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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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73 Viertes Kapitel

Der Rundgang durch die Besitzung Zankstein war beendet, Fräulein Benedikte führte die Gäste, die fast gleichzeitig in ihren Wagen angekommen waren, in das altväterlich möblierte, doch recht trauliche Wohngemach, wo der versprochene Imbiß der Gäste harrte.

Olga war in trefflichster Stimmung, nicht minder aufgeräumt Baron Hodenberg, dem nur die Wahl schwer fiel, falls er zwischen den jungen Damen entscheiden sollte. Hat Olga Tristner den Schönheitsfehler im Gebiß, eine lästige Zugabe bei Benedikte von Zankstein sind die Sommersprossen. Vermögend ist Olga, dito Dikte, letztere vielleicht die bessere Partie, weil Besitzerin eines schuldenfreien Gutes und wie es heißt, eines stattlichen Vermögens, ohne Anhang; könnte dem Fräulein von Zankstein abgewöhnt werden, alles Geld in das Gut zu stecken, müßte die Wahl auf ihre stattliche Persönlichkeit fallen. Die Marotte, alte Kleider aufzutragen, müßte dem Fräulein gleichfalls abzugewöhnen sein. Doch so weit ist man noch nicht, sagte sich Hodenberg und widmete alle Aufmerksamkeit den Damen.

Beim Anblick der Sektgläser rief Olga erstaunt: »Aber Dikte, was soll denn das heißen?«

74 Auch Hodenberg guckte überrascht.

»Auf Zankstein bekommt man doch ausgezeichnete Milch!« setzte Olga hinzu.

»Sekt kommt mich billiger!« erwiderte trocken Benedikte und bat Hodenberg um Öffnung der Flasche.

»Zu dienen! Gnädiges Fräulein treiben Verschwendung am hellichten Tage!«

»Durchaus nicht! Für die Gäste die beste Marke! Milch käme mich teurer zu stehen, Zankstein wirft noch immer nichts ab, ist ein Schluckgut; aber mit der Zeit werde ich siegen, und dann wird Zankstein den Fürstensitz Ried überholen. Nun bei schäumendem Glase willkommen auf Zankstein, Prosit!«

Die Kelche klangen aneinander; der gut gekühlte Champagner erzeugte eine prächtige Stimmung.

Hodenberg glaubte, den Ausspruch vom billigeren Sekt paradox nennen zu sollen.

»Durchaus nicht, Baron! Entspricht der Wahrheit! Ist übrigens nicht auf meinem Grund gewachsen, das Diktum entstammt dem Munde des unvergeßlichen Heinrich Vogl, der zu Lebzeiten so lange seine Groschen in das Gut Deixlfurt steckte, bis es endlich mit zwei Prozent rentierte. Der Unvergeßliche gab seinen Besuchern Sekt lieber als die teuere Milch.«

»Heinrich Vogl – hm – habe nie Gelegenheit gehabt!« meinte Hodenberg.

»Wie?« rief belustigt Fräulein von Zankstein aus.

»Wo stand sein Gut mit dem sonderbaren Namen? 75 Was war der Mann sonst? Nur Gutsbesitzer bürgerlicher Abkunft?«

»Aber, Herr Baron!« mahnte Olga, der es peinlich wurde, daß ihr Verehrer von Heinrich Vogl, dem Meistersinger, keine Ahnung hatte.

Zu Fräulein Tristner gewandt, beteuerte Hodenberg, von genanntem Herrn wirklich bisher nichts gehört zu haben; es sei aber unzweifelhaft sehr interessant, daß jemand Sekt billiger denn Milch finde. Ob aber ökonomisch in höherem Sinn, bleibe allerdings fraglich.

Etwas maliziös fragte Benedikte: »Opernfreund sind Sie wohl nicht?«

»Ach gewiß! Der ›Zigeunerbaron‹ zum Beispiel hat mir trotz des einigermaßen befremdlichen Titels recht gut gefallen. Gestatten Gnädigste, einen Schluck der Dankbarkeit für so liebenswürdige Gastfreundschaft!«

»Ich schließe mich an!« rief Olga, froh über den Themawechsel.

