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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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XXXI.
»Für tausend Taels ein Lächeln kaufen.«

Indessen rüstete der Kaiser zur Reise nach dem Berge Li.

Ihre Majestät hätte zwar beinahe den ganzen Plan vereitelt, indem sie erklärte, sie habe keine Lust, in die Sommerfrische zu gehen, sie sei müde und verdrossen und nicht zum Reisen aufgelegt, aber schließlich willigte sie ein, da der Hofastrologe erklärte, in den Sternen stehe geschrieben: Lachen! Lachen! Lachen! Und um den roten Stern breite sich ein nie gesehener Hof, aus dem ersichtlich sei, daß besondere Dinge bevorständen.

So reiste man denn.

Ein schier unendlicher Zug bewegte sich aus der Kaiserstadt hinaus. Zuerst ein Regiment Gardes du Corps der Kaiserin in vergoldeten Panzern und mit Standarten, auf denen ein purpurner Blumenkelch war. Dann hundertfünfzig Ochsenwagen mit Schriftballen, eskortiert von Kaiserjägern zu Pferde in grünblauen Mänteln mit roten Bogen und Köchern. Dann der Wagen des Polizeipräfekten, umgeben von einem Schwarm Gendarmen. Dann der Wagen des Kaisers mit der Kaiserin und dem Thronfolger, rechts und links begleitet von riesigen Hartschieren in Lederpanzern, – fürchterlichen Leuten, die immer die Augen rollten. Dann der Wagen des Reichskanzlers, umgeben von den Offizieren des neu errichteten Regiments Fürst We. Dann wieder hundertfünfzig Ochsenwagen mit den übrigen Manuskripten. Dann ein Regiment Gardes du Corps des Kaisers in silbernen Panzern mit Standarten, auf denen das Zeichen stand, das »Seligkeiten überall« bedeutet. Zum Schluß, von einem Regiment Trainsoldaten beschützt, der Küchen- und Kammertroß: Fünfzig Wagen mit Wein, Viktualien, Garderobe, Dienerschaft, Eunuchen usw. usw.

Die Regimentsmusiken bliesen ihre Märsche, die Soldaten sangen; es war eine große Fröhlichkeit.

Das Lied, das die Soldaten sangen, hatte der Kaiser allerhöchst selbst gedichtet und unter Beihilfe des berühmten Bung-ê komponiert. Es hieß so:

Wir ziehen nicht zu Felde und ziehn nicht in die Schlacht.
Jetzt dauerts ein paar Stunden blos, bis daß die Kaiserin lacht,
Bis daß die Kaiserin lacht, juchhe!
Und unsern Kaiser glücklich macht,
Bis daß die Kaiserin lacht.
Juchhe, juchhe,
Juchhe, hurrah, juchhe!

Der Kaiser konnte sich gar nicht satt hören an dem Liede.

– Habe ich da den Volkston nicht famos getroffen, Schatz? fragte er die Kaiserin.

– Gejuchhet wird allerdings genug, gab die zur Antwort.

– Na, das ist ja eben der Volkston, Maus! Ohne Juchhe kein Volkslied. Und das Hurrah dazwischen! Das ist eine Nüance, auf die ich mir einigermaßen etwas einbilde:

Juchhe, hurrah, juchhe!

Der Kaiser schrie es förmlich.

– Anfangs hatte ich heissa, – aber plötzlich sagte mir eine innere Stimme: hurrah muß es heißen, hurrah! Das ist wirklich eine Nuance, um die mich der gute We beneiden könnte. Ich glaube, er tuts auch ein bißchen. haha! . . . Gott, Maus, ich bin furchtbar glücklich. Paß mal auf, was ich dir am Berge Li vorführen werde! Das wird dich von der verdammten Melancholie kurieren! So was ist noch nicht in Szene gesetzt worden, so lange das Reich steht!

– Wenns nur nicht wieder schief geht . . .

