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Das schwarze Weib

Julius Wolff: Das schwarze Weib - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VI
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas schwarze Weib
pages3-320
created20021017
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Julius Wolff

Das schwarze Weib

Roman aus dem Bauernkriege


Erstes Kapitel.

Wenn man der ungeheuren Bewegung gedenkt, die in den zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts ganz Deutschland ergriff und in der Geschichte unseres Volkes nicht ihresgleichen hat, so reizt ihre gewaltige Erscheinung zu dem Wunsche, sich ihre Ursachen und dauernden Triebkräfte in Kürze klarzumachen.

Der Bauernkrieg war das blutige Ende jener großen Revolution. Was aber war ihr Anfang?

Luthers über alle Maßen kühnes Auftreten und seine völlige Lossagung von Rom war es nicht. Wohl aber gab seine Lehre und sein Walten und Wirken mit Wort und Tat dem in allen Schichten des Volkes bereits gärenden und sich kundgebenden Drängen nach einer anderen Gestaltung der politischen und sozialen Zustände einen neuen, mächtigen Anstoß und fügte dem bisher überwiegenden nationalen Gedanken das die Gemüter noch viel tiefer erregende religiöse Element hinzu.

Nacheinander erprobten erst die Fürsten, dann die Ritter und endlich die Bauern ihre Kraft, an dem zur Zeit Bestehenden zu rütteln und ihre staatsrechtliche Stellung oder ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die anderen beiden Stände, die Geistlichen und die Bürger, wurden nur widerwillig in Mitleidenschaft gezogen. Die wenigsten von ihnen beteiligten sich an dem kriegerischen Werke aus eigenem Antrieb, die bei weitem meisten wurden erst durch die Ereignisse dazu gezwungen. Freilich hatten beide, die Kleriker und die Städter, am wenigsten Ursache, eine Änderung ihrer Lebensverhältnisse zu wünschen. Doch fand der von Luther ausgestreute Same des Evangeliums gerade bei der deutschen Bürgerschaft den empfänglichsten Boden.

Die Fürsten strebten längst nach einer neuen Reichsverfassung, welche die Machtbefugnisse des Kaisers einschränken, die der Fürsten aber beträchtlich erweitern sollte.

Nur zu einem geringen Teile erreichten sie dies mit der Karl dem Fünften aufgedrungenen Wahlkapitulation. Man hatte von dem jungen Herrscher, der eine Macht und einen Reichtum mit auf den Thron brachte wie kein Kaiser vor ihm, viel erwartet. Er aber mit seinem kühlen Herzen und seinem nüchtern rechnenden Verstande war und blieb ein Fremdling im deutschen Volke, und so wenig er dessen Sprache verstand, so wenig oder noch weniger begriff er den nationalen Gedanken und vollends die religiöse Bewegung, die er beide hätte lenken und leiten können, wenn er der Mann dazu gewesen wäre.

Die Ritter erstrebten andere Ziele. Sie gönnten dem Kaiser alle Machtvollkommenheit, wollten aber von den Reichsfürsten unabhängiger sein als sie waren. Sie begehrten nach der vollen Adelsfreiheit alter, längst verklungener Zeiten und wollten sich der weltlichen und geistlichen Territorialherrschaft entledigen.

An ihrer Spitze stand Franz von Sickingen, der mächtige Baron mit dem lebendigen, offenen Sinn für großartige Ideen, und ihm zur Seite mit Schwert und Feder sein kühner Freund Ulrich von Hutten, der poeta laureatus. Aber ihre Macht war zur Erreichung ihrer Zwecke nicht groß genug. Mit manchen anderen fielen auch sämtliche siebenundzwanzig Burgen Sickingens in die Hände der Fürsten. Er selber sank nach heißen Kämpfen und tapferm Widerstande auf seiner Burg Landstuhl, zu Tode getroffen, dahin; Hutten starb im Elend, und so wurde auch der Versuch der Ritterschaft, eine neue Ordnung der Verhältnisse im deutschen Reiche herbeizuführen, zu Boden geschlagen.