»Sehr verbunden! Füllen wir die Gläser! Sie sind aus Hannover, Baron?«

»Ja, wir sind Welfen, mein Ahnherr ist Heinrich der Löwe.«

»Ah! Ein interessanter Stammbaum!«

»Jawohl, wir sind ein jahrhundertealtes Adelsgeschlecht, von Heinrich dem Löwen in direkter Folge abstammend, seit alten Zeiten befreundet mit altberühmten Geschlechtern.«

Olga bat den auf Löwenheinz so stolzen Baron um 76 frische Füllung ihres Glases. »Sind Sie, Herr Baron, sich schon wegen einer Seßhaftmachung in hiesiger Gegend schlüssig geworden?«

»Nein, Fräulein Tristner! Ich trage zwar meine Kapitalien flüssig bei mir, doch konnte ich ein passendes Gut noch nicht finden.«

»Ihr ganzes Vermögen tragen Sie bei sich?« rief nun besorgt Olga, der ein solcher Leichtsinn ungeheuerlich erschien.

Auch Benedikte war sehr überrascht.

»Die verehrten Damen scheinen darob zu staunen; bedenken Sie, daß ich stets auf Reisen bin, in Hotels wohne, so werden Sie es begreiflich finden, daß ich mein Geld am sichersten bei mir selbst habe. So kann ich zu jeglicher Stunde disponieren, hänge auch nicht von Bankformalitäten ab, kann mich unbehindert bewegen, jeden Augenblick abreisen; das sind Vorteile, welche die Depotsicherheit unbedingt überwiegen.«

Benedikte als praktische Wirtschafterin schüttelte den Kopf. Und Olga konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß sie für ihre Person nicht schlafen könnte in der Nacht vor Angst und Sorge um das Vermögen.

»Oh, man gewöhnt sich auch daran! Das Portefeuille kommt unter das Kopfkissen, auf dem Nachttischchen liegt der geladene Revolver, ich habe einen leisen Schlaf – ein Dieb würde unfreundlich empfangen werden und wahrscheinlich das Leben verlieren, ha! Ich verstehe da keinen Spaß!«

77 Selbst der resoluten Benedikte gefiel diese scherzhaft sein sollende Bemerkung nicht besonders, sie mußte unwillkürlich an eine Art Menschenjagd denken, und ohne daß sie es recht wollte, sprach sie diesen Gedanken aus.

Hodenberg ward verlegen und schwieg.

»Nun haben wir uns richtig die Stimmung verdorben, und auch das Wetter will umschlagen, wir werden in einigen Tagen die um diese Zeit übliche Überschwemmung mit ihren Unannehmlichkeiten durchzumachen haben.«

»Oh, dann erhebt sich die Langeweile in Schloß Ried zur dritten Potenz!« klagte Olga.

»Pardon, Fräulein von Zankstein, bringt diese Überschwemmung nicht totale Verkehrsstörung, Abschließung der Seeorte von der Eisenbahn, Post und dergleichen mit sich?«

»Gewiß, Baron, auf zwei bis drei Wochen ist der Verkehr auf der Straße durch das Moor unmöglich. Zu Wasser kann man fahren, häufig bis zu den Häusern heran, und das Landen ist dann mit einigen Schwierigkeiten verbunden.«

»Das möchte ich aus eigener Anschauung kennenlernen!« rief Hodenberg, »eine solche Überschwemmung ist mir etwas Neues!«

»Nun, dann dürfen Sie, Herr Baron, nur bei uns im Schlosse Wohnung nehmen! Ich fürchte jedoch, Sie werden diesen Entschluß bald bereuen; die Langweile ist fürchterlich!« erwiderte Olga.

78 »Mit nichten, gnädiges Fräulein! Mit höchster Erlaubnis wird ja doch der Verkehr mit – den Schloßbewohnern möglich sein, und der Umgang mit gnädigem Fräulein gewährt Anregung, Freude und Unterhaltung in vollstem Maße!«

Benedikte verhielt sich reserviert; das Gebaren des Barons wies Widersprüche und Sonderbarkeiten auf, die ihr zu denken gaben. Sollte der doch noch junge Herr ein Sonderling oder geistig nicht völlig normal sein? Ein Vermögen stündlich am Körper herumzutragen, ist unbedingt verrückt; die Sehnsucht nach Abgeschlossenheit und absoluter Einsamkeit krankhaft, die Protzerei mit der Abstammung von Heinrich dem Löwen entweder gleichfalls krankhaft oder lächerlich und dumm.

Je kühler Benedikte sich zeigte, um so lebhafter ward Olga im Bestreben, dem Baron zuzureden, baldigst nach Ried zu übersiedeln. Es drängte Olga zum Aufbruch, sie prophezeite den Beginn der Überschwemmung schon für den nächsten Tag, daher eilige Heimkehr nötig sei.

