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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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146 Neuntes Kapitel

Die Fenster eines eleganten Salons im Hôtel de la ville zu Triest boten einen entzückenden Blick auf den Hafen, den Schornsteinwald vieler Schiffe und hinaus auf die blaue Adria. Drüben am neuen Kai die wuchtigen Orientdampfer, am Molo San Carlo griechische Zweimaster, die Triest mit Feigen versorgen, dazwischen Schoner und Kauffahrteischiffe aller Länder, und dann das Chaos von Gaëten, Misticos, Navicellos, Trabacolos, Brazzevas, Polaccas, wahre Nußschalen gegen die stolzen Lloydschiffe, winzige Boote, die gegebenenfalls vor der Bora flüchten wie die Spreu vorm Wind, sonst aber, das lateinische, vielfach geflickte Segel gehißt, kühn hinausfahren in die blaue See. Reges Leben herrscht im Hafen; wo immer zwei braune Gestalten zusammentreffen, wird gelärmt, als stecke einer am Spieß, die Lebhaftigkeit des Südens macht sich allenthalben geltend trotz der Hitze, die brütend über der reizenden Bai liegt.

Theo konnte sich von dem fesselnden Bilde nicht losreißen, immer wieder erquickte sich sein Auge daran, entzückt pries er den Gedanken Wurms, diesen Abstecher vorgeschlagen zu haben, denn wahrscheinlich nie im Leben wäre Theo ohne diesen Vorschlag an die 147 Gestade der Adria gekommen. »Und Venedig soll noch interessanter sein?« fragte Theo seinen Begleiter, der gelangweilt am Fenster stand.

»Geschmackssache! Habe übrigens aus dem Fahrplan ersehen, daß Überfahrt zur Lagunenstadt nur nachts stattfindet, Ankunft in Venedig sechs Uhr früh! Das ist nichts für Sie, kostet die Nachtruhe! Ich schlage einen Abstecher entweder nach Korfu oder Brindisi auf einem großen Dampfer vor!«

»Auch recht! Aber können wir zum Monatsersten wohl rechtzeitig daheim sein?«

»Unbesorgt! Ich bürge dafür, allerdings vorausgesetzt, daß uns das Geld nicht ausgeht. Von Brindisi müssen wir Schnellzüge bis Verona, von da ab den Südnordexpreß benützen, um pünktlich in Schloß Ried zu landen!«

»Geld habe ich genügend mit, langen wir mit tausend Mark?«

»Gewiß! Nur muß deutsche Reichswährung hier in italienisches Geld umgetauscht werden. Ich werde das gleich besorgen. Darf ich bitten, nun mit mir zu einem echt Triestiner Frühstück zu gehen?«

»Das können wir doch auch im Hotel nehmen? Kann mich nicht trennen von dem Blick auf den Hafen!«

»Der Besuch einer Trattoria bietet auch etwas für Sie Neues! Kommen Sie!«

Einigermaßen widerwillig fügte sich Theo und ging mit. In der Halle des eleganten Hotels kam den Herren eine äußerst anziehende, elegant gekleidete 148 schlanke Dame von reizenden Körperformen entgegen, die dem jungen Schloßherrn verführerisch zulächelte, als Theo unwillkürlich ehrerbietig grüßte.

Vor dem Hotel am Kai promenierend, fragte Theo, wer wohl die elegante Dame sein könnte, jedenfalls von Distinktion.

»Wünschen Sie Anschluß?« fragte Wurm.

