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Das schöne Mädchen von Perth.

Walter Scott: Das schöne Mädchen von Perth. - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDas schöne Mädchen von Perth.
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volume15
translatorTheodor Oelckers
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectide492aadc
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Einleitung

Die Asch' erschlag'ner Könige ruht,
    Wohin ich trete, hie, –
Und dort der Todesschauplatz, wo
    Zu weinen gelernt Marie.
                          Capitain Majoribanks.

Jedes Quartier in Edinburg hat etwas Besonderes, worauf es stolz ist, so daß die Stadt innerhalb ihres Bezirks (wofern man der Aussage der Einwohner hierüber Glauben schenkt) eben so reich an geschichtlichem Interesse als an Naturschönheiten ist. Unsere Lobsprüche hinsichtlich Canongate's lassen sich noch anderweit steigern. Das Schloß mag durch seine umfangreiche Aussicht und seine erhabene Lage über uns stehen; der Calton behauptet stets durch sein unübertreffliches Panorama den Vorrang, neuerdings noch erhöht durch die Zugabe von Thürmen, Triumphbögen und die Säulen seines Parthenon. Wir gestehen, daß Highstreet die ausgezeichnete Ehre genoß, durch Festungswerke vertheidigt zu sein, von denen wir keine Spur aufweisen können. Wir wollen uns nicht so weit herablassen, die Ansprüche emporgekommener Quartiere zu erwähnen, genannt die Alte Neustadt und die Neue Neustadt, nicht zu gedenken des besonders beliebten Moray-Platzes, der neuesten Neustadt von allen. Wir wollen uns einzig und allein unseres Gleichen gegenüberstellen, und zwar unseres Gleichen nur hinsichtlich des Alters, denn hinsichtlich der Würde erkennen wir nichts als unseres Gleichen an. Wir rühmen uns, der Hofbezirk der Stadt zu sein, den Palast und die Begräbnißüberreste der Fürsten umschließend, und daß wir im Stande sind, in einem, den minder ansehnlichen Quartieren der Stadt unbekannten Grade die düsteren und erhabenen Erinnerungen an die alte Größe zurückzurufen, welche innerhalb unserer ehrwürdigen Abtei herrschte seit der Zeit St. Davids, bis herab auf den Zeitpunkt, wo ihre verlassenen Hallen noch einmal die Freude begrüßte, und wo ihr lang verstummter Widerhall erweckt wurde durch den Besuch unseres gegenwärtigen erhabenen Fürsten.

Mein langer Aufenthalt in der Nachbarschaft und mein ruhiges ehrbares Benehmen setzte mich in eine Art freundschaftliches Verhältniß mit der guten Mrs. Policy, der Hausverwalterin in dem interessantesten Theile des alten Gebäudes, genannt die Zimmer der Königin Maria. Aber ein Vorfall, der sich kürzlich ereignete, hat mir noch größere Vorrechte verschafft, so daß ich in der That, glaub' ich, das Wagstück Chatelet's bestehen könnte, welcher hingerichtet wurde, weil man ihn Nachts im Schlafgemach der Herrscherin Schottlands versteckt fand.

Es traf sich, daß die gute Frau, deren ich erwähnte, ihrem Berufe gemäß einem Gecken aus London die Zimmer zeigte; – nicht einem jener stillen, stumpfen, gewöhnlichen Gäste, welche mit aufgesperrtem Munde und mit einem beifälligen »Hm« den eingelernten Worten der Cicerone lauschen. Ein solcher war's nicht – es war der muntere, gewandte Agent eines großen Hauses in der City, der keine Gelegenheit vorbeiließ, Geschäfte zu machen, wie er's nannte, d. h. die Waaren seiner Geschäftsfreunde loszuschlagen und zugleich für eigene Rechnung seinen Vortheil zu suchen. Hastig war er durch die Reihe der Zimmer geeilt, ohne die geringste Gelegenheit zu finden, ohne auf das zu kommen, was er als Hauptzweck seines Daseins betrachtete. Selbst die Geschichte von Rizzio's Ermordung hatte diesen Handelsapostel ungerührt gelassen, bis die Verwalterin, zur Bekräftigung ihrer Erzählung, auf die dunklen Blutflecken am Boden hindeutete.

