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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XVIII

Der Fiedler strich leise über die Saiten und begleitete mit seiner Weise die Stimme des Sängers, der mit hohem Heldenlob einen Ritter der Tafelrunde feierte. Er hatte aus seiner Tasche eine Handschrift gezogen, die wäre ihm – so sagte er – nicht minder wert und kostbar wie dem Ritter sein Schwert, wie dem König sein Reich, und es war ein kleines Buch mit Blättern aus Pergament, darauf er mit feiner Schrift die klingenden Reimzeilen geschrieben hatte. Und während der Geiger auf seiner Fiedel weiterspielte, hob der Sänger das Büchelchen empor und küßte es und sagte, es sei sein Gedicht und all seine Kunst läge darin und er brauche kaum hineinzusehen, denn er habe es schon fest inne im Herzen und im Kopfe und er hoffe, Gott möge ihm alle Unbill vergeben, die er etwa mit seinem Liede einem zufügte, und ihm große Weisheit verleihen, auf daß er sonder Fehl von Gawein künden könnte. Und nun besang er den Helden und wußte, daß er vor ihm selber stand, und seine Stimme durchzitterte die innere Glut und Erregung, dieweil er vom Vater der Abenteuer erzählte. Er gab seinen langen Bericht leise und eintönig, wie Gawein, König Arturs Neffe, dem immer gegen Mittag die Kräfte allgewaltig wuchsen, nicht nur der kräftigste, sondern auch der ritterlichste Held sei, und der tapferste, der allertapferste!

»Lancelot ist auch der Allertapferste«, flüsterte Gawein verlegen seinem Schwiegervater zu. »Und gar ritterlich dazu.«

»Der Allertapferste«, fuhr der Sänger fort, »der eine Drachenmutter samt ihren wilden Drachenjungen erschlug.«

»Ich habe vor nicht langer Zeit ihre Gerippe noch in der Grotte gesehen«, flüsterte Gawein und erblaßte. Und heftig bewegt war er, als der Sänger nun von Gringolette sang. Ach, sein gutes Roß war tot und lag begraben am Flusse. Ysabel aber, die war wieder auferstanden! Jetzt hörte er kaum mehr auf des Dichters Heldenmäre, die ihn besang, jetzt sah er klopfenden Herzens auf die blühende Rose, auf die schneeweiße Lilie herab, die zu des Königs Füßen blühte. Jetzt fühlte er, wie Frau Venus sein Herze anrührte. Jetzt wußte er, daß er liebte, wie er noch nie geliebt hatte – wie er nicht einmal sein dahingeschiedenes Gemahl geliebt hatte. Ysabel, Ysabel..., der alte Name zitterte zu den Tönen der Fiedel neu und mit neuem Klang durch Gaweins erregtes Gemüt. Ysabel, Ysabel! so klang es jubelnd über aller Köpfe durch den gewölbten Burgsaal. Ysabel, Ysabel! so mußten die Engel im Paradiese die holde Frau rufen, die ihn verlassen hatte, und die nun in einem Rosen- und Lilienregen herabgestiegen war: Rose und Lilie sie selber!

Doch als der Sänger geendet hatte und mit dem Fiedler zur Küche hinabgestiegen war, wo ihnen inmitten der ganzen Dienerschaft köstlich aufgetischt wurde, und als sich alle zur Ruhe zurückgezogen hatten und auch Gawein und Amadis wieder in ihrem Gemach waren, lehnte sich Gawein in das Bogenfenster und schaute hinaus in die stille, sternenklare Nacht. Und er sann darüber nach, wie sich alle Dinge und alle Abenteuer wiederholten, und doch nicht so ganz genau wiederholten. Einstens war er hier durch Ströme vergossenen Blutes eingedrungen. Doch in jener Nacht hatte er seine Ysabel gefunden – Ysabel, die er bereits aus seinen Träumen kannte, Ysabel, die er darauf entführt hatte, Ysabel, die schließlich sein holdes Weib geworden war. Jetzt war er hier mit allen Ehren empfangen worden, aber nicht Ysabel bot ihm ihren Kuß. Die Kammerfrauen hatten sie hinweggeführt in ihre Kemenate und sie entkleidet und zur Ruhe gebettet, und ihr Prinzessinnenkrönchen, wie es sich gehörte, auf die Stufen gestellt, die zu ihrer Bettstatt hinaufführten; und ihr Hündchen schlief sicher in des Zimmers Mitten.

Gawein starrte hinaus.

