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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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53 Drittes Kapitel

Benedikte von Zankstein, die Gutsnachbarin der Tristners auf dem Sitz Zankstein im Seemoor, durfte hinsichtlich der Körpergestalt allein schon der personifizierte Gegensatz zur zierlichen Olga Tristner genannt werden. Groß und hoch gewachsen, derbknochig, energisch im Charakter wie in jeder Bewegung und – wieder ein Kontrast: himmelblaue Augen voll süßester Sanftmut dazu, aschblondes Haar, wachsfarbiger Teint und ein Gewimmel von Sommersprossen auf Nase und Wangen, ein ›Segen‹ der Landluft, der auch nicht im Winter weichen wollte und um Weihnachten lediglich etwas bleicher wurde. Benedikte war Waise, reich und geradezu versessen darauf, ihren Grund und Boden auf jegliche moderne Weise zu bearbeiten. Die Wirtschaft auf Zankstein wurde im ganzen Bezirk als mustergültig bezeichnet, doch ebenso war allenthalben bekannt, daß die etwa zweiundzwanzigjährige Gutsherrin schier jeden Pfennig ihrer Vermögenszinsen in das Gut steckte und nahezu mit Unterbilanz arbeitete. Alles war auf Verbesserung eingerichtet und zugestutzt; Benedikte ließ zur Veredelung des Viehbestandes teure Exemplare der Pinzgauer und Simmenthaler Rasse kommen, hielt Milchvieh bester 54 Beschaffenheit und verwertete die Milch im eigenen Betrieb; für Fischzucht interessierte sie sich ebensosehr, doch hieß es trotzdem, daß die Zanksteiner Karpfen ungenießbar seien, weil sie einen moorigen Beigeschmack hätten. Wenn Benedikte von Zankstein ihre Kleider auch nicht gerade vernachlässigte, auf Schmuck und Putz hielt sie nichts, war in ungewöhnlicher Weise sparsam im Kleiderkonto, trug Hüte, die vor drei und vier Jahren in der Hauptstadt modern waren. Doch hatte die Gutsherrin ein edles Herz und Gemüt, sie sorgte für ihre Dienstboten geradezu mütterlich, forderte aber strengste Pflichterfüllung und duldete keine Liebeleien unter ihrem Dache. Das entschlossene Wesen brachte Benedikte mählich in den Ruf eines Mannweibes, das sie aber keineswegs war. An Werbern hatte es nicht gefehlt, doch Fräulein von Zankstein antwortete stets höflich dankend mit einem klaren Nein in der Erkenntnis, daß die Werbung nicht der Person, sondern dem Vermögen gelte. Auf dem elterlichen Gute wollte Benedikte unumschränkte Herrscherin sein und bleiben, sie liebte die heimische Scholle im Moor und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß auf eigenem Grund und Boden ein angeheirateter Mann etwa mit dreinreden oder Änderungen vornehmen möchte. Einen Gatten, der auf Zankstein nichts als der Mann seiner Frau sei, wünschte Benedikte sich nicht, ebensowenig wollte sie den Oberbefehl abtreten. Vom Gute wegheiraten war erst recht nicht ihre Absicht, und unter solchen 55 Verhältnissen konnte es gar nicht anders kommen, als daß Benedikte von Zankstein eine alte Jungfer werden wird. Das sagte sich das Fräulein des öfteren selbst und belächelte vor dem Spiegel den Sommersprossenreichtum. Es muß ja nicht geheiratet werden um einer Versorgung willen, Vermögen wie Grundbesitz ist vorhanden und beglückende Zufriedenheit auch; wozu also ein Sehnen nach Mannesliebe und Kindersegen?

An langen Winterabenden in kirchenstiller Stube fühlte sich Benedikte freilich manchmal etwas vereinsamt, besonders in der Dämmerstunde, welche die Regsamkeit fleißiger Hände unterbrach. Kam aber der Lenz schüchtern in das Moor und wagten sich seine Sendboten zaghaft hervor, da erwachte in des Fräuleins Herz erneut die Freude an Natur und Leben, es verschwanden die trüben Gedanken, der Frühling brachte vermehrte Arbeit und mit ihr die Schaffenslust.