– Keine Angst, Schatz, diesmal gehts gerade, oder ich will keinen Vers mehr dichten:

Juchhe, hurrah, juchhe!

– Schrei nicht so! Ich bin froh, daß Lulu schläft.

– Ach so. Aber der Junge schläft auch was Rechtschaffenes zusammen. Der ist imstande und schläft, wenn die vierzig Pauken rasseln.

– Schon wieder was mit Pauken?

– Bloß als Begleitung, Schatz, nicht als Musik an sich. Hab nur keine Angst. Es wird unbeschreiblich lustig werden!

Die Kaiserin lächelte – beinahe. Das Fahren in freier Luft, das bunte Gewimmel um sie herum, die von den Feldern herbeieilenden Bauern, die ihre Hacken und Rechen präsentierten, alles das hob ihre Stimmung sichtlich.

Plötzlich aber hielt sie sich die Nase zu und rief: was stinkt denn hier so pestilenzialisch?

– Das ist bloß der Wolfsmist, Schatz, den ich schon gestern habe anzünden lassen, damit wir nicht zu lange warten müssen, antwortete der Kaiser und enthüllte ihr nun die Idee mit den Vasallenfürsten.

– Und darüber, glaubst du, werde ich lachen?

– Ich glaube es nicht: ich weiß es! Du kennst meine braven Vasallen nicht, Schatz, aber paß nur auf. Es genügt eigentlich, einen einzigen von ihnen bloß so anzusehen, um sich vor Lachen auszuschütten; wenn sie aber gleich alle auf einmal herangerückt kommen und noch dazu ärgerlich sind, dann würde selbst der tausendköpfige Höllendrache vor Vergnügen seine hunderttausend Zähne fletschen.

– Na, vielleicht. Übrigens: rede nicht von Drachen!

– Pardon!

Allmählich kam man auch ins Bereich der Riesentrommeln. Es war ein Gedröhne, als wenn sich die Berge aneinander rieben. Lulu wachte wirklich auf davon. Aber statt zu heulen, wie es bei ihm die Regel war, sperrte er den Mund auf, machte pf . . pf . . und lachte.

– Ei, mein Mäuschen lacht ja? sagte die Kaiserin und lächelte wieder – beinahe.

– Siehst du? Siehst du? Na, ich wußte es ja! Es geht sicher alles nach Wunsch!

Der kaiserliche Zug kam gegen Abend am Berge Li an. Etwa um Mitternacht mußten die Vasallen, Eilmärsche als selbstverständlich angenommen, eintreffen. Bis dahin wurde auf dem breiten, riesigen Rücken des Berges zwischen den himmelanlohenden Feuerobelisken ein Mahl gerüstet und die Soldaten mit den Manuskriptballen, in die man Weihrauchkörner gestreut hatte, an die Feuerbecken verteilt. Der Mutterwitz Chinas brannte vortrefflich und vermischte sich verblüffend gut mit dem Wolfsmiste. Als man sich zur Tafel setzte, war man wie in einem Feuermeere. Nur dort, wo der Hauptweg aufs Plateau einmündete, war ein Zugang freigelassen.

Das Mahl begann. Der Kaiser und die Kaiserin saßen auf goldenem Throne an einem erhöhten Tisch für sich, den Blick gerade auf den Zugang gerichtet, wo die zwei riesigsten Hartschiere Posten standen. Vor ihnen breitete sich hufeisenförmig die Tafel der Beamten und Offiziere aus. Von Zeit zu Zeit riefen die Wächter die Stunden ab.

Man war eben beim fünften Gange, Hechtzungen in Schildkrötenaspik, und eben hatten die Wächter gerufen: Mit–ter–nacht! Mit–ter–nacht! Da näherte sich ein Gerassel den Berg herauf, das das Gedröhne der Lärmtrommeln noch übertönte.