Es wollte ihm scheinen, als ob Glück und Wehmut in dieser späten Liebe sich mischten, so wie sich draußen der Erdgeruch mit dem fernen Sternenglanz und den leise raschelnden Blättern aus dem umliegenden Walde zu einem mischte ... und mit dem seltsamen Klingen aus jenen mattsilbernen Wölkchen ... die aber keine Wölkchen waren und keine Nebelschwaden, die der Wind jagte, sondern silberne Flügel, wie Libellen und Wasserjungfern sie haben, Sylphenflügel.

Auch Ysabels Kemenate war erfüllt vom selben seltsamen Schimmer und Schein, den Gawein über den Himmel gleiten sah, als er hinausstarrte.

Und Ysabel drehte sich auf ihrem magdlichen Lager leise um und machte eine Bewegung, als wolle sie einen umarmen, der ihr zur Seite läge.

Und sie träumte von Gwinebant ...

Und dem Gwinebant in weiter Ferne träumte von Ysabel ...

Gawein aber stand da und starrte hinaus voll Wehmut und voll Lust.

Ihm war, als beginne nun erst sein Leben.

Ihm war, als habe ihn sein ganzes bisheriges Dasein mit allen Wundern und Heldentaten und Zauberkünsten einzig und allein zu diesem Gefühl vorbereitet, einzig und allein zu diesem Glück, zu diesem süßen, unbefriedigten Verlangen.

Ihm war, als sei es zu nichts anderem nütze gewesen als dazu ...

Als erwachse ihm daraus nun sein allereinziges Abenteuer ...

Doch endlich wandte er sich und stieg aus der Fensternische die Stufen hinab und ging auf das Bett zu.

Da lag Amadis, regungslos, die Augen geschlossen, das Haupt in die Kissen vergraben, und stellte sich, als schliefe er.

Und Gaweins Schwert lag dem Schildknappen zur Seite. Sorgfältig war es schon bereitgelegt, denn Ritter wie Knappen taten gut daran, stets bei ihrer Waffe zu schlafen. Gawein legte sich neben das Schwert, das nun zwischen ihm und Amadis lag. Auch Gawein schlief nicht; er lag da und starrte in die Ecken und Falten des Baldachins, der sich ob seinem Haupte ausbreitete. Er träumte mit offenen Augen, und ein Lächeln spielte um seine Lippen. Schattenhaft verschwammen die Gestalten der Frauen, die er geliebt hatte, vor seinem ins Leere gehenden Blick, und inmitten ihrer nebelhaften Gestalten leuchtete wie eine himmlische Erscheinung Ysabels Bild auf. Des Amadis Hand ruhte indessen nicht auf seinem eigenen Schwert, das ihm zur anderen Seite lag, sondern auf der Waffe Gaweins.

+++

Am kommenden Tag suchten alle in der Burg nach dem schwebenden Schachbrett, das sich, wie Gawein und Amadis erklärten, in ihrer Mauern Ring herabgesenkt haben sollte. Die Barone und Edelfrauen, die Pagen und Diener, alle suchten, alle gingen treppauf, treppab, erklommen die zahllosen Türme, stiegen hinab in die unzähligen Verliese, und auch Gawein und Ysabel suchten, und Gawein zeigte Ysabel das Verlies, in dem er vor mehr denn zehn Jahren von ihrer Mutter, die gleich ihr Ysabel geheißen hatte, von König Assentijns schöner Tochter – wie erzürnt war der König gewesen, als er später von ihren heimlichen Küssen gehört hatte! – in Ketten geschlagen worden war. Und Ysabel, die Holde, entsetzte sich. Allein Gawein erklärte ihr, daß der Geist eines Ritters, den er einstmals errettet, sie beide aus dem Kerker befreit habe ... Und all das Fremde und Ungewöhnliche spukte rings um sie beide in der Dunkelheit, die von den Fackeln der sie begleitenden Knappen nur schwach aufgehellt ward: der Hauch der Vergangenheit wehte sie an, während sie nach dem Schachbrett suchten und es nicht fanden, die Erinnerung an den Geist eines Ritters stieg auf bei diesem Umherspähen nach dem schwebenden Schachbrett, hier in dieser Burg, in die Gawein dereinst allein, nach Kämpfen gegen viermal zwanzig Gewappnete an jedem der zwölf Tore und nach Erlegung ihrer aller, sich den Eingang hatte erzwingen müssen.