»Da sind die Flecken,« sagte sie; »nichts vermag sie von dem Orte zu tilgen – seit zweihundert und fünfzig Jahren sind sie dagewesen – und da werden sie bleiben, so lange die Dielen vorhanden sind – weder Wasser, noch sonst etwas kann sie von dem Orte wegbringen.«

Nun handelte unser Geck neben andern Artikeln auch mit sogenannten Reinigungstropfen, und ein seit 250 Jahren vorhandener Flecken war interessant für ihn, nicht weil er von dem Blute des Lieblings einer Königin, der in ihrem Zimmer erschlagen ward, herrührte, sondern weil er ihm eine so vortreffliche Gelegenheit bot, die Wirksamkeit seines unübertrefflichen Reinigungselixirs zu bewähren. Auf die Knie stürzte unser Freund, aber weder vor Schrecken noch andächtiger Rührung.

»Zweihundert und fünfzig Jahre, Ma'am, und nichts nimmt sie hinweg? Ei, und wenn es fünfhundert gewesen wären, ich hab' etwas in meiner Tasche, was sie in fünf Minuten beseitigen soll. Sehen Sie dies Elixir, Ma'am? Ich will Ihnen zeigen, daß der Flecken im Augenblick verschwindet.«

Sonach befeuchtete er ein Ende seines Taschentuches mit dem Alles reinigenden Mittel und begann auf der Diele zu scheuern, ohne sich an die Gegenreden der Mrs. Policy zu kehren. Sie, die gute Seele, blieb eine Zeit lang stumm vor Bestürzung, gleich der Aebtissin zur heiligen Brigitta, als ein profaner Gast die Branntweinflasche, die man lange unter den Klosterreliquien als die Thränen der gepriesenen Heiligen gezeigt hatte, rein austrank. Die würdige Aebtissin von St. Brigitta erwartete wahrscheinlich die Dazwischenkunft ihrer Schutzheiligen – die von Holy-Rood mochte vielleicht hoffen, David Rizzio's Geist werde erscheinen, um die Entweihung zu verhüten. Aber Mrs. Policy verharrte nicht lange in dem Schweigen des Entsetzens. Sie erhob ihre Stimme und schrie so laut wie Königin Maria selber, als die schreckliche That vollbracht wurde –

»Nun Alles hin und Alles aus!« rief sie.