Wie die Fürsten gegen den Kaiser und die Ritter gegen die Fürsten, so erhoben sich nun die Bauern gegen ihre Unterdrücker, die Ritter, um ein schier unerträgliches Joch von sich abzuschütteln und sich wieder des Daseins zu freuen, das ihnen jetzt durch grausame Knechtung, harte Fronen und unerschwingliche Abgaben verbittert und verkümmert wurde.

Wie sah die Zeit aus, der Hutten zurief: »O Jahrhundert! es ist eine Lust zu leben!«?

Die Künste entfalteten in Italien und Germanien eine bis dahin unerreichte Meisterschaft und prangten in herrlichster Vollendung. Die ihnen verwandten Handwerke folgten ihnen nach und bereiteten den alten Schönheitsformen des klassischen Hellenentums und der glorreichsten Römerzeit eine Herz und Sinn befreiende und erquickende Wiedergeburt. Die Wissenschaft schlug mit dem Humanismus trotz im Finsteren nebenher schleichendem Teufel-, Hexen- und anderem Aberglauben neue Bahnen ein, und auf allen Gebieten menschlichen Forschens und Erkennens erwachten und regten sich die Geister. Ja, es war eine Lust zu leben für den freien Mann, der nicht mit Not und Drangsal zu kämpfen hatte.

Hochauf blühte der Handel. Und das ward das Unglück der Bauern. Aus der kürzlich entdeckten neuen Welt strömten unermeßliche Schätze auch in die deutschen Lande. Mit dem schnell wachsenden Reichtum aber stieg auch der Luxus in der Lebensführung der vornehmen Stadtgeschlechter, sich in immer weitere Kreise ausdehnend, zu einer ganz erstaunlichen Höhe. Die Fugger, die Welser und andere große Handelsherren gewöhnten sich an eine mehr als fürstliche Pracht und brachten damit das Geld auch unter die Leute, ihre Mitbürger, die ihnen mit ihrer Arbeit und Kunstfertigkeit zu dieser Pracht verhelfen mußten.

Kamen nun die Ritter aus ihren engen, bescheiden eingerichteten Burgen in die reich geschmückten Häuser und zu den üppigen Gastmählern der Patrizier oder zu den städtischen Festlichkeiten im Rathause, so verdroß sie der dort sich breit machende Glanz und Prunk, den sie den Pfeffersäcken nicht gönnten, und die Ritterfrauen blickten mit Neid auf die kostbaren Gewänder und blitzenden Geschmeide der stolzen Kaufmannsfrauen.

Begreiflicherweise trachteten die Ritter danach, es den Bürgern mindestens gleichzutun, und weil ihnen die Mittel dazu fehlten, suchten sie sich diese auf jede Weise zu verschaffen. Da ihnen aber der ewige Landfriede des Kaisers Maximilian das Plündern der Städte und der Städter verbot, setzten sie den Bauern den Fuß auf den Nacken, preßten sie unbarmherzig aus und trieben sie dadurch in Jammer und Elend.

Die Bücher der Geschichte, die Chroniken, Prozeßakten, Urgichten haben haarsträubende Dinge zutage gefördert, in welcher schaudererregenden Weise die Bauern von ihren Herren gedemütigt und getreten wurden, wie ihnen gegen alles Herkommen widerrechtlich und planmäßig unter dem ungeheuren, sich fort und fort steigernden Drucke von Abgaben jeglicher Art, Zehnten, Fronen und Lasten Mark und Blut ausgesogen wurden. Recht fand der Arme nirgend im deutschen Reiche; das alte, volkstümliche war längst verloren gegangen, und auf die Schlangenwindungen des römischen verstand sich der Bauer nicht; darum haßte er die Rechtsverdreher, die doctores juris von ganzem Herzen.

