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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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133 Achtes Kapitel

Mit der Tatsache, daß Baron Hodenberg sich ausquartierte und in der »Post« zu Ried niederließ, hatte Olga sich abgefunden und nach Überwindung des ersten Ärgers einverstanden erklärt. Daß aber Hodenberg nun seit mehreren Tagen den Verkehr mit seiner Braut eher mied denn suchte, diese Tatsache empörte Olga und bereitete ihr eine schmerzliche Enttäuschung, die zu völliger Verblüffung wurde, als eines Tages ein Brief an »Freilein Olga Dristner Hochwolgeporen Schlos Ried« abgegeben wurde. Handschrift und Orthographie mußten den Verdacht erwecken, daß der Baron sich entweder einen beleidigenden Witz erlaubte oder den Brief von einem Postboten schreiben ließ. Der Briefinhalt mit schauerlicher Orthographie entsprach der Adresse und besagte, daß Hodenberg, durch den plötzlichen Tod des Fräulein Eugenie sehr irritiert, sich außerstande fühle, das Schloß zu betreten. Sein Gemütszustand habe sich verschlimmert, erfordere strenge »Glausur«, ein völlig zurückgezogenes Leben. Vielleicht aber kehre er zurück, um die Braut zu holen.

Olga starrte auf die von ungelenker Hand geschriebenen Zeilen, die kein süßes Wort der Liebe 134 enthielten; ein Widerwillen, ja Ekel erfaßte das Mädchen, eine Angst, die völlige Ratlosigkeit und Verwirrung erzeugte. Kann ein Edelmann aus vornehmem Hause schreiben wie ein Schafknecht? Soll dieser Brief ein »Witz« sein? Wenn ja, hat der Absender kein Gefühl dafür, daß solche Epistel in höchstem Maße beleidigend für die Empfängerin wirken müsse? Wenn Hodenberg wirklich gemütskrank ist, nie und nimmer darf er einen solchen Brief schreiben! Selbst ein Wahnsinniger wird nicht in gleicher Weise schreiben! Hat Hodenberg unfaßlicherweise den Brief diktiert, von fremder Hand schreiben lassen, so mußte den Baron der Takt abhalten, solches Gekritzel abzuschicken. Im persönlichen Verkehr war Mangel an Takt und Umgangsform nicht wahrnehmbar gewesen, es ist also undenkbar, daß dieser entsetzliche Brief von Hodenberg stammt. Wer aber konnte von den zarten Beziehungen Kenntnis haben, wer schrieb diesen, Absender wie Empfänger gleich blamierenden Brief? Hat ihn Hodenberg geschrieben, so steht der Baron auf der Bildungsstufe eines Roßknechtes, der Verfasser kann kein Edelmann, kein Gebildeter sein, er ist in diesem Falle nicht, was zu sein er behauptet.

Olga wollte schreien vor Angst und Zorn, zu Hodenberg eilen, ihn auffordern, Rechenschaft zu geben, ja sich zu legitimieren über seine Person und Abkunft. Doch die Vernunft wies diesen Gedanken wieder zurück. Es war unstatthaft, unmöglich, daß eine gebildete Dame aus gutem Hause einem Manne 135 nachlief. Und selbst wenn Olga den Baron zur Verantwortung auffordern würde, welchen Gefahren für den guten Ruf würde sie sich aussetzen! Entlarvt Olga den Mann als ungebildeten Menschen, was war damit erreicht? Mit ihm hatte sie sich heimlich verlobt, ihm hatte sie das Jawort gegeben, an seiner Seite wollte sie glücklich werden! »Gott, was habe ich getan!« jammerte Olga in bitterster Seelennot. Unmöglich ist eine Aussprache mit der Mutter wie mit Theo; leiseste Andeutung eines Verlöbnisses müßte zum Bruch führen. Eine Olga Tristner verlobt mit einem Manne, der solche Briefe schreibt – undenkbar! Und das Undenkbare ist Tatsache! Kann die Verlobung rückgängig gemacht werden? Eine kurze Zeile an Hodenberg würde genügen. Aber darf man einem so ungebildeten Manne eine Zeile anvertrauen? Und noch dazu das Eingeständnis der Existenz früherer Beziehungen? Wer bürgt dafür, daß mit der Absage nicht Unfug getrieben wird?