»Wäre entzückende Reisegesellschaft, fürchte aber, daß mir der Spaß zu teuer kommen könnte.«

»Keine Angst! Sie brauchen sich keineswegs hoch zu engagieren!«

»Kennen Sie die elegante Schönheit?«

»Hm! Diskretion bindet mir eigentlich die Zunge, darf einen hohen Herrn nicht bloßstellen . . .«

»Wieso hohen Herrn? Dann wäre ja die Dame . . .«

»War Vorleserin bei einer Hoheit, hm, persona gratissima, mußte aber wegen Toleranzmangel der legitimen Gnädigsten die Segel streichen. Doch wir müssen dem Canale grande zusteuern, hübscher Blick, was?«

Für die griechischen Schiffe im Kanal, der bis zur Fruchthalle im Stadtinnern sich hinzieht, hatte Theo nun kein Interesse mehr, ihn beschäftigten Gedanken an die schöne Dame, die nach der Erzählung Wurms nicht mehr unerreichbar scheint. Ein galantes Reiseabenteuer wäre nicht so ohne, nur hegte Theo, dem dergleichen neu war, die Sorge, daß die Groschen zu früh alle werden könnten; ein Heimtelegraphieren um Geldnachsendung war aber undenkbar, müßte das 149 Geheimnis dieser reizvollen Spritzfahrt aufdecken und einen heillosen Verdruß bei Mama erzeugen. Es hieß also sparsam sein und kostspielige Sprünge vermeiden.

Wurm geleitete seinen jungen Chef in die Trattoria Bisaldi, ein Restaurant, bürgerlich geführt und doch originell. Inmitten des Lokales befand sich die Küche, ein offener Herd mit Feuer unter den Rosten, am Büfett lagerten frische Fische zur Schau, Meerspinnen und Austern, eine Augenweide für den Südländer. Ein Duft von Öl, Fischen und Gulasch zog durch den Raum.

Die Herren ließen sich an einem Tische nieder, dessen ehemals weiß gewesenes Linnen breite Rotweinflecke aufwies.

Ein Kellner sprang herbei und schnatterte: »Die Erren sein Tedeschi, habe die Ehre, wünschen?«

»Wir sind erkannt!« lachte Theo.

Wurm bediente sich trotzdem der italienischen Sprache: »Portatemi vino nero Terano!«

»Si, Signor!« rief der Kellner und holte den verlangten tiefdunklen Istrianerwein. Als der Kellner mit zwei Porzellangefäßen, die eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Geschirren für Kaffee und Milch hatten, angerückt kam und diese aparten Gefäße schwarzen Wein enthielten, lachte Theo, daß ihm das Wasser in die Augen schoß. »Führ' ich bei meinen Wirten ein, Bier aus Kaffeekännchen, das wäre famos!«

»Die Erren wünsche su speis?«

150 »Pesce!«

»Aber tun Sie doch dem Kerl den Gefallen und bestellen Sie auf deutsch!« bat Theo, dem das gebrochene Deutsch des Kellners Vergnügen bereitete.

»Subito, Signori! Gleik!«

Von den Fischen in tadellos frischem Zustande wählten die Herren rotgoldene Orada, eine Portion Sepia fritte sowie Austern. Letztere wurden sofort vor den Augen der Besteller geöffnet und mit riesig großen Zitronen gebracht.

»Was? Die Austern sind ja nahezu schwarz!« rief Theo überrascht.

»Die Triestiner Auster ist immer dunkel, keine Natives, aber ebensogut, wenn frisch. Der Ruf Bisaldis gewährleistet frischeste Ware!«

»Nein, ich kann das schwarze Zeug nicht essen!«

Wurm zuckte mit den Achseln und schluckte mit Virtuosität das Dutzend eiligst hinunter.

»Das Austernessen haben Sie los, Herr Verwalter!« staunte Theo.

Ein schwerer Duft und Dunst von heißem Öl zog durch die Trattoria, es schmorte die Orada, mit Olivenöl begossen, auf dem Rost, und ein Teil Tintenfisch wurde in heißem Öl gebacken.

