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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
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Kapitel XI

Außerhalb der Bannmeile des verzauberten Haines, da die Heide wieder ihr alltägliches Aussehen hatte, schritten die ungewappneten Ritter hinter Lancelot und Gwinebant einher, die zu Pferde saßen und Gawein in ihrer Mitte behielten, und es gab ein lautes Beraten, wohin sie sich wenden sollten. So ungerüstet war es, bei Gott, einem ritterlichen Manne doch gar seltsam zumute, und sie begehrten alle wieder nach Rüstung und Waffen und nach einem Rosse dazu, weß allen sie Morgueine ledig gemacht hatte. Da sahen sie plötzlich, wie aus dem helleren Himmel, an dem sie seit ihrer Verzauberung vielerlei wohllautende Saiteninstrumente hatten schweben sehen, Halsberge und Panzerhemden, Helme und Schwerter, Speere und Schilde herabfielen, und es waren ihrer so viele Teile ritterlicher Rüstung, daß der Tag von neuem verdunkelt ward. Und die Ritter jubelten ob des neuen Wunders und hoben die Hände und fingen hier einen Helm, dort ein Schwert auf; dabei aber mußten sie sich wohl wahren und in acht nehmen, denn die Waffenstücke prasselten wie dichter Regen vom Himmel, schlugen klirrend aneinander, ließen leises Donnergrollen voll metallischen Klanges durch die Lüfte tönen. Und die Ritter griffen nach den Stücken oder bekamen auch wohl einen schweren Schlag, wenn ihr Haupt von einem herabfallenden Schilde getroffen wurde, oder wenn sie den Hieb eines Schwertes empfingen, das herniederkam und einem ihrer Gefährten zuteil wurde. Am Ende lagen Rüstungsstücke und Waffen rings um sie her wie ein rostiger Eisenhaufen auf der Heide. Und fiebernd suchten sie sich heraus, was ihnen zusagte, fanden wohl auch einmal ihr eigenes Schwert wieder, aber nicht seinen Gurt, paßten einander die Helme auf, die sie gegriffen hatten, suchten verzweifelt nach ihrem Halsberg, bis sie rings um sich her lautes Wiehern vernahmen und unzählige Streitrosse einhertraben sahen; es waren ihre eigenen. Doch viele davon trugen ein Geweih auf dem Kopfe, andere hatten Flecken auf der Haut, so daß sie mit eins begriffen, wie die gefleckten Leoparden und die weißen Wunderhirsche nichts anderes gewesen waren als ihre eigenen Rosse, wie denn auch die schwebenden Saitenspiele ihre eigenen verzauberten Waffen gewesen waren.

»Sie werden sich alsobald bewaffnen und auf ihren Pferden reiten«, sagte Gawein. »Ich aber habe mich nach Gringolettes Tode selber meiner Wehre begeben und weiß nicht, wo ich Roß und Waffen finden soll.«

Indem er dies noch sprach, sah Gawein einen silbern und golden glänzenden Panzer mit Helm, Schwert, Schild und Speer vor sich niederfallen und Handschuhe dazu: und er wußte nicht, daß Merlin ihm diese Rüstungsstücke aus dem Himmel sandte. Allein Lancelot und Gwinebant begriffen es und sahen einander mit wissendem Blicke an. Nur Merlin konnte ja so ein Wunder aus seiner tiefen Gelahrtheit heraus geschehen lassen, um das Abenteuer vorzubereiten.

Allein das Wunder war eigentlich gar keins, und das Abenteuer würde im Grunde genommen auch keins sein. Es schien ganz einfach, daß es Waffen aus dem Himmel regnete, wenn sie daran dachten, wie einfach sie die Vergangenheit auf Merlins weißer Zauberwand vor sich hatten auftauchen sehen, oder wie Merlin mit Morgueine durch eine Sprechblume redete, oder wie er Gwinebant von seiner süßen Ysabel träumen ließ.

