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Das schwebende Schachbrett

Louis Couperus: Das schwebende Schachbrett - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/couperus/schachbr/schachbr.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleDas schwebende Schachbrett
publisherSuhrkamp
seriesPhantastische Bibliothek
volumeBand 201
printrunErste Auflage
editorFranz Rottensteiner
year1987
firstpub1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081002
projectidc62559bd
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Vorwort

In den meisten Fällen stimmt das Wort, das dem eigentlichen Werke vorangeht, den Leser mißmutig, der im allgemeinen jeder Vorrede abhold zu sein pflegt. Ich als Schriftsteller schwärme auch nicht dafür, aber in diesem besonderen Falle bin ich der Ansicht, daß meinem »Schwebenden Schachbrette« ein paar einleitende Bemerkungen von einigem Nutzen sein dürften und hoffe darum, daß der Leser sie nicht so unbeachtet lassen wird, wie ich selber – zu meiner Schande muß ich es gestehen – so manches Vorwort unbeachtet ließ. Denn um für den Abenteuerroman vom »Schwebenden Schachbrett« die rechte Stimmung zu finden, ist es zwar durchaus nicht erforderlich, daß der Leser alle mittelalterlichen Geschichten von Artur und seiner Tafelrunde kennt. Wohl aber hält es der Autor für seine Pflicht, ihn wenigstens im großen Umriß über die Atmosphäre aufzuklären, die dieses »Schwebende Schachbrett« umgibt.

Wir wollen uns daher einen Augenblick daran erinnern, daß nach den großartigen, aber oftmals etwas derben mittelalterlichen Versen, die nach dem Tode Karls des Großen die Taten der tapferen Pairs des gewaltigen Kaisers besangen und für welche die Chanson de Roland ein prächtiges Beispiel ist, ein neues Ideal entsteht: für die Ritterschaft und für die Literatur, die sie besingt. Die Kreuzfahrer haben Jerusalem erobert, sie haben den Orient kennengelernt, sie sind mit ungeheuren Schätzen sowohl von materiellem Wert, wie auch von orientalischer Poesie in ihre Heimat zurückgekehrt, und völlig neue Ideen und Ideale schweben nun vor ihrer verfeinerten Seele. Ihr ritterlicher Geist ist nicht mehr einzig beseelt von dem Drange, mächtig und tapfer zu sein und allüberall zu herrschen. Man möchte sagen: während in den Karl-Romanen einem französisch-germanischen Ideal der Macht und der Kraft naiv gehuldigt wurde, schwebt in den Artur-Romanen als Folge der neuen Kultur den Rittern sowohl wie ihren Sängern ein durchaus lateinisches Ideal der »hoeveschheit« vor. Es ist sehr kompliziert, und mancherlei ist darin miteinander vermischt. Zuvörderst gilt noch die alte blinde Treue, die den Vasallen an seinen Lehnsherrn, den Ritter an seinen König bindet; später zeigt sie sich in der Form ehrfurchtsvoller Huldigung, die dieser selbe Ritter den Frauen darbringt. In den Karls-Sagen und Karls-Romanen war für die Frau und ihre zarte Weiblichkeit nur wenig Raum: allenfalls bekam sie von einem wütenden, ingrimmigen ritterlichen Gemahl einmal einen Faustschlag ins Gesicht, oder sie wurde, wenn es angebracht erschien, an den Haaren über den Boden geschleift. Das alles hat sich bald völlig verändert. Wenn es später noch ab und zu vorkommt, daß sich ein Ritter an einer Frau vergreift, so gilt er dafür als Bösewicht und Schurke, und jeder rechte höfische Mann wird sofort für die gekränkte Frau eintreten und gern sein Herzblut vergießen, um sie zu erlösen oder zu rächen. Und die schönste, höchst verehrte aller Frauen ist die heilige Jungfrau: ihr gilt des Ritters innigste Huldigung, und für sie wählt der Dichter, der sie besingt, seine ehrfurchtvollsten, zugleich aber auch galantesten Worte und kunstvollsten Gleichnisse.