Der Nachbarschaft wegen war die Gutsherrin selbstverständlich Kundin der Rieder Schloßbrauerei, doch in so winziger Weise, daß Benedikte bei der vierteljährlichen Kontobegleichung sich nahezu beklommen fühlte. Im Drange, den geringfügigen Bierbezug entschuldigen zu sollen, war Fräulein von Zankstein an einem Quartalsersten nach Ried hinübergefahren, und dieser Besuch wurde grundlegend für einen etwas intimeren Verkehr zwischen Tristners und Benedikte, die insonders Sympathie für Frau Helene, die wackere 56 Witwe, empfand. Auch mit Olga verkehrte sie gern, nur mißfiel Benedikte der Mangel an Heimatsliebe, die Sehnsucht Olgas nach einer Ortsveränderung. In ihrer resoluten Art hatte die Zanksteinerin es Theo auf den Kopf gesagt, daß der Schloßherr nicht soviel in den vier Pfählen sitzen, sich nicht bei Zigarettenduft und am warmen Ofen verweichlichen sollte. Da Theo sich willig bemuttern ließ, fand Benedikte Gefallen am jungen Schloßherrn, doch blieb der Verkehr durch längere Zeit beschränkt, die Arbeit auf Zankstein nahm die Herrin zuviel in Anspruch.

Die Kunde vom Unfall Theos war über das menschentrennende Moor doch auch nach Zankstein gedrungen, und freundnachbarlich fuhr Benedikte hinüber nach Schloß Ried, im ältesten Wagen und pferdeschonend hübsch langsam. Unter einem vorsintflutlichen Manilastrohhut sah sie fast matronenhaft aus. Eine alte, einst allerdings kostbare Spitzenmantille verhüllte ängstlich die Körperreize. Benedikte hatte beim letzten Blick in den Spiegel vor der Abfahrt hellauf über ihre Erscheinung in solcher Kleidung gelacht und ausgerufen: »Eroberungen werde ich in diesem Aufzug nicht machen! Ist auch nicht nötig!«

Nun humpelte der alte Wagen von klapperdürren kleinen struppigen Pferden gezogen nach Ried, und so mancher Wanderer auf der Landstraße murmelte in Verkennung der wirklichen Verhältnisse ein herbes Wort über die alte Schachtel im alten Karren.

Mutter und Tochter Tristner hießen Benedikte 57 herzlich willkommen und boten nach Landessitte den Nachmittagskaffee mit Kuchen an. Lachend lehnte sie jedoch ab und verwahrte sich gegen die Zumutung, beizutragen zu einer Diskreditierung der Rieder Schloßbrauerei. Nach gut bayerischer Art einen Schluck frischen Bieres mit Schwarzbrot werde sie dankbar annehmen, aber nichts weiter; doch erst müßte, wenn erlaubt, der Kranke besucht und getröstet werden, ihm gelte der Besuch. Benedikte verfehlte aber nicht, sich nach dem Augenleiden der Frau Tristner zu erkundigen, und als Witwe Helene tief seufzte, sprudelte die scharfe Benedikte eine kleine Strafpredigt hervor über übelangebrachte Knickerei in wichtiger Angelegenheit. Auf Zankstein drehe man gewiß jeden Pfennig um, bevor er ausgegeben werde, doch in solchem Falle würden Hunderte von Mark selbstverständlich sofort und willig geopfert, um eine Heilung anzustreben.

Olga stimmte dieser Mahnung eifrig zu und bat, es möge Benedikte in bekannt energischer Weise eingreifen, denn alles Bitten und Reden der Familienangehörigen sei bisher vergeblich geblieben.

»Werde ich gerne tun und heute noch an einen Spezialisten in München schreiben, doch muß ich von Mama Tristner ermächtigt sein!« erwiderte Benedikte und ließ ihre Augen durch die Stube spazieren laufen.

