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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kapitel XIV

Und Gawein eilte auf den kranken König zu und kniete nach höfischem Brauch vor ihm nieder und küßte ihm die Hand, dieweil alle die Großen des Landes und alle die Edelfrauen, die dort am Hofe zu Gaste weilten, Gawein anschauten und bewunderten und sich erhoben, um ihn zu begrüßen.

»Mein Herr Gawein«, sprach König Mirakel, »Euresgleichen gibt es nicht mehr unter dem Himmel; wie froh bin ich, Euch nach so vielen Jahren wiederzusehen. Erkannt habe ich Euch sofort. Entsinnet Ihr Euch, daß Ihr hier zwischen mir und meinem Sohne das Zauberschachbrett fandet, das nach Camelot hereingeflogen und dann wieder entschwebt war, das Ihr sehnsüchtig begehrtet und das ich Euch gab, als Ihr mir nach vielen Abenteuern das Schwert mit den Ringen brachtet? Vom König Amoraen hattet Ihr es bekommen, weil Ihr ihm versprachet, ihm König Assentijns Tochter Ysabel zuzuführen. O weh, wie viele Jahre ist das alles her! Amoraen war gestorben, ehe Ihr ihm Ysabel brachtet und herben Schmerz ob Eures Eides trüget, denn Ihr selber hattet sie lieb gewonnen wie sie Euch. Aber dann hattet Ihr so Euer süßes Weib wie auch das Schachbrett gefunden, und beides war Euer Glück.«

»Mein Herr König vom Wunderlande«, antwortete Gawein, der sich neben dem Herrscher niedergesetzt hatte, »ich entsinne mich sehr wohl aller dieser Dinge, und es ist mir schmerzlich, Euch zu sagen, daß mein Weib und Glück nicht mehr sind – denn Ysabel, wehe, sie starb.«

Rings um Gawein tat sich große Trauer kund, als er diese Worte sprach. Der König nahm eine seiner Hände, und Alydrisonder griff nach der anderen, und die Edelfrau mit dem Schoßhündchen, das sie losgelassen hatte, und das nun in ihr Gewand verfangen war und kläffte, trat näher: denn Gawein erschien ihr gar verführerisch, zumal da sie nun hörte, daß er ein vornehmer Baron war, und einer der Großen von König Arturs Runde.

Nachdem Gawein für so allgemeine Anteilnahme an seinem Verlust geziemend gedankt hatte, hob er von neuem an: »Mein Herr König, daß ich es wage, heute vor Euch zu erscheinen, geschieht aus keinem anderen Grunde als dem, daß ich wiederum ausgezogen bin, ein schwebendes Schachbrett zu suchen und dies bei Euch zu finden glaubte. Allein das Schachbrett, das ich auf diesem Tische sehe und auf dem Ihr mit Eurem Sohne spieltet, dem Prinzen Alydrisonder, den ich liebe, ist nicht das Schachbrett, das im Frühsommer in den runden Saal von Camelot hereingeschwebt kam.«

Nun hob der alte König Mirakel die zitternden Arme empor. Und wehklagend rief er aus:

»Ach, mein viellieber Herre Gawein, sucht Ihr bei mir das Zauberschachbrett? Wisset Ihr denn nicht, daß jegliche Zauberkraft dem König Mirakel schwand? Und daß mein Wunderland dieses Namens nicht mehr wert ist? Nein, dieses Schachbrett hier ist ein ganz alltäglich Ding, und ich würde auch kein Zauberschachbrett mehr schaffen oder darauf spielen können. Was ich konnte, war alte, gute Zauberei: nun aber haben die neuen Zauberer die ›moderne Magie‹ erfunden, wie sie es nennen. Wisset, Merlin ist so ein moderner Magier. Ich ahne nichts von seinen Künsten, die auf Ausnutzung von Naturkräften beruhen sollen. Mir und meinesgleichen sind sie unbekannt. Merlin verjüngt sich, wiewohl er so alt ist wie ich. Und er drückt auf Knöpfe und erleuchtet ganze Burgen oder durchblitzt ganze Wälder und dunkle Wolkenmassen, oder dreht an einem Steuer und fliegt durch die Lüfte, und das sind Wunder, wahre Wunder, die meinem armen Geist unfaßbar bleiben, viellieber Gawein. Und was ich ferner noch zu schaffen verstand: Zauberbetten, in denen der verwundete Ritter genas, Wunderbäume aus rotem Golde, auf denen die Vögelein singend ihre Flügel ausbreiteten, das – ich sage es Euch im Vertrauen – das geschah durch Männer mit Blasebälgen, die von einem unterirdischen Gewölbe aus dem hohlen Baum Wind zutrieben und die Vögelchen zum Singen brachten. Ähnliches vollbringt Merlin jetzt mit schwebenden Schachbrettern weit besser als ich. Das ist ihm Kinderspiel, müßiger Zeitvertreib, bloßer Scherz, mehr nicht: zumal mit einem schwebenden Schachbrett wird er, dessen bin ich gewiß, viel besser umzugehen verstehen, als ich es konnte. Gawein, mein lieber Gawein, sehet Ihr denn nicht, daß ich krank geworden ob meines minderen Wissens – daß ich müde und verzagt bin, obgleich mein ganzer Hof rings um mich her seine Scherze treibt, um mich meinen Gram vergessen zu lassen? Gawein, o Gawein, sehet Ihr denn nicht, daß der alte König Mirakel stirbt, weil neue Mirakel durch die Luft schweben, von denen ich Armer nichts mehr verstehe?«