– Ah, sie sind pünktlich, meine Herren Vasallen, sagte der Kaiser und ließ die Eßstäbchen fallen. Nun, paß auf, Maus!

Kommondorufe: Ha–alt! Setzt die Piken zusammen! Schlagt die Zelte auf! Dann Hörnersignale, Trompetengewirbel und der Ruf: Fahnen herbei!

Nun ein Getrappel, ein Klirren wie von aneinander geriebenen Harnischteilen, ein dumpfes Gemurmel, dann, näher kommend, wuchtig stampfende Schritte.

Aus dem Dunkel des Weges traten in den Lichtschein, schwarzgepanzert, den eisernen Helm auf dem Kopfe, Lanzen in der Hand, über und über mit Kot bespritzt und eskortiert von zwanzig Fahnenträgern, die die Fahnen kriegerisch schwangen, die Vasallen des Kaisers.

Einen Augenblick vom Licht geblendet blieben sie stehen, dann stampften sie klirrend eilig vor, ließen sich in einer breiten Reihe auf die Knie nieder, und der älteste unter ihnen, noch halb atemlos, rief: Hier Kwei und Wu und Lung und Ko und Pa und Fêng und Fa und Pu! Über Berge gestiegen, durch Sümpfe gewatet, durch Flüsse geschwommen bei Tag und Nacht, in Wetter und Wind, von Kot bespritzt, von Schweiß bedeckt, in Waffen und Wehr! Heil Kaiser, wo sind die Barbaren!?

– Barbaren? Der Kaiser sah sich lächelnd um: Sehen wir aus wie Barbaren? Gott Lob und Dank: Die Hunde und Schweine liegen in ihren Ställen. Ich wollte mir bloß das Vergnügen machen, Ew. Liebden wieder einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Alles wohlauf zu Hause, meine Herren?

In diesem Augenblick ließen sämtliche Vasallen ihre Speere fallen, sperrten den Mund auf, sahen einander unglaublich verdutzt an und riefen: Wa . . . a . . . s? Dabei schlugen sich die einen klatschend vor die Stirne, die andern schüttelten, wie von einem Mechanismus bewegt, die Köpfe, und einer, ein recht dicker, bemühte sich vergeblich, wieder auf die Füße zu kommen.

Ein unendliches Gelächter brauste in der Runde, und die Kaiserin lehnte sich in den Thron zurück und lachte dreimal hinter einander laut auf: Die Köpfe! Die Köpfe! Hahaha!

Wütend sprangen die Vasallen auf: Ausgelacht?! Ausgelacht?! In Waffen und Wehr durch Wetter und Wind, von Kot bespritzt, von Schweiß bedeckt, – und: ausgelacht!? Kaiser! Kaiser! Ist das dein Dank?

– Mein Gott, ich erkenne ja die Eilmärsche Ew. Liebden an! Kommen Sie heran, meine Verehrten: Ein Löffel Suppe ist noch übrig. Sie sehen wirklich etwas mitgenommen aus.

Die Vasallenfürsten aber machten, indessen noch immer das belustigte Lachen der Kaiserin wie der Ton einer hohen Glocke über dem Baßgelächter der Offiziere und Soldaten schwebte, kehrt und riefen: Rollt die Fahnen zusammen! Blast Abmarsch!

Und stampften wütend ab.

Der Kaiser aber stand auf, hob den Becher mit rotem Wein und rief: Nun wieder Glück und Glanz im Reich! Die Kaiserin lacht! Für tausend Taels hab ich das Lachen gekauft, in tausend Seligkeiten hat es mich getaucht! Lacht, lacht, lacht, meine Lieben und trinkt! Hahahaha! Hahahaha!

Und ein Gelächter brauste hinter den abziehenden Vasallen her, wie die Flut hinter fliehenden Fischern donnert.

Für tausend Taels ein Lächeln kaufen, heißet aber noch heute ein Sprichwort in China, das bedeutet: Eine Sache zu hoch bezahlen . . .

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