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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kapitel XIII

Zwei Tage später ritt ein Ritter aus dem Walde heraus, und ihm zur Seite ein junger Edelknabe. Es war Gawein – und es war Alliene. Sie hatten den Vater in die Erde gesenkt, und der Priester war gekommen, die Messe zu lesen. Der Burgvogt und seine Frau hatten sie mit Speis und Trank versorgt, und Gawein hatte ihnen die Pferde des Mordred und Didonel geschenkt, um die Schuld zu lösen, die Allienens Vater ihnen noch zu begleichen hatte. Und die Jungfrau folgte nun, mit der Rüstung ihres jugendlichen, kürzlich gefallenen Bruders angetan, dem Ritter, der sie beschützt und gerettet hatte, denn sie hatte auf der Welt sonst nichts und niemanden mehr. Und so verließ sie die verfallene Burg, die über ihrem Haupte sichtlich zerbröckelte.

Sie ritten schweigend des Weges, und Gawein dachte in dem klaren Morgen, der sie umgab, all dem Traurigen nach, das er erlebt hatte. Was die Ritter der Tafelrunde außer ihm selber so häufig bezweifelt hatten, war nun gekommen und hatte ihn gepackt und würde ihn von neuem fesseln. Das Schachbrett, das herbeigeschwebt war, der Berg, der sich vor ihm aufgetan und hinter ihm wieder geschlossen hatte; Morgueine, die ihn nach Gringolettes Tode in einem von selber dahineilenden Zauberwagen in das Tal der Ungetreuen Ritter geführt hatte, in dem Saitenspiele durch die Luft schwebten, und daraus ihn zwei treue Gefährten erlöst hatten ... Waren das nicht alles Wunder und Abenteuer gewesen, daß Harnisch und Waffen aus der Luft herabgefallen waren und daß ein junger Gringolet wiehernd auf ihn zugeeilt war? War es kein Abenteuer gewesen, daß er Alliene aus der Gewalt des wilden Didonel und Mordreds befreit hatte? Welche bittere Überraschung hatte doch dieses Abenteuer gebracht! Jetzt breitete sich die Welt wieder von neuem in ungewisser Zukunft vor ihm aus. Neu mit dem neuen Tage ...

»Schau her!« rief Alliene ihn plötzlich an.

Er blickte auf, der Richtung ihres gepanzerten Fingers nach, und er sah vor sich, inmitten der weißen Wölkchen und dann wieder tiefer, wie in einem Vogelflug, das Schachbrett, das schwebende Schachbrett! Gleich einer Lerche flog es nun aufwärts, höher empor, im Nu verlor es sich zwischen den Wölkchen, trat wieder daraus hervor, senkte sich, fiel tiefer hinab, stieg aufwärts, himmelan, empor ... Und seine Edelsteinfelder glitzerten, und die wenigen schimmernden Figuren wankten nicht, sondern blieben durch Zauberkraft aufrecht stehen in goldenem und silbernem Glanze ...

»Da erscheint es vor mir«, sagte Gawein, und atmete befreit auf; »und nun muß ich es einholen! Ich dachte es in der Burg des Königs Mirakel zu finden, wo ich es dazumal fand. Allein meine Aventiuren führten mich weit an seinem Schlosse vorüber. So muß es auch sein; so ist es immer gewesen: nimmermehr ist der heilige Speer oder der heilige Gral oder ein schwebendes Schachbrett von dem suchenden Ritter sogleich gefunden worden! Jahrelang irrte er umher, bevor er Gral, Speer oder Schachbrett fand. Das Wunder wird Wirklichkeit, das Abenteuer erst eigentliches Leben für den fahrenden Ritter, und so ihn nicht stets etwas daran hinderte, das Ziel zu erreichen, würde er nimmermehr bedrängte Unschuld retten, nimmermehr vor aller Welt von seiner treuen Liebe künden können, wie Lancelot es tat, als er mich erlöste.«

Und Gawein spornte sein Pferd an, und auch Alliene trieb das ihre zu rascherem Gange, damit sie das Schachbrett nicht aus den Augen verlören. Doch mit einem Male schwebte es irgendwo hinter den Wipfeln der Bäume herab und verschwand.

»Bei Sankt Michael, meine schöne Jungfrau«, rief Gawein, »vorwärts in der Richtung, da es verschwunden ist!«

Und sie trabten quer durch den Wald, in den das Schachbrett herabgefallen zu sein schien. Ein Drache, ein Lindwurm, so meinte Gawein, müsse gewißlich ganz plötzlich aus dem Gewirr der Zweige und Äste auftauchen, die ihnen oftmals den Weg versperrten, oder aus dem dichten Gestrüpp, darinnen die angespornten Rosse strauchelten. Allein nichts dergleichen geschah, und die beiden Reiter verfolgten ihren Weg, bis sie durch einen Sumpf, aus dem blühendes Schilf herausragte, den Fluß erreichten: den nämlichen, den Gawein mit Gringolette durchschwommen hatte. Und an dem Flusse erhob sich die Burg des Königs Mirakel, der über das Wunderland herrschte, das zwischen dem Wunderstrom und den Wassern der Unterwelt lag. Und die Luft war dort anders, als man es andererorten ringsum kannte, wenngleich auch dahinein oftmals ein Hauch der Winde des Wunderlandes wehte ... Es sei eigentlich alles lauter Wunder, meinte Gawein, im Wunderlande, in dieser Welt von Wundern, und in all den andern Königreichen alter Herrscher ringsumher, in den Gebieten, über die König Mirakel oder Merlin und Morgueine den Zauberstab schwangen, oder wer sonst noch über die Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer gebot und über Gnomen und Sylphiden, über Undene und Salamander. Diese Burg aber, so fuhr er fort, sei ihm dazumal, als er zuerst das Schachbrett suchte und es dort auch bereits gefunden hatte, wie eine Feste aus Kupfer erschienen, wie ein Kastell aus glühender Bronze, wie ein Schloß aus eitel Gold, und nun wieder wäre es, als sei sie aus Stein erbaut, aus lauter rotem Stein, wie andere Königsburgen in den umliegenden Landen, nur rötlicher noch, schien es ... Gold? Nein, Gold war es nicht. Wie seltsam, daß es keins mehr war. Dort vor ihm war das Tor, durch das er auch dazumal eingeritten war. Schweigend bedeutete er Alliene durch eine Bewegung seines Speeres, daß sie mit ihm hineinziehen solle. Der Eingang war es zu einem unterirdischen Gewölbe, das unter dem Flusse hindurch bis zu der Burg führte. Die beiden ritten in das Dunkel hinein; da schwand hinter ihnen der Tag, und über ihren Häupten hörten sie die rasche Strömung des tiefen Wassers, das unablässig toste wie ein Wasserfall.