Frau Helene lehnte jede Vermittlung dankend ab wegen der unerschwinglichen Kosten.

»Was? Unerschwingliche Kosten? Im reichen 58 Hause Tristner? Das ist eine geradezu frivole Äußerung! Wie ich sehe, hat man Geld für kostbare Blumenbuketts; man treibt heillose Verschwendung, für die Mutter aber soll kein Geld vorhanden sein?«

Olgas Wangen färbten sich glührot, beschwichtigend hob sie die Hand empor.

Erstaunt rief Frau Tristner: »Wie? In meinem Hause ist niemals Verschwendung getrieben worden! Wir sind einfache Bürgersleute allzeit gewesen und werden es bleiben! Wo sollen kostbare Blumen sein? Gott, wie traurig, daß mein Augenlicht erlöschen will! Olga, woher kamen die Blumen, von denen Fräulein von Zankstein spricht?«

»Ach, ist ja nicht der Rede wert! Baron Hodenberg, weißt du, Mama, der norddeutsche Herr, der vor einigen Tagen uns besuchte, war so aufmerksam, mir die Blumen zu senden!«

»Wer ist das?« fragte aufmerksam werdend Benedikte.

»Wie konntest du solche Geschenke annehmen?« grollte Mama.

»Du lieber Himmel, da ist doch nichts weiter dabei, eine Aufmerksamkeit zum Dank für meine Begleitung. Mir konnte der Herr doch nicht wie dem Kutscher Johann ein Trinkgeld geben! Der Baron revanchierte sich eben durch Blumenspenden!«

»Die Sache gefällt mir gar nicht: in ein einfaches Bürgerhaus passen kostbare Blumenbuketts nicht, auch wäre ein einziger Strauß schon mehr als genug.«

59 Benedikte erklärte, nun den Kranken aufsuchen zu wollen, und verließ das Gemach.

Gegenüber dem Drängen Mamas um Aufklärung, mußte Olga eingestehen, daß seit dem Besuche Hodenbergs täglich ein Bukett aus Landsberg komme und selbstverständlich aus dem Grunde angenommen werde, weil zu einer Ablehnungsepistel die Adresse des Barons fehle.

»Aber du hättest doch sofort die Annahme verweigern können und sollen!«

»Verzeih, Mama, ich stehe doch nicht Posten am Hausportal! Die Blumen wurden einfach dem Pförtner übergeben und dann mir gebracht, der Bote war längst fort. Ich konnte also die Annahme nicht verweigern.«

»Das muß aber von heute oder morgen ab ein Ende finden! Ich dulde es nicht länger!«

Olga maulte, daß ihr selbst die kleinste Freude und Aufmerksamkeit verwehrt werde in diesem langweiligen Nest und daß der Herr einen netten Begriff von der Rieder Schloßherrschaft bekommen werde, wenn man seine Blumenspende brüsk zurücksende.

»Die Verweigerung braucht nicht auf scharfe Weise zu erfolgen; du schreibst ein höfliches Briefchen, das der Pförtner morgen dem Boten des Barons übergibt. Es schickt sich nicht für ein junges Mädchen, tagtäglich Blumen anzunehmen.«

»Junges Mädchen! Warum denn nicht gleich Baby, das nach der Milchflasche schreit! Es wird 60 immer netter im Schloß Ried! Oh, ich wollte, meine Zeit wäre um und die Erlösung nahe!«

»Dummes Geschwätz! Du wirst wohl warten können, bis ein genehmer Werber vorspricht! Hast wohl Flausen im Kopf? Oder willst du mit dem nächstbesten ›Erlöser‹ gar durchgehen?«

Zornbebend rief Olga: »Unerhört!«, ergriff die Blumensträuße und warf sie zum Fenster hinaus. –

An Theos Krankenlager saß Eugenie, mit einer Stickarbeit beschäftigt, während der Patient den schönen Kopf seiner Pflegerin betrachtete. Auf das Klopfen an der Türe erhob sich Eugenie und schritt der Türe zu, durch deren Öffnung Fräulein Benedikte eintrat, den Blick forschend auf Theo gerichtet.

