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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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XXVIII.
Eine politische Rede des Grafen Schên.

Seit dieser Vorstellung in indischer Magie ging es mit der Kaiserin nur noch schlimmer.

Sie fiel aus einer Laune in die andere, aber eine gute war nie darunter.

Auch, als sich Seine Majestät in Unterkleidern à la A-yu präsentierte, lachte sie nicht, sondern sagte bloß: Du bist zu dick für Pumphosen.

Eine ganz krankhafte Aversion bekam sie gegen die rote Farbe. Alles, was rot war, wurde aus der Kaiserstadt verbannt, und die Palastdamen mußten sich so stark pudern, daß sie wie Reismehlsäcke aussahen. Selbst der kaiserliche Namenszug durfte nicht mehr in Zinnober unter die Edikte gesetzt werden, sondern in Gelb.

Dieser Umstand führte zu einer neuerlichen wilden Gärung in der jüngeren Beamtenschaft. Die blühenden Talente erhoben wieder ihr Haupt, und ein Stachelwort lief durch das Volk: Warum unterzeichnet der Kaiser nicht mehr rot? Weil nicht einmal sein Pinsel mehr erröten kann.

Der Censor Pa-fu-sching, der letzte Beamte aus den Zeiten des vorigen Kaisers, der noch nicht zurückgetreten war, machte folgende Eingabe, nach deren Abfassung er sich sofort aufhängte:

»Es steht in den Klassikern zu lesen: Laß stehen, was fest steht; jedes Sandkorn gerissen aus dem Gefüge des Staatsbaues lockert das Gemäuer; Quadern fallen bald hinterdrein! Wie konnte es dir in den Sinn kommen, Sohn des Himmels, deinen Namen gelb zu schreiben? Es wird nicht lange dauern, und einer kommt, der seinen Namen rot schreibt! Es ist ganz unerträglich, wie du dich aufführst! Ein Mann von Prinzipien kann unmöglich weiterleben unter einem Kaiser, der keine Prinzipien hat. Der letzte Ausweg meiner Loyalität führt in meinen Garten zur Blutbuche. An dieser hängt sich als Mahnung für seinen grundsatzlosen Kaiser auf

sein bis zum letzten Atemzuge
auf das Wohl der Dynastie bedachter
niedriger Sklave
Pa-fu-sching.«

– Das soll nun Loyalität sein! sagte der Kaiser, indem er der Kaiserin das Schriftstück hinreichte. Sottisen sind doch keine Loyalität! Und als ob es was rechtes wäre, sich aufzuhängen, wenn man genau weiß, daß man sonst eben gehangen würde! Es ist bloß Niedertracht und Bosheit, auf einen guten Abgang berechnet, damit der Beamtenpöbel sagen soll: »Ah, was für Prinzipien! Ah, was für ein heiligenmäßiges Ende! Ah, was für ein großer Mann war doch dieser Pa-fu-sching!« Pfui Teufel!

Die Kaiserin warf die Eingabe auf den Boden und sprach: Hinter alledem steckt diese Vikomtesse Schên und ihr sauberer Vater und Sohn. Warum hast du diese Familie auch nicht gleich ausrotten lassen. Du bist eben ein . . .

Sie gebrauchte ein stark despektierliches Wort.

Der Kaiser machte ein Gesicht wie ein gescholtenes Kind und sprach: Es ist nicht nett von dir, Schatz, mich so zu behandeln. Sag mir lieber, was ich tun soll? Nur möchte ich darum gebeten haben: schimpf mich nicht so! Ich darf mir das eigentlich nicht gefallen lassen.

Die Kaiserin antwortete: Höre mal, mein Lieber, mach nicht, daß ich lache!

– Aber das will ich ja grade, Schatz! Wenn es bloß das ist!? Wenn ich so was sagen muß, damit du lachst, dann sag ich den ganzen Tag so was!

– Das hilft dir alles nichts. Ich kann doch nicht lachen. Es ist zu schrecklich. Ich glaube, es kommt nur daher, weil diese Familie Schên noch lebt.

– Aber, warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Dem kann wahrhaftig abgeholfen werden! Dazu braucht es bloß ein Edikt. Sei so gut und schreib!

Der Kaiser diktierte, die Kaiserin schrieb.

Kaiserliches Edikt.

Da die Familie Schên fortgesetzt an der Arbeit ist, die Ruhe des Reiches sowohl durch Zettelungen aller Art, als auch durch ihre bloße staatsgefährliche Existenz zu stören, so erfordert es die Staatsräson, daß mit dieser Familie der Garaus gemacht wird. Deshalb ergeht hiermit an deren sämtliche Mitglieder die Aufforderung, sich unverzüglich vom Leben zum Tode zu befördern, wobei es, da sie früher in gewissen Beziehungen zur regierenden Dynastie gestanden hat, in ihr Belieben gestellt wird, die Operationsart selber zu wählen. Sollten die pp. Schêns in ihrer hochverräterischen Verstocktheit so weit gehen, diesem genauen Befehle nicht sofort strickten Gehorsam zu erweisen, so werden sie hiermit für vogelfrei erklärt, und jeder, der ein Mitglied dieser abscheulichen Sippe tot oder lebendig hier einbringt, soll pro Kopf 1000 Taels erhalten.

