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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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110 Sechstes Kapitel

Der kerngesunde wuchtige Braumeister Haferditzel hatte den »Neuen«, wie der zur persönlichen Vorstellung eingeladene Herr von Wurm-Hohensteinberg kurzweg vom Personal genannt wurde, von der Bahnstation abgeholt und mit dem Schimmelfuhrwerk ins Schloß gebracht. Vieles Reden war Haferditzels Gepflogenheit nicht, er ließ den »Neuen« im breiten Flur stehen, sagte trocken: »Sein S' so gut und warten S' da ein bissel!« und stapfte zur Meldung in das Privatbüro des jungen Herrn Tristner.

Theo warf die Zigarette in den Aschenbecher und fragte: »Nun, wo ist er denn, der Verbrecher in spe

»Unten steht er und macht einen Mordskopf!«

»Herr des Himmels! Haferditzel, Sie sind ein Kamel! Läßt der sackgrobe Mensch einen solchen Mann im Flur warten! Holen Sie ihn, nein, ich werde den Herrn selbst heraufgeleiten. Apropos, welchen Eindruck macht der Mann?«

»Mir gefällt er nicht, er hat was Besonderes im Aug, einen merkwürdig scharfen Blick, sonst ist er ein sauberer Mann, verflucht noblicht im Auftreten, so was wie: ›gelernt hab' ich nix, aber arrogant bin ich!‹«

111 »Eine feine Charakteristik! Na, ich werde ja gleich selber sehen! Gehen Sie in die Brauerei hinüber und halten Sie sich bereit, den Herrn herumzuführen!«

Unten im Flur begrüßte Theo den »Neuen« und bat, den Formverstoß Haferditzels entschuldigen und in den Salon treten zu wollen.

Herr Beda Wurm zeigte sich in Sprache und Haltung als Mann von Welt und gewann Theo schon in den ersten Minuten für sich. Nur der seltsam durchdringende Blick wirkte etwas unangenehm, doch hoffte Theo, sich daran gewöhnen zu können.

Die Herren saßen im Salon; Wurm aufrecht respektvoll, den Kopf etwas nach vorn geneigt, die merkwürdig aufgekämmten Augenbrauen zusammengezogen, so daß eine Art Schleier über das blitzende Auge gespannt zu sein schien. Theo saß lässig in der Haltung und insofern ungünstig, als das Tageslicht auf ihn fiel, während das Antlitz Wurms sich im Schatten befand.

Tristner äußerte das Bedauern, den Herrn von Hohensteinberg nicht sofort den Damen vorstellen zu können, da diese eine Wagenfahrt nach Heilbrunn unternommen haben und erst zum Abend zurückerwartet werden. Indessen könne auch ohne Damen ein Imbiß eingenommen werden; damit lud Theo den Besucher zum Frühstück ein.

In höflicher Weise bat Wurm jedoch, davon Abstand nehmen und ihm einen Rundgang auf der Besitzung sowie alle nötige Information gewähren zu 112 wollen. »Immer erst Dienst und Geschäft, so bin ich es seit langen Jahren gewöhnt; man denkt auch bei Hof völlig kavalleristisch: erst der Gaul, dann der Mann!«

»Ah, Sie haben gedient?«

»Jawohl, auch den Krieg mitgemacht.« Anscheinend blickte Wurm Theo ins Gesicht, in Wahrheit aber musterte der Mann ohne merkliche Kopfwendung den jungen Herrn sehr scharf und blickte weit nach links und rechts im Salon umher, alles gründlich beobachtend.

»Sehr interessant! Wenn Sie gestatten, werde ich später darauf zurückkommen und Sie um detaillierte Erzählung bitten.« Theo ging nun auf das Geschäftliche über und erwähnte, daß speziell das Zeugnis die Veranlassung zur Bitte um persönliche Vorstellung gegeben habe.