Trotzdem die Übertreibung geradezu handgreiflich war, widersprach Benedikte nicht; sie freute sich ordentlich, den jungen Sonderling aus dem Hause zu wissen, hingegen hielt Fräulein von Zankstein es für Pflicht, Olga zu warnen. »Wird es nicht gut sein, wenn vorher Mama Tristner verständigt wird?«

Olga war aufgestanden und griff nach Tuch und Schirm; leichthin erwiderte sie: »Oh, Schloß Ried hat 79 mehr als genug Raum, es ist ja der ganze zweite Stock unbewohnt! Mama wird nichts dagegen einzuwenden haben, und einmal wird in der Überschwemmungszeit auch mir eine nette Unterhaltung zu gönnen sein!«

»Wie's beliebt! Mich hat es ja nichts weiter zu kümmern! Wird auch Theo nicht gefragt werden?«

»Aber, liebste Benedikte! Gewiß werden Mama und Theo verständigt, das ist doch selbstverständlich. Nun besten Dank für freundliche Bewirtung. Ich werde anspannen lassen.«

Dikte schickte ein Mädchen zu den Kutschern und geleitete ihre Gäste vor das Haus.

Vom nahen See her tönte Wogenrauschen, durch vielfache Zuflüsse vom Gebirge her wuchs das Wasser, der Spiegel stieg, es züngelten die Wellen über das alte Seebett hinweg, die wachsende Flut ergoß sich in den Moorgrund. Trostloser, doch warmer Regen quoll stetig vom grauen Firmament, die Schneeschmelze im Hochgebirge beschleunigend, hochgeschwollen kamen die Bäche herab und führten entwurzelte Bäume, Triftholz, Strauchwerk im tanzenden Chaos in den See.

Zuvorkommend brachte Baron Hodenberg Olga an ihren Wagen, verabschiedete sich dann nochmals von Fräulein von Zankstein und fügte hastig die Bitte bei, es möge ihm nichts verübelt werden, denn er sei gemütskrank.

Dieses Eingeständnis verwandelte das Mißtrauen 80 sogleich in Anteilnahme, Dikte wünschte von Herzen baldige Besserung und verabschiedete sich in liebenswürdigster Weise.

Wie toll jagte das Gefährte Hodenbergs auf der Straße gen Ried, es schien, als wollte der Baron Olga einholen.

Benedikte blickte dem Wagen ein Weilchen nach, zuckte dann die Achseln und ging in das Haus zurück.

*

Eine schlammgelbe Flut stand im Moor; so weit das Auge sah, war alles in der Niederung überschwemmt, das trübe Wasser reichte bis zu den Häusern des Dorfes Ried heran, überflutet war die Straße nach der Bahnstation Landsberg; nur die Spitzen der Binsen und Riedgräser ragten aus der schmutzigen Flut empor, demütig sich neigend, wenn vom weiten See neue Wogen sich in den Moorgrund ergossen. Stetig stieg die gelbbraune Flut, die Notstege längs der Straße, die den Fußgehern an tiefen Stellen den Verkehr ermöglichen sollen, standen im Wasser und waren überschwemmt, jegliche Verbindung war abgeschnitten, die böse Zeit der Isolierung Rieds wie andrer Orte im Seedistrikt war angebrochen.

Ein letztes Mal wurde es versucht, von der Brauerei Ried Frachten mit vorgespannten vier oder sechs Pferden auf der aufgeweichten Straße durch die 81 Flut zur Bahnstation zu bringen. Doch in der Niederung wateten die Rosse bereits bis an die Brust im Wasser, die schwere Last hemmte, die Gefährte blieben stecken. Vom Schlosse wurde Hilfe mit weiterem Vorspann nachgeschickt; mühsam brachten die bis an die Achseln in der Flut stehenden Knechte die Pferde vor, schirrten an, und mit vereinten Kräften gelang es, einen Bierwagen durchzubringen. Reitend kamen die Knechte mit den abgehetzten Pferden von der Bahn zurück, die mühevolle Arbeit wurde nochmals versucht, ein zweiter Wagen fortgeschleppt, von acht Pferden gezogen. Dann hatte es ein Ende. In der Dämmerung konnte der Heimritt nicht gewagt werden, es mußten Pferde und Knechte samt den Wagen im Städtchen verbleiben. Die Verkehrsunterbindung bringt der Schloßbrauerei fühlbaren Schaden in jedem Frühjahr, das eine Mal durch längere Dauer der Überflutung mehr, ein andermal weniger; auf eine Verkehrsstörung von einigen Tagen müssen Tristners immer gefaßt sein. Menschliche Kraft kann diese Verhältnisse im Moorgebiet nicht ändern.

