Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
Schließen

Navigation:

XXX.
Die enttäuschten Witzbolde.

Eine Million und sechsmalhunderttausend witzige Köpfe (soviele hatten sich an dem Kaiserlichen Preisausschreiben beteiligt) harrten in nervöser Spannung der Entscheidung Seiner Majestät.

Das Geschäftsleben stockte noch immer, denn kein Mensch hatte für etwas anderes Sinn als für die eine Frage: Wer wird die 1000 Taels kriegen? Schon fingen die schwächeren Gehirnkonstitutionen an, unter der Aufregung des Wartens aus dem Gefüge zu gehen, und täglich, ja stündlich konnte man in den Straßen der Stadt arme Teufel sehen, die deutliche Zeichen von Übergeschnapptheit zur Schau trugen.

Da trug ein unendlich fetter und blöd aussehender Mann eine Tafel an seiner Brust, auf der geschrieben stand: Platz da! Ich bin Herr Dê-ne-kê, das Genie, das den lächerlichsten Einfall von ganz China gehabt hat. Mein Kopf ist eine Birne geworden seitdem und mein Gehirn ein Eierkuchen! Achtung! Achtung! Meine Birne wird faul! Mein Eierkuchen brennt an!

Ein anderer erfüllte die Luft mit unaufhörlichem kreischenden Gelächter, hielt sich den Bauch und drehte sich unablässig im Kreise: Ich platze! Ich platze! Legt mir Reifen um den Leib! Sonst schütte ich die Gedärme vor Lachen aus! Mein Witz! Mein Witz! Hahahaha! Haben Sie schon so etwas gehört?

Wieder andere klagten und heulten, man habe ihren Witz unterschlagen; gewissenlose Beamte hätten ihn aus Konkurrenzangst zurückbehalten; und sie querulierten den Richtern unablässig die Ohren voll, bis man sie einsperrte.

Es gab gar nicht genug kalte Duschen und Räucherpfannen, um dieser epidemisch auftretenden »Windkrankheit« Herr zu werden. Auch hingen sich Zahllose in der Ungeduld ihres Herzens auf.

So erschien es denn als Staatsnotwendigkeit, die Gemüter zu beruhigen, indem man die Entscheidung kund gab. Es erschien ein Edikt.

An die sämtlichen Einsender
komischer Einfälle.

Mein Appell an die witzigen Köpfe des Reiches ist nicht ungehört verhallt. In einer Masse, wie Ich sie nicht für möglich gehalten hätte, sind drollige Vorschläge aller Art an den Stufen Meines Thrones niedergelegt worden, und alle Klassen der Bevölkerung haben sich mit gleicher Beflissenheit um das Lächeln Ihrer Majestät, Meiner erhabenen Gemahlin und Mutter des Reiches bemüht. Ich spende ihnen allen Meinen kaiserlichen Dank. Sie dürfen sämtlich das erhebende Bewußtsein im Herzen tragen, sich an einer Sache von höchster Bedeutung werktätig beteiligt und ihrem kaiserlichen Herrn den Beweis erbracht zu haben, daß der alte Chinesengeist, die alte Chinesentreue noch lebt.

Leider war es ganz unmöglich, alle die scherzhaften Einsendungen mit Preisen auszuzeichnen; waren sie auch mehr oder weniger löblich, so befand sich doch nur einer auf der Höhe des erhabenen Zieles. Es gereicht Mir zur besonderen Freude, verkünden zu dürfen, daß es der erste Beamte des Reiches gewesen ist, der mit seinem Einfalle diese Höhe erreicht hat: Mein lieber Reichskanzler We, den Ich dafür in den Fürstenrang erhoben habe.

Aber auch die übrigen Einsendungen denke Ich auf eine noch nicht dagewesene Weise zu ehren: Ich werde sie eigenhändig in den zwanzig Feuerobelisken auf dem Berge Li verbrennen, wohin Ich Mich sogleich begeben werde.

Möge der Lichtschein dieses Brandes ein weithinleuchtendes Zeichen Meiner kaiserlichen Zufriedenheit und Dankbarkeit sein.

Yu, Kaiser.

Mit sehr langen Gesichtern standen die witzigen Untertanen Seiner Majestät vor diesem Edikte, und da sie keine Hosentaschen hatten, in denen sie die Fäuste ballen konnten, so verrichteten sie diese symbolische Handlung innerhalb der Rockärmel.

Wer feine Ohren hatte, konnte da wunderliche Monologe hören:

– Natürlich: der Reichskanzler!

– Wer die Wahrheit sagt, wird gespießkäfigt, wer einen Witz reißt, wird Fürst.

– Ein netter kaiserlicher Dank! Er stinkt nach angebranntem Papier.

Dafür habe ich meine Kunden sitzen lassen!

– Jetzt bin ich glücklich bankrott, und dazu wird noch illuminiert!

– Ob Ihre Majestät über den fürstlichen Witz des Reichskanzlers lachen wird, ist am Ende noch fraglich, aber daß ich heule, steht fest.

– Ich Esel! Hätte ich doch so viel Witz besessen, einzusehen, daß das Ganze bloß ein Witz Seiner Majestät gewesen ist.

– Ich mache keine Witze mehr! Unter dieser Regierung vergeht einem das Witzemachen.

– Na, wer zuletzt lacht, lacht am besten, – ein Kaiser, der die geistreichen Köpfe seines Landes zum Narren hat, wird sie bald zu Feinden haben. Seine Majestät wird sich die Finger verbrennen, wenn er die Feuerobelisken anzündet!

Es war nur allzu klar, daß dieser kaiserliche Dank wenig Entzücken verursachte. Schon rührten sich die blühenden Talente aufs neue, und die Angehörigen der Schên-Partei schickten bedenklich zuversichtliche Chiffre-Briefe nach dem Lande der schweinischen Tis.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.