»Freut mich, mein Herr! Graf Dietrichstein war mir ein gnädiger Gönner und geruht, mir hin und wieder zu schreiben.«

»Sie fanden wohl nicht volle Befriedigung im Dienst?«

»Nein, ich suche eine Stellung, die eine gewisse Selbständigkeit gewährleistet, dort war dergleichen ausgeschlossen; nur in bestimmten Fällen kann man selbständig handeln, und solche Aufträge erfordern bekanntlich ebensoviel Geschicklichkeit wie Takt, wenn die Zufriedenheit hoher und höchster Herrschaften erworben werden will.«

113 »Ist Ihnen klar, welche Aufgabe Ihrer hier harren würde?«

»Ein Verwalterposten, denke ich, Landbrauerei und deren Buchführungsüberwachung, im Nebenamte die Oberleitung des Landwirtschaftsbetriebes, Mast und dergleichen, nicht?«

»Richtig, Sie scheinen bereits alles erfaßt zu haben oder gut informiert zu sein.«

»Pardon, mein Herr, zur Vermeidung von Mißverständnissen sei gleich in der ersten Stunde gesagt: Buchführung nach streng kaufmännischen Prinzipien, das heißt das Amt des Buchhalters übernehme ich nicht, will nur der Vorstand und Dirigent sein, kaufmännischer Direktor sozusagen, Chef von det Janze, wie man in Berlin sagt.«

»Gut! Dann werde ich nach Wunsch meiner Mutter den Außendienst machen, wenngleich dies wenig nach meinem persönlichen Geschmack ist.«

»Mit Ihrer Zustimmung werde ich zur Orientierung diesen Außendienst mit Ihnen eine Zeitlang mitmachen; nach meiner Auffassung ist es nötig, klaren Blick über das ganze Geschäft zu gewinnen, in den einzelnen Zweigen sollen spezielle Arbeitskräfte wirken, und deren Kontrolle wird mir angenehme Pflicht sein. Ich werde nie außer acht lassen, daß Sie gewissermaßen der oberste Kriegsherr sind und ich, sofern wir zum Vertragsabschluß kommen, Ihr erster General.«

Theo nickte zustimmend.

114 »Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß Sie einer gewissen Schonung in gesundheitlicher Beziehung bedürfen, und daß solche Rücksichtnahme die Anstellung eines Verwalters wünschenswert erscheinen ließ. Bin ich einmal eingearbeitet, würde ich eine längere Badekur und im besonderen eine Reise nach dem Süden empfehlen.«

»Ich reise ungern, allein schon gar nicht!«

»Vielleicht gelingt es mir, Ihre Sympathien zu gewinnen, die Sie veranlassen werden, mich als Reisemarschall mitzunehmen. Habe Erfahrung und Gewandtheit für dieses Amt, kenne den Süden gut, spreche mehrere Sprachen.«

»Hm! Verlockende Aussichten! Aber Sie sollen ja daheim mich vertreten –!«

»Ein krankes Geschäft, das den Verwalter auf einige Wochen nicht entbehren kann! Doch bitte, bleiben wir beim Nötigsten! Ich bitte um Erlaubnis, den wie mir scheint hochherrschaftlichen Besitz besichtigen zu dürfen!«

Theo geleitete den Besucher zur Brauerei, entschlossen zum Engagement des ihm bis auf den heillos durchdringenden Blick sehr sympathischen Mannes. Für Noblesse und sicheres Auftreten hatte Theo immer Vorliebe.

Von der Biererzeugung verstand nun Wurm soviel wie nichts, das merkte der fachmännisch gebildete junge Brauherr rasch; aber der zukünftige Verwalter hatte gesunde Ansichten über Betriebserweiterung 115 und bessere Kapitalanlage, insbesondere empfahl Wurm Verbindung mit einer reellen Bank, Ermäßigung des Bankdiskonts, kurz, billigeres Arbeiten und schärferes Eintreiben überlang ausstehender Guthaben. Gutmütigkeit räche sich, und unsichere Kantonisten stoße man lieber ab, einmal bleiben sie ja doch hängen, und das Geld sei verloren. Kürzung des Kredites könne aber der Chef selbst nicht gut vornehmen, Rücksichten aller Art binden ihm die Hände, ein Verwalter könne schärfer vorgehen und zugreifen.

Derlei klang Theo ganz erwünscht in die Ohren, das Geschäft arbeitete mit übergroßen Außenständen, und öfter als angenehm herrschte eine gewisse Geldknappheit.

