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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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XXV.
Das Seidereißen.

Aber Pao-huan vergaß den Traum nicht. Mit großen Rändern um die stets weit und stier geöffneten Augen ging sie verdrossen herum, vor jedem Geräusch zusammenzuckend, oft wie in angstvollem Lauschen stehen bleibend und dann wieder müde hinsinkend, um wie leblos mit offenen Augen dazuliegen.

– Nein, das kann nicht so fortgehen, sagte der Kaiser, da muß etwas geschehen. Hast du nicht irgend einen Wunsch, weißt du gar nichts, was dir Spaß machen könnte? Ich muß dich wieder lachen sehn, koste es, was es wolle. Überleg dirs doch: irgend etwas mußt du doch wissen, was dich freut!

Die Kaiserin Pao-huan neigte ihre Wangen auf die Fingerspitzen der linken Hand, sann nach und sprach: Wie ich damals die Seide zerriß von der niederträchtigen Doktorin, das tat mir sehr wohl und ich hörte das Reißen gern, – so rppp – rppp! . . . . .

– Oh, das wollen wir gleich haben! rief fröhlich der Kaiser und schlug auf einen Gong, daß es dröhnte.

Der Oberst der Eunuchengarde kroch ins Zimmer und fistelte: Majestät befehlen?

Der Generalmagazinier soll sofort hundert Stück Seide herausgeben, recht feste, gute, nur prima, und die stärksten Palastdamen sollen damit hier antreten. Schnell! Schnell! Viel schneller! Noch einmal so schnell!

Der dicke Eunuchenoberst raste davon, daß sein Bauch wie ein Ballon hin und herschwappte.

– Ich werde die schönste Darmverschlingung kriegen, dachte er sich.

Eine kurze Weile darauf erschien ein Schwarm kräftiger Palastdamen, deren jede einen Seidenballen schleppte. Sie warfen erst die Seidenballen, dann sich selbst hin und lispelten: Was geruht unser erhabener Herr zu befehlen?

– Stehen Sie auf, meine Damen, und zerreißen Sie diese Seide!

Die Damen dachten sich: merkwürdig! wozu denn? die schöne Seide?! standen aber flugs auf und rissen, daß die Fetzen flogen.

– Schneller! Kräftiger! kommandierte der Kaiser, ratsch – ratsch! ritsch! – ratsch! Tempo halten! Rhythmisch! In zwei Abteilungen! Die eine: ritsch! die andere: ratsch! So gehts gut! Bravo, meine Lieben! Ritsch–Ratsch! Ritsch–Ratsch! Haha! Das ist wirklich lustig! Meiner Seel, es tut mir selber wohl! Rrrritsch! Rrrratsch! Hahahaha!

Aber die Kaiserin Pao zog bloß die Brauen hoch und sah gelangweilt zu, wie die Seidenstücke durch die Luft flogen und niedersanken. Dann sagte sie, indem sie sich die Ohren zuhielt: Aufhören! Abtreten! Genug!

– Aber ich dachte doch . . .? stammelte der Kaiser.

– Hinaus! schrie die Kaiserin und schlug mit den Füßen den Generalmarsch, den Seine Majestät schon kannte. Ich mag das Gereiße nicht mehr! Und die Damen schwitzen schon. Pfui! Pfui! Pfui! Äh! Ach!

Sie fiel in ihrer ganzen Länge nieder und schrie und schrie.

Die Hofdamen flohen kreischend davon wie eine Schaar Gänse, wenns donnert.

Seine Majestät beugte sich teilnahmsvoll über Ihre Majestät und flüsterte: Soll ich vielleicht? . . .

– Gehen sollst du! Gehen! Gehen! Gehen! Hih! Hih! Hih!

Seine Majestät ging.

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