Olga dachte an die Herrin von Zankstein, die vielleicht klar sehen, Rat erteilen könnte. Benedikte schien aber doch selbst an Hodenberg Gefallen gefunden, sich für ihn interessiert zu haben. Und so intim befreundet ist Olga mit der Zanksteinerin doch nicht, um das Geheimnis der Verlobung und des Hodenbergschen Briefes Benedikten anvertrauen zu können.

Auch an den ihr bisher nichts weniger denn sympathischen Amtsrichter, den verknöcherten Aktenmenschen, mußte Olga denken. Doktor Thein würde 136 ihr sicher am besten raten können, doch wie blamiert müßte Olga vor dem Richter stehen!

Ist es wirklich undenkbar, daß ein in Umgangsformen sonst gewandter Mann schlecht schreibt, Fehler im Satzbau und Orthographie macht? Olga gestand sich selbst zu, daß auch ihre Briefe nicht völlig fehlerfrei seien, und sie noch im Pensionat mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß stand.

Diese Gedanken erweiterte Olga nach Art der nach Strohhalmen greifenden Ertrinkenden so lange, bis sie eine Entschuldigung für den Brief fand und daran glaubte. Die mühsam erreichte Einlullung des Gewissens zerriß wie Nebel im Nordwind, als Theo eines Tages erzählte, daß Baron Hodenberg im benachbarten Heilbrunn weile und unsinnig wirtschafte, das Geld mit vollen Händen von sich werfe, Sektgelage veranstalte, Hasard spiele, kurz der Löwe des kleinen Badeortes sei und gewaltig aufdrehe.

Olga erbleichte bis in die Lippen, ein Zittern lief durch ihren schönen, zierlichen Körper, sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Gemütskrank will Hodenberg sein und treibt es toll im Bad Heilbrunn! Lug und Trug alles! Frage um Frage drängte sich auf die Zunge, doch Olga schwieg und kämpfte ihren Schmerz wie die Seelenangst nieder.

Bei Tisch erzählte Theo diese Geschichte der Mama, die sogleich Gott dankte, daß dieser Sausewind ihr Haus verlassen habe.

Gereizten Tones warf Olga ein, daß die 137 Aristokratie andre Lebensbedürfnisse hätte, an Müßiggang gewöhnt sei, und Bürgersleute kaum das nötige Verständnis für das Leben des Hochadels besäßen.

»Olgele, blamier dich nicht!« lachte Theo, »mit solcher Verteidigung kommst du sicher unter die Wagenräder, und dein Liebling wird in Ewigkeit kein Heiliger!«

»Ich will nicht daran glauben, daß meine Tochter auch nur in Gedanken eine Verbindung mit dem Baron, der mir ein Abenteurer zu sein scheint, für möglich gehalten hat!« rief tiefernst Frau Helene.

»Möchte mich auch schönstens bedanken! Meinen Herrn Schwager in spe stelle ich mir anders vor!«

Olga preßte die Lippen zusammen und senkte das Haupt. Es ward ihr zur Erlösung, daß in diesem Augenblick der Amtsrichter Doktor Thein gemeldet wurde.

Theo eilte zur Begrüßung in den Salon, und hier teilte Doktor Thein dem Schloßherrn die große Neuigkeit mit, daß von einer Ermordung der Eugenie Dobler nun keine Rede mehr sein könne, und daß Selbstmord durch Ertränken vorliege.