Baron Hodenberg war durch dringende Geschäfte verhindert worden, wie beabsichtigt, schon am nächsten Tage nach Ried zu übersiedeln; zwölf Stunden hatten jedoch genügt, die Niederung unpassierbar zu machen. Der Fuhrwerksbesitzer in Landsberg weigerte sich, Pferde und Wagen für eine Fahrt durch das Überschwemmungsgebiet herzugeben, er verblieb bei seiner Weigerung trotz der von Hodenberg angebotenen 82 dreifachen Überzahlung des Fahrpreises. Fort und speziell nach Schloß Ried wollte der Kavalier unter allen Umständen, sein Herz drängt ihn zu Olga, Geld spielt bei ihm keine Rolle, kurz entschlossen kaufte er zwei Pferde nebst einem leichten Steirerwägelchen zu sehr hohem Preise, verstaute von seinem massenhaften Gepäck einen eleganten Koffer auf dem Gefährte und fuhr eigenhändig, begafft von der halben Bevölkerung des Städtchens, die den wagehalsigen eigensinnigen Baron für verrückt erklärte.

Durchnäßt, doch heil kam Hodenberg glücklich durch die Flut und landete vor Schloß Ried. Hatte der junge Kavalier einen freudigen Willkommen erwartet, so sah er sich enttäuscht, Olga kam nicht zum Empfang, auch sonst niemand von der Familie Tristner. Lediglich der Pförtner sprang herbei und erkundigte sich nach dem Begehr des Barons.

»Ist das gnädige Fräulein zu sprechen?« fragte der enttäuschte Baron.

Der Portier gab Auskunft, daß die Damen mit Ausnahme der alten Frau Tristner unten im Dorf bei den Rettungsarbeiten seien.

Hodenberg atmete befreit auf, übertrug dem Mann die Sorge um die Pferde und eilte in das nahe, im unteren Teile völlig überschwemmte Dorf. Die Damen überwachten die Bergung von Vieh und Hausrat aus den von den Fluten bespülten Häusern und dirigierten die Brauburschen an besonders bedrohte Wohnstätten. Olga rief dem heraneilenden Hodenberg herzlichen 83 Willkomm zu, die zierliche Eugenie begnügte sich mit höflichem Kopfnicken.

»Sie sind also doch gekommen, Herr Baron, das freut mich!« erwiderte Olga und reichte Hodenberg die Hand.

Hastig erzählte der Baron von den Schwierigkeiten dieser Übersiedlung und seiner Fahrt durch das Überschwemmungsgebiet. Die gekauften Pferde seien einstweilen in der Schloßstallung eingestellt.

»Herr Baron, Sie werden bei uns wohnen, Mama ist verständigt, wird aber nicht zu sprechen sein, da der gestern gekommene Augenarzt mit der Untersuchung ihrer Augen beschäftigt ist und jeglichen Besuch oder Störung verboten hat.«

»Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Kann ich mich unter Ihrem Oberbefehl hier irgendwie nützlich machen?«

»Danke, nein, zur tatkräftigen Hilfe genügen unsre handfesten Brauburschen vollauf, hingegen steht es in Ihrem Belieben, dem Bürgermeister für die schwer heimgesuchte Dorfbevölkerung eine Spende zu verabreichen. Der Dank aller und auch meiner Wenigkeit wird Ihnen sicher sein!«

»Mit Freuden werde ich dieser Mahnung Folge leisten! Darf ich vielleicht bitten, mich zum Bürgermeister zu führen?«

Eugenie verabschiedete sich, als das Paar auf die Suche nach dem Vorsteher ging. In seiner Freude, nun doch im Schlosse untergebracht zu sein, spendete 84 Hodenberg einen wahrhaft fürstlichen Betrag für die Überschwemmten, worüber Olga in helles Entzücken geriet und in herzlichster Weise dankte.

In lebhafter Unterhaltung kehrte das Paar ins Schloß zurück, wo Olga sich beeilte, dem Gast seine Zimmer anzuweisen. Hodenberg unterdrückte jede Gefühlsaufwallung und begnügte sich, für diese Freundlichkeit kurz zu danken. Als sein Koffer heraufgebracht war, richtete er sich häuslich ein, vergnügt dazu pfeifend. War doch alles nach Wunsch gegangen und die ersehnte Abgeschlossenheit von der lärmenden, hastenden Welt glücklich erreicht.

