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Das Schöne Mädchen von Pao

Otto Julius Bierbaum: Das Schöne Mädchen von Pao - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schöne Mädchen von Pao
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressLeipzig
titleDas Schöne Mädchen von Pao
pagesI-III
created20020707
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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VIII.
Das Mädchenschwärmen.

Das ließen sich die drei prinzipienlosen Herren nicht zweimal sagen und sandten flugs Agenten durch das ganze Land, schöne Mädchen aufzutreiben.

Es dauerte nicht lange, und ein Mädchenschwärmen hub an durch das Reich der Mitte, daß man hätte glauben mögen, es sei unter den jungen Dirnen Chinas mobil gemacht worden. Was nur ein bischen hübsch war, ließ sich anwerben, und alle Landstraßen waren voll von zierlichen Jungfrauen, die, unter der Führung von Ministerialgesandten, zur Residenz zogen. Es gibt ein altes Duett darüber:

Fein Dirnlein du, fein Dirnlein du,
Wo gehst du hin im Reiseschuh?

Ich reise in die große Stadt,
Wo sein Haus der Kaiser hat.

Ei, das ist ein gar feiner Ort;
Fein Dirnlein du, was willst du dort?

Dort eß ich von Golde, wie jetzt von Zinn,
Denn morgen bin ich Kaiserin.

Aber so groß waren die sechs kaiserlichen Serails denn doch nicht, um all das willig flügge Jungfernvolk aufzunehmen. Auch fand der Kaiser, so oft er auch Parade über die nach Landschaften in Nationaldivisionen eingeteilten Mädchen abhielt, nicht eine einzige, die ihm besonders gefallen hätte. Ein paar hundert behielt er ja zurück, aber mehr aus landesväterlicher Huld und um nicht in den Ruf der Gefühllosigkeit zu kommen, als aus wirklichem Interesse.

– Etwas Besonderes möchte ich haben, meine Herren, nicht bloß gute Mittelware. Eine, in die ich mich mal richtig verlieben kann. Wie unser We-tê-king so schön singt:

Ich sah sie an: Da ward der Himmel klar,
Und helle ward, was vorher dunkel war.

Der schwarze Wald wuchs als ein Flammenmeer,
Es brannte, brannte alles um mich her.

Und um die Hüfte nahm ich sie und sprang
Ins Flammenmeer, in dem das Glühen sang.

So was möcht ich. Alles andere ist wie ein laues Bad. Und a propos, mein lieber We-tê-king: ich muß es sonderbar finden, daß Sie Ihre schönsten Genüsse für sich behalten. Es wäre loyaler, mir auch etwas abzugeben. Sie müssen doch derlei glühende Sachen erlebt haben. Warum verhelfen Sie mir nicht auch dazu?

Der Dichter We-tê-king machte ko-tao und lispelte: Majestät, ich bin bloß ein Dichter, Sie aber sind Kaiser von China. Wie könnte, was mich in Glühen bringt, auch Ew. Majestät genügen? Was mir schon Wunder ist, das ist dem Sohne des Himmels gemein. Jenes Lied machte ich auf eine – Köchin. Ew. Majestät würde sich von dieser Person nicht einmal eine Hühnerbrühe kochen lassen.

– Wunderlich! bemerkte der Kaiser. Eine Köchin! Wer hätte das gedacht! Aber wer weiß: vielleicht sind es gerade die Köchinnen? Die Liebe ist doch eine mysteriöse Sache . . . Aber gleichviel: es ist mir klar, daß niemand mehr dazu geeignet ist, mir diese Sensation zu verschaffen, als Sie, mein lieber We-tê-king. Und wenn es eine Köchin, eine Ausgeherin, eine Kuhmagd wäre: Sie müssen mir eine bringen. Gelingt es Ihnen, so berufe ich Sie in den Staatsrat mit dem Titel und dem Gehalt eines kaiserlichen Hausministers; gelingt es Ihnen nicht, so haben Sie am längsten Liebeslieder gesungen und kommen unter die Eunuchen. Dies ist mein unabänderlicher kaiserlicher Wille. Richten Sie sich darnach!

Der Hofliebesdichter hatte eine Empfindung, wie wenn er operiert würde, verwünschte seine sämtlichen Gedichte und erwog die Frage in sich, ob er nicht besser täte, sich gleich aufzuhängen. Schließlich aber dachte er sich: wer weiß! Suchen wir halt erst mal! Glückts nicht, so wird der Hanf bis dahin auch nicht aufgeschlagen sein.

Und so begab er sich auf die Mädchensuche.

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