»Wieso? Warum? Doktor Freysleben hat doch . . .«

». . . das Gericht völlig irregeführt, sich selbst getäuscht und einen Kriminalfall heraufbeschworen, der gewöhnlicher Selbstmord ist. – Um nicht des langen und breiten schreiben zu müssen, sage ich Ihnen lieber mündlich, daß die Sachverständigen der Universität das Freyslebensche Gutachten umgestoßen und 138 nachgewiesen haben, daß von einer Erdrosselung gar nicht die Rede sein könne. Ich kann nicht alle Punkte des Gegengutachtens anführen und will nur sagen, Freysleben ist bis auf die Knochen blamiert und wird sich hoffentlich in der Zukunft hüten, ein zweites Mal so leichtfertig Behauptungen aufzustellen. Also die schöne Eugenie hat sich ertränkt. Ich möchte nun sehr gern privatim wissen, nicht amtlich, denn der Selbstmord hat das Gericht nichts zu kümmern, weshalb die junge Dame plötzlich im Wasser den Tod gesucht habe.«

Theo versicherte, von einem Motiv keine Ahnung zu haben.

»Seltsam in der Tat! Haben Sie denn keine Spuren von Trübsinn, Melancholie wahrgenommen? Oder ist vielleicht ein Brief mit schlimmer Nachricht eingelaufen? Oder war jemand aus der Verwandtschaft Eugeniens zu Besuch an jenem Unglücksabend hier?«

»Ich weiß nicht das geringste, glaube auch nicht, daß meine Damen etwas wissen. Wir, das heißt Olga und ich, wurden in entsetzlicher Weise von dem Ereignis überrascht, es fehlt an allem, was auch nur ein Fingerzeig zu einer Erklärung sein könnte.«

»So! Nun dann verzichte ich auch als Privatmann auf eine Lösung des Rätsels, die freilich interessant wäre. Verzeihen Sie die Störung und entschuldigen Sie meinen Überfall bei den Damen. Ich fahre gleich weiter, habe in Heilbrunn zu tun.«

»Oh, Herr Doktor, tun Sie mir den Gefallen und schauen Sie sich den neuen Bade-Löwen an, den 139 Baron Hodenberg, der eine Zeitlang unser Gast war, und wie ich höre, jetzt in Heilbrunn das Geld wie wahnsinnig unter die Leute wirft. Da Sie auf der Rückfahrt ja doch hart an Ried vorüber müssen, bitte kehren Sie auf einen Humpen Schloßbier zu und erzählen Sie mir, was Sie beobachtet haben.«

»Mit Vergnügen! Der Zugvogel aus dem Norden war auch einige Zeit in Landsberg, ich konnte ihn aber nicht in Gesellschaft zu Gesicht bekommen. Ist anscheinend nicht jedermanns Geschmack, mit einem Amtsrichter beim Bier zu sitzen!« lachte Doktor Thein.

»Meiner schon! Mich geniert die hohe Würde nicht!« erwiderte scherzend Theo.

»Hohe Würde ist gut, das Gehalt ist noch höher, beginnt mit zweitausendzweihundertachtzig Silberlingen! Haben Sie soviel Geld schon auf einem Haufen beieinander gesehen? Also auf Wiedersehen, Heuschoberer!«

»Wie? Was? Heuschoberer?«

»Na, niente di male! Tristner hat mit triste, traurig, nichts zu tun, wohl aber mit ›drist‹, ist gleich Haufen von Scheitern, Heu, Stroh, Getreide, also heißt Tristner soviel wie einer, der Haufen oder Schober mit Heu und so weiter besitzt. Womit ich die Ehre habe! Servus!«

Theo geleitete lachend den Amtsrichter zum Portal und kehrte nach Theins Abfahrt sogleich zu den Damen zurück, bestrebt, die große Neuigkeit zu erzählen. Ein Blick Olgas warnte ihn rechtzeitig. So sagte denn 140 Theo, daß der Amtsrichter auf der Fahrt nach Heilbrunn sich für das Abendbrot bei seiner Rückkehr angemeldet habe.

»Das freut mich! Theins Verkehr im Hause ist mir lieb, der wackere Mann mir teuer! Gebe Gott, daß der Richter auch euch Kindern so wert werde! Olga, führe mich in den Garten!«

Gegen Abend kam in Hodenbergs Wagen ein Sendbote des Barons mit einem Prachtbukett herrlicher Rosen aus Heilbrunn angefahren. Im Strauß steckte die Visitenkarte Hodenbergs ohne handschriftliche Bemerkung. Der Bote entledigte sich seines Auftrages und gab das Bukett für das gnädige Fräulein Olga Tristner beim Schloßpförtner ab.

