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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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XI.
Das talentvolle Mädchen.

Am nächsten Tage führte der Dichter das Mädchen aus Pao in das Haus von Madame Wo.

– Oh, sagte die, völlig betroffen von dieser Schönheit, was soll ich da noch viel tun? Es ist ja eine Gnade für mich, diese Blume betrachten zu dürfen. Schreiten wir gleich zur ersten Lektion!

– Oh, das ist interessant, meinte Herr We-tê-king und ließ sich in einen Sessel nieder.

– Nicht doch, verehrter Herr, erklärte die große Wo, so angenehm mir sonst Ew. Hochgeboren Gegenwart ist: jetzt müssen Sie die Gewogenheit haben, mich mit diesem Fräulein allein zu lassen. Es wäre in hohem Grade unschicklich, wollte ich sie in Ihrer Gegenwart dem Verdrusse einer Korrektur aussetzen, und überdies ist es unstatthaft, eine Dame, die für die Gemächer Seiner Majestät bestimmt ist, in Gegenwart eines andern Mannes zu unterweisen, und sei es selbst der erste Dichter Chinas.

Etwas vertattert erhob sich Herr We und stotterte: – Ich bitte vielmals um Vergebung, und ersuche um den Vorzug, von Zeit zu Zeit durch ein Billett über die Fortschritte im Unterrichte der verehrungswürdigen Dame auf dem Laufenden erhalten zu werden. Ich empfehle mich den Damen.

Wie Herr We hinaus war, warf sich Madame Wo mit einem zierlichen Schwunge vor Pao-Szö nieder, zog ihr die Schuhe aus und küßte sie auf die kleinen, weißen Füße und sprach: Ich bin die niedrige Sklavin meiner zukünftigen Kaiserin und bitte im voraus um gnädige Verzeihung, falls ich in die Lage kommen sollte, Eurer Holdseligkeit eine Korrektur zukommen zu lassen. Auch flehe ich um ein huldreiches Gedenken in der nicht mehr fernen Zeit, da die unvergleichliche Schönheit meiner erhabenen Gebieterin auf dem Schoße des Himmelssohnes thronen wird.

– Ist das denn so sicher? meinte Pao-Szö und legte den Kopf schief.

– So sicher, als ich weiß, was ein Mann ist.

– Was ist denn ein Mann?

Pao-Szö machte die Augen weit auf, in denen ein seltsames Glimmen war.

– Ein Mann, du Holde, ist ein Ding, das wunder wie streng und hart und rauh tut und sich viel hoch über uns Frauen dünkt. Wenn aber ein Mann ein Mädchen sieht, wie dich, so wird er linde, weich und zärtlich und weiß sich keine höhere Seligkeit, als deinen Fuß auf seinem Nacken. Reiß ihn im Barte, und er flötet: Ach, tut das gut! Schlag ihn ins Gesicht, und er wimmert: Ach, tut das lieb! Zieh ihm dein Hemd an, und er keucht vor Wonne: Ich schwebe in den Himmel!

– So ist der Mann ein närrisch Ding?

– Närrisch oder nicht: er ist dein Sklave.

– Aber, wenns der Kaiser ist?

– Und wenns der Kaiser ist!

– So so . . .

Pao-Szö verschränkte die Hände am Hinterkopf und schritt auf und nieder.

– Was muß ich aber tun, daß er mein Sklave wird?

– Wer schön wie du ist, mit Augen, hinter denen das große Geheimnis brennt, das einen Schein auswirft, der bis dorthin dringt, wo jeder Mann wehrlos ist; wer wie du sich nur zu bewegen braucht, um seine Schönheit nackt zu zeigen; wer so wie du eine Stimme hat, die eine Glocke aus allem Heimlichen und Süßen deines Wesens ist, eine Glocke aus der Tiefe des Weibes, in die jeder Mann versinken möchte und wüßte er auch, daß zehnfacher Tod da unten droht –: Wer so Weib und Kind in Einem ist wie du: der braucht gar nichts zu tun; der hat die Gnade . . . die Gnade . . .

Madame Wo war tief ergriffen und warf sich wiederum vor Pao-Szö nieder.