Ich machte gerade in der anstoßenden Gallerie meinen Morgenspaziergang, wo ich eben darüber nachdachte, warum die Könige von Schottland, deren Bilder ringsum hingen, Alle, einer wie der andere, mit einer Nase gemalt sein möchten, die wie ein Thürklopfer aussah – als, horch! die Wände noch ein Mal von solchem Geschrei widerhallten, wie es früher oft in den schottischen Palästen gehört wurde, wenn Klänge der Lust und Musik ertönten. Erschreckt durch den Lärm, der an einem so einsamen Orte beunruhigend war, eilte ich dem Orte zu, woher derselbe kam, und fand den Reisenden, der in der besten Meinung wie eine Hausmagd den Boden scheuerte, während ihn Mrs. Policy an den Rockschößen zerrte und sich umsonst bemühte, sein ruchloses Vorhaben zu hintertreiben. Es kostete mir einige Mühe, dem geschäftigen Reiniger von seidenen Strümpfen, gestickten Westen, Bratenröcken und Fichtenbrettern begreiflich zu machen, daß es gewisse Flecken in der Welt gebe, welche unauslöschlich bleiben müßten, wegen der Erinnerungen, die damit verknüpft wären. Unser guter Freund sah in jedem derartigen Dinge nur das Mittel, um die Tugend seiner gerühmten Waare darzulegen. Er begriff indeß, daß man ihm bei gegenwärtiger Gelegenheit nicht gestatten würde, die Kraft seiner Artikel weiter zu erproben, da zwei oder drei Einwohner erschienen, welche gleich mir drohten, in der Sache die Partei der Verwalterin zu ergreifen. Er nahm daher Abschied, indem er murmelte, daß er stets gehört habe, die Schotten wären unreinliche Leute; aber nie hab' er geglaubt, daß sie es so weit trieben, die Dielen ihrer Paläste blutbesudelt zu lassen, gleich Banquo's Geist, da es, um die Flecken zu beseitigen, nur hundert Tropfen des untrüglichen Reinigungselixirs kosten würde, bereitet und verkauft von den Herren Scrub und Rub, in Flaschen zu fünf und zehn Schilling, jede Flasche bezeichnet mit den Anfangsbuchstaben des Erfinders, um jeden Verfälscher hinsichtlich der gesetzlichen Strafe zu warnen. Befreit von der lästigen Gegenwart dieses Freundes der Reinlichkeit, war meine Freundin, Mrs. Policy, verschwenderisch mit Ausdrücken des Dankes, und gleichwohl ist ihre Erkenntlichkeit, statt sich, wie es meistens geht, durch diese Betheuerungen zu erschöpfen, im gegenwärtigen Augenblicke noch so lebendig, als wenn sie mir überhaupt nie Dank gesagt hätte. Der Erinnerung an diese Dienstleistung verdanke ich die Erlaubniß, beliebig diese verlassenen Gemächer zu durchwandern, gleich dem Schatten eines abgeschiedenen Kammerherrn, bald, wie es in dem alten irischen Liebe heißt:

»Ob Dingen sinnend, welche längst vorüber,«

bald dem Wunsche nachhängend, daß auch mich, wie zu manchen Romanschreiber, ein günstiges Ungefähr im verborgenen Fache eines alten Schrankes ein, wenn auch kaum zu entzifferndes Manuscript finden lassen möchte, enthaltend authentische Nachrichten über eine der merkwürdigen Thaten aus jenen wilden Tagen der unglücklichen Maria.

Meine liebe Mrs. Baliol pflegte mit mir innig übereinzustimmen, wenn ich beklagte, daß derartige Geschenke nicht mehr zum Vorschein kämen, und daß ein Autor, dem am Seegestade die Zähne vor Frost klappern, diese sich eher ausbeißen könnte, eh' ihm eine Welle ein Kästchen mit einer Geschichte, wie die der Automaten, zuführte; daß er, durch ein paar hundert Gewölbe stolpernd, Arm' und Beine brechen könne, ohne etwas Anderes dort zu finden, als Ratten und Mäuse, und daß er ein halbes Dutzend alter Behausungen bewohnen könne, ohne ein anderes Manuscript zu erblicken, als die Rechnung für Kost und Wohnung jede Woche. Ein Milchmädchen könnte in diesen entarteten Tagen ebenso gut ihre Milchkammer in der Hoffnung waschen und putzen, in ihrem Schuh das feenhafte Sechspencestück zu finden.

»Es ist eine traurige, aber nur allzuwahre Geschichte, Bester,« sagte Mrs. Baliol. »Ich bin überzeugt, daß wir Alle Gelegenheit haben, diesen vollkommenen Mangel an Hilfsquellen für eine erschöpfte Phantasie zu beklagen. Aber Sie haben vor allen Andern zumal das Recht, zu beklagen, daß die Feen Ihre Nachforschungen nicht begünstigten, da Sie der Welt doch den Beweis geliefert haben, daß die Zeiten des Ritterthums noch nicht vorüber sind, – Sie, der Ritter von Croftangry, der Sie der Heftigkeit des Londoner frechen Burschen widerstanden, zum Besten der schönen Dame Policy, und für das Andenken an Rizzio's Ermordung! Ist es nicht schade, Freund, da diese Ritterthat so ganz den Regeln gemäß war, ist es nicht schade, sag' ich, daß die Dame nicht etwas jünger und die Sage etwas älter war?«