»Produzieren Sie ausschließlich mit einheimischen Erzeugnissen wie Gerste und Hopfen?«

»Zum größten Teil, ja!«

»Ohne zwingenden Grund?«

»Je nach der Preislage!«

»Gut! Etwas böhmischen Hopfen würde ich befürworten, auch wenn der Saazer zufällig hoch im Preise steht. Doch bleibt das der Kompetenz des technischen Leiters überlassen, in die ich mich nicht einmischen will. Lediglich die Kontrolle soll Aufgabe meinerseits sein. Wohl ein trockener Mensch, dieser Bär von Braumeister?«

Theo lachte. »Bär ist gut, stimmt völlig! Treue Seele und tüchtig im Fach!«

»Produkt etwas leicht, hörte ich. Wird wohl auf 116 dem Lande überall so sein mit Rücksicht auf den kleinen Bierpreis?«

»Ganz richtig! Wir müssen den Malzaufschlag wie die Großbrauereien bezahlen, können aber nicht so viel Bier aus dem gleichen Malzquantum erzeugen wie die Münchener!«

»Maschinen her, daran liegt es!«

»Das ist richtig, es steckt aber schon genug Kapital in der Brauerei!«

»Falsche Sparsamkeit, gnädigster Herr! Was ein Sedlmayer kann, wird auch Schloß Ried können. Doch das hat ja alles Zeit. Sie dürfen übrigens überzeugt sein, daß ich niemals eigenmächtig vorgehen werde, immer nur mit Ihrer Zustimmung und unter Anhörung des technischen Leiters, gewissermaßen nach erfolgtem Kronrat. Ich denke, wir werden bei solcher Behandlung der Angelegenheit gut miteinander auskommen und gut fahren!«

»Davon bin ich jetzt schon überzeugt!«

Man begab sich in die Abteilungen des Ökonomiebetriebes, und hier zeigte sich Wurm wesentlich vertrauter mit Wirtschaftsangelegenheiten, insonders mit Pferdezucht und Marstallwesen.

An die Besichtigung der Baulichkeiten schloß sich ein Spaziergang durch das Dorf Ried. Theo erzählte, daß sämtliche Dorfwirte selbstverständlich von der Schloßbrauerei mit Bier versorgt würden, und schlug vor, ein Glas in der »Post« zu trinken.

Als beide Herren in die allgemeine Schankstube 117 eintraten, bot sich Theo eine große Überraschung insofern, als er Baron Hodenberg inmitten von Dörflern beim Sekt erblickte. Der Baron erzählte just von seiner direkten Abstammung von Heinrich dem Löwen, und daß er von seinem erlauchten Ahnherrn die Gemütskrankheit geerbt habe, weshalb er von Zeit zu Zeit Sekt trinken müsse. Hodenberg schien peinlichst überrascht von dem unerwarteten Eintreten Tristners, unterbrach seine Erzählung sofort und fixierte forschend den Begleiter Theos.

»Nun, lieber Baron, Sekt in allen Ehren, aber ich als Brauherr muß wohl oder übel beim Bier aus meinem Hause bleiben. Wollen wir uns im Herrenstübchen niederlassen?«

Hodenberg erhob sich nun und bat Theo um Vorstellung, die sogleich erfolgte, kühl und unter gegenseitiger schärfster Beobachtung. Es schien Theo, als mißtrauten sich die Herren in ungewöhnlicher Weise. Hodenberg kehrte den Edelmann heraus, als er hörte, daß Wurm der neue Verwalter sei. Dieser hingegen zeigte sich fast verletzend und frostig und äußerst wortkarg.

Theo spendierte den anwesenden Zechern ein Faß Bier zum Ersatz des abgebrochenen Sektgelages und trat dann mit beiden Herren in das Honoratiorenstübchen.

Da Hodenberg bat, beim Sekt bleiben zu dürfen, willigte Theo ein, einigen Flaschen den Hals zu brechen, bestellte aber vorher für sich und Herrn Wurm von Hohensteinberg Bier.

