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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XVI

... Als zur größten Verwunderung Gaweins und seines Schildknappen vier Turmwächter von den höchsten Türmen in ihre kupfernen Hörner bliesen, daß es weithin schallte. Und von allen anderen Türmen ward der Ruf aufgenommen, so daß alsbald ein großes Lärmen die abendliche Luft erfüllte. Und Gawein glaubte, daß der Kampf nun allsogleich beginnen und die Bewaffneten aus dem ersten Tore hervorgehen und ihn wilden Grimmes anrennen würden, um den Wagemutigen zu erschlagen, der es sich gelüsten ließ, in König Assentijns Burg zu dringen. Doch wie wuchs sein Erstaunen, als sich die mächtigen Flügel weit auftaten und auf der Brücke über dem ersten Kanal des Königs Seneschall erschien. Ihm folgte ein Schwarm von Dienern, die Stäbe in den Händen trugen, und er entbot höfischen Gruß und sprach:

»Herr Ritter, mein König heißet willkommen, wer ihm durch den Hörnerschall von seinen Türmen als ruhmreicher Held angekündigt ward, und bittet Euch samt Eurem Schildknappen, einzureiten und seine Gastfreundschaft anzunehmen.«

Überrascht und höflich dankte Gawein und folgte mit Amadis über die erste Brücke und durch die zwölf Pforten und elf anderen Brücken, in den weiten Burghof. Da eilten die Stallknechte herbei. Die Gäste stiegen ab, und Diener nahmen ihnen Speere und Schwerter ab, und der Seneschall lud sie ein, sich in die Gemächer leiten zu lassen. Einen so höflichen Empfang in dem Schlosse, darein er einstens erst durch einen Kampf gegen Hunderte von Gegnern hatte Einlaß gewinnen müssen, glaubte Gawein nicht weniger höflich beantworten zu dürfen, und so sprach er, noch bevor er hätte erklären können, wer er sei und von wannen er käme:

»Mein wackerer Seneschall, ich danke Euch für so liebwerte Aufforderung und für so freundlichen Empfang, zur Stunde, da die Dämmerung sich allbereits auf Wald und Wiesen senkt und der fahrende Ritter mit seinem Knappen sich schon hier und dort nach einer Herberge umsah, die ihn aufnähme, ehe die Nacht völlig hereinbricht. Doch bevor Ihr mich weiter bringet und dem König Assentijn zuführet, bitte ich Euch, ihm zu melden: Ich bin Gawein, ein Ritter von König Arturs Tafelrunde, und war ehedem König Assentijns Schwiegersohn, bis mein schönes Weib Ysabel, seine liebste Tochter, starb. Ich bin Gawein – und war einstmals des Königs Assentijn Feind, der ihm sein Kind entführen mußte. Ich bin Gawein – und dieser hier ist Amadis – mein Schildknappe.«

Der Seneschall gab zur Antwort, daß er gehen wolle, um Gawein und Amadis anzumelden. In dem großen Saale, der nur von wenigen langen Kerzen in Wandleuchtern erhellt war, warteten Gawein und Amadis, beide waffenlos. Da ertönten draußen Schritte, Türen wurden geöffnet, und herein trat der König Assentijn mit einigen seiner Barone und Pagen. Er war groß von Gestalt, und finster blickte er drein. Unter seiner Krone hingen ihm die grauen Locken in das runzlige Antlitz, und es fiel Gawein auf, daß sein roter Mantel und sein Hermelinkragen so mottig und verschlissen waren wie der seines Königs Artur. Und es ging ihm durch den Sinn, daß ringsumher in der Runde doch gar viele solcher alten Könige herrschten in diesem Stück Welt, das vom Meer rings umspült lag, so sehr viele alte Könige – –

Gawein grüßte seinen Schwiegervater ehrfurchtsvoll, doch dieser blieb ungebeugten Hauptes hochaufgerichtet vor ihm stehen und runzelte die Stirne, und während er ihn mit den noch feurigen bösen Augen zu durchbohren schien, sprach er endlich:

»Mein Herr Schwiegersohn – das seid Ihr, mir zu Leide und Euch zur Freude, gegen meinen Willen geworden –, mich nimmt es wunder, was für Dinge Ihr suchet und aus welchem Grunde Ihr nach Endi gezogen seid. Kommt Ihr, um zu jagen oder um Euch zu erlustieren? Kommt Ihr, um Abenteuer zu suchen, und sannet Ihr uns Gutes oder Böses?«

»Großmächtiger König Assentijn, Gebieter dieses reichen Landes und viellieber Herr Schwiegervater«, antwortete Gawein in so bezwingend liebenswertem Ton, wie er nur konnte, »der Herre Christ, der für uns geboren ward, möge es Euch lohnen, daß Ihr befählet, die vielen Tore mir zu öffnen, auf daß ich hindurchschritte, und Gott möge Euch die freundliche Gastfreundschaft lohnen, die Ihr Euren Gästen bietet. Höret und verstehet mich recht, mein edler Herr: daß ich nach Endi gekommen bin, hat ein Schachbrett verschuldet, das ich in Eure königliche Burg hineinschweben sah und das ich suche, um es meinem Herrn, dem König Artur, nach Camelot zu bringen.«

Indessen hatte Assentijn, der alte König, in einem Sessel Platz genommen. Er ballte seine Faust und ließ sie auf des Tisches Platte hinabsausen – und sah den vor ihm stehenden Gawein, hinter dem Amadis sich bescheidentlich zurückhielt, durchdringend an. Er schüttelte sein zottiges Haupt, wie ein unzufriedener Leu die Mähne schütteln würde.

