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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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203 Zwölftes Kapitel

Theo war rasch der Sorge vor einer Indiskretion Wurms über das galante Reiseabenteuer losgeworden, da der Verwalter jene Spritzfahrt mit keiner Silbe erwähnte, sie totschwieg, und in vollem Maße taktvoll keinerlei Zudringlichkeit an den damaligen Reisegenossen bekundete. Daher entschwand Theo die Erinnerung sehr schnell, und da ihm Wurm sehr viele Arbeit als selbstverständlich abgenommen, hatte der junge Schloßherr ausnehmend viel freie Zeit, die er zu Besuchen auf Zankstein verwendete. Bei der ersten Visite auf dem Moorgut spottete Fräulein Benedikte ob der spät erwachten Wiedererinnerung an die vernachlässigte Nachbarin in der ihr eigenen Weise, Theo wurde gehänselt; doch mählich fand Benedikte Gefallen am jungen Tristner, der sich wundernett bemuttern und päppeln ließ und nach Wunsch des langen und breiten über die Ereignisse in Schloß Ried erzählte. Für Fräulein von Zankstein war nahezu alles neu, und wenn Benedikte auch vom Tode Eugeniens Kenntnis hatte, wußte sie doch nicht, daß das Gericht nachträglich Selbstmord feststellte. Es wurde daher lebhaft zwischen Theo und Benedikte erörtert, was die Veranlassung zu dem rätselhaften Selbstmord gewesen 204 sein könnte. Im Eifer beteuerte der junge Schloßherr, daß er ganz gewiß nicht den Anlaß gegeben und Eugenie im Gegenteil sehr lieb behandelt habe. Scharfsinnig reagierte Benedikte sofort auf dieses unvorsichtige halbe Geständnis, und was zur vollen Beichte fehlte, war der Zanksteinerin zu erraten nicht schwer. Das Sommersprossenfräulein setzte denn auch Theo scharf zu, trieb ihn immer mehr in die Enge, bis Tristner mit der Wahrheit herausrücken mußte. Einer Strafpredigt über leichtsinnige heimliche Liebelei setzte Theo jedoch sein Ehrenwort entgegen, daß nichts Unrechtes vorgekommen sei und Eugenie eine Heirat für unmöglich erklärt habe.

»Wäre auch ganz unmöglich gewesen!« betonte Benedikte.

»So? Weshalb denn? Ich brauche doch wahrlich nicht auf Mitgift zu rechnen!«

»Papperlapapp! Ein Tristner hat eine standesgemäße Frau zu wählen; das Andenken Eugeniens in Ehren, aber eine Gesellschafterin ist nie und nimmer eine Persönlichkeit, die ein Tristner heiraten darf!«

Theo mußte ob der ernsten und doch heitern Miene Benediktens lachen und erwiderte: »Na, bemuttern Sie mich weiter und suchen Sie mir eine passende Frau! Meine Selbständigkeit in Ihrer Nähe ist ja doch nicht weit her und zerfließt wie Butter an der Sonne.«

»Keine Schmeichelei, junger Sünder! Es bleibt dabei: allzeit standesgemäß! Und im ganzen 205 Moorbezirk, von der Landesgrenze bis hinauf zum Sodom an der Isar, gibt es nur eine standesgemäße Partie für Theo Tristner, und diese Partie ist Benedikte von Zankstein, verstanden! Ich mag aber nicht heiraten!«

»O weh! Erst süßen Zucker, dann die bittere Peitsche!« jammerte Theo.

»Sie sind doch ein Kind! Glauben Sie denn, eine Dame wird Ihnen einen Heiratsantrag machen? So bequem dürfen Sie sich das Leben nicht vorstellen, das Leben ist ein Kampf! Auf Schloß Ried wird zu wenig gekämpft, die Leute haben zu viel Mammon! Für Sie wäre es wahrlich besser, wenn Sie tüchtig schaffen würden; die Anstellung eines Verwalters ist höchst überflüssig gewesen. Werfen Sie den Menschen sobald als möglich wieder hinaus!«

»So einfach ist die Sache nicht! Ich wollte allerdings gleich am ersten Tage des Dienstantrittes kündigen, wagte es aber nicht, der Mann hat so seltsame Augen. Und jetzt ist er trotz der kurzen Zeit seiner Tätigkeit Vertrauensmann Mamas; da käme ich übel an, wenn ich, der Wurm engagierte, ihn nun hinausbeißen wollte. Mit Mama ist zu Zeiten nicht gut Kirschen essen!«

»So? Muß wieder mal nachsehen, gucken, wie der Hase läuft!«

Das Gespräch änderte sich, da Benedikte Näheres über den Stand der Affäre Hodenberg wissen wollte. Theo vermochte aber keine Neuigkeiten zu bieten und ward alsbald auf drollig resolute Weise heimgeschickt.