118 Als die Humpen auf dem Tische standen und Wurm den ersten Schluck genommen, fragte Theo: »Nun, was sagen Sie, Herr Feldmarschall in spe, zu Haferditzels Kunst im Biersieden?«

»Süffig, leicht, Neurasthenikerbier! Alle Achtung, ich möchte aber nicht schmeicheln, gnädigster Herr!«

Hodenberg warf ein: »In mancher Hinsicht an hannoversches Bier gemahnend, nur dunkler und bedeutend leichter! Trinke aber lieber Sekt zur Nervenberuhigung.«

Wurm hatte aufmerksam zugehorcht und sprach jetzt langsam, fast lauernd: »Sie sind Hannoveraner?«

»Die Hodenbergs sind wie die Hallermund, Platen uralter hannoverscher Adel!« erwiderte der Baron.

Eine peinliche Stille trat ein, die Herren fixierten sich gegenseitig sehr scharf.

Theo legte sich ins Mittel, bot Zigaretten an und bat um Stimmung. Wurm lachte, es blieb aber doch ein gewisser Mißton, eine merkliche Gereiztheit zurück, und Hodenberg entschuldigte seinen frühen Aufbruch mit Zwang, dringende Briefe schreiben zu müssen.

Nach seinem Weggang grinste Wurm höhnisch und spottete: »Der wird viel Briefe schreiben mit Sekt im Schädel!«

»Sie scheinen just keine Sympathie für unsern Gast im Schlosse zu hegen!« meinte Theo gutmütig.

»Nein! Ich habe das Gefühl, daß etwas an dem Manne nicht echt ist!«

119 »Nicht möglich!« rief überrascht Tristner aus.

»Doch! Beachten Sie nur die Situation, in der wir den Herrn getroffen haben: sitzt der Kerl – Pardon, der Baron, im Kreise gemeiner Bauern, kneipt mit ihnen Sekt und schwadroniert den Kerls vor, daß er von Heinrich dem Löwen abstamme! Glauben Sie wirklich, daß ein echter Baron sich soweit vergißt und in solche Situation bringen wird?«

»Sonderbar allerdings! Hodenberg sagt, er sei gemütskrank!«

»I wo! Psychisches Leiden äußert sich wesentlich anders. Nun, mich hat die Geschichte ja nichts zu kümmern, zur Zeit wenigstens nicht; als Fürstlich-Triestnerscher Beamter allerdings würde und wird es meine Pflicht sein, dem Herrn, solange er Gast des Hauses Tristner ist, auf die Finger zu sehen!«

»Huhu!« lachte Theo, »auf die Finger sehen! Sagen Sie doch gleich, der Baron stehle silberne Löffel! – Es freut mich aber, erneut zu sehen, wie sehr Sie bestrebt sind, unsre Interessen wahrzunehmen.«

»Bitte, nur meine Pflicht!«

Am Abend erschienen die Herren zu Tisch im Speisesaal, nachdem Wurm der blinden Frau Tristner von Fräulein Olga vorgestellt worden war. Die Aufnahme war bei den Damen kühl konventionell; um so herzlicher stellte sich Theo zum Verwalter, den fest zu engagieren er entschlossen war. Olga blieb ablehnend, frostig und gab einsilbige Antworten; Frau Helene versuchte, sich aus Ton und Sprechweise des 120 Fremden ein Urteil zu bilden, da ja ihre Augen den Dienst versagten. Eugenie war nicht zu Tisch erschienen. Als Theo nach ihr fragte, gab Olga Auskunft dahin, daß dringende Arbeit Eugenie oben noch festhalte. Unvermittelt wandte sich Olga an den Bruder mit der Frage, weshalb Baron Hodenbergs Platz am Familientisch leer sei.

»Pardon, habe ganz vergessen, Hodenberg ließ sich entschuldigen, er muß dringende Briefe schreiben.«

An der Verbindungstüre, die im oberen Teile eine Glasfüllung hatte, tauchte ein Frauenkopf auf, neugierige Augen funkelten und musterten den fremden Gast am Familientische. Nur einen Moment, dann verschwand der Frauenkopf vom Türfenster.

Früh zogen sich die Damen zurück, es mußte Olga die Mutter hinaufführen, da Eugenie gegen alle Übung und Gewohnheit unsichtbar blieb, und Mama auch zu Bett bringen.

Theo ließ Wein bringen und verweilte in Wurms Gesellschaft noch ein Stündchen, um sodann den Gast in eines der Fremdenzimmer zu geleiten. Morgen sollte der Vertrag entworfen und unterzeichnet werden.

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