Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
Schließen

Navigation:

Kapitel X

Wie die beiden nun so in der Nacht langsam dahinritten, glichen sie recht jenen Urbildern auf Aventiuren ausziehender Ritter, wie sie in allen Ritterromanen durch die Nacht weiterreiten, wenn keine Burg an ihrem Weg ihnen Hausung und Lager bietet. Merlin indessen war, wenngleich nicht allwissend, so doch durch seiner Sylphiden und Gnomen Berichte hinlänglich unterrichtet und verstand es danach, Lancelot und Gwinebant durch herumschwirrende Leuchtkäferchen und Irrlichter auf dem rechten Weg zu halten, an dem sich die Burg eines oder des anderen alten Königs erhob, der nur nicht Mirakel, noch Assentijn oder Artur hieß. Lancelot und Gwinebant wurden von dem alten König Ban, der wohl an die Tafelrunde gehört hätte, im Nachtgewand, verschlafen und ein wenig brummig, empfangen, aber in ein Gemach geführt, wo Knappen ihnen Rüstung und Waffen abnahmen. Keine Sorge um die Rosse: sie standen bereits gut versorgt und wohl gestriegelt vor ihren gefüllten Krippen, dieweil die Knappen den Rittern Wams und Hosen darreichten und ihnen Wasser und Tücher boten, sich zu waschen, wie Edelleute es zu tun pflegen. Darauf führten sie die beiden in einen großen Saal, wo Platten auf Schrägen gelegt waren und das Tafeltuch gebreitet lag, und sie taten sich gütlich an Wild und tranken nach Lust vom wundervollen alten roten Wein. Und als die Knappen sie nach dem Mahl mit Fackeln wiederum in ihre Gemächer geleiteten, streckten sie sich alsbald auf den Lagern aus und hofften, bis zum Morgengrauen zu schlafen. Doch eine leise Musik ertönte. Und plötzlich schwanden die Mauern in einem weiten Bogen in der Wand, und zwei über alle Maßen schöne Jungfrauen erschienen lächelnd im Scheine vieler brennender Kerzen; mit weißen Rosenkränzen waren sie geschmückt, und Laute und Psalter trugen sie in der Hand.

»O sieh doch, Lancelot!« rief Gwinebant und richtete sich von seinem Lager auf. »Zwei schöne heilige Cäcilien nahen sich uns durch die Wände!«

Auch Lancelot hatte sich aufgesetzt, und die beiden Ritter, die selber so schön waren wie die Jungfrauen und so blond wie jene – Lancelot, der so ernst für seine dreißig Jahre, und Gwinebant, der für seine achtundzwanzig so jung war –, sahen überrascht, wie sich die beiden Spielerinnen näherten. Allein diese legten ihre Saitenspiele hin und traten aus dem Bogen, der sich hinter ihnen von selber wieder schloß.

»Willkommen, Herr Ritter«, sprach die eine, und auch aus der anderen Munde klang der gleiche Gruß.

»Willkommen, holdselige Besucherinnen«, sagten Lancelot und Gwinebant. Und Lancelot fragte:

»Warum tut ihr uns die große Ehre an, ihr Jungfrauen, mit Musik und Blumen in unserem Schlafgemach zu erscheinen?«

»Gleich der heiligen Cäcilie« – ergänzte Gwinebant und fand solchen Vergleich sehr trefflich.

»Heilige sind wir nicht«, entgegnete die eine Jungfrau und lächelte Gwinebant zu. »Wir sind Schwestern, beide Töchter unseres Vaters, des Königs Ban, und ich bin Ydeleine.«

»Und Belleflore ich«, sprach die andere, »und komme, euch zu fragen, ihr Ritter, ob ihr geneigt seid, euch mit uns in dieser Nacht an süßem Spiel zu freuen. Wir bitten euch darum in allen minnigen Züchten.«

»Und wir beide danken euch in aller Höflichkeit, Belleflore und Ydeleine«, sagte Lancelot, bevor Gwinebant auch nur ein Wort hatte äußern können. »Doch wisset wohl, daß wir diejenigen sind, die morgen unseren Gefährten Gawein aus dem Tal der Ungetreuen Ritter befreien müssen, und daß wir dies nur dann vermögen, wenn wir selber unseren Herzensdamen treu bleiben. Wollet uns darob nicht zürnen!«

»Wollet uns nicht gram sein«, endete Gwinebant die Entschuldigung mit leisem Bedauern, wiewohl er Ysabel niemals vergaß.

