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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Kapitel XII

Allein Gawein kniete neben Mordred nieder, der stöhnend im Staube lag. Er zog ihm mit sanften Händen das Eisen aus der Wunde und legte einen Talisman darauf, der das Blut zum Stillstehen brachte ...

»Gawein«, sagte Mordred stöhnend, »ich bitte um Gnade. Mir wurde für meine Missetaten eine Buße auferlegt, die mich gar zu schwer drückt. Ich werde sterben durch deine Hand. Vor vielen Jahren habe ich schon den Tod verdient, und jetzt wird er mein Teil!«

Die Jungfrau hatte auf Gaweins Wink Mordreds schweren Helm genommen und ihn am Bache, der aus einem moosigen Fels strömte, mit Wasser gefüllt, und sie labte Mordred und netzte ihm das Antlitz, während Gawein ihm diese Antwort gab:

»Mordred, Gefährte von der Tafelrunde, Didonel ist tot, er kann nicht mehr von seiner Sünde sprechen. Du aber kannst noch reden: so bereue denn, ich bitte dich, und rufe unserer lieben Frauen Gnade an, auf daß deiner Seele das ewige Heil nicht versagt bleibe ...«

»Ach Gawein«, stöhnte Mordred, »wenn ich wähnte, dadurch zu Gnaden zu kommen, so würde ich gerne meine Missetaten beichten. Allein ich habe ihrer so viele auf mich geladen, daß meine Seele keinen Rat weiß!«

»Freund«, sprach Gawein heiter, »alle Missetat der Welt bedeutet wenig vor der Gnade Gottes: Der Herre Christ, der für uns geboren ward, empfing für uns die bitteren Wunden und darf dich von deinen Sünden lossprechen: beichte sie, beichte sie alle und laß den großen Teufel aus der Hölle dich nicht packen, darum bitte ich dich!«

»Ach Gawein«, klagte Mordred, »Didonel trägt große Schuld, der mich verführte. Seit zehn Jahren schon hielt er mich dazu an, Damoicelen zu entführen, ihm zu Gefallen, und sie in den Liebeshain zu geleiten, in die Burg, die weit von hier, dicht bei Logres, fern von allen diesen Königreichen gelegen ist, und wo wir die Jungfrauen heimlich gefangenhielten. Und viele andere Ritter kamen auch dorthin, um ihren Spaß zu treiben und sündige Scherze, und gar manchen der Herren ermordeten wir, auch viele Jungfrauen und ihre Brüder und Sippen, die kamen, sie zu suchen. Gawein, o mein Gawein, habe Erbarmen und bete für mich! Seit zehn Jahren waren wir Entführer, nicht wert, mit euch allen an der Tafelrunde zu sitzen. Wir haben geraubt, was und wen wir konnten, doch zu mancher Stunde ist die Reue über mich gekommen, und dann habe ich umkehren wollen auf dem Wege des Übels. Allein ich war zu schwach ... vor Didonels Verführungsreden ...«

Da sprach Gawein zu der Jungfrau:

»Edle Jungfrau, wollet Ihr in Gnaden eine Bitte von mir vernehmen?«

»Herr!« rief die Jungfrau, »gebietet über mich, befehlet mir: ich bin Euch in allem untertänig!«

»So bitte ich Euch, vielschöne Damoicele, wollet diesen beiden Rittern alle ihre Missetaten vergeben. Durch Euer Verzeihen und durch Euer Gebet wird Didonel, der da tot liegt, von den Qualen der Hölle erlöst werden, und Mordred werdet ihr vielleicht aus heißen Flammen des Fegefeuers erretten.«

»Mein edler Herr und Beschützer! Seid dessen gewiß: diese Bitte will ich Euch gern erfüllen und alle Missetaten vergeben, die mir dieser rote sterbende und jener schwarze tote Ritter angetan. Gott verzeih Euch, roter Ritter, Eure Sünden und die Not, in die Ihr mich gebracht habt.«

Mordred stammelte:

»Dank, großen Dank, edle Jungfrau!«

Und sein Haupt sank auf das Knie Gaweins, der ihn, zu seiner Seite kniend, mit seinen Armen umschlungen hielt.

Da eilte die Jungfrau, der die gelösten Flechten über das blutende Antlitz und auf die wundgeschlagene Brust herabhingen, in ihren zerrissenen Gewändern auf Didonel zu und kniete neben ihm nieder und betete.