Da, in der höchsten Not und Angst der Verzweiflung erhob sich der gemeine Mann endlich und griff zur ersten besten Waffe, die ihm zur Hand war, um sich seiner Bedrücker zu erwehren und sich vor dem Verhungern zu bewahren.

Und nun kam Martin Luther, vollbrachte die größte Tat seines Lebens mit seiner deutschen Bibelübersetzung und gab damit, nach der Meinung der in ihren Rechten Verkürzten, dem allgemeinen Aufstande Brief und Siegel von oben. Im Christentum liegt ein sozialistischer Zug, denn es lehrt: alle Menschen sind vor Gott gleich. Der Arme, der Mühselige und Beladene legte und legt sich heute noch dieses Wort aus als einen ihm durch göttliche Offenbarung verbürgten Anspruch auf Gleichberechtigung zu allen Ehren und Genüssen des Lebens, während der, aus dessen Munde kommend uns dieses bedeutsame Wort überliefert ist, es doch nur auf das geistige und sittliche Gebiet angewandt wissen wollte, denn er fügte an anderen Orten hinzu: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, und jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott. Und vom Christentum haben sich die Bauern niemals abgewandt. Sie haben sich auf ihren Streifzügen, bei ihren wüsten Plünderungen und Mordbrennereien zu den größten Ziellosigkeiten hinreißen lassen, aber niemals zur Gottlosigkeit. Am Glauben und am christlichen Bekenntnis hielten sie fest und nannten ihre weitverzweigte Verschwörung den »evangelischen Bund« und ihre Streitkräfte das »evangelische Heer«.

Luther aber, ein Feind aller Ausschreitungen und Auflehnungen, rechtfertigte die auf ihn gesetzten Hoffnungen der mit ihrem Lose Unzufriedenen, daß er ihr Anwalt und Führer in dem Kampfe werde, nicht. Er sagte den Bauern ebenso streng und derb seine Meinung, wie er sie unerschrocken den Fürsten und dem Adel deutscher Nation gesagt hatte, und wies sie mit ihren Forderungen ab. Was wäre wohl geschehen, wenn er sich mit der vollen Wucht seiner ganzen Persönlichkeit an die Spitze der mächtig aufflammenden Bewegung gestellt hätte?

Seit langen Jahren schon war sie im stillen vorbereitet, wurden ihr heimlich Anhänger geworben. Verkleidete Sendlinge, nur den schon Eingeweihten kenntlich, durchzogen das Land, verteilten Flugschriften, wühlten und hetzten zum Aufstande. Und endlich im Frühjahr 1525 brach der Sturm los.

In allen Gauen Süddeutschlands rotteten sich die Bauern zusammen, setzten sich Führer, ließen ihr Fähnlein fliegen, stürmten Schlösser und plünderten Klöster. Aus den vielen Tausenden aber, die siegvertrauend in den Kampf um die Freiheit hinein und geschlagen, gefallen, gerichtet in ihm zugrunde gingen, ragt manch ein schlichter Held hervor, dem die Geschichte den ehrenden Nachruf versagt, dem keine Hand den verdienten Lorbeer auf das zerschmetterte Haupt gedrückt hat.

Solch einem Helden, einer Heldin – denn es ist ein weibliches Wesen – sind diese Blätter gewidmet, die nicht den Gang und die Ereignisse des ganzen Krieges, sondern nur das Leben und die Schicksale der wenig bekannten Freiheitskämpferin zur Darstellung bringen sollen.