Der junge Schloßherr guckte verdutzt, erkannte aber das Fräulein von Zankstein alsbald trotz der Vermummung und winkte lächelnd zur Begrüßung.

Benedikte reichte der zierlichen Eugenie die Hand und wandte sich nun zum Kranken: »Lieber Theo Tristner, was machen Sie für Geschichten? Ich hörte gestern von Ihrem Unfall und bin heute da, um meine Anteilnahme auszusprechen! Gott, was haben Sie für eine schauderhafte Luft hier! Alle Fenster geschlossen! Frische reine Landluft ist das Beste auch bei Rippenbruch! Bitte, liebe Eugenie, lüften Sie, und wenn Sie schon durchaus parfümiert sein müssen, nehmen Sie Naturveilchen, die kosten nichts und duften echt; im Moor haben wir massenhaft 61 davon! So, danke! Also der verehrte Schloßherr ist samt Wägelchen umgeworfen worden; wer hat denn kutschiert?«

»Bei Nacht und Nebel der Braumeister! Doch ich muß vorher meine opferwillige Pflegerin verteidigen! Eugenie ist am Parfüm völlig unschuldig, das Parfüm kommt auf mein Konto, es ist englisches crap apple, mein Lieblingsduft!«

»Freut mich für – Eugenie! Ein parfümierter Mann – Geschmackssache! Ein Glück, daß Sie nicht mein Mann sind, lieber Herr Tristner, die crap apple-Liebe würde ich Ihnen gründlich austreiben. Nun, wie fühlen Sie sich? Geht die Heilung normal vorwärts? Was sagt der Doktor? Sie haben doch den alten Hausarzt von Landsberg?«

»Nein, Fräulein Benedikte, der Eile wegen wurde in jener Nacht der Doktor Freysleben geholt, und natürlich blieb ich in seiner Behandlung.«

»So? Junger Mann, kurze Praxis, nicht mein Fall! Doch das ist Ihre Sache! Kann ich irgendwie dienen, etwas an Hausmitteln besorgen? Bitte, verfügen Sie über mich! Die alte Schachtel von Zankstein übt nachbarliche Freundschaft gern!«

»Aber, Fräulein Benedikte! Wie können Sie nur so was sagen?«

»Na, lieber Herr Theo, sehe ich vielleicht nicht wie 'ne alte Schachtel aus? Hier die Mantille, ehrwürdiges Alter, sage ich Ihnen, hat meine Mama in jungen Jahren getragen. Und mein Strohhut, 62 respektable Antiquität, paßt wunderbar zur alten Jungfer Zankstein!«

Theo lachte: »Da hört sich doch alles auf! Ich habe zwar Ihren Taufschein nicht gelesen, weiß aber, daß Sie um gut vier Jahre jünger sind als ich, und meine Wenigkeit zählt erst sechsundzwanzig Jährchen.«

»Ja, mein lieber Theo Tristner, das wäre an sich ganz richtig, aber Sie haben meine Sommersprossen nicht mitgezählt, je hundert geben ein Jahr mehr, also zähle ich etwa zweiundfünfzig Lenze, bin daher mit Fug und Recht eine alte Schachtel! So, nun ist genug geplaudert, ich sehe, die Pflege ist gut, verlieben Sie sich nicht in die barmherzige Schwester Eugenie, bedenken Sie, daß Spitalflammen nicht geheiratet werden dürfen; werden Sie bald gesund, und erhalten Sie mir Ihr geneigtes Wohlwollen, womit ich die Ehre habe, mich Euer Gnaden gehorsamst zu empfehlen!« So drollig ernst brachte Benedikte das heraus, der Schalk lachte so schelmisch aus den himmelblauen Augen, daß Fräulein von Zankstein in das herzliche Lachen Theos und Eugeniens einstimmen mußte.

Theo dankte innig für den Krankenbesuch und versprach, seine erste Ausfahrt nach Zankstein zu machen.