»Gawein! Gawein!« klagte Mordred noch immer. »Wirst du für mich beten und mich auf einem Kirchhof ehrlich bestatten?«

»Ja, das werde ich tun, Mordred«, versprach Gawein.

Und nun tat Mordred seinen letzten Atemzug.

Da machte Gawein das Zeichen des Kreuzes über den beiden Toten und vor seiner eigenen Brust und stand auf und trat zu der Jungfrau. »Damoicele«, sprach er, »Eure beiden Peiniger sind tot, und ich wünsche sie zu begraben, nachdem ich Euch in Euer Schloß heimgeführt habe.«

»Vieledler Herr«, sprach die Jungfrau, »dieser Wald ist mir bekannt. Bevor wir zu meines Vaters Burg kommen, führt ein Seitenweg links zu einer Kapelle, dort wohnt ein alter Priester, und bevor Ihr mich heimgeleitet, wollen wir den Schwarzen und den Roten dort begraben.«

»So sei es, Jungfrau«, sprach Gawein.

Dann schaute er sich nach den Pferden um. Sie weideten dort alle vier, als wäre nichts geschehen, und Gawein nahm seinen jungen Gringolet und Mordreds Pferd beim Zügel, und die Jungfrau führte ihr eigenes und Didonels Roß, wiewohl das sich bäumte.

Und Gawein faßte den toten Mordred in seine Arme, nahm ihn, als trüge er ein Kind, und legte den Leichnam über den Sattel seines Rosses. Darauf nahm er die Leiche des Didonel und legte sie über dessen Roß, dem er gut zusprach. Und die Jungfrau und Gawein stiegen auf. Und sie ritten in den Wald hinein und schwiegen. Sie ritten im Schritt und schweigend, und der Weg war lang und zog sich endlos durch den Wald hin. Anfangs begleitete sie noch das Rauschen des Baches und der Vögel leiser Gesang. Doch als die Dämmerung hereinbrach, verstummten ihre Stimmen, und das Wasser lag zu fern, als daß sein singender Fall noch hörbar gewesen wäre. Und Schatten senkten sich auf den Wald herab und kündeten das kommende Dunkel.

Gawein betete ein Paternoster und ein Credo und empfahl die Seelen der Toten dem heiligen Michael, und die Jungfrau sprach immer und immer wieder ihr Kyrie eleison, und mit seinem »Amen« schloß Gawein dann ihre Fürbitte. Und keiner von beiden sprach aus, was sie sahen und hörten: wie kurze und bleichflammige Kerzen die Leiche des Mordred zu umschweben schienen – sechs dünne Wachsfackeln – wie von unsichtbaren Händen getragen, und wie leiser Gesang aus unsichtbaren Kehlen die Gebete für die Toten begleitete. Auf einmal vernahm Gawein hinter sich ein Blätterrauschen, und als er sich umschaute, gewahrte er dunkle Gestalten. Und er befahl der Jungfrau, mit Mordreds Leichnam voranzureiten, und die Lichter und die Stimmen ringsumher waren in der fallenden Nacht deutlich zu sehen und zu hören: liebliches Engelgetöne und matter Schimmer wie von Wachskerzen.

Und als er sich von neuem umblickte, erkannte Gawein die dunklen Gestalten, die hinter ihm her waren; sie schlichen verstohlen über die raschelnden Blätter, die im Mittsommer schon fielen, allein sie wagten sich nicht näher heran. Und Gawein sah, daß sie Haken in den Klauen hielten und daß sie Hörner trugen. Sie glitten durch das Gesträuch längs des Weges. Teufel waren es, und ihre Schwänze ringelten sich um ihre Körper oder schleiften über das raschelnde Laub, und Feuer schoß aus ihren Kehlen, und ihre Augen glühten unheimlich, wie die Lichter von Wölfen. Und Gawein hörte sie murmeln:

»Didonel! Didonel! Manches Jahr hast du uns mit Mordred gedient. Jetzt sollst du den Lohn empfangen. Wir werden deine Seele, sobald wir sie haben, stoßen und schlagen und ihr viel Schmerzen bereiten. Wir werden mit ihr spielen, werden mit ihr herumtollen und wie einen Ball sie uns gegenseitig zuwerfen. Didonel! Didonel! Gib uns deine Seele, daß wir unseren Spaß damit treiben können nach unserer Art.«

Voran ritt die Jungfrau und betete, und rings um die Leiche des Mordred, die quer über dem Sattel des im Schritt gehenden Pferdes hing, flackerten die sechs matten Kerzen durch die Nacht, und die unsichtbaren Engel, die sie trugen, umgaben, ihrer sechs, die Jungfrau mit ihrem Sang. ... Doch hinter ihr führte Gawein Didonels Leiche mit sich auf dessen Roß, und die Teufel schlichen sich, immer weiter murmelnd, näher und näher. Sie zogen an den Beinen des Toten und reckten sich bis zu seinem herabhangenden Haupt empor, aus dessen geöffnetem Mund die Seele ihren Ausweg nehmen sollte.