»So so, mein tapferer Ritter und Schwiegersohn«, sprach Assentijn, »heute kommt Ihr, ein Schachbrett zu suchen, das innerhalb meiner Mauern herabgeschwebt zu sein scheint? Warum auch nicht, Vasall Eures Königs Artur, der nimmermehr der Abenteuer satt wird! Suchet Ihr doch allzeit das eine oder das andere, wenn Ihr durch die Lande von Britannje oder Wallis streift. Warum auch nicht? Seid Ihr nicht bereits vor zehn Jahren einmal hier gewesen, mein würdiger Gawein, und kämet Ihr nicht damals auch als gar höfischer Rittersmann, um mir meine Tochter zu entführen, Ysabel, die Schöne? Wolltet Ihr sie nicht dem Amoraen zuführen, der selbst so wenig dazu geschickt war, sie zu gewinnen, und der Euch das Schwert mit den beiden Ringen gegen die holde Braut eintauschen wollte – das Schwert, das Ihr wiederum dem König Mirakel für ein schwebendes Schachbrett geben wolltet? War es nicht so? Amoraen starb im letzten Augenblick, so daß Ihr selber mein liebes Kind behalten konntet und für das Schwert das Schachbrett empfinget und nun mit dem Schachbrett und mit Ysabel nach Camelot zoget, wo Ihr ob so ruhmreicher Waffentat mit großem Jubel gefeiert wurdet! War es nicht alles so, Herr Ritter, der Ihr ohne meinen Willen mein viellieber Schwiegersohn geworden wäret? Bei meiner Krone! Damalen erschlüget Ihr vor meinen zwölf Mauern, vor meinen zwölf Toren jeweils viermal zwanzig Mannen, wähn' ich – und wie waren die bewaffnet! Ihr dranget in meine Burg ein, und als Ihr gefangen laget im dunklen Verlies und meine Tochter zu Euch kam, wußtet Ihr sie zu betören und dann zu entführen... Sollte ich nun heute, neuer Art und Sitte gemäß, nicht besser daran tun, Euch alle Pforten zu öffnen, Euch höflich zu empfangen und Euch zu fragen, was Euer Begehr? Seid dessen gewiß, daß ich erfreut bin, tapferer Held, daß Ihr mich nicht um meine süße Enkeltochter, meinen letzten Trost, bittet. Sie heißet Ysabel, wie ihre arme Mutter, Euer Weib, mein süßes Töchterlein, das im Wochenbett starb, wie ich sagen hörte... Und kündet mir jetzt, Gawein, ob Ihr wünschet, daß ich Euch sage: gehet und durchspähet mein Schloß und suchet das Schachbrett, das hier hereingeschwebt kam und das König Artur zu besitzen wünscht, und kehret dann in Frieden nach Camelot zurück?«

Der alte König, der noch immer die Faust auf dem Tisch geballt hielt, hatte mit verbissener Wut gesprochen, während Gawein – hinter dem Amadis sich unmaßen über alles verwunderte, was er vernahm – vor ihm stand gleich einem ungezogenen Schüler, der von seinem Lehrer gescholten wird. Nun aber hub er an, sich gegen des Königs Worte zu wehren:

»Mächtiger König Assentijn von Endi, bevor ich Euch von dem Schachbrett spreche, um dessentwillen ich ausgezogen, möchte ich Euch sagen: Ysabel, Eure Tochter, liebte ich bereits, bevor ich sie traf, liebte ich bereits in meinen Träumen, in denen sie mir erschien wie durch Zauberblendwerk. Ysabel, Eure Tochter, kannte ich bereits, als ich sie zum ersten Male sah, und sie kannte auch mich aus ihren eigenen Träumen. Und mit großer List bat sie Euch, ihren Vater, mit mir tun zu dürfen, was sie wolle, und sie ließ mich fesseln und mich in ein Verlies werfen, doch sobald wir allein waren, löste sie meine Fesseln und wir kosten und küßten uns ...«

Der König schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es von den Wänden der Säle langhallend widerdröhnte:

»Ich weiß es, bei meiner Treu«, rief Assentijn, »sie war ein unwürdig Königskind, darum habe ich sie verflucht, und sie ist gestorben. Doch meint Ihr, Gawein, daß Ihr recht daran tatet, sie mir zu entführen und sie zu Amoraen zu geleiten, der nicht selber den Mut hatte, um sie zu werben? Und daß Ihr recht daran tatet, sie selber als Euer armes Weib zu behalten, als Amoraen Euch so sehr gelegen gestorben war und Ihr ihm Euer Ritterwort nicht einzulösen brauchtet? Meint Ihr« – und der König ließ ein zweites Mal die Faust auf den Tisch niedersausen, daß der Widerhall geweckt wurde –, »daß Ihr recht daran tatet, viermal zwanzig Mann vor jedem meiner zwölf Tore zu erschlagen, um in mein Schloß Eingang zu erzwingen, indes ich kein Verlangen nach Euch trug? Sicherlich, Ihr wart ein Held: Köpfe und Beine und Arme und Rümpfe lagen in Blutlachen überall um Euch umher. Ihr, Gawein, watetet durch das Blut, und Ihr ließet Euch in meinem Saale nieder und aßet und tranket alles, was Ihr fandet, und Ihr dranget immer weiter ein, bis wir Euch endlich gefangennahmen und Ysabel mich – wie es scheint, voll teuflischer List – bat, Euch die Nacht bewachen zu dürfen. Und ich war so töricht, der Bösen, die Euch befreien wollte, zu Willen zu sein. Doch meinet Ihr, Gawein, daß Ihr recht tatet, meinet Ihr wirklich, daß Ihr recht daran tatet, auszuziehen, um ein Schwert zu suchen, das Euch nicht gehören sollte, auszuziehen, um ein Schachbrett zu suchen, das Euch nicht gehören sollte, auszuziehen, um eine Braut zu suchen, die Euch nicht gehören sollte, und nur immer tapfer draufloszuhauen, um anderer Wünsche zu erfüllen? Ihr wäret stärker als alle meine Mannen, die Ihr erschluget, und Ihr würdet Euch sicher verwundern, denke ich mir, wenn ich Euch sagte, daß Ihr gar kein ritterlich Wesen offenbartet – dieweil Ihr doch immer und weithin als der ritterlichste von allen gepriesen werdet. Doch nichts für ungut, mein Herr Schwiegersohn, Wittmann meiner armen Tochter. Nur denket einmal darüber nach, ob Ihr wahrlich recht daran tut, heutigen Tages vor mir zu erscheinen und nach einem Schachbrett zu forschen, das inmitten meiner Mauern und Wälle herabgeschwebt zu sein scheint und das Ihr besitzen wollet, während es mich dünket, als ob das, was freiwillig in mein Bereich kommt, mein wäre – und nicht Euer – und nicht Eures Königs Artur?«

Verlegen blieb Gawein vor dem König stehen, und hinter ihm wunderte sich Amadis immer mehr. Worte fand Gawein nicht, und ihm schwindelte der Kopf, der immer so ritterlicher Gedanken voll gewesen war – doch endlich glaubte er sprechen zu können und sagte höflich und beinahe demütig, aber dennoch würdig, denn er war sich keiner anderen Schuld bewußt als der, die Gott im Himmel ihm bei seiner Geburt mit in die Welt gegeben hatte:

»Assentijn, mächtiger König und Vater meiner viellieben und, ach, nur allzufrüh dahingeschiedenen Ysabel, Ihr saget mir so viele Worte: und glaubet mir, sie verwirren meine Seele und meinen armen Geist. Denn sie müßten mich an meinem guten Rechte und an allen Gesetzen der Ritterschaft verzweifeln lassen, wenn ich glauben sollte, daß Ihr mit Grund und Fug solcherlei Worte an mich richtet. Ich weiß nur, daß ich ein Ritter von König Arturs Tafelrunde bin und daß ich, sobald er meine Ausfahrt verlangte – sei es um eines Schachbrettes oder um des Grals oder eines Speeres oder sonst eines Dinges willen –, mich jederzeit von der Tafelrunde erhob und bereit war, sein Begehren zu erfüllen, und daß ich der Jungfrau und ihrem Sohne im Himmelreich, der für uns Menschen geboren ward, allzeit diente und Witwen und Waisen beschirmte und alle Bösewichter und Schurken und Missetäter erschlug, die mir in den Weg kamen...«

Gawein konnte seinen ohnehin so verwickelten Satz nicht vollenden: die Tür zum Saal ward geöffnet. Knappen traten ein, lange Kerzen trugen sie in der Hand. Und in dem so plötzlich einfallenden gelben Glanz erschien eine schneeweiße und goldblonde Jungfrau, so lieblich und so über die Maßen schön anzusehen, daß Gawein, geblendet, völlig verstummte und ohnwillkürlich die Hände hub und sie faltete, als wolle er niederknien und anbeten.

»Mein viellieber Großvater und edler König«, sprach die junge Ysabel, »verzeihet Eurem Enkelkinde, daß es kommt, Euch zu stören, doch seine Angst, wo Ihr nur bliebet, war groß, und sein Herz war voll Sorge um Euch.«

Und die Jungfrau schritt näher wie ein Traum, so blond, so licht in ihrem weißen, enganliegenden Gewande: so golden war ihr Haar wie goldene Fäden, aus denen Mädchenfinger die Aureolen der Heiligen bilden – und Gawein stand das Herz stille und er meinte, ihm nahe sich ein Engel, doch ein Engel, der seiner dahingegangenen Ysabel glich – – –

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