»Nun, was das Alter betrifft, wo eine Dame ihre Ansprüche an das Ritterthum verliert und kein Recht mehr hat, eines tapfern Ritters Gabe zu heischen, so überlasse ich die Entscheidung den Statuten des Ordens der irrenden Ritterschaft; aber für das Blut Rizzio's nehme ich den Handschuh auf und behaupte gegen Jedermann, daß die Flecken nicht aus neuerer Zeit herrühren, sondern in der That die Spuren jenes schrecklichen Mordes sind.«

»Da ich die Ausforderung nicht annehmen kann, werther Freund, so begnüge ich mich, den Beweis zu fordern.«

»Die Sage, die sich unverändert im Palast erhalten und die Uebereinstimmung der wirklichen Lage der Dinge mit jener Tradition.«

»Deutlichere Erklärung, wenn's Ihnen gefällig ist.«

»Sehr gern. – Es ist allgemeine Sage, daß, als Rizzio aus der Königin Zimmer hinweggeschleppt wurde, die Mörder, die sich in ihrer Wuth darüber stritten, wer ihm die meisten Wunden beibrächte, ihn an der Thür des Vorzimmers niederstachen. An diesem Orte wurde demnach das meiste Blut vergossen, und hier zeigt man noch die Flecken davon. Ferner melden die Geschichtschreiber, daß Maria fortwährend gebeten habe, man möchte Rizzio 's Leben schonen, indem sie ihre Bitten mit Geschrei und Ausrufungen mischte, bis sie, als man ihr die Versicherung gab, er sei bereits todt, die Augen trocknete und sagte: ›Ich werde nun auf Rache sinnen!‹«

»Alles dies ist zugegeben.– Aber das Blut? Meinen Sie, daß es in so vielen Jahren nicht verwischt werden oder ganz verschwinden konnte?«

»Ich werde sogleich darauf kommen. Die beständige Sage des Palastes berichtet, Maria habe alle Vorkehrungen verboten, die Zeichen der Mordthat zu entfernen, weil sie dieselben erhalten wollte, als Erinnerung an die Beschleunigung der beabsichtigten Rache. Aber es wird hinzugefügt, daß sie es für genügend fand, wenn sie wüßte, daß jene noch vorhanden wären, und weil sie nicht wünschte, die Spuren der Mordthat immer vor Augen zu haben, so befahl sie, einen Verschlag, wie man es nannte (d. h. eine einstweilige Bretterwand), einige Schritte von der Thüre im Vorzimmer anzubringen, so daß der Theil des Zimmers, worin die Blutspuren befindlich waren, von dem übrigen geschieden und dadurch sehr verdunkelt worden war. Diese Wand steht noch, und der Umstand, daß dadurch die Gestalt der Decke und Karnieße unregelmäßig gemacht wird, ist ein offenbarer Beweis, daß ein besonderes Ereigniß die Ursache war, warum man sie anbrachte, da sie die Verhältnisse des Gemachs stört, so wie die der Deckenverzierungen, und daß man demnach, als man sie gerade hier anfügte, keine andere Absicht haben konnte, als dem Auge einen widrigen Anblick zu entziehen. Dem Einwurfe, daß die Blutflecken mit der Zeit hätten verschwinden müssen, glaube ich entgegnen zu können, daß sie, da man unmittelbar nachdem das Verbrechen verübt worden, keine Vorkehrung traf, sie zu beseitigen, oder mit andern Worten, da man dem Blute Zeit gönnte, in das Holz einzudringen, unauslöschlich werden mußten. Abgesehen von dem Umstände, daß man bei uns in Schottland die Paläste zu jener Zeit nicht besonders reinlich hielt, und daß es damals noch kein Reinigungselixir gab, womit man Schwamm und Scheuerlappen unterstützen konnte, finde ich es höchst wahrscheinlich, daß die Spuren jener Mordthat sich sehr lange hätten erhalten können, selbst wenn Maria nicht gewünscht oder befohlen hätte, sie zu erhalten, sondern durch Herstellung eines Verschlags dem Auge zu verdecken. Mir sind mehrere Beispiele von ähnlichen Blutflecken bekannt, die sich viele Jahre hindurch erhalten haben, und ich zweifle, ob sie nach Verlauf einer gewissen Zeit auf andere Weise beseitigt werden könnten, als mit Hilfe eines Hobels. Hätte ein Seneschal, um das Interesse, welches diese Zimmer begleitet, zu erhöhen, durch Anwendung von Farbe und andere ähnliche Mittel die Nachwelt hintergehen wollen und zu diesem Ende die Flecken künstlich aufgetragen, so würde er, glaub' ich, den Schauplatz in das Schlafgemach der Königin verlegt und die Blutflecken an einer Stelle angebracht haben, wo sie einem Jeden deutlich in's Auge fallen mußten, statt sie hinter einer Bretterwand zu verstecken. Das Vorhandensein dieser Wand ist übrigens auch sehr schwer zu erklären, wenn man die gemeine Sage verwirft. Kurz, die Oertlichkeiten stimmen so sehr mit den Thatsachen der Geschichte zusammen, daß ich glaube, sie mögen wohl den Umstand mit dem Blute auf dem Fußboden bestätigen.«