»Ihr Bösewichter!« rief Gawein, »ihr höllische Teufelsbrut, seid ihr so begehrlich nach des Didonel Seele? Wäret ihr früher mir nahe gekommen wie nun ihm, den ich tötete, bevor er beichten und Unsere liebe Frau um Gnade bitten konnte, so hätte ich euch zu Frommen oder zu Schaden fühlen lassen, was mein Schwert vermag. Und das will ich, meiner Treu, auch heute tun, da ihr die abgeschiedene Seele umlauert!«

Und Gawein schwang sein Schwert über des Didonel Leiche und zeichnete ein Kreuz darüber, das in der Dämmerung mattgolden schimmerte. Da entflohen die Teufel nach Nordost und Nordwest, und großes Geschrei ging aus ihren weitgeöffneten, feuerspeienden Mäulern, und in ihren funkelnden Augen erlosch der flackernde Glanz.

Und die Jungfrau und Gawein ritten weiter. Es war nach Mitternacht, als sie den Seitenweg einschlugen und die Kapelle im matten Mondenschein liegen sahen, vor einer Ebene, daher Kreuze auf Gräbern schimmerten. Und sie stiegen ab, und Gawein läutete das Glöckchen, das am Tor hing, daß es durch die Nacht hallte. Der Engel Kerzen waren erloschen, und ihre Stimmen sangen nicht mehr; vielleicht waren sie wieder aufgefahren, noch ehe die Kapelle erreicht war, empor in die flüchtigen Wölkchen, die fern und hoch im zarten Mondenschein schwebten, und vielleicht schauten sie von dort oben hernieder... Der Priester kam heraus und fragte nach des Ritters Begehr, und Gawein antwortete:

»Ehrwürdiger Vater, lasset uns diese beiden Toten in die Erde versenken, so ist es wohlgetan; und lasset uns eine Messe für sie singen.«

»Wer will mein Ministrant sein?« fragte der Priester.

»Das will ich«, sprach Gawein, »ich bin des Lesens kundig, nicht so ungelahrt wie manch anderer Rittersmann; habe ich doch in meiner Kindheit sieben Jahre lang eine Klosterschule besucht!«

»Ich glaube es Euch, Herr Ritter«, erwiderte der Priester. Und sie legten die Toten auf eine Bahre, die vor dem Altare stand und bedeckten sie mit einem schwarzen Tuch, und die Jungfrau – Alliene war ihr Name – zündete die sechs Kerzen an, die in eisernen Leuchtern staken, und als der Geistliche über der Toten Seelen die Messe las, diente ihm Gawein willig und fromm und demütig als Chorknabe, dieweil die Jungfrau im Gebet versunken kniete. Und als die Messe vorüber war, beichtete Gawein nicht – und hatte doch schon seit zwölf Jahren nicht mehr gebeichtet –, denn er war nur auf seine Art fromm, und darum betete für ihn seine Mutter im Paradiese. ... Gawein und der Priester trugen darauf die Bahre hinter die Kapelle auf den Friedhof, und im Mondenschein grub Gawein mit seinem Schwerte das Grab, breit genug für Didonel und Mordred, denn ihre Leichen sollten zusammen ruhen, mochten auch die Seelen getrennt werden, wenn des Didonel unsterblich Teil mit den Teufeln würde zur Hölle fahren müssen. ... Gawein fürchtete das, und dennoch war ihm wohl zumute, weil Alliene Didonel Verzeihung gewährt und für ihn gebetet hatte und unablässig noch Fürbitte tat, für ihn und für Mordred.

Tiefe Nacht war es nun, und Gawein gab dem Priester schuldigen Dank und Lohn und stieg auf. Er hob Alliene vor sich in den Sattel, und sie ruhte erschöpft mit geschlossenen Augen an seiner Brust, ihr Haupt auf den Löwenkopf seines Waffenrockes gebettet. Die drei anderen Pferde hatte er beim Zügel genommen, und sie schritten neben und hinter ihm her.