»Herr«, hub Alliene leise und traurig an, »ich bitte Euch bei der heiligen Maria, daß ich nun Euer Dienstknappe sein darf und nicht Eure Magd, und daß Ihr in mir keine Jungfrau mehr sehen wollet, sondern nur einen Knappen, der für Euch sterben möchte, wenn er Euch mit seinem Leibe und seinem Leben beschützen könnte!«

So sprach Alliene, doch sie sagte nicht alles, was sie in ihrem Herzen für den Ritter empfand, in vollster Wahrheit. Sie sprach nicht von der großen Liebe, die Frau Venus in ihr für Gawein geweckt hatte, für den Ritter, der voll edlen Mutes sie beschützt und von zwei Bösewichtern erlöst hatte, für den Edlen, den Starken, den Hehren, der während der Nacht an des toten Vaters Bahre mit ihr gebetet, dem die Jungfrau und ihr Schmerz in der Einsamkeit der verfallenen Burgsäle heilig gewesen waren. Denn Gawein, der sonst so leichtfertig und unbeständig in der Liebe war, der selbst Ysabel, der Tochter des Assentijn, niemals treu geblieben war, hatte seine Herzensneigung Allienen kundgetan, der er in Leid und Liebe beigestanden hatte, wie es ihm Ritterpflicht und Eid gebot.

»So sei es, Alliene«, gab er nun zur Antwort, »und in meinem Sinne wähne ich, daß es am besten sein wird, dich, die Blume aller Knechte und Edelknappen, künftighin Amadis zu nennen und dir für spätere Zeiten ritterliche Aufnahme und Sitz und Stimme an meines Königs Artur Hofe zu verheißen ...«

Und in seinen Worten lagen Scherz und Ernst zugleich, nun er Alliene vergönnt hatte, ihn in ihres Bruders Rüstung zu begleiten, weil sie auf der Welt so ganz verlassen war. – Jetzt waren sie aus dem unterirdischen Gewölbe heraus, ohne daß ein Zauberwerk sie daran gehindert hätte, denn die Torwächter hatten Gawein erkannt und ließen ihn und den Knappen ihm zur Seite ruhig einreiten.

Gawein und Alliene kamen durch ein offenes Gatter nach dem anderen über Brücke auf Brücke, bis sie endlich den Burghof erreichten: Knappen eilten herzu und hielten ihnen die Pferde, und die Reiter stiegen ab.

Und im Hofe unter einem Lindenbaum sahen sie den alten König Mirakel auf einer Ruhebank liegen.

Und sein Sohn Alydrisonder saß neben ihm.

Und sie spielten Schach ...

Ringsum im Hof unter rotgoldenen Äpfeln, die schwer in den Bäumen hingen und, von der Mittsommersonne gewärmt, ihren Duft ausströmten, saßen Ritter und Edelfrauen des Hofes und trieben allerlei Kurzweil.

Die Jungen schlugen Ball, andere spielten ein Brettspiel mit Scheiben, die sie nach Würfelaugen auf spitze Felder setzten.

Ein Edelmann in einem Gewand aus kostbarsten Stoffen ließ den Falken auf seiner Faust von einer Dame bewundern, die in ihrem Schoß ihr lilienweißes, seidenhaariges Hündchen liebkoste. Und höfisches Gespräch ging um, während eine leise Melodie von Knabenstimmen erklang, die von Saiteninstrumenten, Psaltern und Zithern begleitet waren.

Und als die Knechte Gawein und Alliene – die jetzt Amadis heißt, vergiß es nicht, Leser! – in den Hof geleiteten, schauten alle hin, und der Prinz Alydrisonder erhob sich sogleich und streckte ihnen beide Hände entgegen und rief erfreut: »Der Herr des Himmels schenke Euch Reichtum und Macht und alles, was Ihr begehrt, vieledler Freund Gawein, und auch dem schönen Schildknappen, der Euch begleitet. Seid willkommen in unserer Burg und erlaubet, daß unsere Knechte Euch beiden die Sporen lösen und Euch das Schwert abgürten!«

Und seinem Vater, der krank war und sich nur matt in seinen Kissen aufrichten konnte, rief Alydrisonder zu:

»Guter Vater, edler Herr, hier ist die Blüte aller Ritterschaft zu uns gekommen: das ist Gawein von König Arturs Tafelrunde!«

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