»Ich gesteh' Ihnen,« erwiderte Mrs. Baliol, »daß ich sehr geneigt bin, mich zu Ihrem Glauben zu bekehren. Wir sprechen von gemeiner Leichtgläubigkeit, ohne immer daran zu denken, daß es auch einen gemeinen Unglauben gibt, der es leichter findet, Thatsachen der Geschichte, wie der Religion zu bezweifeln, als sie zu untersuchen, und der die Schuld trägt, daß man darin eine Ehre sucht, ein starker Geist zu sein, sobald ein Gegenstand die beschränkte Einsicht des Zweiflers etwas übersteigt. Da wir nun über diesen Punkt mit einander im Reinen sind, und Sie, wie ich sehe, das ›Sesam thu' dich auf‹ besitzen, das uns diese geheimen Zimmer aufschließen kann,– welchen Gebrauch, wenn ich fragen darf, gedenken Sie dann von Ihrem Rechte zu machen?– Beabsichtigen Sie, diese Nacht im Schlafzimmer der Königin zuzubringen?«

»Zu welchem Zweck, verehrte Freundin? – geschah' es, um den Schnupfen zu befördern, so dürfte dieser Ostwind die Absicht begünstigen.«

»Den Schnupfen befördern – behüte Gott! das wäre schlimmer, als das Veilchen noch zu färben. Nein, wenn ich Ihnen empfahl, eine Nacht auf dem Lager der Rose von Schottland zuzubringen, so gedacht' ich Ihnen blos ein Mittel anzudeuten, um Ihre Einbildungskraft anzufeuern. Wer weiß, welche Träume eine Nacht, zugebracht in einem Palast voll so vieler Erinnerungen, hervorrufen könnte! Wer weiß, ob nicht die eiserne Thür an der Treppe zum Ausfallthore um die geheimnißvolle Mitternachtstunde sich öffnete, wie zur Zeit der Verschwörung; ob Sie nicht die Phantome der Mörder, verstohlenen Schrittes und schrecklichen Ansehens sich nahen sähen, um die tragische Scene nochmals vor Ihnen aufzuführen. Sehen Sie den wilden, fanatischen Ruthven dort kommen – den sein Haß und Parteigeist stärkte, eine Waffenrüstung zu tragen, deren Last Glieder gleich den seinen, entnervt durch schleichende Krankheit, hätte niederdrücken müssen. Sehen Sie, wie seine durch Leiden entstellten Züge unter dem Helme hervorgrinsen, gleich denen eines Leichnams, von einem Teufel beseelt, die Augen racheglühend, während auf dem Gesicht die Ruhe des Todes liegt. Dort erscheint die schlanke Gestalt des jungen Darnley, so schön in seinem Aeußern, als schwankend in seinem Entschlusse. Er naht, als trüge sein Fuß Bedenken, auf den Boden zu treten, mehr aber zögert er noch in seinem Vorhaben, da kindische Furcht bereits seine kindische Leidenschaft überwältigt. Er befindet sich in dem Falle eines ränkevollen Knaben, der Feuer an eine Mine gelegt hat, und, während er mit Reue und Furcht das Springen derselben erwartet, sein Leben darum gäbe, wenn er damit die Lunte löschen könnte, die seine eigne Hand entzündete. – Dort – dort – aber ich vergaß die Namen der andern würdigen Kehlabschneider. Helfen Sie mir nach, wenn Sie können.«