»Gawein!« riefen die beiden Jungfrauen aus. »Aber gehört der nicht auch zur Tafelrunde?«

»Sicher und gewiß, bei Sankt Michael«, sprach Gwinebant.

»Bei der heiligen Maria, der hehren Himmelskönigin«, fügte Lancelot ernst und würdevoll hinzu.

»Wir kennen ihn«, bekannte Ydeleine schalkhaft.

»Wir kennen ihn beide«, versicherte Belleflore noch schalkhafter.

»War er gestern hier?« rief Lancelot fast heftig in seinem Drang, mehr zu erkunden.

»Oder wohl gar heute?« klang Gwinebants Stimme ihm nach.

»Nicht gestern ...«

»Und nicht heute«, gaben die Schwestern Bescheid.

»Doch vor einem Jahre«, sagte Ydeleine.

»Ja, vor einem Jahre«, sagte Belleflore. »Er kam und war des Irrens so müde und ruhte sich aus und speiste mit uns, und wir trieben unseren Scherz.«

»Wir vergnügten uns mitsammen, und er war so ritterlich.«

»Wir bedauern es sehr«, sagte Lancelot, »daß wir nicht so ritterlich sein dürfen wie unser Gefährte, ihr schönsten Jungfrauen, aber er ist der ritterlichste von uns allen.«

»Wir wollen nicht in euch dringen«, sagte Ydeleine lächelnd.

»Wir wollen euch keine Beschwer antun«, meinte Belleflore lächelnd.

»Unser Vater sagte zu uns: Gehet zu jenen Rittern, ihnen nach alter Sitte höchstes Gastrecht zu gewähren.«

»Und wir gingen mit unseren Blumen und unserem Saitenspiel, so wie es der Vater uns befohlen hatte, ehe er sich zur Ruhe legte.«

»Aber die Musik mögen wir gern hören, ihr Jungfrauen«, rief Gwinebant aus. »Nicht wahr, Lancelot?«

»So ruhet euch denn aus auf euren Lagern«, luden die beiden Jungfrauen sie ein.

Die Ritter legten sich nieder. Das Gemach war dunkel, nur matter Mondenschein spielte über die Bogenscheiben, und Belleflore zupfte an ihrer Laute, und Ydeleine fuhr schmelzend mit dem Bogen über die fünf klingenden Saiten ihres Psalters. Und sie sangen beide mit sanften Stimmen abwechselnd und gemeinsam:

»Lancelot!
Träume von deinem süßen Los!
Träume von deiner Königin!
Gwinebant!
Lieber Knabe, schöner Held,
Träume von deiner süßen Minne!«

»Ysabel«, murmelte Gwinebant mit geschlossenen Augen schon halb im Schlafe.

Und geräuschlos öffneten sich wieder die runden Bogenpforten, und die beiden Jungfrauen zogen sich unter Rosengewinden, von Kerzenschein umstrahlt, langsam zurück – die Mauer schloß sich ...

Und die beiden getreuen Ritter schliefen und träumten, während bläulicher Mondenschimmer über die bunten Scheiben spielte.

+++

Am nächsten Morgen baten sie König Ban und die beiden Prinzessinnen um Urlaub und ritten weiter und waren jetzt ihres Weges sehr sicher, denn Belleflore und Ydeleine, die wohl von Morgueine wußten, hatten ihnen gesagt, welchen Weg sie zum Tal der Ungetreuen Ritter einschlagen müßten. Und ohne weiteres Abenteuer verflogen ein paar Morgenstunden, und es war ein recht vergnügliches Reiten.