Olga war rasch versöhnt ob dieser Blumenspende und leistete dem Bräutigam insgeheim Abbitte für die bösen Gedanken.

Um so qualvoller ward für Olga die Stunde, die Amtsrichter Thein am Abend im Kreise der Familie zubrachte, des ausführlichen erzählend, wie Baron Hodenberg es in Heilbrunn treibe, insbesondere unsinnig viel Geld ausgebe, und Hahn im Korbe bei den Damen des Kurorts zu sein scheine. Thein versicherte, es noch nie gesehen zu haben, daß ein Mensch so toll mit Geld wirtschafte.

Frau Helene hatte aufmerksam zugehört und bemerkte nun: »Solches Geldverschleudern ist meines Erachtens ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Mann ohne tiefere Bildung ist und mühelos Geld 141 bekommen hat. Möglich, daß der Baron das Geld gewonnen oder geerbt hat, vielleicht sogar auf nicht einwandfreie Weise zu einem Vermögen gekommen ist. Jedenfalls kennt er den Wert des Geldes nicht, hat es auch nicht durch mühsame Arbeit erworben.«

Thein stimmte bei: »Ganz richtig, gnädige Frau! Dem Manne ist das Geldausgeben zur Zeit Selbstzweck. Auffallend war mir bei scharfer Beobachtung, daß dieser Baron ausgelassen lustig sich zeigte, inmitten seiner unbändigen Fröhlichkeit aber plötzlich ein unsicheres, fast ängstliches Benehmen zum Ausdruck kommen ließ.«

Hastig warf Olga ein: »Hodenberg ist bekanntlich gemütskrank, hypernervös, daher diese plötzlich auftretende Angst und Scheu! Er sprach selbst davon, daß er zeitweilig an Verfolgungswahn leide!«

Freundlich erwiderte Thein: »Das will ich um so weniger bestreiten, da Sie, liebes Fräulein, es behaupten! Es liegt ja auch weiter nichts vor! Vielleicht ist Baron Hodenberg eine Art jugendlicher Tunichtgut, der das Vermögen eines allzu sparsamen Vaters jetzt so schnell als möglich vergeuden, unter die Leute bringen will. Das scheint der Baron famos zu verstehen!«

Theo meinte lachend: »So? Nun, dann werden wir wohl bald das Vergnügen haben, den Verschwender total abgebrannt wiederzusehen! Vielleicht spricht er dann vor und bittet um Verabreichung des Ortsgeschenkes!«

142 »Das ist eine Infamie!« rief zornbebend die Schwester.

Der Amtsrichter wollte vermitteln und bat, es möge Olga die Bemerkung Theos, die mehr ein schlechter Witz denn eine Bosheit sei, nicht weiter übelnehmen.

Olga blieb bei ihrem Ausspruch, wodurch die Harmonie für den Rest des Abends zerstört war. Thein ließ anspannen und fuhr nach herzlicher Verabschiedung nach Hause. Mutter und Tochter verfügten sich in ihre Zimmer. Als jegliches Licht im Schlosse erloschen war, ging auch Theo zur Ruhe.

Der herrliche Sommermorgen lockte den früh erwachten jungen Schloßherrn zu einem Spaziergang, der bei reichlicher Zeit bis zur Bahnstation ausgedehnt wurde. Eben fuhr der Münchener Personenzug ein, dem zu Theos Überraschung der neuengagierte Verwalter Wurm entstieg. Durchaus vornehm gekleidet, sah der ehemalige Hofstaatssekretär einem Lord auf Reisen sehr ähnlich, und hochnäsig rief Wurm nach einem Träger. Da es aber in der kleinen Station keine eigentlichen Kofferträger gab, war der Verwalter gezwungen, sein Handgepäck selbst aus dem Wagenabteil erster Klasse zu nehmen.

Theo, der auf Reisen nur zweite Klasse benützte, wunderte sich, daß ein Untergebener in erster Wagenklasse fahre, und trat nun auf Wurm zu und begrüßte ihn.

Hastig dankte der Verwalter, im Bestreben, den jungen Chef vom Waggon wegzubringen.