Und Lancelot und Gwinebant bekreuzigten sich nur, um sich auf alle Fälle vor dem zu hüten, was letzten Endes in diesem gar nicht verwunderlichen Wunder stecken mochte. Allein sie schauten voller Liebe und Ehrfurcht auf Gawein, der sich nicht bekreuzigte, sondern die Stücke freudig auffing. Und sie stiegen ab und halfen ihrem Gefährten, sich zu rüsten und zu wappnen. Und als sie damit fertig waren, wieherte es dicht neben ihnen. Und sie erblickten ein Roß, das glich aufs Haar der Gringolette, wenngleich es nicht Gringolette war. Allein Gawein war sehr erfreut und eilte auf das Tier zu und nahm es beim Zügel – denn es war gezäumt und gesattelt–, und Lancelot und Gwinebant begriffen von neuem sehr wohl, daß Merlin es dem Gawein sandte und fanden es eigentlich gar nicht weiter verwunderlich, wie nun, da Gringolette tot war, Gawein durch Merlins Zauberkunst ein anderes Roß erhielt. Es war ein sehr schöner, noch junger Hengst: eisengrau war sein Fell, breit und kräftig die Brust, verständig, fast menschlich blickte sein Auge, fein und stark waren die Fesseln, und freudig wieherte er Gawein entgegen, als kenne er ihn schon lange. Und Gawein empfand wohl all das Seltsame und Wunderbare, das rings um ihn sich zutrug, wie eigentlich alles Wunder und Abenteuer war: das schwebende Schachbrett, die Feen, der Zauberwagen, die aus dem Himmel fallenden Rüstungen und nicht minder Leben und Tod ...!

Gawein war nun aufgestiegen und hielt zwischen Lancelot und Gwinebant, dieweil all die anderen Ritter unter Dankesbezeigungen für die beiden Getreuen, die sie erlöst hatten, noch ein letztes Mal Helme und Schwerter tauschten und dann eilends in verschiedene Richtungen davonritten.

Sie zogen hierhin und dorthin. Sie wandten sich zurück zu den alten Königen, deren edle Vasallen sie waren. Über Stock und Stein, über Weg und unwegsame Heide, über Ebenen und durch Täler machten sie sich auf eilenden Rossen davon, und die drei Gefährten von der Tafelrunde sahen sie ringsumher am Horizont verschwinden.

Da sprach Lancelot:

»Viellieber Gawein, wir haben dich erlöst, und du bist bewaffnet. Was dünkt dich? Sollen wir dich jetzt auf abenteuerliche Fahrt aussenden und das schwebende Schachbrett suchen lassen?«

»So sei es, meine tapferen Freunde«, antwortete Gawein. »Geht ihr beide und nehmet meinen Dank mit euch. Kehrt zurück nach Camelot und kündet dort, wie ihr Gawein aus Morgueines Zauberbann erlöst habt, und wie er sich nun wieder auf den Weg macht, das schwebende Schachbrett zu suchen. Schon ist die Mittagsstunde nahe, und ihr wißt, wie gegen Mittag meine Kräfte wachsen. Als mich in meiner ersten Kindheit ein Eremit taufte und meine Zukunft las, verhieß er mir bereits, daß sich allzeit gegen Mittag meine Kräfte gar mächtig steigern würden. Das ist für mich ein günstiger Augenblick, Erfolg bei meiner Suche und Aventiure zu gewinnen. Geht, laßt mich, liebe Freunde!«

Da umarmten sich die drei Ritter, während sie im Sattel blieben, so gut es ihnen eben möglich war, sich hoch zu Roß und in Waffenrüstung zu umarmen. Es war auch mehr das Symbol einer Umarmung, aber es hieß doch, in brüderlicher Liebe Abschied voneinander nehmen, wiewohl die Pferde sich recht bäumten und die Rüstungen sich aneinander rieben und die Schilde zusammenklirrten. Dann ritten Lancelot und Gwinebant des Weges, der, wie sie wähnten, am ehesten nach Camelot führen müßte.

Gawein zauderte ein wenig. Dann dachte er bei sich, daß ja die Burg des Königs Mirakel auf dem Wege läge, den er mit Morgueine im Zauberwagen zurückgelegt hatte, und beschloß, dahin zurückzukehren ...