Ein neues Element in den Artur-Romanen bilden Magie und Zauberei. Keltische und wallisische Sagen, aus denen sie sich aufbauen, umweben ja eine historische Figur, den letzten Britenkönig Artur, und sind voll von Erinnerungen an wunderreiche Haine, Druiden-Mysterien, an frühere Jahrhunderte, darin ein seltsam finsteres, halb heidnisches, halb christliches Element sich in einer Natur offenbarte, die mit schweren Wolken, ewigen Winden und geheimnisvollen Wäldern und Wildnissen die Bewohner von Wallis, Britannien und Nordfrankreich umgab. Die Zeiten haben sich nun geändert. Der Ritter, der aus dem Heiligen Lande wiederkehrt, genießt in seinem Schlosse mit verfeinerten Sinnen einen feineren Luxus, nachdem er sich draußen in der Welt eine umfassendere Anschauung von Menschen und Dingen erworben hat. Er wünscht etwas über »sa propre vie en beau« zu erfahren, wie Taine sich ausdrückt, und der Dichter erfindet für ihn den neuen Ritterroman. Der Spielmann trägt ihn im Burgsaale vor, und an besonders charakteristischen Stellen begleitet seiner Fiedel Klang die epische Erzählung. Wie bezaubert lauschen die Edelfrauen diesem neuen Lied, darin sie so gewonnen haben und das in ihr nicht immer vergnügliches Burgleben einen neuen Reiz bringt. Der Ritter erkennt in der »chanson de geste«, wie der Roman heißt, seine eigenen, allerdings stark ausgeschmückten Erlebnisse wieder. Er kämpft mit Drachen, und wohl hundert Feinde erschlägt er allein in einer einzigen Stunde. Er zieht hinaus und nimmt den Kampf mit Riesen und noch fürchterlicheren Riesinnen auf. Und ganz besonders behagt es, von seltsam heiligen Zauberdingen voll geheimnisvoller Magie zu hören: von dem Heiligen Gral, zu dem die Ritter der Tafelrunde pilgern, von dem Speer des Longinus, der Gottes Sohn am Kreuz ins Herz traf und seither blutend durch die Lüfte schwebt.

Es ist merkwürdig, wie in diesen gereimten Ritterromanen die Magie einer gewissen verfeinerten Mechanik verwandt ist, mit der geschickte Magister okkulter Wissenschaften in dem nach der entnervenden Überkultur der Antike von neuem naiv gewordenen frühesten Mittelalter auf einfache wie auch auf ritterliche Geister Eindruck zu machen verstanden. So hat man die Zauberphantasien, die von einem Jungbrunnen wissen wollen, die Wunderbäume aus Gold, auf denen goldene Vögelchen singen und unzählige andere Erscheinungen oft nur als mehr oder weniger effektvolle komplizierte mechanische Schöpfungen aufzufassen, um die des Sängers Wort dichterischen Schleier webt, ohne dem Leser zu verraten, daß der goldene Wunderbaum mit den goldenen Vögelchen hohl ist und über einem Gewölbe steht, in dem sechzehn Männer mit acht Blasebälgen künstlichen Wind erzeugen, um die Vögel zum Singen zu bringen ...

In diese seltsame, unwirkliche, ritterliche, naiv-zauberhafte Atmosphäre – und in die Zeit etwa des elften Jahrhunderts, kurz vor der Gotik – wünscht der Dichter sich aus der Wirklichkeit seines eigenen Jahrhunderts zu flüchten, und er fordert den Leser auf, ihn zu begleiten.

Und so mögen nun die Wolken weichen, die die ritterliche Tafelrunde noch den Blicken der Gegenwart verbergen, und das Schachbrett möge daherschweben, das der wackere Held Gawein suchen und finden und seinem Herrn und König bringen soll!

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