Theo hustete, und als ihm die Orada, wunderbar gebraten und garniert vorgesetzt wurde, mußte der Schloßherr sich zwingen, wenigstens einen Bissen zu kosten. Das Öl aber machte ihm den Imbiß ungenießbar. »Weg damit oder es geschieht ein Unglück!«

151 Grinsend trug der Kellner die Speise weg und lachte leise: »Tedeschi sempre!«

Theo glaubte, auch dem schwarzen Wein Mißtrauen entgegenbringen zu sollen, kostete aber doch und fand den Istrianer Rebensaft gut.

»Trinken Sie nach Herzenslust, Herr Tristner, der Wein ist echt und kann en gros an der Meeresküste genossen werden. Sie glauben gar nicht, was die Seeluft alles bewirkt!«

»Oh, das will ich nicht bezweifeln!« meinte Theo und bat hierauf, es möge Wurm die Zeche bereinigen und ihn zum Hotel zurückgeleiten. Ein Viertelstündchen später standen die Herren wieder am Hafen und pilgerten auf den Platten dem Hôtel de la ville zu, um hier auf deutsche Art zu frühstücken.

Die letzten Bedenken Theos gegen einen Ausflug zur See schwanden beim Anblick der reizenden Dame, die reisefertig das Hotel verließ und sich zum Hafen begab, um frühzeitig an Bord zu gehen. Zu Wurm gewendet, fragte Theo: »Wissen Sie denn, wohin die Dame fährt?«

»Das Reiseziel dürfte Korfu sein, denn der Eildampfer ›Venus‹, der um vier Uhr Triest verläßt, fährt direkt nach Korfu. Ich vermute, daß sich die Dame um eine Stellung bewerben wird.«

»Gut, fahren wir mit! Besorgen Sie alles Weitere! Ich gehe gleich an Bord!«

Wurm nickte sehr zufrieden, veranlaßte aber Theo, zu warten, bis im Hotel alles erledigt sei.

152 Gegen vier Uhr bestiegen die Herren den Dampfer, auf dem reges Leben herrschte.

»Hojo-tirra-hoj!« tönte es aus den Kehlen der Träger, die auf schwankenden Landungsbrettern die Lasten auf den schmucken Dampfer schleppten. Dicker Rauch qualmte aus dem Schlot und verfinsterte den Hafen, die Dampfkranen rasselten, es war ein fieberhaftes Hasten und Jagen.

Die Flut im Hafenbecken schimmerte perlmutterfarbig, silbern glänzte draußen die See. Auf der staffelförmigen Landschaft mit ihren immergrünen Gewächsen und den hellen Flecken, den palastähnlichen Häusern dazwischen, lachte goldiger Sonnenschein.

Schon wurden die Schiffsmagazine geschlossen, Fracht und Gepäck war verstaut, die letzten Passagiere kamen an Bord, die schweren Brücken waren an Land gezogen, nur eine schmale Brücke mit Seilgeländer verband den Bord mit dem steingefügten Ufer. Dumpf dröhnte der Pfiff der Dampfpfeife. Wer nicht mitfuhr, mußte nun das Schiff verlassen, das Abschiednehmen begann. Würdevoll begab sich der Kapitän auf die Kommandobrücke, die Offiziere nahmen ihre Posten ein; die schmale Brücke wurde, nachdem die letzten Begleiter an Land zurückgekehrt waren, eingezogen. Nur noch an vier schweren Seilen hing der Dampfer mit dem Lande zusammen. Da ertönte das Kommando des Kapitäns.

Der Offizier, dem die Bedienung des Sprachrohres hinab in den Maschinenraum oblag, gab augenblicklich 153 den Befehl »Avanti!«, und im gleichen Moment schlug die Schiffsschraube das Wasser zu mächtigen rauschenden Wellen.

Langsam, majestätisch zog der Dampfer in See.

Hin und her tönten die Rufe: »Felice viaggio!« Tücherschwenken, letzte Grüße, Tränen, Freudenrufe.

Spitzflügelige Möwen umflattern das Schiff, als wollen auch sie Abschied nehmen, sie schwirren um die Masten, lassen sich in See fallen und küssen die weißen Perlenschnüre der Wellenkämme.