Da kniete Gawein von neuem neben dem kranken König nieder und sprach: »Mein viellieber Herr König Mirakel, wenn ich nicht fragte, ob Ihr krank seid, so unterließ ich dies, seid dessen gewiß, nur aus Bescheidenheit. Lasset mich Euch Genesung wünschen und Euch sagen, welcher Art meine Gedanken sind. Merlin ist ein geschickter Zauberer, allein er ist jung nur am Morgen, doch alt in der Nacht, und wenn er einst am Abend stirbt, so wird das nur darum sein, weil dann die Naturkräfte stärker sind als seine Zauberkünste. Allein jedes Wunder, das wirklich ein Wunder war, wird es weiterhin auch bleiben – so wie wir das Wunder in unserem Herzen empfinden, so wie ich, teuerster Herr und König, es empfinde, der ich das schwebende Schachbrett diesmal doch nicht zwischen Euch und Eurem Sohne, dem Prinzen, finde.«

Überrascht richtete der kranke König sich halb auf. Er lächelte und blickte Gawein in die großen braunen Augen. Er legte ihm seine Hände auf die Schultern. Er sprach kein Wort, allein er war gerührt – aber als er dabei seinen Blick über die Barone und die Edelfrauen, ihre Weiber und Töchter, schweifen ließ, gewahrte er unter dem Lächeln höfischer Gesittung Zweifel und Unglauben und hatte Gawein jetzt nur noch um so lieber.

Wenngleich König Mirakel von Wunderland krank war, und wenngleich ihm trübe zu Sinne war, so herrschte doch an seinem Hofe noch viel Freude, denn niemand schien es sich zu Herzen zu nehmen, daß über dem greisen Fürsten viel Schwermut und Trauer lag. Und nun, da die große Glocke ihren frohen hellen Klang ertönen ließ, um zur Tafel zu laden, führten Edelknaben Gawein und Amadis in ein Gemach, darin sie sich umkleiden sollten. Die Knappen brachten ihnen Festgewänder, wie sie stets in allen Burgen für die fahrenden Ritter bereitlagen und für alle jene, die sie begleiteten, und boten ihre Dienste an. Allein Gawein dachte daran, daß Amadis ja eigentlich Alliene war, und darum versicherte er ihnen, daß die Hilfe seines eigenen Schildknappen ihm genüge und blieb mit Alliene – oder vielmehr mit Amadis – allein.

Dann blickte Gawein sich um und sprach: »Viellieber Amadis, mein liebster Knabe, schau dir diesen Raum an: ich kenne ihn aus vergangner Zeit. Auf diesem Zauberbette habe ich geruht, nachdem ich mit Drachen gekämpft hatte: mit einer Drachenmutter und ihren vier wilden Jungen – und in weniger denn einer Nacht war ich von meinen Wunden genesen. Doch seither hat Merlin das Geheimnis entdeckt, Zauberbetten zu schaffen, in denen verwundete Ritter in minder denn sechs Stunden geheilt werden. – Ein solches besitzen wir in Camelot – und deshalb ist dem König so unfroh zumute.«

Und Gawein zeigte Amadis das Bette. Die vier Säulen der Lagerstatt waren aus feinem, rotem Golde, und die Lade selber war aus geschnitztem Elfenbein, und an dem Betthimmel, von dem Vorhänge aus gelbem Damast herabhingen, saßen vier Engelskinder in den Ecken und sangen, seit die Edelknaben die Gäste hereingeführt hatten.

»Die Engel singen nicht immer rein«, sagte Gawein, »es ist wohl besser, wenn wir sie schweigen heißen.«

Er versuchte an einem Knopf zu drehen, ob der wohl einen der Engel zum Schweigen bringen würde – und wirklich, er schwieg mit einem Knarren plötzlich still! Darauf ließ Gawein auch die anderen verstummen.