»Ihr erschlugt zwölf mal achtzig Mannen, mein Ohm?« fragte Ysabel verwundert, während sie aus dem dunklen Verlies heraustraten. In endloser Folge gingen die Burginsassen treppauf, treppab und suchten. »Ihr erschlüget so viele Mannen, Ihr allein? Ja, ich las davon in den Ritterromanen, in dem nämlichen Heldengesang, den uns der Trouvere gestern vortrug.«

»Ich tat es wider meinen Willen, tat es in harter Not, süße Ysabel«, sagte Gawein; verlegen fühlte er sich vor der Jungfrau ob der Ströme Blutes, die er dereinst hier vergossen hatte. »Allein, es geschah, mußt du wissen, um deine schöne Mutter Ysabel für König Amoraen zu gewinnen, der aber vor Sehnsucht starb, noch ehe ich sie ihm zuführen konnte.«

»Ist es viel für einen einzigen Ritter, mein Oheim«, fragte Ysabel, »viermal zwanzig Mann an jedem von zwölf Toren zu erschlagen?«

»Es ist wohl ein ziemlich Stück Arbeit«, gab Gawein ihr Bescheid und errötete, »doch ist es nicht so arg, als daß nicht auch Lancelot solche Waffentat hätte vollbringen können.«

»Und Sagremort desgleichen?«

»Auch Sagremort, bei Sankt Michael«, versicherte Gawein mit Nachdruck, »und auch Bohort, Hestor und Agloval, sei dessen gewiß, mein holdseliges Niftel.«

»Aber Galehot?« fragte Ysabel voll Neubegierde.

»Sicherlich würde auch Galehot es vermocht haben«, bekräftigte Gawein, »und Ywein nicht minder, zweifle nicht daran.«

»Und auch ... Gwinebant ... mein Ohm?«

»Gwinebant ist der jüngste, der mit an der Tafelrunde sitzt, und er ist mit Lancelot gekommen, mich aus dem Tal der Ungetreuen Ritter zu erlösen. Er ist mir teuer, meine Ysabel, und er ist ein tapferer Held, und ich zweifle nicht daran, daß auch er gleich allen den anderen die Waffentat hätte vollbringen können.«

Ysabel lächelte voll heimlicher Freude, und sie stiegen die Treppe empor, eine Wendeltreppe, und suchten immer weiter nach dem Schachbrett.

»Ich sehe es nicht, Oheim.«

»Und ich ebensowenig, Ysabel ... Amadis, kannst du das Schachbrett erspähen?«

Gawein wandte sich zu seinem Schildknappen um, der erst ein paar Stufen tiefer folgte. »Ich nicht, Herr«, antwortete Amadis so leise und traurig, daß es Ysabel auffiel.

»Auch wir sehen es nicht«, sagten die Barone und Edelfrauen, indeß sie treppauf, treppab gingen.

Gawein und Ysabel waren auf eine der Turmzinnen gelangt. Der sommerliche Himmel spannte sich über ihren Häuptern in unermeßlicher Weite aus, und schwere weiße Wolkenmassen ballten sich zusammen, die in- und übereinander trieben.

»Gwinebant also auch«, nahm Ysabel ihres Oheims Antwort auf, und ihre Stimme klang jetzt seltsam, so leise und nicht minder traurig wie die des Amadis soeben geklungen hatte. »Gwinebant ist wohl kräftig und sehr tapfer? ... Viermal zwanzig Mannen vor jedem unserer zwölf Tore ... würde er gleich Euch, mein Ohm ... erschlagen können ... um eine Jungfrau zu gewinnen ...? Es ist zuviel Blut ... zuviel Blut ... aber er würde es vergießen, um eine Jungfrau zu gewinnen ... eine Jungfrau, die er liebte und der er treu war. Er würde um seiner Liebe willen solches vollbringen, nicht wahr, mein Ohm?«

»Sahest du Gwinebant jemals, Ysabel?«

»Ich sah ihn ein einziges Mal während des Turniers im letzten Jahre. Ich gab ihm meinen Ärmel, den er an seinem Helm befestigte. Nimmermehr erblickte ich ihn seither...«

»Nie mehr, Ysabel, nie mehr?« »Ich traf ihn nie mehr, mein Ohm«, entgegnete Ysabel und sie lächelte jetzt leise und verriet nichts von ihren Träumen. »Doch sage mir, mein Ohm, wenn er mit Lancelot würdig war, Euch aus dem Tal der Ungetreuen Ritter zu erlösen, wem ist er denn so treu, wie Lancelot es der Königin Ginevra ist?«

»Gwinebant hat es mir niemals vertraut«, antwortete Gawein, während er den Blick von den Wolken zu den Bäumen herabgehen ließ. Und plötzlich rief er laut, so daß seine Stimme von den Mauern der Burg widerhallte:

»Das Schachbrett! Dort drüben ist es, das schwebende Schachbrett, dort zwischen den Baumstämmen des Haines!«

Und er wies...

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