»Bravo, lieber Theo, aber mit meinem Fuhrwerk! Meine Bummerln schmeißen niemals nicht um und sind für jedes Haferkörnel dankbar. Apropos, kennen Sie einen Baron Hodenberg in Landsberg?«

Theo verneinte, worauf sich Benedikte von beiden verabschiedete und das Krankenzimmer verließ.

63 »Bitte, liebe Eugenie, schließen Sie die Fenster wieder! Nein, wie man sich nur so altmodisch kleiden und absichtlich entstellen kann. Ist trotz Sommersprossen und vierschrötiger Gestalt ein sympathisches Wesen, jung und reich, freilich etwas resolut. Habe nicht gewußt, daß Benedikte Zankstein auch Witze macht. ›Spitalflamme!‹ Fühlen Sie sich nicht beleidigt, liebe Eugenie?«

»Durchaus nicht, Herr Tristner! Das Fräulein von Zankstein sprach nur die Wahrheit: Spitalflammen können nicht geheiratet werden!«

»Sie sagen das so ernst und wehmütig! Ist Ihre Hand wirklich nicht erreichbar?« fragte innigen Tones Theo, dem es warm im Herzen wurde.

..Ich glaube, der Arzt kommt! Bitte, entschuldigen Sie mich für ein Weilchen, ich muß nach Frau Mama sehen!« antwortete hastig Eugenie und schritt hinweg.

»Sie weicht meiner Werbung aus! Sollte ein Hindernis bestehen, das sie nicht offenbaren will?« flüsterte Theo und grübelte dann über dieses Thema weiter.

Im Speisesaal saßen die Damen beieinander. Benedikte nahm einen kräftigen Schluck des vortrefflichen Rieder Bieres, lehnte aber eine zweite Füllung des Glases ab. Inmitten des Gespräches wurde von einem Dienstmädchen der Baron Hodenberg gemeldet, und Olga wurde krebsrot im Gesicht.

»Der Wolf in der Fabel!« rief Benedikte, »sehr interessant, will mir den Herrn näher betrachten. Laden Sie ihn doch zum Kaffee ein, liebe Olga!«

64 Der blinden Mama war es ganz angenehm, daß die gutsehende Zanksteinerin den Besuch überwachen wollte; Frau Helena gab daher ihre Zustimmung, und Olga ging dem Besucher entgegen.

Baron Hodenberg, der einen großen Blumenstrauß trug, ward beim Anblick der Damen stutzig, scheu blickte er insbesondere auf Benedikte, deren Aussehen verblüffen mußte. »Ach, sehr überrascht – große Ehre – die gnädigsten Damen wollen geruhen, mich im Familienkreise zu empfangen – lege mich den verehrten Damen zu Füßen – ach – gnädiges Fräulein wollen die Gnade haben und diesen Blumen Obdach und etwas Wasser gewähren – gehorsamster Diener – Baron Hodenberg aus Hannover, der Letzte eines alten Geschlechts!« Der junge Mann überreichte Olga das Bukett, schritt dann auf Frau Tristner zu und küßte der blinden Dame ehrerbietig die Hand.

Wenn nun Benedikte die Sprechweise Hodenbergs unsympathisch fand, der junge Mann gefiel ihr, vielleicht sein flachsblonder Typus, gewiß aber sein Auftreten, welches stark zur Sprache kontrastierte. Benedikte fand die Sprechweise manieriert, fast wollte es ihr dünken, die Redensarten seien eingepaukt, sie waren nicht in Einklang mit den Körperbewegungen, dem Auftreten selbst zu bringen. Mit jähem Griff entfernte Fräulein von Zankstein das Monstrum von Strohhut und forderte durch einen Augenwink Olga auf, die Formalität der Vorstellung zu erledigen.

Das war rasch geschehen, doch weniger schnell 65 vermochte der Baron der Überraschung darüber Herr zu werden, daß die altgeglaubte Dame nun durch die Hutentfernung in ein junges, aschblondes Fräulein aus adeligem Hause verwandelt war. »Ach, sehr erfreut!« stammelte Hodenberg.