Zurückzukehren aber auf solcher Irrfahrt war niemals gut. Vorwärts, vorwärts mußte der fahrende Ritter ... Zurückzukehren galt als Zeichen der Schwäche und der Ohnmacht ... Allein Gawein dachte, es könnte auch wohl als Buße gelten, und solchen Sinnes kehrte er um. Wohin sollte er auch seinen neuen jungen Gringolet sonst lenken? Bei König Mirakel hatte er einstmals das Schachbrett gefunden. Bei König Mirakel konnte er hoffen, es auch diesmal zu finden. – Wo sonst? Er schaute spähend zum Himmel auf. Er sah das Schachbrett nicht mehr. Sicherlich hatte es sich zu König Mirakel hinabgesenkt! Und er ritt zurück in ruhigem Trabe. Ob sich auf seinem Rückweg ein Abenteuer begeben würde? Er zweifelte daran und beklagte es sehr, denn er fühlte, wie ihm die Kräfte wuchsen. Und die Mittagsstunde kam näher und näher, bis er plötzlich aufschaute. Dort erblickte er etwas, wie er es schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wollten sich denn alle Dinge von dazumal wiederholen? Erst das Schachbrett, und nun, o Trauer, Schande und Unehre! – Dort drüben, wo sich der Weg in den Wald verlor, sah er zwei Ritter reiten, einen roten und einen schwarzen, und in ihrer Mitte führten sie eine Jungfrau, die gleichfalls zu Pferde saß. Sie war in ein grünes Gewand gehüllt. Zwei silberblonde Flechten fielen bis auf den Sattelknopf herab. Und die beiden bösen Ritter zerrten sie roh an diesen Flechten, und sie rissen ihr die Kleider vom Leibe und schlugen sie mit Geißeln aus Lederriemen auf Brust und Angesicht, daß sie blutete. Stöhnend wehklagte sie, und laut erscholl ihr hilfeheischender Ruf:

»O heilige Jungfrau, Gebenedeite, gibt es denn keinen einzigen tugendreichen Ritter, mich aus der Gewalt dieser bösen Schurken zu befreien, die gewißlich niemals den Ritterschlag empfangen haben?«

Und weil ihr die Arme auf den Rücken gefesselt waren, daß sie sich kaum auf ihrem Zelter zu halten vermochte, wankte sie im Sattel, und ihr Schreien gellte durch den Wald und über den Weg und drang zum Himmel empor.

Gawein gewahrte es von ferne. Die beiden Ritter kannte er nicht. Sie waren ganz eingehüllt in ihre schwarze und rote Rüstung und hatten das Visier herabgelassen. Und Gawein eilte, nachdem auch er seinen Helm geschlossen hatte, auf dem jungen Gringolet vorwärts, und von ferne schon rief er mit lauter drohender Stimme:

»Ihr Herren, merket es euch, es ist unritterlich und aller Ehren bar, was ihr dieser Damoicele antut. Ihr sollt es entgelten, bei Sankt Michael, was ihr da treibt. Und ob sich gleich die Jungfrau eines Vergehens schuldig gemacht hätte, müßte man doch ritterlich mit ihr verfahren; wenig ehrenvoll ist es aber, eine so schwache und schöne Dame so grausam zu schlagen.«

Da schrien der Rote und der Schwarze Gawein wütend an:

»Ihr grober Geselle und Schurke, ob Ihr nun ein Ritter seid oder nicht, um Euretwillen wird sie nicht geschont werden. Und um Euch um so mehr zu ergrimmen, werden wir noch stärker auf sie einschlagen als bisher. Und wagt Ihr noch ein Wort zu sprechen, so wollen wir Euch mit unseren Speeren von Eurem Roß herunterstechen!«

»Ihr Herren«, rief Gawein zurück, »hebt ihr mich aus dem Sattel, wohl, so werde ich zu Fuß gehen. Allein gleichviel, ob zu Roß oder zu Fuß: die Jungfrau, die ihr mißhandelt, werde ich beschirmen und ihre Qualen mindern, und müßte ich das Leben daran setzen. Noch einmal, ihr Herren, bei eurer Ritterschaft und um Gottes willen: lasset ab, diese Damoicele noch länger so schändlich zu mißhandeln.«

»Machet, daß Ihr von dannen kommt«, riefen die Ritter und schlugen auf die Jungfrau mit ihren Geißeln ein, daß sie laut aufschrie. »So wahr uns Gott helfe, das soll Euch übel bekommen! Was soll uns Euer lehrhaft Geschwätz?«

»Lasset die Jungfrau in Frieden!« rief Gawein, der vor Wut außer sich geriet, »oder wahret euch vor meinem Speer.«

Und er ritt pfeilgeschwind mit eingelegter Lanze auf die Ritter zu.

Der Rote und der Schwarze trennten sich. Sie ließen die Jungfrau, die ihre gefesselten Hände nicht einmal mehr zum Himmel erheben konnte, allein am Wege stehen. Der Rote lief Gawein an. Der Schwarze wich dessen Speerstoß aus und suchte, ihm in den Rücken zu kommen. Doch noch bevor ihm das glückte, traf Gawein den Roten seitlings unter seinem Schilde blitzschnell durch Rüstung und Panzerhemd in die Rippen unter das Herz, so daß der Speer zerbrach und mit der Spitze in dem Körper des Gegners steckenblieb. Der stieß einen entsetzlichen Schrei aus und sank schwer von seinem Roß herunter.