Wie gebannt blicken die Passagiere zurück auf die im Abendsonnenschein glühende Stadt und die verschwimmenden Konturen des Karstgebirges. Ein entzückend schönes Bild.

Ein Addio noch dem treuen Leuchtturm, einen Blick auf das einst venezianisch gewesene Capo d'Istria und das prächtig gelegene Pirano, dann versinkt der Golf von Triest mit der Silhouette des Kaiserschlosses Miramar; mattfarbene Dämmerung fällt ein, mählich erglänzen die Sterne am Firmament.

Vereinzelt schwimmen kleine Boote und Zollkutter auf der schwach irisierenden Meeresfläche, sie suchen das heimatliche istrische Gestade auf, bevor die Nacht einbricht.

Wie ein edler Renner geht der Dampfer in See.

Für Theo Tristner war alles so neu und fesselnd an Bord und um das Schiff, daß er auf seinen Begleiter wie auf das erhoffte Reiseabenteuer völlig vergaß. Der Abend auf hoher See nahm seine Sinne 154 gefangen. Fast unwillig zuckte Theo zusammen, als der Ruf: »Ratazza!« ertönte, doch guckte Theo wieder neugierig auf das Vorderdeck, um zu sehen, was dieser Ruf zu bedeuten habe.

Der alte Brauch der Arbeitsverteilung zur Bordreinigung wird eben inszeniert, indem der Bootsmann die zwei jüngsten Matrosen auswählt, dem einen die Ratazza (mehrere alte Schiffsseile aufgedreht und an einem Ende zusammengeknotet) übergibt, dem andern einen Besen einhändigt unter entsprechender Belehrung.

Munter traten die Burschen, echt südländische Gestalten, ihren Dienst an; der eine wischt mit der angefeuchteten Ratazza alle auffindbaren Flecken an Bord sauber auf und achtet sorgsam auf jede Bewegung der Mannschaft. Spuckt ein Matrose den Priemchensaft im Bogen auf Deck, flugs ist die Ratazza in seinen Händen, es muß nun der Verunreiniger das Amt übernehmen und so lange verwalten, bis er seinerseits jemanden erwischt. So bleibt die Ratazza während der ganzen Reise in Tätigkeit und das Deck sauber. Der Besenmann hingegen fahndet nach Staub und Leuten, die Zündhölzer wegwerfen. Theo mußte lächeln, als er sah, wie flink der Besenmann sein Instrument los ward und einem Schiffsjungen einhändigte, der nun verblüfft den Besen betrachtete.

Auch zahlreiche Passagiere beobachteten die amüsante Szene, erfahrene Reisende mit großem Interesse, wissend, daß der »Grünling« an Bord, der Junge, nun 155 das Opfer verschiedenen Schabernacks werden müsse. In der Tat nützte der Koch das letzte Licht und die zum Ulk reizende Situation und rief dem besenbewaffneten Schiffsjungen zu: »Gallina verde!«

Die Passagiere lachten hell auf, betroffen stand der Junge, der mit der italienischen Schiffssprache noch nicht genügend vertraut zu sein scheint. Doch »gallina« hat der Junge sofort verstanden, flink springt er dem Platz zu, wo die Hühnersteigen mit lebendem Geflügel sich befinden, eifrig prüft er die Hühner auf ihre Gefiederfarbe. Betrübt kam der Junge zurück und meldete dem Koch in holperigem Italienisch, daß ein grünes Huhn sich nicht in den Steigen befinde.

Belustigt ob des Reinfalles lachen die Passagiere, und die Mannschaft johlt vor Vergnügen.

Theo empfand trotz der Komik dieser Episode Mitleid mit dem Jungen; doch nahm das herrliche Naturschauspiel des aus den Fluten steigenden Mondes seine Aufmerksamkeit nun voll in Anspruch. Auch der Junge guckte wie verzückt, er mochte wohl seine erste Fahrt in See machen und vergaß auf die nie schlummernde Spottlust bocchesischer Schiffsmannschaft.