Im Gemache der Frau Tristner hatte der Augenarzt seine Untersuchung beendet; traurig ruhte des Spezialisten Blick auf der Dame, die nun das Ergebnis wissen wollte.

Der Arzt wich durch einige Gegenfragen einer direkten Antwort aus und sprach: »Sie werden vor längerer Zeit das Gefühl gehabt haben, als sei ständiger Nebel vor Ihren Augen?«

»Ja, Herr Doktor!«

»Sodann konnten Sie die Farben rot und grün nicht unterscheiden und sahen alles grau?«

Frau Helene nickte.

»Hatten Sie die Empfindung, als würden Sie durch eine Röhre sehen?«

»Das weiß ich nicht; geradeaus konnte ich verhältnismäßig noch gut sehen, was aber knapp vor mir und unten war, nicht.«

85 »War in jener Zeit nicht auch häufiges Stolpern und Fallen mit der Abnahme der Sehkraft verbunden?«

»Leider ja, sehr häufig!«

»Und Gegenstände selbst vermochten Sie nicht zu sehen? Nur noch Schatten, etwa hell oder dunkel?«

»Jawohl!«

Der Arzt verstummte.

»Oh, Herr, ich bitte Sie, sagen Sie mir die Wahrheit! Ich weiß, ich bin im Erblinden, aber eine kleine Hoffnung hege ich noch, und deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Ist Hilfe durch eine Operation möglich? Ich will mich einer solchen willig unterziehen, ich habe alles Vertrauen zu Ihrer ärztlichen Kunst!«

Mit Mühe unterdrückte der erfahrene Spezialist eine Äußerung innigen Mitleides. Seine Worte hatten einen heiseren Klang, als er sprach: »Eine Operation ist nicht angängig in Ihrem Falle, und leider kann ich Ihnen wenig Hoffnung auf eine Besserung machen. Wenn Sie gestatten, möchte ich mit Ihrem Herrn Sohn sprechen!«

Die feinfühlige Dame verstand die Situation sofort und bemeisterte sich mit erstaunlicher Willenskraft. Gefaßt erwiderte Frau Helene: »Ihr Wunsch, mit Theo zu sprechen, beweist mir, daß es für meine Augen keine Rettung gibt und ich völlig erblinden werde. Diese Wahrheit wollen Sie zweifelsohne meinem Sohne mitteilen. Ich fühle jedoch die nötige seelische Kraft in mir, die reine Wahrheit zu vernehmen, und bitte Sie, mir diese zu sagen!«

86 »Nicht doch, verehrte Frau Tristner! Es wäre unnötige Grausamkeit, wenn der Arzt dem Patienten jegliche Hoffnung nehmen wollte. Der Mensch pflanzt ja immer noch eine Hoffnung auf . . .«

». . . selbst am Grabe noch! Zu solchen Menschen zähle ich nicht! Bitte, keine Verheimlichung, ich will die Wahrheit wissen und bitte Sie ernstlich darum.«

»Es ist jede Aufregung gefährlich, jede Erregung bedingt eine Verschlimmerung!«

»Da ich nahezu gar nichts mehr sehe, kann eine Verschlimmerung nicht mehr von nennenswerter Bedeutung sein. Ich will die Wahrheit kennen! Wie nennt die Wissenschaft mein Augenleiden?«

»Es kann gnädiger Frau nicht frommen, den lateinischen Terminus technicus zu wissen!«

»Aber die deutsche Bezeichnung will ich kennen. Halten Sie mich nur nicht für schwächlich, ich war das ein langes Leben hindurch nicht und kann Schwereres ertragen.«

»Auf eine Verschlimmerung müssen gnädige Frau sich gefaßt machen, die Wissenschaft ist außerstande, Hilfe zu bieten. Besondere Verhaltungsmaßregeln sind nicht zu treffen. Gott der Herr möge Sie trösten und stärken! Ich bitte, nun mit Ihrem Sohn sprechen zu dürfen!«

Frau Helene senkte das Haupt und faltete die Hände.