Belustigt lachte Benedikte auf: »Glaub ich gerne, Baron! Ist meinerseits Vorspiegelung falscher Tatsachen gewesen, belieben sich zu überzeugen, daß ich eine – junge Schachtel bin, nur die Mantille weist ein ehrwürdiges Alter auf, auch der Strohhut, den ich Ihnen zu Ehren abgenommen habe.«

Frau Tristner bat den Besucher, mit einer bajuvarischen Jause vorlieb zu nehmen, es könne jedoch auch Kaffee oder Wein gereicht werden. »Olga, walte deines Amtes! Mich bitte zu entschuldigen, ich entbehre des nötigen Augenlichtes! Herr Baron finden Gefallen an unserm Besitztum?«

Olga ging zur Besorgung der Jause hinweg und nahm den kostbaren Blumenstrauß mit.

»Ein fürstlich Heim, um das die Herrschaft wahrlich zu beneiden ist. Habe, ach, nicht geglaubt, daß sich fern von den Verkehrsadern solch herrlicher Besitz befinden würde. Und alles in mustergültigem Betrieb!«

Frau Tristner hielt den Kopf in die Richtung, in der sie den Gast vermutete, sehen konnte sie ihn ja nicht, und horchte um so angestrengter. Als nun Hodenberg schwieg, meinte die Matrone: »Zu viel des Lobes, mein Herr! Wenn Sie eine 66 Musterwirtschaft sehen wollen, müssen Sie Zankstein besuchen, das Gut unsrer Freundin, Fräulein von Zankstein!«

»Ach, noch besserer Betrieb? Wunderbar! Das Moor bietet eine Überraschung nach der andren!«

Nun wehrte Dikte energisch die Lobpreisung ihres Besitzes ab. Ein Besuch sei ihr zwar angenehm, müßte aber dem Gast eine heillose Enttäuschung bringen, denn ihr Moorgütl sei ein Schluckbesitz.

»Schluckbesitz? Pardon, gnädiges Fräulein, was ist das?«

»Ein Gut, das Geld schluckt und nichts abwirft.«

Das Gespräch drehte sich ein Weilchen um dieses Thema, und Fräulein von Zankstein amüsierte sich über die zunehmende Verblüffung Hodenbergs, der nicht begreifen konnte, daß man Bargeld fortwährend in ein unrentables Gut stecke. Sodann sprach der Baron aber so warmfühlig über die Liebe zur heimatlichen Erde, daß Dikte ihn geradezu lieb gewann und herzlich zu Gaste lud.

Olga kam just in diesem Augenblick, gefolgt von einem Mädchen, das die ländlich einfache Jause brachte. Ob der herzlich gesprochenen Einladung seitens Diktens empfand Olga ein Unbehagen, das sich rasch zur Eifersucht steigerte, denn der Baron nahm die Einladung mit begeistertem Dank an und pries sich glücklich, Zutritt in so hervorragende Familien finden zu können. Der Süden unterscheide sich in dieser Hinsicht vorteilhaft vom kühlen Norden.

So viel und eifrig sich Olga bemühte, zu Wort zu 67 kommen, es konnte ihr nicht gelingen, da Fräulein von Zankstein den Baron immer wieder ins Gespräch zog und nicht müde wurde, sich über Sitten und Gebräuche im Hannoverschen Lande berichten zu lassen. Es mußte sich Olga gedulden und zum Zuhören zwingen; in der Seele aber regte sich Eifersucht und Haß zugleich; ihr gehörte der Baron und sein Besuch, Dikte war Gast und hatte kein Recht, ihr den galanten Kavalier wegzuangeln. Seit Jahr und Tag fand niemand den Weg zum langweiligen Schlosse Ried, und nun ein Edelmann gekommen und bestrebt war, der Tochter des Hauses Aufmerksamkeiten zu erweisen, wollte die sommersprossige Nachbarin dazwischentreten und den Baron kapern. Das empfand Olga für ebenso unschön als lächerlich; Dikte sollte nur bei ihren Kohlköpfen hocken bleiben und als lebendige Vogelscheuche wirken, nicht aber ganz unvermittelt auf Männerfang ausgehen. Unschön war es aber auch vom Baron, daß er nun alle Aufmerksamkeit der Zankstein weihte, fahnenflüchtig wurde. Ob der Löwenbaron etwa bei Dikte mehr Geld vermutete? Oder will er nur flirten, die Vogelscheuche zum Narren halten?