»Auf Merlins Burg tönt holdes Singen aus großen goldenen Kelchen, und das scheint mir von sehr viel schönerem Klang. Allein ich entsinne mich wohl: als ich vor zehn Jahren diese Engel singen hörte, dünkte mich ihre Weise über alle Maßen schön.«

Gawein begann seine Rüstung abzulegen und duldete, wiewohl er sich höflichst entschuldigte, daß Amadis ihm behilflich war, denn es war wohl für ihn allein ein wenig schwer. Und er selber half dann Amadis, sich zu entwaffnen, und sie wuschen sich in den Bronzebecken, in die das Wasser, gerade kalt und gerade heiß genug, bereits eingegossen war, und darauf kleideten sie sich schnell in die Gewänder, die von den Edelknaben für sie bereitgelegt waren. Gawein hüllte sich in ein Wams aus roter Seide, das mit Hermelin umsäumt war, und seine Hosen waren weiß, und seine Schuhe waren rot und mit rotem Golde gesprenkelt. Und nun stand er da in seinem Festgewande so ernst und so anmutig mit dem langen braunen Haar, das wie Frauenlocken glänzte und ihm wellig um den breiten Nacken fiel, daß Amadis ganz gerührt war. Der Knappe selber, der eigentlich doch Alliene war, legte ein Wams aus weißer Seide an, das mit Zobel umsäumt war, und rote Beinkleider und weiße Schnabelschuhe wählte er dazu. Die kurz geschnittenen blonden Locken umrahmten das etwas wehmütig dreinblickende Gesicht; nicht minder golden waren sie als die Flechten der Königin Ginevra. Und als wiederum die helle Glocke ihren Klang ertönen ließ und zur Tafel rief, verließen sie beide das Gemach. Und durch die Gänge und Galerien drängten sich die erlauchten Barone und ihre Frauen und Töchter. Im großen Saal, dessen Wände reich mit Gemälden aus des Königs Mirakel vergangenen Zauberjahren bemalt waren, standen viele Tische. Des Königs eigene Tafel war aus rotem Golde, und die der anderen aus Elfenbein, und kostbare Tücher waren darüber gebreitet.

Der König ließ sich auf einem Sessel nieder, der einstens gegen Blitz und Donner gefeit gewesen war und darin er sich auch jedem feindlichen Angriff gegenüber als unantastbar erwiesen hatte. Doch jetzt gestand er seinem Gaste, an dessen Arm er unsicher dahinschritt, dieweil der Prinz Alydrisonder an seiner anderen Seite einherging, daß er nicht mehr allzugern während eines Unwetters oder einer Überrumpelung in dem Sessel sitzen bleiben würde. Um seine Zauberkraft sei es geschehen, meinte der königliche Greis, und bedenklich schüttelte er sein graues Lockenhaupt. Allein der jugendliche Prinz Alydrisonder lachte und sagte, daß es doch eigentlich überhaupt gar keine Zaubermacht gäbe und daß doch alles nur geschickte Mechanik und Gelehrtenerfindung sei: singende Engel sowohl wie ein heilkräftig Bette und Sessel, die gegen Blitz und Donner gefeit machten – worüber der König sehr ärgerlich wurde. Er schwankte auf seinen schwachen Füßen am Arme seines lieben Gastes, des Herrn Gawein, so daß der ihm versichern mußte, des Alydrisonder Urteil sei nur Ausfluß jugendlichen Übermutes, und alle Wunder der alten Wundermeister und des Königs von Wunderland bedeuteten viel mehr als alle Gelehrten- und Maschinenkünste. Ob solcher trostreichen Versicherung war König Mirakel sehr dankbar, und nun lud er Gawein ein, neben ihm auf dem Zaubersessel Platz zu nehmen und mit ihm von einem Teller aus rotem Golde zu kosten und mit ihm aus einem Pokal von rotem Golde zu trinken. Goldene Schenkkannen standen hier und da auf den Tafeln, sie waren mit edlem Rebensafte und würzigem Malvasier gefüllt. Näpfe aus Gold und Silber und aus reinem Kristall in vielerlei zierlichen Formen standen herum, und die Edelknaben gingen mit schweren Schüsseln einher, auf denen die Pfauen mit ausgebreitetem Schweif lagen oder dampfendes, thymiandurchduftetes Wild oder junges zartes Fleisch von Lämmern und Kälbern. Und allenthalben lagen Kirschen, die mit ihrem schönen Rot die Tafel schmückten, aber auch zum Naschen dienen sollten. Und goldene Engel in den Ecken des Saales bliesen mit vollen Backen in goldene Trompeten und andere sangen lieblich dazu. –

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