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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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XIV.
Im Juwelenpavillon.

Wo trug der Kaiser das Mädchen hin?

Nach dem Serailreglement hätte die Antwort darauf lauten müssen: In den hinteren Serail, dorthin, wo, unter der Oberaufsicht der Kaiserin, alle neu angekommenen Palastdamen gemeinschaftlich wohnten und, bis zur Erreichung des nächst höheren Konkubinenranges, in den Künsten höfischer Galanterie unterwiesen wurden.

Aber der Kaiser dachte gar nicht daran, Pao-Szö dorthin, unter die Augen Schên-haus, seiner erhabenen Gemahlin, zu tragen.

– Ich bedanke mich ergebenst dafür, von der guten Schên-hau das liebe Mädchen kritisieren zu lassen; das würde mir den ganzen Spaß verderben. Es ist auch zu dumm: für wen ist das Mädchen eigentlich da, – für mich oder die verehrte Gattin? Also!

Dies denkend trug Kaiser Yu seine liebe Last geradenwegs in den Juwelenpavillon, schloß die Türen hinter sich zu und befahl dem wachhabenden Gardeoffizier, der vor Staunen Augen vom Umfange eines Bratentellers bekommen hatte, dafür zu sorgen, daß niemand in die Nähe des Pavillons komme, außer dem Oberküchenmandarin natürlich.

Denn essen mußte Kaiser Yu freilich, aber sonst gedachte er auch durchaus nichts zu tun als Dinge, die mit Pao-Szö in Verbindung standen.

Regieren? – Schnecken!

Seine Majestät mußte lächeln, wenn er sich vorstellte, wie sich die unglückseligen Minister und vortragenden Geheimräte jetzt an der Tür des Audienzsaales drängen würden, unerledigte Staatsschriftstücke schwingend.

– Du bist mein Reich, dein Schoß mein Thron, süße Prinzessin Pao, und deine Liebe ist mein Staatsgeschäft. Lach, lach mich an und gib mir deinen Mund! – Oh, das Glück der Fische im Wasser, wie die alten Dichter sagen!

Und so gingen drei Monate hin, während deren niemand den Kaiser sah und kein anderes Edikt von ihm an die Beamten kam, als dieses:

»In Anbetracht der ganz außerordentlichen Verdienste, die sich der Hofdichter We-tê-king um das Reich und Meine Person erworben hat, ernennen Wir ihn hiermit zu Unserm Hausminister mit dem Titel Ta-jen (großer Mann) und geben ihm Unser Lustschloß Wao-pa mit allem Lande in Umkreis von 300 Li zum Lehen. Wollen und gebieten auch, daß ihm in seiner Geburtsstadt ein Ehrenbogen errichtet werde mit der Aufschrift: Dem großen Dichter und warmen Patrioten We-tê-king, kaiserlichem Hausminister und Lehensträger, für ungewöhnliche Verdienste um den Staat und seine vorbildlichen Tugenden als Beamter von seinem dankbaren Kaiser Yu.«

– Fabelhaft! dachten sich die Beamten. Diese Dichter haben mehr Glück als Verstand. Jetzt müssen wir die Verse dieses Belletristen auswendig lernen und fleißig im Staatsrate zitieren. Unglaublich, was alles man muß, wenn man die diplomatische Karriere eingeschlagen hat.

Aber sie hatten ja Zeit, Verse zu memorieren, da die Regierungsmaschine stillstand. Es waren gewissermaßen Reichsferien, ein kleines Liebesinterregnum, währenddessen es keinen Kaiser Yu von China gab, sondern nur einen wahnsinnig verliebten Herrn vom Juwelenpavillon. »Der Alte im Barte«, den wir schon einmal zu zitieren Gelegenheit hatten, hat über dieses Interregnum folgende Verse gemacht:

Im weiten Reiche Teuerung
Und Mißwachs, Dürre, Wassersnot;
Am Grenzwall bellt Barbarenwut
Und wühlt der grimme Eberzahn:
Wo ist der Kaiser mit dem Schwert?

Der Kaiser liebt Hanftuch und Dorn. d. h. ein Mädchen, das früher einen Unterrock aus Hanftuch und statt der Haarnadel einen Dornenzweig im Haare getragen hat.
Er brach sich eine Blume hold,
Die heißt: Ich dufte übers Land;
Das schönste Mädchen nahm er sich,
Das jemals Kaiserliebchen war.

Sie saßen Bein an Beine stets,
Und Schulter stets an Schulter lag,
Wenn auf sie standen; tranken sie,
So tauschten küssend sie das Glas,
Und wenn sie aßen, teilten sie
Sich Schüssel, Teller, Stäbchen zu.

Es war kein Kaiser mehr im Reich,
Doch eine neue Kaiserin.
Die wußte nichts als Spiel und Tanz
Und Lachen, Küssen, Lieben und
In seidenen Gewändern gehn.
Weh, dreimal weh: es lauert schon
Das Unheil unterm Drachenschleim.

Einstweilen hieß das Unheil aber Schên-hao.

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