In der Dämmerung eines dunstigen, naßkalten Frühjahrsabends geschah es, daß sich an schicklich ausgewähltem Orte zahlreiche Scharen von Bauern zu einer allgemeinen, aus weitem Umkreis einberufenen Versammlung einfanden. Von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte war es durch Landfahrer und Aufbieter heimlich bestellt, geraunt und geflüstert oder durch Zierholdgeschrei verkündet worden: am Sonntag Lätare stellt euch ein im Schüpfergrund mit Wehr und Waffen! es soll losgehen, und keiner fehle, der gut bäuerisch ist! Da waren sie gekommen zu Tausenden, aus den Dörfern des Odenwaldes, des Neckartales und des Taubertales und lagerten oder standen umher auf den breiten Wiesen des Schüpfergrundes am östlichen Rande des Odenwaldes, wo Pfalzgräfliches, Kurmainzisches, Württembergisches, Deutschherrisches und andere, kleinere Herrschaftsgebiete zusammenstießen, und warteten der Losung, die ihnen die Aufrührer und Führer hier geben wollten.

In Landsmannschaften und einzelnen Dorfschaften hielten sie sich zusammen, die Nachbarn begrüßend mit stummem Nicken oder derbem Handschlag wie mit ungesprochenem Schwur, der eine Verwünschungen, der andere einen Seufzer tiefster Beschwernis auf den blutlosen Lippen.

Ihre Kleidung war so bunt gemischt wie die Gestalten selber aus allen Altersstufen vom bartlosen jungen Burschen bis zum fast gebrechlichen Greise. Dünne, zerfetzte Bauernkittel trugen sie, geflickte Lodenwämser mit verschossenen Zattelkragen, manche wohl ein speckglänzendes Lederkoller, einzelne sogar einen beuligen Küraß. Nicht alle waren mit plumpen Nagelschuhen versehen, die mit Riemen um Knöchel und Bein gebunden waren und daher Bundschuhe hießen, viele waren barfuß gekommen, weil sie kein Schuhzeug mehr hatten. Zwischen all den lappigen grauen Filzhüten und verwitterten Gogeln blinkte hier und da eine eiserne Sturmhaube. Die Waffen waren meistens kurze Spieße, verrostete Schwerter und lange Messer, auch alte Morgensterne, Heugabeln und Dreschflegel, doch fehlte es auch nicht an Schießgewehren, mit denen ihre Besitzer wohl umzugehen verstanden.

Ihre Gesichtszüge waren teils wettergebräunt, teils bleich und abgezehrt von Hunger und Elend. Die einen zeigten eine finstere Entschlossenheit, die anderen eine verzweifelte Ratlosigkeit oder ein dumpfes, stumpfes Vorsichhinstarren, gleichgültig gegen Leben und Sterben. Manche trugen ein Brandmal auf der Stirn, auf Befehl eines Ritters ihnen aufgedrückt, weil sie sich eines Frondienstes geweigert hatten. Etliche waren verstümmelt. Diesem fehlte ein Ohr, jenem eine Hand, auf Befehl eines Ritters ihm abgehauen, weil er ein Wild getötet hatte, das ihm sein Stückchen Ackerland verwüstete. Andere hatten nur noch ein Auge, denn das zweite war ihnen wegen irgendeines Vergehens gegen die Gebote ihrer Herrschaft ausgestochen worden. Und das alles war ohne Richterspruch und Urteil geschehen, nur aus eigener, willkürlicher Gewalt ihrer Zwingherren, die mit so grausamen Strafen von jedem Ungehorsam abschrecken wollten.

Aus den nächsten Ortschaften waren auch Frauen mitgekommen, von Neugier getrieben, was die Männer hier beschließen würden. Einige von ihnen trugen ein blasses Kind auf dem Arm, in Lumpen gehüllt, manches weinend oder hüstelnd, andere fröstelnd und stumm mit großen, tiefliegenden Augen verwundert um sich schauend.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen; von den Wiesen stiegen Nebel auf, an den Ästen der Bäume am Waldessaum, an denen schon die Blattknospen schwollen, hingen Tropfen, und an den Stämmen sickerte Feuchtigkeit nieder.