– Jeder Hauch aus deinem Munde wird ihm heilig sein, für jeden Blick aus deinen Augen wird er Länder und Städte hingeben, – frieren wird er, wo nicht die Wärme deines Leibes ist, und um jedes Lächeln deiner Lippen wird er betteln. Ah, du, du weißt nicht, wer du bist; du stehst so da und blickst mich groß an, und weißt nicht, was im Grunde deiner Augen glimmt; und deine Hände, die lässig herabfallen und auf den Schenkeln tasten, sie wissen nichts von ihrer Macht. Fast fürcht ich mich vor deiner Schönheit, die sich nicht kennt und doch nur immer sich selber lieben wird. Ich . . . ich . . . sieh: ich sah schon viele Mädchen und habe mich selber auch einmal gefühlt, – aber ein Wesen wie dich sah ich und empfand ich nie. Wie wenn ich in einen tiefen Brunnen schaute und sähe unten eine nackte Nixe, die die Fluten des Wassers in sich einzieht mit den Poren ihres Leibes und den Himmel mit hinabzieht mit dem Wasser, und alle Sterne und die Sonne und auch den Mond, – so ist mir, wenn ich dich sehe.

– Lala, was redet ihr da; so was versteh ich nicht und mags nicht hören. Lehrt mich singen und tanzen und gebt mir bunte Kleider. Gelbe Seide will ich und rote Schuhe, eine Schärpe aus Brokat um den Leib und Steine ins Haar! Hei und einen goldenen Reif um die Stirne mit kühlen Perlen und eine Laute in die Hand. Ists schwer, zu spielen?

– Hast du noch nie gespielt?

– Nein, nie.

– So nimm die Laute!

– Ists recht so?

– Aber du hast sicher schon gespielt; du hältst sie, wie jemand, dem die Laute vertraut ist von Kind auf.

– Nie hielt ich eine Laute. Greif ich so recht?

– Aber Wunder! Wunder! Nun erschreck ich noch mehr: Du greifst wie eine Künstlerin, und es klingt ohne Fehl.

Pao-Szö schloß die Augen und spielte eine schwermütige Weise. Dann ließ sie die Laute sinken und sprach: Wie schön das klingt. Lautenspielen gefällt mir.

Madame Wo machte ein unsagbar dummes Gesicht, ging ganz nahe an Pao-Szö heran, sah ihr in die Augen und schrie plötzlich laut auf: Kind, in deinen Augen zuckt es gelb auf! Wer . . . wer . . . bist du!? Ich fürchte mich.

– Tu nicht so dumm, Frau, sag mir lieber: muß ich auch dichten lernen, wie Herr We mir sagt?

– Dichten? Ja, das heißt, die Männer habens gern, wenn unsereins Worte schön zu setzen weiß und Reime auf die Liebe findet. Aber es muß nicht gerade sein.

– Ist es gedichtet, wenn ich sage:

Es steigt der Mond!
Die Sonne sinkt!
Schlaf dich schön!
Schlaf dich schön!
Mädchen, das den Mondstrahl trinkt!

Ist das gedichtet?

Pao-Szö blickte fast streng vor sich hin.

– Aber, aber, aber! Freilich! Es ist in der dunklen Art, die jetzt so beliebt ist! Wo hast du das her? Wo hast du das her?

– Weiß nicht. Ist mir auch gleich. Nun sag: wie ists mit dem Tanzen? – Aber halt! Erst gelbe Seide und die Schärpe aus Brokat! Schnell schnell!

Mit zwei, drei Bewegungen hatte sie sich entkleidet und sprang nun in der Lust ihrer Nacktheit durchs Zimmer.

– Mein Gott! Mein Gott! Was fängt sie an! Wo andere aufhören, da ist sie schon. Kind, Kind, du tanzest ja wie eine selige Göttin! Oh! Oh! das ist der pas volüptüeux, der pas ravissant, das ist die schwerste der Künste!

Zum dritten Male sank die große Wo vor Pao-Szö nieder, und diesmal rief sie: Kaiserin! Kaiserin! Herrin des Reichs! Sei mir gnädig! Bleibe mir gnädig! Das Heil meines Lebens ist eingezogen in dieses Haus! Oh Majestät Pao-Szö! Erhabene Mutter der sechs Serails!

Unablässig beklopfte sie den Boden mit ihrer Stirn.

– Seide! Seide! Gelbe, gelbe Seide! Wo ist die Schärpe aus Brokat? Sterne ins Haar! Hei und den Goldreif mit den nickenden Perlen!

Kaiser, mein Kaiser, komm, tanz mit mir! All meine Nacktheit verschenk ich dir!

Hahahaha!

Mit einem übermütigen Gelächter warf sie sich auf ein Polsterbett und rief: Ist jetzt die Stunde aus?

– Majestät! Majestät! Gnade mit Eurer Sklavin! Gnade! Gnade! Madame Wo kroch auf den Knien heran und bedeckte die erregt Atmende mit seidenen Tüchern, damit sie sich nicht verkühle.

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