»Wohl anders als in alten Zeiten, Lancelot«, sagte Gwinebant, »als es noch auf Schritt und Tritt Abenteuer zu bestehen gab.«

»Auf Drachen stoßen wir sicher nicht mehr. Doch so wie ich einmal mit Gawein dich, Lancelot, aus dem Tal des tollen Tanzes erlöst habe, werde ich heute in Gemeinschaft mit dir Gawein aus dem Tal der Ungetreuen Ritter erlösen. Und ist nicht das Schachbrett selber ein abenteuerlich Ding, wenngleich wir wissen, daß es durch eines Zauberers Macht geschickt ward?«

»Er glaubte daran«, sagte Lancelot, »er glaubte daran, wie auch König Artur daran glaubte!«

Wie schön war Gwinebant und wie jung, als er sich so in den Bügeln hob und gelobte, daß er die Suche glorreich vollenden wolle!

»Gwinebant, mit dir ist Gawein der Jüngste und Schönste unter uns allen, einzig deshalb, weil er glaubte!«

»Doch du, Lancelot, bist der Treueste.«

»Gawein ist der Ritterlichste.«

»Wer am meisten höfische Sitte übt, kann schwerlich der Treueste sein, Lancelot, weil er zu oft in Minnenot kommen muß! Und sage mir, wer ist der Ritterlichste?«

»Gawein.«

»Aber er ist nicht der Frömmste ... Er beichtet oftmals in Jahren nicht, und nun läßt er sich von Morgueine verlocken. Und er vergißt das schwebende Schachbrett ... Sage mir, Lancelot, viellieber Gefährte, bin ich ritterlich?«

»Gewiß, Gwinebant, du bist es.«

»Ich bin der Schwächste, denn ich bin der Kränkste. Um der Frau Venus willen trage ich Leid. Ich denke in einem fort an meine Ysabel. Mir träumt in einem fort von meiner Ysabel, und sie ist so fern ...«

»Du aber bist nicht schwach, Gwinebant, wenn du sie in so starken Treuen liebst. Du bist nicht krank, Gwinebant, wenn du dich in gesegneter Gesundheit an der Minne erfreust. Du blühst unter uns allen wie eine Rose, Gwinebant, und deine Stimme klingt wie die einer Nachtigall.«

So tröstete Lancelot Gwinebant, und Gwinebant fühlte sich auch eigentlich gar nicht schwach und krank. Er fühlte sich, im Gegenteil, gesund und stark, nur sehr in den Banden der Minne – und in jeder Nacht träumte ihm von Ysabel ... wie auch er in jeder Nacht durch ihre Träume ging ...

+++

»Sieh nur, Lancelot, sieh nur«, rief Gwinebant.

Sie waren aus einem dichten Walde in ein breites Tal gelangt, zu dem verschiedene glatte Wege hinabführten; die waren gar geeignet für Zauberwagen, die, von wunderbaren und geheimnisvollen Maschinen bewegt, am schnellsten über glatte Wege dahinfliegen. Inmitten des Tales war das reine Paradies; hohe rote Rosenhecken umschlossen es, und eine Duftwolke schwebte den Rittern entgegen. Und als sie beide an der Säulenpforte stille standen, zog Lancelot sein Schwert, und Gwinebant zog das seine. Allein er sprach:

»Schlage du auf die Pforte, Lancelot, denn meine Treue ist nicht erprobt.«

Des Lancelot Treue aber war erprobt seit mehr denn zehn langen Jahren, und er beschrieb nun mit seinem Schwerte ein Kreuz über der Pforte. Die goldgeschmiedeten Flügel sprangen auf, als hätten sie Wunderfedern, und die Ritter ritten hinein.

»Gawein! Gawein!« riefen sie laut. »Wir kommen, dich zu erlösen!«

In den Lauben und in den Lusthäuslein zwischen Pfeffer-, Anis- und Ingwerbäumen war ein großes Lärmen. Gefleckte Leoparden und weiße Hirsche strichen gezähmt zwischen den Mandeln, Granatäpfeln und Muskatnüssen umher, und ein hoher Ritter schaffte sich Bahn durch einen Schwarm tanzender Feen. Unter ihnen leuchtete Morgueine. Sie lachte laut. Ihren Arm hatte sie um den Nacken Gaweins geschlungen, der, wie eben aus einem Traum erwacht, auf rosenbedecktem Lager aus Elfenbein neben ihr ruhte.