Hie und da hatte man ein Feuer angezündet, dessen Glut sich bald mit gedämpftem, bald wieder hoch aufsteigendem Schein im Nebel spiegelte. Um diese Feuer standen die Bauern dicht gedrängt zu Haufen herum, erzählten sich ihre Erlebnisse und sprachen von ihrer Not. Einer klagte, daß man ihnen nimmer Rast und Ruhe gönnte. Am Feiertage mitten in der Ernte müßten sie für ihre Gräfin Schneckenhäuslein suchen, Garn darauf zu wickeln, und Erdbeeren und Schlehen sammeln. Bei gutem Wetter müßten sie für ihre Herren scharwerken mit Spann- und Frondiensten, nur die Tage des Unwetters ließe man ihnen, und das Gejaid und die Hunde liefen ihnen durch die Saaten ohne einige Achtung des angerichteten Schadens. Ein anderer vermeldete, daß Graf Helfenstein auf Weinsberg ein Bäuerlein hätte greifen und ihm den Kopf abschlagen lassen, weil der Arme sich in einem Bache ein paar Krebse gefangen hatte. Schreie des Unwillens und der Entrüstung wurden laut über die Grausamkeit des verhaßten Grafen, von dem nun noch andere, fast ebenso entsetzliche Geschichten im Kreise hier erzählt wurden. »Wißt ihr denn,« sprach darauf ein Bauer, »was geschehen ist, als die Ritter das Dorf Thayingen verbrannten und alles, was ihnen begegnete, niederstachen? Dreißig Bauern verschanzten sich in der Kirche, aber die Ritter legten Feuer an, daß die dadrinnen erstickten. Ein Bauer, sein Kind auf dem Arm, flüchtete sich auf den Turm, und als die Flammen auch da hinaufschlugen, warf er sich vom Kranze hinab mit seinem Kinde. Die Ritter streckten ihm ihre Speere entgegen und spießten den Bauer im Sturze; das Kind aber kam ohne Schaden davon.«

So ging das von Mund zu Mund. Der eine wußte immer noch Schlimmeres zu berichten als der andere, und wie die Nebel von den Wiesen, so stiegen Grimm und Erbitterung in den Gemütern derer empor, die sich hier die Zeit des Wartens in so grauenhafter Weise vertrieben.

Nahe dem Walde erhob sich ein Hügel; da brannte das größte Feuer, und daneben war eine Stange in den Boden gepflanzt, auf deren Spitze ein Bundschuh steckte, das Wahrzeichen des evangelischen Bundes. Das war die Stelle, von der die Redner zu dem versammelten Volke sprechen sollten.

Aber nicht nur Wort und Weisung der Führer und Hauptleute verlangte man zu hören, man erwartete auch einen Prädikanten und seine Feldpredigt hier unter Gottes freiem Himmel. Viele von den Anwesenden waren der Meinung, Thomas Münzer, der große Apostel und Verteidiger der unterdrückten Menschenrechte, der Mann mit der Feuerzunge, das Schwert Gideons, wie er sich nannte, würde selber kommen, um ihnen das Evangelium der Freiheit und Gleichheit zu verkünden und ihnen, wie er es anderswo getan hatte, mit flammender Begeisterung zurufen: »Lasset euer Schwert nicht kalt werden vom Blut, schmiedet Pinkepank auf dem Amboß Nimrod, werft den Turm zu Boden, weil ihr Tag habt!« Aber der Prophet ließ lange auf sich warten, die Bauern fingen an ungeduldig zu werden, weil ihnen noch immer niemand sagte, was geschehen sollte, und gar mancher dachte schon daran, wie er mit Fug von dannen käme.