Fräulein Benedikte legte inmitten der lebhaften Unterhaltung die alte Mantille ab. Nun zeigte sich, welch herrliche Büste das Edelfräulein besaß. »Ich weiß nicht, ist mir im anregenden Gespräch so warm geworden, oder ist es heiß hier?«

Gereizt rief Olga: »Wir haben hier nie mehr als 68 vierzehn Grad Reaumur! Bei so lebhafter Konversation wird einem allerdings warm!«

»Ach bitte, nur keine Differenz, meine Damen! Ich will auch nicht länger stören und lege den Herrschaften meinen gehorsamsten Dank für gnädigen Empfang wie für gastfreundliche Bewirtung zu Füßen.« Hodenberg erhob sich, mit ihm die Damen.

Es kostete Frau Tristner einen kleinen Kampf, die von den jungen Leuten sicherlich erwartete Einladung für Besuchswiederholung auszusprechen, den Baron um sein Wiederkommen zu bitten. Ein undefinierbares Etwas im Ton Hodenbergs wollte der blinden Frau nicht gefallen, doch vermochte sie sich über ein wachgerufenes Mißtrauen keine Rechtfertigung zu geben. Die peinliche Stille wirkte beklemmend; Frau Helene fühlte, daß die Blicke der jungen Leute auf sie gerichtet waren, sie mußte ein freundlich Wort sagen, zumal sonst ein Riß in der Freundschaft zwischen Olga und Benedikte klaffen würde. So zwang sich Frau Tristner zu einer Einladung, und dankbar küßte Hodenberg ihr die Hand.

Fräulein von Zankstein wollte keinen Mißton hinterlassen, sie bat Olga und den Baron um baldigen Besuch aus Zankstein, und zwar gleich für morgen nachmittag, ob schön ob Regen, in so gewinnend herzlicher Weise, daß Olga sich versöhnt zeigte und zusagte. »Brav! Sie, lieber Baron, kommen selbstverständlich auch und mit Blumen für Fräulein Tristner, nicht aber für mich, verstanden? Dagegen werde ich 69 zur Beruhigung Mamas Tristner alle Pflichten der Gardedame übernehmen und peinlichst genau erfüllen, an antiken Kostümen hierzu fehlt es mir bekanntlich nicht! So, nun rasch die Mantille umgehangen, Strohhut auf das Denkerhaupt gestülpt – habe die Ehre, mich allseits bestens zu empfehlen. Auf Wiedersehen morgen nachmittag auf Zankstein!« Lachend küßte Benedikte die blinde Witwe, reichte Hodenberg und Olga die kräftige Patschhand und eilte in den Schloßhof, wo sie energisch nach ihrem Kutscher rief. Olga begleitete Hodenberg zum Portal, und auf diesem kurzen Wege nützte der junge Herr die Gelegenheit, um zu fragen, ob das Fräulein von Zankstein immer so originell sei.

Flüsternd erwiderte Olga: »In gewisser Beziehung absonderlich, ja, heute aber auffallend inkonsequent und intolerant!«

»Um so fester werde ich bleiben, wenn Sie es mir erlauben wollen!« sprach gedämpften Tones Hodenberg und drückte Olgas Hand. »Werden Sie, gnädiges Fräulein, morgen nach Zankstein kommen?«

»Erscheinen Sie, Herr Baron, gewiß?«

»Wenn Sie kommen, sicher!«

»Ja!«

»Innigen Dank! Auf Wiedersehen in Zankstein!« flüsterte Hodenberg und jubelte im Innern, als er den leisen Händedruck Olgas verspürte.