Und durch die nächtliche Stille zog Gawein des Weges, der zu der Burg von Allienes Vater führte. Als sie ihr nahe waren, sah Gawein ein verfallenes Schloß mit einem Turm; traurig stimmte ihn der Anblick, wie sich der dunkle Umriß vom matten nächtlichen Himmel abhob, und er fühlte, daß ein unnennbares Unglück über der Burg schwebte. Die Fallbrücke über dem Graben war herabgelassen, als sei es nicht der Mühe wert, so zerfallene Armseligkeit während der Nacht noch besonders zu schützen und abzuschließen. Das Tor war offen. Im Hof lagen in einem Winkel Ackerbaugeräte neben einem Karren. Kein Diener eilte herbei; nur der zerbröckelnde Turm schien sich den Einziehenden entgegenzuneigen. Nachdem Alliene und Gawein abgestiegen waren, entschuldigte sich die Jungfrau:

»Wir haben keine Diener mehr. Unser Burgvogt sorgt mit seinem Weibe für uns. Der Vater wird wahrscheinlich schlafen.«

Es war dunkel in den finsteren Gängen, von deren Wänden kalte Feuchtigkeit troff. Seitlings lag ein großer Saal in Schutt. Und Alliene führte den Ritter in ein hochgelegenes Gemach, darin sich im Mondenstrahl, der bleich durch das runde Fenster fiel, eine Bettstatt abzeichnete, auf der ein Greis zu schlafen schien.

»Vater!« rief Alliene, »Vater, wach auf! Ich bin zu dir zurückgekehrt, sieh, dieser edle Ritter hat dein Kind aus den Händen der Bösewichte befreit. Vater! Vater! Wach auf.«

Als der Alte regungslos liegenblieb, näherte sich Alliene der Lagerstätte. Fast wäre sie über ein Schwert gestrauchelt, das am Boden lag. Und sie entsann sich, daß ihr Vater sie gegen Mordred und Didonel hatte verteidigen wollen, als die sie entführt hatten. Als sie aber ihre Hand auf ihres Vaters Stirn legte, die von grauen Locken umrahmt war, fühlte sie, daß sie eiseskalt war.

Sie erschrak und legte lauschend ihr Ohr an des Alten Brust. Dann erhob sie sich.

»Ist er tot?« fragte Gawein.

»Tot«, sagte sie.

Sie tastete im Dunkeln umher, zündete eine Kerze an und stellte sie zu Häupten des Toten. Dann ging sie in ihre eigene, angrenzende Kammer, zündete noch eine Kerze an und stellte auch diese bei dem Toten auf. Gawein kniete nieder wie sie, und sie beteten beide.

Als Gawein seine Augen wieder aufhob, gewahrte er im matten Mondenschein im Winkel des unwirtlichen steinernen Raumes eine Gestalt, die aus dem Schatten mit seltsamem Glanze hervorflimmerte, eine Gestalt, die sich versteckte, und er sah einen Schwanz, der in ein dickes Büschel Haare auslief, und er erkannte daran und an den Hörnern einen Teufel, der dort auf seine Beute wartete.

»Gott, der für uns geboren ward«, hub Gawein zu beten an.

Der Teufel verging in dem Schatten, der sich vor Gaweins Augen lichtete, verging, als wäre er selber ein Schatten, den das Mondenlicht verscheuchte. Doch bevor er völlig verschwunden war, hörte Gawein ein Gemurmel, als wenn der Nachtwind durch dürre Blätter raschelt.

»Wir werden auf dich lauern, Gawein, du beichtest nimmer, Gawein, du bist voller Sünden, und Mordtaten übst du, so viel du nur magst. Zwei Leben hast du heute vernichtet. Wir werden deiner harren, Gawein, und wenn du erst gestorben sein wirst, werden wir unser Spiel mit deiner Seele treiben: sie soll wie ein Ball hin und her fliegen!« –

»Gott, der für uns geboren ward«, wiederholte Gawein, »verzeih dem Sünder seine Sünde...«

»Amen ...« fügte Alliene betend hinzu –

»... und lasse deine Engel seine Seele zum Himmelsthrone geleiten...«

»Amen...« betete Alliene –

»... hinauf in die Glorie deines Paradieses...«

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