Einer der Führer und zwar der, der den größten Haufen zur Stelle gebracht hatte, war Georg Metzler, ein Gastwirt aus dem Städtchen Ballenberg in der Nähe von Krautheim an der Jaxt. Er war ein Mann von vierschrötigem Körperbau und rücksichtslosem Auftreten, hatte in Saus und Braus gelebt, besaß aber im ganzen Odenwald gute Bekanntschaft und genoß viel Vertrauen. In seinem Wirtshause waren schon öfter Bauernversammlungen abgehalten worden, und auch der geistige Leiter der Verschwörung, Wendel Hippler, hatte sich manchmal mit den in seine Pläne am tiefsten Eingeweihten zu geheimer Beratung bei ihm eingefunden. Ihm ordneten sich daher die anderen Führer hier willig unter und wählten ihn zum obersten Hauptmann. Aber auch er geriet durch das Ausbleiben des Prädikanten den Bauern gegenüber in Verlegenheit, denn er selber war weit mehr ein Mann der Tat als des Wortes. Ging die Versammlung hier ratlos und beschlußlos auseinander, so wurde dem Aufstande ein schwer wieder gutzumachender Schaden zugefügt. Der Prädikant sollte ja den bewaffneten Tausenden hier keine Verhaltungsmaßregeln vorschreiben, ihnen keinen Kriegsplan entwickeln, er sollte sie durch seine Rede nur zum Handeln begeistern und aufstacheln; dann, einmal in Feuer und Flammen gebracht, ließen sie sich leicht lenken und bewegen, wohin Georg Metzler sie haben wollte.

Er harrte und hoffte noch auf einen anderen, einen jüngeren Gesinnungsgenossen, der sein Erscheinen bestimmt zugesagt, freilich auch den weitesten Weg hatte. Vielleicht brachte der den Prädikanten, den wortgewandten Priester Veltelin von Massenbach, mit, dessen Predigt den kriegerischen Beschlüssen und Befehlen Metzlers vorausgehen sollte.

Aber den Bauern ward allmählich Zeit und Weile lang, der Mißmut unter ihnen griff immer weiter um sich. Sie wollten sich nicht narren lassen, murrten sie.

»Was meinst du, Melchior?« sprach ein Ohrenbacher zum anderen, »die Hohenloheschen wollen abziehen; laß uns mitgehen und einen Unterschlupf suchen für die Nacht! ich halt' es nimmer aus hier. Daheim ist des Schindens und Schabens kein Ende, und hier stehen und stehen und warten, auf was? Von der Nässe faulen einem die paar Lumpen am Leibe; komm, laß uns fort!«

»Nein, Hans, wir bleiben,« erwiderte der Angeredete. »Wir haben den Brüdern Verspruch und Gelübde getan, und Jörg Metzler wird schon wissen, was er mit uns vorhat. Nur Geduld! er wartet noch auf Zuzug, und die Hohenloheschen wird man auch nicht fortlassen.«

»Bei Sankt Velten, ich kann den Zorn nicht verdrucken! wozu haben sie uns herbestellt?« grollte der andere und stieß seinen Speer ärgerlich in den feuchten Boden hinein.

Auf dem einen Flügel des Lagers, nach Unterschüpf zu, ward es immer lauter. Man schien dort zu streiten und zu unterhandeln zwischen den Haufen der einzelnen Landsmannschaften. Die einen wollten fort, die anderen suchten sie zum Bleiben zu bereden, und die Führer hatten Mühe, die Mißvergnügten zu beschwichtigen. Dies schien auch zu gelingen, denn es ward wieder ruhiger dort, kein Schimpfen und Schreien ward mehr laut, sondern nur das dumpfe Brausen einer großen, mehr oder minder erregten Volksmenge hallte in der breiten, flachen Talmulde der von Wald umsäumten Wiesen.

Eine desto geräuschvollere Bewegung entstand mit einemmal auf der entgegengesetzten Seite, nach Eppingen zu. Es ließ sich in der Mitte des Lagers, wo Metzler mit anderen Anführern stand, nicht unterscheiden, ob es Unwillen und Zank oder laute Freude war, was sich plötzlich dort kundgab. Aus dem allgemeinen Lärm wurden jetzt einzelne Rufe vernehmbar, die sich gegenseitig zu beantworten schienen, bald näher, bald ferner, als wenn neue Ankömmlinge dem Lager zuströmten.

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