Hell glänzte das Silberlicht der keuschen Luna auf der schimmernden See.

Wurm kam in Begleitung der Dame nun zu Theo und machte die Herrschaften miteinander bekannt. »Fräulein Senta Camacero aus Florenz!« – »Herr Theo Tristner von Schloß Ried, Rittergutsbesitzer!«

Heiß drängte ihm das Blut zum Halse hinauf beim 156 Anblick der reizenden, glutäugigen Dame, die liebenswürdig und ohne Ziererei lächelnd, so daß blendend weiße Zähne glänzten, dem jungen Herrn die Hand reichte. Wurms scharfer Blick beobachtete Theo, der in hilfloser Verlegenheit sich befand, weil er eine Konversation in italienischer Sprache, zweifellos der Muttersprache der Schönen, nicht führen konnte. Holprig stotterte Theo: »Grazie, Signora! Le sono molto obbligato della sua gentilezza, ma parlo solamente un poco italiano . . .!

»Bitte, Herr Tristner, wir wollen deutsch sprechen!«

»Mit Wonne, Gnädigste! Ich dachte, als Florentinerin würden Sie der deutschen Sprache nicht mächtig sein!«

»O doch, ich wurde in Florenz von deutschen Eltern geboren, habe sonst keine Gemeinschaft mit Italien, wenn ich selbstverständlich auch italienisch spreche. Sie reisen, wie mir Herr von Wurm sagt, gleichfalls nach Korfu?«

»Eigentlich bin ich über die Ziele unsrer Fahrt im unklaren, ich fahre, sehe, bewundere und fühle mich im höchsten Maße glücklich ob dieser Reise, so fremd mir auch alles ist.«

»Nun, dann gestatten Sie einer vielgereisten Dame, daß diese Sie etwas bemuttert, ja?«

»Mit größtem Vergnügen werde ich mich unter Ihre Fittiche begeben!«

»Gut! Ich schlage vor, wir feiern unser Zusammentreffen bei einem fiasco Chianti vecchio! Kommen 157 Sie, meine Herren, in den Speisesaal! Mir wird es auf Deck nun doch zu kühl!«

Wurm ließ seinem Chef bereitwilligst den Vortritt, Theo reichte der feschen Dame seinen Arm und schritt mit der entzückenden Florentinerin voran. Wurm folgte hinterdrein und pfiff vergnügt, doch leise durch die Zähne.

Im luxuriös ausgestatteten Speisesaal bei Backwerk und ausgezeichnetem Chianti ward das Zusammensein eine Festlichkeit, deren Zauber sich Theo willig hingab. Er vermeinte, niemals im Leben eine so schöne, entzückende, reizvolle Dame gesehen zu haben, deren Liebenswürdigkeit fesseln mußte. Gewiß, Fräulein Camacero gibt sich frei, ungezwungen, das bringt aber das Reisen mit sich, eine gewisse Selbständigkeit ist das Ergebnis vieler Reisen; die Dame plaudert amüsant, taktvoll, geistreich, bekundet Wissen und läßt erkennen, daß sie einer gewissen Gemütlichkeit, wie der Süddeutsche solche liebt, durchaus nicht abhold ist. Faszinierend ist das Auge, sprühend, lodernd manchmal der Blick, wie sehnsüchtig verlangend. Doch nur selten traf ein sinnlich glühender Blick Theo, die Lider mit langen Wimpern senkten sich, verhüllten den Spiegel der Seele. Blauschwarz das üppige Haar, fast ohne Zugeständnis an moderne Frisur, eher absichtlich schlicht gehalten. Die Dame trug dunkle Seide, eng anliegend, eine wundervolle Büste wird knapp umspannt und läßt entzückende Reize erkennen. Ein leiser Veilchenduft weht von dieser Sylphidengestalt, die geschaffen ist, Männeraugen zu verwirren.