Inzwischen rollte Benediktens »Arche Noah« aus dem Schloßhofe; das Paar winkte freundliche Grüße. 70 Als dann auch der Wagen Hodenbergs abfahrbereit an der Freitreppe vorfuhr, nahm der Baron vom Schloßfräulein Abschied – ein rasches Versenken der Blicke ineinander, ein nochmaliger Händedruck –, flink stieg er in den Wagen, und im flotten Trab ging es hinweg.

»Nun intrigiere so viel du willst, neidische Zanksteinerin!« murmelte Olga und begab sich zurück zu Mama, die wartend in der Stube stand.

»Darf ich dich auf dein Zimmer führen, Mama?« fragte Olga.

»Wenn ich den Mann nur sehen könnte! – Ja, führe mich auf mein Zimmer, und schicke mir dann Eugenie; die soll mir einen wichtigen Brief schreiben!«

»Kann das nicht ich besorgen, Mama?«

»Nein!«

Einigermaßen ob dieses Mangels an Vertrauen verletzt, schwieg die Tochter und führte Mama die Treppe hinauf.

Frau Helene saß in ihrem breiten Lehnstuhl und diktierte Eugenie den Brief an einen der Augenärzte Münchens mit der Bitte um baldiges Erscheinen und Untersuchung der kranken, wahrscheinlich unheilbaren Augen.

»Wir wollen doch die Hoffnung nicht aufgeben, Frau Tristner!« meinte, das Diktat unterbrechend, Eugenie warmen Tones.

»Bitte schreiben Sie nach meiner Angabe!« erwiderte bestimmt die Witwe und diktierte den Brief 71 zu Ende. »Und nun schreiben Sie einen zweiten Brief an die Annoncenexpedition in Berlin und setzen Sie ein Inserat auf, in dem für die Verwaltung eines Schloßgutes und damit verbundener Brauerei in Bayern eine absolut tüchtige kaufmännisch gebildete Persönlichkeit gesetzten Alters mit feinsten Referenzen gesucht wird. Brausachkenntnisse nicht absolut nötig. Vermittler ausgeschlossen, Zeugnisse im Original werden prompt zurückgegeben. Persönliche Vorstellung im Falle vorzüglicher Referenzen unnötig.«

»Sie wollen einen Verwalter anstellen?« rief überrascht Eugenie aus.

»Zunächst soll der Versuch mit einem Inserat gemacht werden.«

»Ja, aber es wird doch in absehbarer Zeit Herr Theo wieder dem Büro vorstehen können?!«

»Ich hoffe auf baldige Wiederherstellung meines Sohnes; ist er so weit, dann muß er sich dem Geschäft im Außendienst mehr widmen, wir wollen es halten, wie zu Zeiten seines Vaters; das alte Rezept ist das bessere. Finde ich einen passenden Verwalter, so soll dieser den Bürodienst und die Leitung der Ökonomie übernehmen.«

»Wird sich Herr Theo nicht zurückgesetzt fühlen? Der junge Herr führte die Geschäftsleitung bisher doch zur Zufriedenheit, nicht?«

»Ich wünsche eine Geschäftsführung nach Vaters Muster; diese ist erprobt. Das Zimmerhocken Theos taugt nichts, verweichlicht den jungen Menschen völlig 72 und bringt mehr Schaden im Geschäft draußen. Bitte schreiben Sie! Mißlingt der Versuch, so will ich in München annoncieren.«

»Unmaßgeblich möchte ich sagen, es dürfte überhaupt besser sein, in Münchener Zeitungen den Posten auszuschreiben. Für Ried paßt unbedingt ein Verwalter süddeutscher Abkunft eher denn ein Norddeutscher.«

»Das ist richtig! Gut, also inserieren wir in Münchens größter Zeitung.«

»Jawohl!« Gehorsam schrieb Eugenie und unterzeichnete »für Frau Tristner, Witwe«.

»Danke! Und nun bitte ich Sie, meinen Kindern von diesen Briefen nichts zu sagen und die Briefe persönlich am Postschalter abzugeben, der Diskretion halber.«

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