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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XV

Da sprach der König Mirakel zu seinem hohen Gaste:

»Herr, lasset es Euch wohl sein, ich bitte Euch darum, und nehmet, was Euch gefällt.«

Worauf Gawein antwortete, wie es sich ziemt:

»Hier gibt es, hoher Fürst, an allem Fülle genug: nichts mangelt mir, wollet mir glauben, und mir ist gar wohl zumute.«

An den übrigen Tafeln saßen die Barone des Wunderreiches: es waren Herzöge und Grafen darunter, und eine Herzogin scherzte mit Amadis, den sie entzückend fand: so jung und so ernst und beinahe so lieblich wie eine Jungfrau... Und Gawein an des Königs Seite wunderte sich, wenn er sich umschaute, wohl ein wenig, denn wiewohl all jene, die dort saßen und tafelten, an allem zweifelten, was ihrem König und Herrn als Wunder galt, das er einst zu meistern vermocht hatte, so herrschte doch keine Traurigkeit unter ihnen: sie lachten und tranken und trieben ihre Kurzweil, und Gawein meinte in tiefinnerster Seele, bald werde wohl das Reich untergehen, wenn es wirklich kein Wunder mehr gäbe..., ebenso wie er glaubte, daß das Land Logres, König Arturs Reich, vergehen müßte, wenn einmal gar kein Abenteuer mehr winken würde und wenn er selber auf seiner Fahrt kein Glück mehr hätte... Allein solcherlei Gedanken schienen die Köpfe jener Edlen und ihrer schönen, Feste feiernden Frauen nicht zu beschweren. Und wie nun Gawein sehr ernst dasaß und sich darob besann, wollte es ihn plötzlich bedünken, als schwebten zwei geflügelte Genien mit abwärts gekehrten brennenden Fackeln über den Häuptern der sorglosen Gäste zwischen den Apfelbäumen in den Burgsaal Mirakels herein. Viele Knappen entzündeten nun unzählige Fackeln und Windlichter in goldenen Leuchtern und gingen mit Becken aus Gold und Kannen aus Gold umher und gossen daraus duftendes Wasser und boten die Tücher dar, daß die Gäste sich die Hände trocknen könnten. Dem König war mittlerweile das Haupt auf die Brust gesunken. Er schlief, müde und erschöpft, wußte nichts mehr um neue Wunder – und Gawein begriff, daß er das schwebende Schachbrett diesmal nicht bei ihm suchen und finden könnte.

Als das festliche Mahl beendet war, zerstreuten die Gäste sich in den Hainen zu verliebtem Spiel und Scherz, und Amadis bemerkte, daß Gawein sich mit der Edelfrau, der das lilienweiße Schoßhündchen gehörte, zwischen den Baumstämmen im freundlichen Schatten verlor, der wie ein dunkler Sammetvorhang die beiden seinen Blicken entzog.

Amadis gewahrte es, und sein Herz war erschüttert, und er entfloh vor der Herzogin, die sich ihm nahte, wie leises Rauschen ihres Gewandes verriet, und er eilte in das Gemach und legte sich auf das Wunderbette, das dereinst viele verwundete Ritter in vierundzwanzig Stunden geheilt hatte, das nunmehr aber nur noch wenig Wert besaß, denn selbst nach sechsunddreißig Stunden Schlafes wollten tödliche Wunden nicht mehr heilen... Und Amadis lag danieder, und weil er allein war und allein blieb, so nahm er des Gawein breites Schwert, drückte es an seine Brust und dachte darüber nach, ob das Wunderbette wohl noch Kraft genug besäße, um einen von sehnender Minne genesen zu lassen, die wie ein schmerzender Pfeil ihn sehrte.

+++

Am folgenden Morgen nahmen Gawein und Amadis gewappnet Abschied vom gramverdüsterten König der Wunder und von seinem heiteren Hofstaat. Der greise Fürst umarmte Gawein sehr innig und sagte, es sei sicherlich das letzte Mal gewesen, daß er den tapferen Ritter von Angesicht zu Angesicht geschaut hätte; er fühle, daß er sterben müsse, weil er, ach, das neue Wunderwesen nicht mehr zu begreifen vermöge.

Und Gawein sprach ihm Trost zu, so gut er es vermochte.

Darauf ritten Ritter und Schildknappe – doch vergiß es nie, Leser: der Schildknappe war Alliene – am Flusse entlang. Sie verirrten sich, und Gawein, der Ausschau hielt, ob ihm nicht wiederum ein Abenteuer begegnen würde, sagte:

»Mein vielschöner Knappe Amadis, Aventiuren begegnen nicht jeglichen Tag einem fahrenden Ritter auf seinem Wege. Es mag sich wohl vollends nichts auf diesem glatten Wege mehr zeigen, über den ich vor länger als einem Monat in Morgueines Zauberwagen dahingeeilt bin. Gar zu gerne wäre ich einem nicht allzu schurkischen Ritter begegnet, den ich aus irgendeinem Grunde hätte bekämpfen und besiegen, aber nicht erschlagen, sondern auf sein Ehrenwort frei an König Arturs Hof nach Camelot senden können, auf daß er von Didonel und Mordred berichte, denn deren Tod lastet schwer auf meiner Seele. Der König aber weiß noch nichts von diesem trüben Abenteuer, und Euch selber, der Ihr so jung und so zart seid, wage ich nicht zu bitten, allein nach Camelot zu ziehen. Ich müßte auch fürchten, daß der König Euch gram wäre, so Ihr ihm meldet, daß zwei seiner teuersten Ritter Schurken waren, ob sie es gleich vor aller Augen zu verhehlen wußten, und daß sie nun tot sind und begraben auf dem Kirchhof bei der Kapelle. Darum wollen wir mitsammen weiterziehen. Vielleicht schwebt das Schachbrett noch einmal in die Lüfte empor gleich einer Lerche, und es zeigt sich, daß wir es fangen können.«

Und sie fuhren gemeinsam weiter durch den Wald, der wurde ungeheuer weit. Die schweren Eichen standen da riesengroß mit ihren jahrhundertealten Stämmen und knorrigen Ästen und ließen durch ihr schweres Blättergewebe kaum einen matten Lichtschimmer des Tages dringen. Gegen Mittag wuchsen Gaweins Heldenkräfte, wie stets, und er war zu jedem Abenteuer bereit, doch nichts wollte ihm begegnen. Der Wald schien von Menschen und Tieren, von Rittern und Drachen, ja selbst von den Vögeln in den Zweigen verlassen, und eine schauderweckende, beklemmende Schwüle hing unter den Bäumen, deren erste Blätter bereits raschelnd abzufallen begannen, so daß Amadis erschrak, obwohl er sich vorgenommen hatte, mit Mannesmut alles zu ertragen, was ihm an Gaweins Seite begegnen würde. Sicherlich war dieser Wald in früheren Jahrhunderten einer heidnischen Gottheit geweiht gewesen, und die damaligen Priester und Priesterinnen, die mit ihren sichelförmigen Messern Mistelzweige schnitten, hatten wohl auch Menschenopfer auf den großen viereckigen Steinen voll seltsamer unentzifferbarer Schriften dargebracht, die hier und dort aus dunklen Schatten geheimnisvoll hervorsahen. Da aber flog, o Freude, das Schachbrett, das juwelenbesetzte wunderbare Schachbrett plötzlich wie ein riesiger Falter tief über den Boden, den kein sichtbarer Weg mehr durchschnitt, und mit seinen paar Figuren und dem schachmatt bedrohten König flatterte es weiter und verschwand in dem niederen Gehölz und kam dann wieder zum Vorschein und suchte gleichsam einen Ausweg zwischen den Baumstämmen ...

Gawein und Amadis zeigten es einander, und nun, da es von neuem erschienen war, erwachte in Gawein frohe Zuversicht, und er folgte dem Schachbrett, so rasch Gringolet ihn zu tragen vermochte. Das aber flatterte um Baumstämme herum, verschwand immer wieder, kam dann wirbelnd wieder zum Vorschein, und dabei war deutlich ein Brummen oder Summen wahrnehmbar wie von einer Hummel oder rastlos schwirrenden großen Fliege. ...

Es reizte seine Verfolger, schien's, mit vollem Bedacht. Außerhalb des Waldes, der plötzlich in weite Wiesen voller Lachen verlief, die in der untergehenden Sonne rosig schimmerten, schwang es sich stets höher in die Luft und lockte Ritter und Knappen über die vom Abendschimmer überspielten Moose und Sümpfe: dort würden in der Nacht wohl böse Geister zwischen Nebelschwaden umherschweben.

Dann plötzlich schoß es schnurstracks gleich einem Pfeil durch die Luft, und die Reiter spornten ihre Rosse zum Trabe an.

»Ich weiß nicht«, sagte Gawein, »wo wir für diese Nacht eine Herberge finden werden. Allein wir können dieses Schachbrett nicht entweichen lassen, mein viellieber Knabe.«

Amadis – Alliene! – trabte hinter seinem Herrn her; nachdem er einen ganzen Tag lang ruhelos durch den Wald und über die Wiesen hatte irren müssen, war er nun hungrig und müde, wie eine Jungfrau es wohl sein durfte. Allein ein süßes Glück erfüllte schmerzlich und bitter zugleich seine Seele, während er dem trabenden Ritter folgte, der hinter dem Schachbrett herritt ...

+++

Plötzlich erkannte Gawein den Landstrich, in dem er sich befand. Hier war er gewesen vor Jahren, vor zehn Jahren – und dort, in der Richtung, die das schwebende Schachbrett eingeschlagen hatte, dort, wohin es flatterte, wo es sich hoch in die Lüfte hob, um dann plötzlich in einer glitzernden Spirale herabzusinken, reckte sich riesengroß die Burg des Königs Assentijn empor!

