich, im Mai, eine im Kerkerhof blühende Rose zu pflücken, die ihn an seine herzliebste Herrin, die Königin Ginevra, gemahnte. Und Ysabel fragte ihren Oheim, der nun ihr Ritter geworden war, ob auch er zu ihrem Ruhm sechs Gitterstäbe verbiegen könne, um eine Rose zu pflücken, und da ließ Gawein sich in einen Kerker einsperren. Es blühte gerade ein Rosenstrauch vor dem kleinen Fenster des festen Gewölbes, und alle Ritter und Edelfrauen und Pagen, die Ysabel dienten, kamen herbei, um zu schauen, wie Gawein die Stäbe verbog, um, endlich befreit, die Rose zu pflücken, die er dann zu Ysabels Füßchen niederlegte. Und sie küßte ihn dankbar, und alle Ritter und Edelfrauen priesen Gawein als den Allerritterlichsten. Allein er wehrte bescheidentlich ab und sagte, daß er nicht mehr getan habe als Lancelot! Da gab Ysabel dem Gawein ihren goldenen Kamm, und durch seine goldenen Zähne hatte sie drei ihrer goldblonden Haare gewunden, weil sie in dem Ritterroman gelesen hatte, daß auch Ginevra einst dem Lancelot ihren Kamm mit einigen ihrer Haare geschenkt hatte.

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