Als die Tür ins Schloß gedrückt wurde und sie allein im Gemach war, flüsterte Frau Tristner: »So 87 will es der Herr, daß ich völlig erblinde, lichtlos den Rest meines Lebens verbleibe. Blind, ganz blind! Oh, Herr, du strafst mich hart und schwer, doch dein Wille geschehe! Nacht um mich, immer trostlose Nacht! Die Kinder kann ich nicht mehr sehen, nicht mehr den Grabstein meines Mannes! Oh, läge auch ich schon unterm Rasen gebettet in ewiger Ruhe! Blind, blind für jeglichen Tag des erbärmlichen Lebens!«

Die lichtlosen Augen füllten sich mit Tränen, die hartgeprüfte Frau schluchzte, in bitterstes Weh aufgelöst . . .

Noch nicht gesund, mußte Theo wohl noch auf seinem Zimmer verbleiben, doch konnte er schriftliche Arbeiten dringender Natur erledigen. Mit fortschreitender Genesung fand die Pflege von Eugeniens zarter Hand ein Ende, und just diese liebevolle Bemutterung vermißte der zärtlich veranlagte junge Mann schmerzlich. Kaum daß Eugenie sich ein- oder zweimal des Tages blicken ließ, um nach etwaigen Wünschen zu fragen; jedem Versuch, sie zu einem Plauderstündchen zu bewegen, verhielt sich die stillgeliebte Dame ablehnend gegenüber, sie schützte häusliche Arbeit vor und entfernte sich immer so rasch, daß Theo seine Bettelei um ein kurzes Geplauder gar nicht vorbringen konnte. Dieses Ausweichen reizte, es reifte den Entschluß zur direkten Werbung um Eugeniens Hand trotz aller Gegengründe der Vernunft.

Sooft an der Tür geklopft wurde, glaubte Theo, es müsse Eugenie sein, die ihm Sonnenschein in die Stube 88 bringt. Diesmal trat auf festes Klopfen der Augenarzt ein, dem Theo überrascht entgegenblickte.

Mit höflichen kurzen Worten stellte sich der Spezialist vor, und als Theo das gleiche getan, bat der Arzt um Gehör zu einer Mitteilung trauriger Art.

Theo zuckte erschreckt zusammen und richtete dann den fragenden Blick auf den Arzt.

»Ihre Frau Mutter ist von mir gewissenhaft untersucht worden. Sosehr sie in bewundernswerter Seelenkraft mich um Mitteilung der vollen Wahrheit gebeten, das Ergebnis meiner Untersuchung nahezu völlig erraten hat, als Arzt konnte ich der schwergeprüften Dame nicht die Trostlosigkeit der Erkrankung sagen. Ihnen, Herr Tristner, muß ich jedoch die Mitteilung machen, daß die Augenerkrankung Ihrer Frau Mutter Atrophie im letzten Stadium ist, Sehnervenschwund, der bis zur völligen Erblindung gediehen ist. Die Wissenschaft kann keine Hilfe bringen, es gibt keine Rettung mehr.«

»Allmächtiger! Völlige Erblindung?« rief schmerzerfüllt Theo.

»Leider muß ich Ihnen diese traurige Mitteilung machen! Sorgen Sie dafür, daß die schwer heimgesuchte Dame nicht viel allein und ihrem Jammer überlassen bleibt, sorgen Sie für Gesellschaft und geistige Anregung. Gespräche über die Natur des Leidens nützen nichts, bilden für die Kranke eine Qual. Vermeiden Sie und die Personen der Umgebung Ihrer Frau Mutter alle Äußerungen über Sonnenschein und 89 Naturschönheit, es wirkt jedes Wort wie ein bohrender Stachel. Liebevolle hingebende Pflege auch in seelischer Beziehung ist die einzig mögliche Erleichterung, die Sie der armen Frau angedeihen lassen können, und daran wird es wohl nicht fehlen!« Der Arzt wiederholte die Versicherung seines Beileids und verließ Theo, der kaum seinen Dank auszusprechen vermochte und in einer Art Betäubung auf den Diwan niedersank.

Die liebe gute Mutter erblindet, rettungslos des Augenlichts für immer beraubt. Was nützt nun alle Wohlhabenheit, der fürstliche Besitz – –?

An der tiefernsten Miene des Arztes erkannte Eugenie, die sich um den im Hause fremden Herrn sogleich annahm, daß für Frau Tristner wenig oder keine Hoffnung mehr bestehen werde, und kaum vermochte Eugenie ihre Erschütterung zu verbergen.

Der Arzt mußte zu Schiff über die See und am nordwestlichen Ufer versuchen, an Land und zu einer Bahnstation zu kommen. Auf einen angebotenen Imbiß verzichtete der Arzt, der es eilig hatte, und schnell entschlossen geleitete Eugenie selbst den Herrn zur Schiffhütte unten am See.

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