158 Theo schwamm in einem Wonnetaumel in Gesellschaft dieses herrlichen Weibes. Vergessen ist die arme Eugenie, die, selbst wenn sie noch lebte, nicht mit Senta, der Göttlichen, verglichen werden könnte. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Jener Hoheit Sympathie für dieses Götterweib begriff Theo, er fühlt ja selbst eine Sympathie, die vielleicht morgen schon zur lodernden Liebesglut gesteigert sein wird, ein Herzklopfen, so wild und stürmisch, daß er vor Lust und Verlangen schielen, das herrliche Weib an sich ziehen, drücken und küssen möchte, selbst wenn er im selben Augenblick mit Senta und dem Schiff versinken müßte in die Tiefe des Meeres.

Wurm mahnte zum Aufbruch. Er sagte zu Theo, daß schlechte See zu erwarten und es angezeigt sei, die Kajüten aufzusuchen.

Etwas besorgt erhob sich Fräulein Senta sogleich, und damit war auch für Theo das Signal gegeben, aufzubrechen. Heulende Windstöße empfingen die Passagiere, die »Venus« stampfte schwerer See, einem bösen Nachtgewitter, entgegen. Jäh wich alle Liebesglut, Theo vermochte sich kaum mehr zu verabschieden und wankte hinweg, dem Meergott den ersten Tribut zu entrichten und dann seine Kabine aufzusuchen, um darin eine Nacht des Jammers und physischen Elends zu durchwachen.

Marenda und Pranzo gingen, unbeachtet von den meisten Schiffspassagieren, vorüber, Theo fühlte sich so elend, daß er den ganzen Tag und auch am Abend 159 unsichtbar blieb; er befolgte Wurms Rat und unterzog sich einer Hungerkur, die ein Heilmittel gegen die Seekrankheit sein soll.

Der dritte Tag brach an, die »Venus« befand sich am Eingang zur klippenreichen Meeresenge von Korfu, und unfreundlich präsentierte sich der Himmel Joniens, nebeldrohend, somit im Gebiete der prallen Felswände schwere Gefahr bietend.

Als Theo auf Deck kam, stand der Kapitän auf der Kommandobrücke, um persönlich scharfen Auslug zu halten und das Schiff in den schmalen Kanal zu bringen. Die ernste Miene des Kommandanten rief sowohl bei Theo wie bei anderen Passagieren Besorgnis hervor, auch Fräulein Senta, in einen eleganten Mantel gehüllt, verhehlte die Angst vor der Kanalfahrt nicht, als sie Theo zum Gruß die Hand reichte. Nur Wurm blieb gelassen, oder er heuchelte Gleichgültigkeit und qualmte eine Zigarette in frischer Morgenluft. Wohin das Auge streifte, nichts wie Felsen, die eine Höhe von fast 950 Meter erreichen, und Wasser ist zu sehen; die Steilstürze dieser Felskolosse scheinen so nahegerückt, daß man glauben möchte, es sei unmöglich für ein Schiff, durch diese Enge sich durchzuwinden.

Das Auge des Steuermannes ist nicht mehr auf den Kompaß gerichtet, der wetterharte braune Mann dirigiert das Steuer nur noch nach Weisung des Kapitäns, der jetzt neben der Sprachrohrmündung steht und das Falkenauge vorwärts richtet, dem 160 grimmigsten Feind dieser Küstenfahrt, dem Nebel, entgegen. Die »Venus« fährt im tempo lento und nimmt, gehorsam dem Steuer, die erste Kurve im Kanal. Ein Fluch entfährt dem Munde des Kommandanten, voraus war Nebel in dicken Schwaden, ein Nebel, so dicht und schwer, daß man nicht mehr aus zehn Fuß vorausblicken kann.