»Zwei getreue Ritter sind gekommen«, rief Morgueine laut auflachend. »Doch fürchtet nichts, meine lieben Ritter. Nach dem tollen Tanz und den Abenteuern im Tale der Ungetreuen wird Morgueine euch morgen schon neue Lust ersinnen.«

Plötzlich donnerte es gewaltig. Und in einer schwarzen Wolke verschwand das ganze Tal. Es rief und schrie durcheinander: ritterliche Männerstimmen. Es kreischte durcheinander wie erschreckte Vögel: entfliehende Feen.

»Gawein!« riefen Lancelot und Gwinebant.

Sie hatten ihn ergriffen, und er ließ sich mitziehen. Doch in der tiefen Dunkelheit war nichts zu unterscheiden, und die anderen hundertneunundvierzig ungetreuen Ritter flüchteten und liefen gegeneinander, suchten erschreckt einen Ausweg und riefen:

»Bei Sankt Michael! Bei Sankt Johann! Beim allmächtigen Gott im Himmelreiche! Stehe uns der heiligen Jungfrau gebenedeiter Sohn bei!«

Da leuchtete von neuem der Tag. Allein das Zaubertal war zur dürren Heide geworden, und über eine kahle Ebene in dunklen Nebelschwaden, die langsam emporzogen, irrten die hundertneunundvierzig ungetreuen Ritter verstört durcheinander. Über den Weg kam der Zauberwagen gesaust; er barg Morgueine, und lange noch und laut scholl ihr Lachen, während sie zu ihrem Schloß am Meere enteilte.

Jetzt umdrängten all die Ritter Lancelot und Gwinebant, die Gawein in ihrer Mitte hatten und ihre Rosse am Zaume führten.

»Wart ihr beide getreu?«

»Wahrlich getreu?«

»Allzeit getreu?«

Schier verwunderten sich die hundertneunundvierzig Ritter.

»Sie hat ihr süßes Spiel mit uns getrieben«, sagte Gawein wieder. »Wir alle waren ja untreu, und seht, wir sind alle unbewaffnet. Sie aber war die Herrin und Königin von Freude und Scherz!«

»Gawein«, sagte Lancelot und gab seinem Gefährten einen Schlag auf die rechte Schulter.

»Gawein!« rief auch Gwinebant und gab seinem Gefährten einen Schlag auf die linke Schulter.

Gawein blickte sich nach ihnen beiden um und erwachte aus seiner Bezauberung.

»Gawein«, fragte Lancelot, »denkst du noch des schwebenden Schachbrettes?«

»Gawein«, fragte Gwinebant, »denkst du noch daran?«

»Ich sollte es suchen«, sagte Gawein und strich mit der Hand über die Stirn. »Allein Gringolette, mein gutes Roß, starb, und ich ließ meine Waffen auf ihrem Grabe ...«

»Morgueine hat uns entwaffnet«, riefen die Ritter. »Wo sind unsere Waffen? Wer gibt uns unsere Waffen?«

»Lasset uns alle beieinander bleiben«, riefen andere. »Unbewaffnet werden wir vereint stärker sein als getrennt.«

»Was vermögen unbewaffnete Ritter in den Ländern unserer Könige?« riefen wieder andere. »Unbewaffnet sind wir nicht imstande, auch nur einen einzigen Drachen zu töten!«

»Oder eine Damoicele aus den Armen eines schurkischen Ritters zu befreien – Drachen sind ja schon längst alle tot!«

»Es gibt auch keine schurkischen Ritter mehr.«

»Und niemals mehr reiten bedrängte Jungfrauen auf weißen Zeltern in den Wäldern umher.«

Sie alle lachten in den umwölkten Tag hinein. Sie lachten laut und mit heiserem Klang.

»Das Wunder!« rief Gawein nun völlig erwacht. »Das Abenteuer, das endlich winkt! Oh, ich glaube daran. Lasset uns gehen, meine trauten Gefährten, Lancelot und du, mein lieber Knabe Gwinebant. Jetzt werde ich das schwebende Schachbrett holen.«

Und beide Hände hochhebend, als sähe er es vor sich einherschweben, als wolle er es greifen, stürzte er vorwärts, während die beiden getreuen Ritter ihm zu Pferde folgten und die anderen dichtgedrängt hinter ihnen herstürmten.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.