Geschrieben von der Kaiserin Pao,
unterschrieben vom Kaiser Yu.

Dieses Edikt machte das unangenehmste Aufsehen von der Welt, und zwar nicht so sehr seines Inhaltes als des Umstandes halber, daß unter einer Staatsschrift der Name der Kaiserin stand. Damit erschien die Tatsache, daß der Kaiser nicht bloß privat, sondern auch politisch unterm Pantoffel stand, geradezu dokumentiert, und es gab Staatsrechtslehrer, die ganz offen erklärten, ein solches Edikt sei ein Kopfkissenpapier und kein Staatsschriftstück.

Sie wurden dafür geköpft, aber das hinderte nicht, daß sich die unzufriedenen Elemente zu einer Schên-Partei zusammentaten.

Unter dem Vorwande, sich die 1000 Taels verdienen zu wollen, in Wahrheit aber zu dem Zwecke, die Schênschen Streitkräfte zu vermehren, zogen ganze bewaffnete Scharen nach Schên und forderten den alten Grafen auf, mobil gegen den Kaiser zu machen.

Der alte Graf antwortete ihnen sehr würdig: Es ist kein Zweifel, meine Herren, daß der Kaiser sich unerhört aufführt, und daß es nicht unangebracht wäre, ihn abzusetzen, umsomehr, als der echte Thronfolger, mein Enkel, ein Jüngling von den besten Gaben und Gesinnungen ist. Indessen: eine Fliegenklatsche genügt zwar, Fliegen zu töten, aber gegen einen Stier ist es eine unzureichende Waffe. Sie, meine Herren, und ich mitsamt allen meinen Soldaten, sind nur eine Fliegenklatsche neben einem Stier, wenn wir die Streitkräfte bedenken, die dem Sohn des Himmels zu Gebote stehen. Ehe wir nicht die anderen Lehnsfürsten auf unserer Seite haben, ist an ein Losschlagen gar nicht zu denken. Die anderen Lehnsfürsten aber, der dicke Wu, der phlegmatische Kwei, der ewig wildschweinjagende Lung, der steifbeinige Ko, der für nichts Interesse hat, als für Mathematik, und überhaupt durch die Bank alle, – du lieber Gott: wie sollten wir die gewinnen? Ich kenne die Herrschaften zur Genüge: solange es ihnen nicht an die eigene Behaglichkeit geht, ist ihr zweites Wort: Treue unserm erhabenen Lehnsherrn! Was der im übrigen tut, ob das Reich durch ihn in Gefahr gerät, ob er sich an anderen vergreift, das ist ihnen höchst egal. Wenn nur sie ihre Wildschweine jagen oder Quadratwurzeln ausziehen können, oder was sie sonst für eine lehnsfürstliche Liebhaberei haben. Nein, meine Herren, so gehts nicht. Wir müssen abwarten, bis es der Kaiser auch mit ihnen verschüttet. Und, meine Lieben, wie ich Seine Majestät kenne, werden wir nicht lange zu warten brauchen. Die Maßregeln meines Verhaltens sind gegeben. Hier kann ich natürlich nicht bleiben, denn 1000 Taels sind ein schönes Stück Geld, und es möchte bald irgend einem Schuft einfallen, sie an meinem Kopfe verdienen zu wollen. Ich werde also mit meiner Familie auswandern. Und zwar werde ich in das Land der Tis gehen.

– Oh! riefen die Parteigänger des Grafen, ins Land der Schweine? Zu den Barbaren?

– Eine Annehmlichkeit ist es ja gewiß nicht, erwiderte der Graf, denn schon die Küche dieser borstigen Ungeziefer kann einen rechtschaffenen Chinesen zur Verzweiflung bringen, aber: darf sich ein Staatsmann durch solche Erwägungen von der Bahn des politischen Handelns abbringen lassen?

Der Graf sah ehrfurchtgebietend aus, wie er dies sagte.

Seine Parteigänger aber murmelten: Politik? Wie so?

– Aber meine Herren! Erheben Sie sich doch auf die Höhe der Situation! Wenn ich den gräulichen Grützmus der Ti-Schweine esse, was anderes treibe ich dann als weit ausschauende Politik? Ich verschaffe der guten Sache Bundesgenossen, indem ich meinen Magen und meine Zunge zum Opfer bringe.

– Ah! Ah! Welch politischer Blick! riefen die Getreuen, – aber: ist es nicht gefährlich, sich mit Barbaren einzulassen?

Der alte Graf blinzelte schelmisch: Keine Sorgen, meine Herren! Die braven Barbaren läßt man sich, wenns nötig erscheint, wohl in den Pelz kriechen, aber, wenn man sie nicht mehr braucht, schüttelt man sie ab, wie Flöhe.

Da lachten die Getreuen recht herzlich und freuten sich der Weisheit des alten Grafen und billigten alles, was dieser tat.

Die Familie Schên zog mit großem Gefolge ins Land Ti und wurde dort, wenn auch mit unglaublich schalem Reisbier, aufs beste aufgenommen.

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