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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel I

In jenen zauberhaften Zeiten, als Schachbretter durch die Wolken schwebten, mag Logres wohl in England gelegen haben, vielleicht war es in Wallis zu finden. Es kann aber auch ebensogut irgendwo anders gewesen sein. Jedenfalls ist es wohl recht schwer, heute Gewißheit darüber zu gewinnen.

Dazumal war Logres ein seltsames Land; es hatte keine Städte, keine Dörfer: nur Wälder und Burgen; »Volk« gab es auch nicht: nur Ritter, die ihrem König Artur dienten, und diese Ritter hatten Schildknappen und Edelknaben. Und dann gab es Zauberer. Und die Ritter und die Zauberer bewohnten die Burgen – und in den Wäldern hausten Drachen und andere Ungeheuer. Nur hin und wieder ritt einmal eine Jungfrau auf einem weißen Zelter durch diese Wälder – ganz allein, ganz einsam –, und die wurde dann von einem Zauberer verzaubert – oder beinahe von einem Drachen verschlungen –, dann aber stets wieder von dem tapfersten dieser tapferen Ritter erlöst: so schickte es sich ganz von selber.

Und nun erst das starke Land Logres mit seinen Wäldern und Burgen vor uns aufgetaucht ist, nun sehen wir auch deutlicher, wie sich aus dem dunklen Nebel die Burg Camelot heraushebt, wo König Artur in Friedenszeiten weilt: und ob es schon keine Städte im Lande Logres gibt, so ist doch diese Burg selber beinahe so groß wie eine Stadt. Starke Mauern umschließen sie, und zwischen zweien ist immer ein tiefer Wassergraben. Und viele Türme recken sich weitausschauend über die Ebene, um die Burg, heben sich aus dem Kranze der Zinnen, die so schön romantisch und so schön romanisch viereckig gegen den merkwürdig blauen Himmel stehen; – wie starke Zähne sehen sie aus. Der Himmel ist dunkelblau und hat einen feuerroten Saum – vielleicht kommt er vom Sonnenaufgang, vielleicht vom Sonnenuntergang, vielleicht auch vom Feueratem der Drachen.

Und nun, da auch die Burg Camelot deutlicher vor unserer schauenden Phantasie liegt, nun sehen wir den großen Saal – gleichfalls romantisch und romanisch –, in dem König Artur mit den Rittern an der Tafelrunde sitzt: rund ist er, wie die Tafel selber, und ringsum ziehen sich runde romanische Bogen, und durch sie wogt der von Vogelstimmen erfüllte Sommermorgen aus den duftenden Obstgärten herein, deren Bäume voller Blüten stehen. Und der große runde Saal ist erleuchtet, und auf den vielen Bildern, die ringsum hängen, sind die unzähligen Heldentaten zu schauen, wie sie die Ritter der Tafelrunde vor einem Jahrzehnt zu Ehren ihres Königs Artur vollbracht haben, der über dem Lande von Logres herrscht.

Am besten Platz der runden Tafel thront der König auf seinem Sessel, und um ihn sitzen die elf Ritter der Tafelrunde. Sie schweigen. Es scheint, als ob der König etwas erwarte, und als ob die Ritter um ihn her sich an diesem Morgen mehr langweilten denn sonst. Der zwölfte Platz, zur Rechten des Königs, ist leer. Sonst nahm Lancelot ihn ein. Allein der Freund der Königin wandelt mit der goldblonden Ginevra in leidvoller Minnelust durch die Haine voll blühender Obstbäume. Immer wieder erscheinen und entschwinden sie zwischen den blütenübersäten Zweigen hinter dem Rücken des Königs, und wenn die Ritter von der Tafel verstohlen zu dem Liebespaar hinüberblicken, sehen sie die beiden zwischen den romanischen Bogen immer wieder auftauchen. Sie lieben einander schon mehr denn zehn Jahre, der Ritter Lancelot und die Königin Ginevra. Und ihre Liebe ist wie eine glückliche und freudvolle Ehe, allen den Rittern wohl bekannt und wohl auch dem König selber, der Lancelot als seinen allertapfersten Ritter inniglich liebt.

König Artur sitzt auf seinem Throne, und sein greises Antlitz ist voller Sorge unter der Krone, die auf seinen Locken ruht. Gleichfalls lang und grau wippt sein Bart hin und wieder auf und ab: das geschieht dann, wenn König Artur, der immer wartet (während den elf Rittern die Zeit so lang wird, daß sie abwechselnd hinter den vorgehaltenen Händen gähnen), mit seinem guten, alten zahnlosen Munde vor sich hinmurmelt. Das Antlitz des Königs gleicht einem verwitterten Pergament, das von einem gelehrten Schreiber mit unzähligen Schriftzeichen in roter Tinte bemalt ward: so wirken die Äderchen, die zwischen den Runzeln aufgesprungen sind, wie rote Quellen. Wie der Treff- oder Pique- oder Karokönig – denn dem Cœurkönig wagen wir ihn nicht zu vergleichen – trägt König Artur einen Schulterkragen aus Hermelin über einem roten Samtmantel. Was aber unter diesem Mantel ist, das ist schwer zu erkennen, weil seine Falten und das Gewoge seines Bartes es verbergen. Mantel wie Bart, insonders über dem Hermelinkragen, scheinen unter Motten gelitten zu haben, doch gerade dieses etwas Vermottete und Verwitterte verleiht der Herrscherherrlichkeit des König Artur etwas so unsagbar Rührendes, das einen zwingt, dem alten Mann mit dem runzligen Antlitz und den zitternden, großen, reich geäderten Händen zugetan zu sein. Seine Ritter sind ihm auch alle wohlgeneigt, und nicht zum mindesten Lancelot, der immer wieder mit der Königin in verliebter Zwiesprach durch den Blumenhain wandelt. Auch die allzeit jugendliche Ginevra, der »Urquell aller Schönheit«, hat, wenngleich sie schon seit zehn Jahren die Freundin Lancelots ist, ihren Gemahl doch lieb – wenn auch nur so, wie sie etwa ihren Großvater lieb haben würde.