Dorthin war vor Jahren Gawein geritten, Ysabel, des Königs Tochter, zu gewinnen – doch nicht für sich: um sie zu gewinnen für den liebeskranken König Amoraen, der ihm das Schwert mit den zwei Ringen hergeben sollte, wenn er ihm die Jungfrau zuführte.

Das war das Zauberschwert, gegen das er endlich bei König Mirakel das Schachbrett eintauschen konnte. Doch da Amoraen voller Sehnsucht und Verlangen gestorben war, noch ehe Gawein ihm die Jungfrau zuführte, so hatte er Ysabel, die er so liebgewonnen, für sich behalten dürfen und sie samt dem Schachbrett mit nach Camelot geführt.

Doch, wehe, sie war gestorben! Und schmerzvolle Erinnerungen bewegten die Seele Gaweins, als er Land und Burg erkannte!

Das Schachbrett hatte sich in einer glitzernden Spirale inmitten der zahllosen Türme zur Burg herabgesenkt.

Und Gawein, der Gringolet zügelte, bis Amadis ihm zur Seite kam, ward sich dessen bewußt, daß er nun wieder in das Kastell werde eindringen müssen, in das er dereinst erst mit so unendlich großen Mühen Eingang gefunden hatte ...

Dermaleinst um der Jungfrau ... und jetzt um des schwebenden Schachbrettes willen ...

Und unzählige Mauern und Gräben mit unzähligen Gattern und Toren umgaben die drohende Riesenburg, die von siedendem Wasser umschäumt war.

Und Gawein entsann sich: dazumal hatte er vor jeder Pforte, an jedem Graben, ganz allein einer ungeheuren Zahl von bewaffneten Männern gegenübergestanden, hatte sie bezwingen müssen, bevor er siegreich eindringen durfte.

Wiederholte sich das Abenteuer, wenngleich vielleicht ein wenig anders?

Tief atmete Gawein auf und jubelte in seinem Gemüt und fühlte sich ruhiger, weil die neue Fahrt nicht wie die frühere mit dem Kampf gegen einen Drachen begonnen hatte. Nun freilich hatte er eine schwere Aufgabe zu erfüllen, sollte er allein eine so starke Königsburg einnehmen!

Allein eine ganze Besatzung bekämpfen!

Denn sicherlich würde die Burg doch nicht minder gut bewacht und verteidigt sein wie dereinst, als Gawein seine Ysabel darin gefunden ...

Siehe, dort dampfte schon der allzeit siedende Fluß, und wer darinnen ertrank, verbrannte zugleich ...

Zwölf Mauern umschlossen die Burg, und zwischen je zweien zog sich ein tiefer Graben hin, und siedendes Wasser dampfte rundum.

War nicht König Assentijn der schwermütigste, finsterste aller alten Könige, die in diesen Landen von Britannje und Wallis ihre Zepter über ihre Reiche schwangen?

War es nicht bekannt, daß König Assentijn von abenteuernden Rittern und ihren Taten nichts wissen wollte? Dennoch würde er das nun wohl müssen! Denn allein, allein würde Gawein von neuem seine Burg erstürmen müssen: dazu würde Amadis seinem Herrn weder nützlich noch nötig sein ...

Und Gawein sprach zu dem Schildknappen: »Viellieber Knabe, schau her! Diese Burg, in der, wie ich glaube, das Schachbrett verschwand, muß ich erobern, um meine Fahrt zu einem guten Ende zu führen, und allein muß ich sie erobern, o Amadis, so wie ich es bereits einmal vor zehn Jahren tat. Und nun bitte ich dich in allen Züchten: sage mir, möchtest du nicht, da mir so großes Abenteuer und ungeheure Gefahr bevorsteht, etwas für deine Weiblichkeit weniger Gefährliches tun und mein Sendbote nach Camelot sein? Du könntest dann an den Hof meines Königs Artur gehen, ihm von Mordred und Didonel zu berichten, deren Tod mir schwer auf der Seele lastet. Ja, mir ist sehr trübe zumute um ihrer beider Schicksal, und weil ich zwei Ritter der Tafelrunde erschlug und meinem Herrn noch nicht Kunde von diesen so schmerzlichen Dingen sandte. Gewiß, der Weg ist lang, doch gute Fahrt gibt dir des Himmels Vorsehung wohl ebensogut, wie sie dir vordem Unheil und Qualen beschied. Und bist du erst einmal in Camelot angelangt, und hat sich des Königs Zorn, der mir gilt, über deinem lieben Haupte entladen, so wird mein Fürst und nicht minder die Königin Ginevra dem Boten Gaweins sicherlich huldvoll sein.«

»Mein edler Herr«, sprach da Amadis, »ich werde tun, wie Ihr mir gebietet, und gehen, um König Artur vom Tode meiner Bedränger Kunde zu bringen. Trotzen will ich seinem Zorn, doch lieber, fürwahr, wäre es mir, wenn ich Euch hier im Kampfe beschützen und, täte es not, für Euch sterben dürfte ...«

Kaum hatte Amadis also gesprochen ...

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