»Beschwören Sie,« sagt' ich, »den Postulanten Georg Douglas, den Thätigsten der Bande. Lassen Sie ihn auf Ihr Gebot erscheinen – der ein Gut beanspruchte, welches er nicht besaß – in welchem das erlauchte Blut der Douglas floß, welches aber in seinen Adern durch Unrechtmäßigkeit befleckt ist. Malen Sie den Grausamen, den Verwegenen, den Ehrgeizigen – der Größe so nah und so abgesperrt von ihr – dem Reichthum so nah und von dessen Besitz so ausgeschlossen – ein politischer Tantalus, bereit Alles zu thun und zu wagen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen und seine zweideutigen Ansprüche geltend zu machen.«

»Vortrefflich, mein lieber Croftangry! Aber was ist ein Postulant?«

»O, verehrte Dame, Sie stören den Gang meiner Ideen. – Ein Postulant war, nach schottischer Redeweise, der Kandidat zu irgend einer Vergünstigung, die er noch nicht erhalten hatte. Georg Douglas, Rizzio's Mörder, war Postulant der Besitzungen der reichen Abtei Arbroath.«

»Ich verstehe schon – wohlan, fahren Sie fort; wer kommt zunächst?« sprach Mrs. Baliol weiter.

»Wer zunächst kommt? Jener große, hagere, wildaussehende Mann, mit der Büchse in der Hand, muß Andreas Ker von Faldonside sein, ein Brudersohn, glaub' ich, des berühmten Sir David Ker von Ceßford; sein Blick und Benehmen sind die eines Wegelagerers; sein Gemüth war so roh, daß er während des Getümmels im Kabinet sein geladenes Gewehr auf den Busen der jungen und schönen Königin setzte, der Königin, die überdies binnen wenigen Wochen Mutter werden sollte.« »Bravo, beau cousin! – Nun, nachdem Sie Ihren Geisterschwarm citirt haben, sind Sie hoffentlich nicht gesonnen, sie nach ihren kalten Betten zurückzusenden, um sich wieder zu wärmen? Sie werden sie in Thätigkeit setzen, und da Ihr unermüdlicher Kiel noch Absichten auf Canongate hat, so werden Sie wahrscheinlich diese seltsamste aller Tragödien zu einer Novelle, oder, wenn Sie wollen, zu einem Drama verarbeiten?«

»Schlechtere – das heißt weniger interessante – Perioden der Geschichte hat man schon zur Unterhaltung der friedlichen Zeiten, welche darauf folgten, ausgewählt. Aber, meine Verehrte, die Ereignisse aus Maria's Tagen sind zu wohl bekannt, als daß sie für romantische Dichtung tauglich wären. Was könnte ein besserer Schriftsteller, als ich bin, der geschmackvollen und kräftigen Erzählung eines Robertson noch beifügen? Also lebt wohl, ihr Gesichte – ich erwache, wie John Bunian, »und betrachte Alles als einen Traum« – Nun, gut genug, daß ich ohne Hüftweh erwache, das höchst wahrscheinlich eine Folge meines Schlafs gewesen wäre, hätte ich das Bett der Königin Maria entweiht und als mechanisches Hilfsmittel gebraucht, um eine schlaffe Phantasie aufzurütteln.«