Neben König Artur, an seiner Linken – vergesset nicht, daß ihm zur Rechten Lancelots leerer Sessel steht! – sitzt Gawein, gleich Lancelot einer der Tapfersten, ja selber vielleicht der Allertapferste: trägt er doch den Beinamen »Vater der Aventiuren«, wiewohl er kaum mehr Jahre zählt als irgendein anderer im Kreise jener Ritter – und die Zahl ihrer Lebensjahre geht bei den meisten von ihnen nicht über dreißig! – Dennoch erscheint Gawein als der älteste von allen, als der ernsteste und wackerste dieser edlen Degen. Wenngleich auch er hin und wieder hinter der vorgehaltenen Hand gähnt, so geschieht das viel eher aus Mangel an ritterlicher Tätigkeit denn aus leichtfertigem Sichgehenlassen.

Denn Gawein fühlt mit König Artur, fühlt seine Sorge mit ihm ...

Weil nun bereits zehn lange Jahre kein Abenteuer mehr Stoff zum Reden gab.

Steht denn die Welt still? Brüten denn die Drachen in den Wäldern des Landes Logres keine Jungen mehr aus? Reiten denn keine bedrängten Jungfrauen mehr auf weißen Zeltern durch diese nämlichen Wälder? Muß keine böse Untugend mehr bestraft werden? Und sind keine aufregenden Heldentaten mehr zu vollbringen? Nun der Gral gefunden ist und vom Ritter Parzival in der Burg von Montsalvat bewacht wird: – wird denn da nicht zum mindesten einmal wieder ein Schachbrett durch die Lüfte fliegen? Ja, Gawein, der da an der Seite des Königs sitzt, erinnert sich sehr wohl des schwebenden Schachbrettes: es kam, auf sommerlicher Brise sich wiegend, dahergeschwebt ... vor zehn Jahren.

»Erinnert Ihr Euch, mein Fürst?« fragt Gawein den König, der seiner Mutter Bruder ist.

»Meiner Treu, ich erinnere mich, Gawein, mein lieber Neffe und tapferer Held«, murmelt Artur, und sein Bart wippt auf und nieder, wie der Bühnenbart einer Maske. »Es kam hereingeschwebt und ließ sich hier vor mir nieder ...«

Der König schlägt mit der flachen Hand auf die Jaspisplatte der Tafel. Der Schlag dröhnt durch den Saal und hallt durch das Gezwitscher der Vögel hindurch wider. Die zehn anderen gähnenden Ritter schrecken jäh empor. Ginevra und Lancelot halten in ihrem verliebten Wandel inne.

»Was gibt es?« fragt Lancelot den Riesen Bohort, der Gawein zunächst sitzt.

»Was ist ihm?« murmelt die Königin Ginevra Ywein dem Stotterer zu, der seinen Platz neben Lancelots leerem Sessel hat.

»Es ggg ... ibt nnnn ... ichts«, stottert Ywein der fragenden Fürstin als Antwort zu.

»Nichts«, ruft der riesige Bohort mit seiner tiefen Baßstimme Lancelot zu.

»Das Schachbrett«, fährt der König sinnend fort, »hatte Felder aus Chrysopas und Achat, sieben Felder mal acht ...«

»Die Figuren«, sagt Gawein grübelnd, »waren aus rotem Golde und aus weißem Silber getrieben.«

»Sie standen in Reihen geordnet.«

»Für eine Partie, traun!«

»Ich tat einen Zug«, erinnert sich Artur.