Jetzt war die Gefahr da, die nächste Viertelstunde konnte den Tod aller bringen, denn fällt das Schiff vom Kurs ab, so fährt es an die Prallfelsen und muß zerschellen. Aber auch mitten im Kurs der Meerenge droht Verderben, wenn sich gleich der »Venus« ein andres vom Nebel überraschtes Schiff im Kanal befindet und nordwärts steuert, während die »Venus« gen Süden fährt. Auf einen Befehl des Kapitäns begann die Sirene zu heulen, markerschütternd, die Angst und Sorge vermehrend.

Senta flüchtete zu Theo und umklammerte seinen Arm, das schöne Weib suchte Schutz beim jungen Schloßherrn, dem vor Schrecken über die grauenhafte Situation die Zähne klappern. Selbst die Mannschaft stand unter dem Eindruck drohender, schwerer Gefahr und stiert bleichen Antlitzes in den undurchdringlichen dicken Nebel.

In unerschütterlicher Ruhe stand der Kapitän auf seiner Brücke, der jetzt die Uhr in der linken, die Spezialkarte des Kanals von Korfu in der rechten Hand hält und nach Zeit und Ortsberechnung genau und scharf seine Befehle gibt.

161 Mit eiserner Faust hält der Steuermann das Rad umklammert, und gespannt blickt und horcht er auf den Kommandanten. Das Leben aller hängt an einem Wort, an einer einzigen Drehung des Steuerrades, und das fühlt jedermann an Bord, daher eine geradezu wahnsinnige Aufregung alle erfaßt.

Selbst die Offiziere empfinden Sorge, ja Angst ob der Tollkühnheit des Kapitäns, der alles wagt im Angesicht des lauernden Todes.

Da plötzlich ein Windstoß, der ein klaffendes Loch in das Nebelchaos reißt, eine Brise steift sich auf, der Nebel steigt höher, blauer Himmel lacht dazwischen, der ganze phäakische Zauber ist mit einem Male da, der Dampfer liegt am Eingang zum Hafen vor Korfu, vor der Stadt des »Alkinoos«.

Ein Viertelstündchen später legte die »Venus« am Hafen zu Korfu an, die gefährliche Nebelfahrt ist glücklich beendet.

Theo verließ, bleich bis in die Lippen, das Schiff, und noch am Hafen stehend, erkundigte er sich nach der nächsten Schiffsgelegenheit zurück nach Triest.

Vergeblich suchte ihn Wurm zu einem, wenn auch kurzen, Aufenthalt in Korfu zu bewegen.

Fräulein Senta hielt sich an Theos Seite und erklärte mit aller Bestimmtheit, mit Herrn Tristner möglichst sofort nach Triest zurückreisen zu wollen; die Überfahrt habe sich auf ihre Nerven gelegt, sie verzichte auf jedes Engagement in Korfu und wollte nach Deutschland zurück.

162 Auf dem Dampfer »Poseidon« fuhren die Herrschaften noch am gleichen Tage durch den nun klaren Kanal gen Norden, erschauernd die Meerenge und Felsenwildnis betrachtend, die am Morgen bei dichtestem Nebel ohne Unfall durchfahren worden war.

Erst auf festem Lande, in Triest, fand Theo innere Ruhe und mit dem Humor die Lebenslust wieder, doch wollte er den Nachtzug nach Wien benützen, um möglichst rasch Schloß Ried zu erreichen, wohin zu kommen er aus Höflichkeit Fräulein Senta einlud.

»Möglich, daß ich gelegentlich komme!« meinte die schöne Dame, »zunächst fahre ich mit nach Wien!«

Wurm besorgte alles, ein reichliches Trinkgeld verhalf zu einem reservierten Abteil für Theo und die Dame. Wurm selbst löste sich ein Billett erster Klasse und richtete sich auf rotem Samt häuslich ein zu bequemer Fahrt, das Pärchen seinem Schicksal überlassend.

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