»Damit ist es nicht abgemacht, Bester,« antwortete Mrs. Baliol; »Sie müssen all' diese Bedenklichkeiten beseitigen, wenn Sie die Rolle eines romantischen Geschichtsschreibers, die Sie übernommen haben, mit Glück spielen wollen. Was hat der klassische Robertson mit Ihnen zu thun? Das Licht, das er verbreitete, war das einer Lampe, um die dunklen Ereignisse der Vorzeit aufzuklären; das Ihrige ist eine Zauberlaterne, um Wunder zu schaffen, die nie wirklich da waren. Ein Leser von Verstand wundert sich nicht über ihre historischen Ungenauigkeiten; eben so wenig als er sich wundert, wenn er Kasperle im Puppentheater auf demselben Throne mit König Salomo in seiner Glorie sitzen sieht, oder ihn während der Sündfluth dem Erzvater zurufen hört: ›Gewaltig nebliges Wetter, Herr Noah.‹«

»Mißverstehen Sie mich nicht, verehrte Dame,« sagt' ich; »ich kenne zur Genüge meine Freiheiten als Romanschreiber. Allein selbst der lügnerische Mr. Fagg, in Sheridans Nebenbuhlern, versichert uns, daß er sich zwar nie ein Bedenken darüber mache, auf Befehl seines Herrn eine Unwahrheit zu sagen, jedoch immer Gewissensbisse empfinde, wenn die Lüge an den Tag komme. Nun, dies ist der Grund, warum ich klüglich alle zu wohlbekannten geschichtlichen Pfade vermeide, wo Jedermann Wegweiser findet, deren Inschriften ihn belehren, wohin er sich zu wenden hat; ja, selbst Knaben und Mädchen, welche die Geschichten Englands durch Fragen und Antworten kennen lernen, lachen über einen armen Schriftsteller, wenn er vom Wege abweicht.«

»Entmuthigen Sie sich doch nicht, lieber Christal. Es gibt eine Menge Wildnisse in der schottischen Geschichte, durch welche, wenn ich mich nicht sehr irre, noch keine sichern Pfade beschrieben wurden, und die man nur aus unvollkommener Ueberlieferung kennt, welche mit Wundern und Märchen die Perioden ausfüllt, in welchen man nichts von wirklichen Begebenheiten weiß. Ganz so sagt Matthias Prior:

»Pfadlose Länder bevölkert der Geograph
Anstatt der Städte nur mit Elephanten.«

»Wenn dies Ihr Rath ist, verehrte Dame,« sagte ich, »so wird der Lauf meiner Geschichte diesmal in einer entfernten Zeit beginnen und in einer Provinz, die von meiner natürlichen Sphäre, Canongate, weit abliegt.«

Unter dem Einfluß dieser Empfindungen war es, daß ich den folgenden historischen Roman begann, welcher, oft unterbrochen und bei Seite geschoben, gegenwärtig zu viel Umfang gewonnen hat, um überhaupt weggeworfen zu werden, obwohl es nicht besonders klug sein mag, ihn der Presse zu übergeben.

Ich legte den handelnden Personen nicht den niederschottischen Dialekt, der jetzt gesprochen wird, in den Mund, weil unstreitig das Schottische jener Zeit dem Angelsächsischen sehr ähnlich war, bereichert durch einen Anflug des Französischen oder Normannischen. Diejenigen, welche den Gegenstand zu erforschen wünschen, mögen die Chronik von Winton und die Geschichte von Bruce durch den Archidiakonus Barbour zu Rathe ziehen. War auch meine eigne Kenntniß des Altschottischen hinreichend, um den Dialog in dessen Eigenthümlichkeiten zu kleiden, so würde doch eine Uebersetzung zu Gunsten der meisten Leser nöthig gewesen sein. Der schottische Dialekt mag daher unberücksichtigt bleiben, außer wo der Gebrauch eigentümlicher Wörter der Darstellung mehr Nachdruck oder Lebendigkeit geben kann.

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