»Unsichtbare Hand führte das Gegenspiel«, sagt sinnend Gawein. »›König!‹ rief warnend mein Herr ...«

»Dann ...?«

»Dann ... schwebte bei diesem Wort das Schachbrett davon ...«

»Bevor ich des unsichtbaren Spielers König mattsetzte.«

»Meinem Fürsten träumte in jener Nacht ...«

»Daß die Partie vollendet werden müsse, wenn ich nicht meiner Krone verlustig gehen wollte.«

»Bei Jesus Christ von Nazareth«, ruft Gawein beseligt und jauchzend aus, und die übrigen Ritter schrecken auf, »ich suchte und fand für Euch, mein Fürst, das schwebende Schachbrett ...«

»Ich spielte weiter.«

»Ihr gewannet!«

»Das Schachbrett verschwand – es schwebte schwankend davon wie ein abgeschossener Vogel!«

»Ihr aber herrschtet weiter über das Land Logres! Und ich, mein König, ich gewann nach mancherlei Aventiuren meine schöne Ysabel!«

Der König schlägt auf den Tisch, das Echo zieht sich an den Wänden des runden Saales entlang und vermengt sich mit dem Gezwitscher der Vögel draußen. Aber niemand erschrickt mehr. Draußen weht um das engelsschöne blonde Haupt des Lancelot der Schleier der Königin gleich einem Nebel, der ihren Kuß vor den allzeit verstohlen hinschauenden Augen der Ritter verbirgt.

»Wahrlich«, sagte der König. »Und seither ...«

»Seither, o weh, o Jammer, mein Fürst ...«

»Begab sich keinerlei Abenteuer wieder.«

»Zehn Jahre ist es her, bei Sankt Michael«, besinnt sich Gawein. »Und niemals setzten wir uns sonst zu Tische, ohne daß uns ein Abenteuer kund ward!«

»Seither«, spricht klagend der König, »schlichen die Jahre träge dahin, und wir lebten in müßigem Frieden!«

»Abend für Abend.«

»Und nie mehr kam Kunde von einer bedrängten Jungfrau, die es zu retten galt ...?«

»Nie mehr, nie mehr!«

»Und niemals mehr hörte man von einem Drachen, der die allzeit unsicheren Wälder von Logres noch unsicherer machte?«

»Nie und nimmer! Weh, nie und nimmer!«

»Schwebte nie wieder ein blutiger Speer, ein heiliges Gefäß, ein verzaubertes Schachbrett durch die Lüfte, um dessentwillen ein wackerer Degen ausziehen mußte?«

»Kein Speer, kein heilig Gefäß, nicht einmal ein Schachbrett, mein Fürst – und meine Ysabel, wehe, sie starb mir!«

»Ich warte, ich warte«, spricht klagend der König, und das alte Haupt sinkt auf seinen wippenden Bart, auf seines Mantels Kragen aus Hermelin.

Die Königin Ginevra nähert sich ihm liebevoll.

»Großväterchen«, spricht artig der ›Urquell aller Schönheit‹ und die Stimme klingt wie das Gemurmel eines Bächleins, während sie ihrem Gemahl die weißen Händchen auf die hermelinbedeckten Schultern legt. »Großväterchen, seid nicht traurig, wenn sich auch heute kein Abenteuer anzeigt. Sehet, der Tag ist so wundervoll im hellen Sonnenschein. Die Apfelblüten sind wie ein verheißungsvolles Wunder. Die Vöglein zwitschern beinahe so selig wie die goldenen Vögel, die Merlin für mich auf den Zweigen des Wunderbaumes in meinem Lustgärtlein singen läßt. Und ich wünschte, daß Ihr die holde Lenzluft in vollen Zügen tränket, anstatt hier allzeit an dieser runden Tafel zu sitzen, bis Ihr von einem Abenteuer vernehmt! Großväterchen, tut mir's zu Willen: stehet auf und kommt und wandelt mit Eurer Ginevra einher, die Euch lieb hat, und mit Lancelot, der Euch auch so zugetan ist!«

Und die Königin neigt sich zur einen, Lancelot zur anderen Seite über des Königs Schulter. Der läßt seinen Blick vom einen zur anderen gehen. Sie sind beide so schön und strahlen vor Liebe. Er so blond und so stark, sie so blond und so anmutig. Er so stattlich in seinem Wams aus gelb und schwarzem Sammet, das sich so eng um den hochgewachsenen Heldenleib schmiegt. Sie so zart in ihrem Gewände aus Goldgewebe, das von schmalen Hermelinstreifen umsäumt ist, derweil ihr Haar wie Goldgespinst durch die Maschen des runden Netzes leuchtet, das mit roten Rubinen besetzt ist, und dann in vier mit Rubinen durchflochtenen Flechten auf ihre mädchenhaften Schultern und ihre jungfräulichen Brüste herabfällt. Und der König freut sich an der Schönheit der beiden. Er erhebt sich getrost und spricht:

»Selbst wenn keines Abenteuers Kunde zu uns dringt, ist ein Tag doch schön, den Lenz und Liebe vergolden.«

Gawein hat sich erhoben; voll Wehmut gedenkt er seiner Isabella, die dahingegangen ist, während er dem König folgt, der davonschreitet, einen Arm um Ginevra geschlungen, den anderen um Lancelot ... sinnend folgt er und traurig darob, daß ein Abenteuer nun schon die zehn langen Jahre auf sich warten läßt ...

Die anderen zehn Ritter aber recken sich nun mit lautem Gähnen und Dehnen in ihren Sesseln um die runde Tafel aus Jaspis und stehen dann auch auf. Dabei tun sie dem König seinen Handschlag auf die Tafel nach, bis die hallenden Echos dicht aufeinanderfolgend von den Wänden des reich bemalten runden Saales widerklingen.

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