Dann wandte Gawein grimmig seinen jungen Gringolet und jagte mit gezücktem Schwert auf den Schwarzen zu. Er zerschlug ihm den Speer in zwei Teile. Und als der Ritter sein Schwert zog, fühlte Gawein, wie seine Kraft ihm wuchs und schlug ihm mit einem einzigen schweren Hieb den schwarzen Schild aus dem Arm, daß er klirrend zur Erde fiel. Und der Schwarze, dessen linker Arm durch Gaweins Schlag gebrochen war, suchte nun, vor Schmerz und Wut fluchend, mit der Rechten das Schwert zu heben, als auch bereits Gaweins Gewaffen, das er hoch durch die Luft sausen ließ, ihm den Helm spaltete. Glatt durch ging der Hieb, und die schwarzen Edelsteine sprangen nach links und nach rechts heraus. Glatt durchschlug er das Haupt, und das Hirn quoll wie eine breiige Masse aus Blut und Eiter heraus, und rücklings taumelte der Schwarze von seinem Pferde herab.

Dann stieg Gawein ab und ging der Jungfrau näher, hob sie vom Pferde und löste ihr die Fesseln.

»Habt Dank, Herr Ritter!« rief sie jubelnd und zugleich weinend, »wohl habt Ihr mich an dem roten und schwarzen Ritter gerächt. Ich will Eure niedere Magd sein und bei Euch bleiben bis an das Ende meiner Tage.«

Und sie warf sich dem Gawein zu Füßen und bedeckte seine Rüstung mit Küssen.

»Wer seid Ihr, schöne Jungfrau, und warum seid Ihr in so großes Leid gekommen?« fragte Gawein, während er der Jungfrau aufhalf und kaum bemerkte, daß der rote Ritter stöhnend sich im Todeskampf wand.

»Mein Vater war ein edler Rittersmann und hatte sein Lehen auf dem Lande«, gab die Jungfrau zur Antwort. »Doch sein Gut ging ihm verloren, und nun lebt er in bitterster Armut. Er ist krank und kann weder gehen noch reiten, kann kaum auf seinen Füßen stehen. Wenige Freunde sind ihm geblieben und wenige Diener. Und wehe, edler Ritter, da kamen heute der Rote und der Schwarze zu unserer Burg, die sehr zerfallen und verwahrlost ist, und vor meines Vaters Augen griffen sie mich und frönten ihrer Lust an mir. Dann warfen sie mich auf dieses Pferd, das mein eigen ist, und entführten mich und wollten mich zu der Burg schleppen, da viel schlechte Ritter ihr Spiel mit den Damoicelen treiben, die sie geraubt haben.«

»Gawein! Gawein!« rief der rote Ritter, »komm mir zu Hilfe, steh mir und meiner Seele bei, ich sterbe!«

Gawein erschrak: ihm war, als erkenne er jetzt des roten Ritters Stimme. Er eilte dahin, wo der Sterbende lag, schlug dessen Visier auf und rief:

»Mordred! Mordred! Du bist es, mein Gefährte von der Tafelrunde?«

»Ja, ich bin es!« rief Mordred. »O Gawein, hilf meiner Seele und mir!«

Indessen schon stürzte Gawein auf den schwarzen Ritter zu, der mit gespaltenem Schädel im Staube lag, und sobald er dessen schwarzes Visier gelüftet hatte, rief er:

»Didonel! Didonel! Ich erkenne ihn auch, wenngleich ich ihm den Schädel spaltete! Didonel! Wisset, Jungfrau, auch er war mein Gefährte von Arturs Tafelrunde, gleich wie Mordred es war. Barmherziger Gott im Himmelreich! Ich erschlug zwei meiner Freunde und Vasallen meines Königs Artur aus dem Lande Logres – doch sie waren Schurken und hatten ihrer Ritterehre vergessen.«

Und Gawein brach in schmerzliches Schluchzen aus und hob die Arme gen Himmel. Die Jungfrau aber teilte seinen Gram, und weinend umschlang sie ihn, dieweil der verscheidende Mordred jammerte:

»Gawein! Gawein! Steh mir und meiner Seele bei!«

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