143 Dieses Drängen erschien Theo auffällig, doch sagte er darüber nichts. Der Zug fuhr ab, und für einen Augenblick ward am Fenster des Abteils, das Wurm verlassen hatte, ein Frauenkopf sichtbar.

»Aha!« dachte Theo und fragte hierauf, warum Wurm seine unerwartet frühe Ankunft nicht durch ein Telegramm angezeigt habe.

»Wollte nicht stören, gnädigster Herr! Hatte die Absicht, mein Gepäck auf der Station zu lassen und zu Fuß nach Schloß Ried zu gehen. Wollte Ihnen vorschlagen, mit mir weiter gen Süden zu reisen, so 'ne Schnellzugsfahrt durch die Alpen nach Triest und über Venedig zurück. Parforcetour allerdings, denn zum Dienstantritt muß ich rechtzeitig in Schloß Ried wieder eintreffen. Was sagen Euer Gnaden zu dieser Idee?«

»Topp, genialer Gedanke! Nur müßte ich daheim schnell im Kalender nachsehen, ob Wechsel fällig sind, und dem Buchhalter Anweisungen geben.«

»Besteht sonst kein Hindernis für eine plötzliche Abreise?«

»Ich wüßte nicht! Auf eine Woche könnte ich leicht fort!«

»Und die Damen?«

»Ach so! Nun, Mama dürfte ich allerdings nicht sagen, daß ich eine Spritzfahrt zum Vergnügen unternehme.«

»Vielleicht sagen Herr Chef, daß Sie in München geschäftlich zu tun haben, das klingt sehr wahrscheinlich!«

144 »Sehr gut! Wollen wir mal den Fahrplan studieren?« meinte Theo, dem die Idee einer Spritzfahrt ausnehmend gefiel.

»Nicht nötig, Herr Tristner! Der nächste Zug trifft um elf Uhr hier ein und fährt wenige Minuten später weg. Können der gnädige Herr bis elf Uhr reisefertig hier sein?«

»Gewiß! Handgepäck wird ja genügen für acht Tage! Also kommen Sie, wir springen heim!«

»Pardon! Ich möchte lieber hier auf Sie warten, in Schloß Ried einstweilen nicht gesehen werden.«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Gedanke doch sehr nahe liegen muß, daß bei einer Abreise des Chefs unbedingt der Verwalter daheim zu bleiben habe!«

»Stimmt! Gut! Bleiben Sie hier, ich werde Punkt elf Uhr angefahren kommen! Auf Wiedersehen!«

Kaum war Theo gegangen, gab Wurm eine Depesche auf, die dem zur Landesgrenze rollenden Personenzug nachgejagt wurde. Sodann stärkte sich der Verwalter in der Bahnhofsrestauration durch ein üppiges Frühstück und vertrieb sich die Zeit mit Lesen und Rauchen. Nach etwa einer Stunde kam mit fragend suchender Miene ein Angestellter des Telegraphenamtes in die Restauration mit einer Depesche in der Hand. »Hierher! Ich erwarte ein Telegramm!« rief hochfahrend Wurm, nahm die Depesche ab, gab dem Mann eine Kleinigkeit Trinkgeld und las das Telegramm: »Bin, wie gewünscht, morgen Hôtel de la ville!«

145 Zufrieden rieb sich Wurm die Hände, zerriß das Telegramm in winzige Stückchen und warf es dann unter den Tisch.

Als Theo prompt erschien, übernahm Wurm die Obliegenheiten des Reisemarschalls, bat aber zugleich um Überlassung der Reisekasse und Befehl bezüglich der Wagenklasse.

»Natürlich Zweiter! Hier einstweilen ein Hunderter! Sie sind mein Gast auf dieser Fahrt, auf die ich mich riesig freue!«

Sicher und gewandt erledigte Wurm die nötigen Geschäfte am Schalter, der Mann verstand sein Amt als Reisemarschall, und Theo hatte seine Freude daran, mit solcher Höflichkeit bedient zu werden. Sein neuer Verwalter ist zweifellos eine Perle, eine ausgezeichnete Akquisition. Es geht eben nichts über geschulte Angestellte!

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