206 Im Wagen hing Theo seinen Gedanken nach und fand, daß trotz der Sommersprossen Benedikte wirklich ausgezeichnet zu ihm passen, eine prächtige Frau sein würde, tüchtig, entschlossen und eigentlich ganz hübsch. Vielleicht läßt sich die Angelegenheit deichseln, das Diktum vom Nichtheiratenwollen wird nicht so ernsthaft zu nehmen sein. Damen, welche das Heiraten verschwören, greifen sehr gern zu, so der Rechte kommt. Im Grunde genommen konnte ja Benedikte nicht sofort einwilligen, eine eigentliche Werbung hatte Theo auch nicht vorgebracht. So beschloß denn der junge Schloßherr, Zankstein als Festung anzusehen und so lange zu belagern, bis Benedikte die Parlamentärflagge hissen wird.

Heimgekehrt fand Theo ein zierlich Brieflein mit dem Poststempel »Wien« vor, bei dessen Lektüre ihm schwül wurde. Jäh war die Erinnerung an das Reiseabenteuer wachgerufen. Fräulein Senta Camacero, die Reisegenossin, kündigte für morgen Besuch an, im voraus für freundliche Gastfreundschaft dankend und um Abholung von der Bahnstation bittend. Die Bescherung ist da, alles Fluchen hilft nichts mehr, die Reue über die unvorsichtig gegebene Einladung bringt keine Änderung der fatalen Situation. Nichtabholung wäre Brutalität und bildet keine Gewähr, daß die Dame auf den Besuch verzichten wird.

Theo zermarterte den Kopf, wie er Mama und Olga den Besuch erklären soll, ohne sich bloßzustellen oder das Abenteuer zu verraten. Nichts, nicht ein 207 rettender einziger Gedanke will sich einstellen. Eine Riesenblamage ist im Anzug, der Verdruß wird heillos werden.

In seiner Angst suchte Theo den Verwalter, den er im Brauereitrakt fand und sofort um Hilfe in gräßlicher Verlegenheit bestürmte, des durchbohrenden Blickes wie des satanischen Lächelns Wurms nicht achtend.

Der Verwalter bemeisterte sich sofort und erklärte sich bereit, Fräulein Camacero als Kusine zu übernehmen, welcher die Familie Tristner jedoch Gastfreundschaft im Schlosse gewähren müßte, da er in seiner Junggesellenstube eine Dame nicht aufnehmen könne.

Theo jubelte ob dieser Rettung aus gräßlicher Verlegenheit und sicherte vollste Gastfreundschaft zu, nur müßte Wurm der Mama Mitteilung von der bevorstehenden Ankunft der Kusine machen und um Beherbergung für kurze Zeit bitten.

»Gut! Aber nur unter der Bedingung, daß Sie das Fräulein von der Bahn abholen und informieren. Die Camacero muß eingeweiht werden, auf daß sie ihre Rolle auch gut spielen kann und Sie nicht blamiert. Da man in solchen Fällen nicht wissen kann, wie lange der Schwindel durchzuführen ist, wird es gut sein, wenn Sie der Camacero einen größeren Betrag zu einer etwa nötig werdenden plötzlichen Abreise im voraus zustecken.«

»Wird sie denn das nicht übelnehmen müssen?«

208 »Die Camacero nicht!«

Der wegwerfende Ton dieser Äußerung war Theo auffällig, doch achtete er in seiner Freude, der Verlegenheit zu entrinnen, nicht weiter darauf.

Wunschgemäß begab sich Wurm zu Frau Tristner und bat die Gebieterin um gnädige Bequartierung seiner Kusine, deren plötzliche Ankunft ihn ebenso überrasche wie bedrücke. In ihrer Herzensgüte, dem Verwalter wohlgesinnt, sicherte Frau Helene freundliche Aufnahme der Kusine zu und gab Olga Auftrag, das Nötige zu veranlassen. Theo schlich herum wie der Fuchs um die Hasensaß und freute sich unbändig, als er die Arrangements zur Quartierung wahrnahm. Besser hätte die anfangs heillose Geschichte sich nicht gestalten können. Und für sein Vergnügen war durch Anwesenheit der pikanten Dame vortrefflich gesorgt. Er wird sich ihr selbstverständlich widmen, weil sonst niemand da ist; Mama blieb ob ihrer Blindheit außer Betracht, Olga ist, wahrscheinlich wegen der Verhaftung Hodenbergs, unzugänglich, also muß sich Theo opfern, und solche Aufopferung kann unter diesen Umständen in keiner Weise auffallen.

Glatt wickelte sich der Empfang am nächsten Morgen auf der Bahnstation ab; Fräulein Senta war hinreißend liebenswürdig, ohne die befürchtete lästige Vertraulichkeit zu bekunden. Die Kleidung allerdings elegant, viel zu auffallend für die Kreise in der Moorgegend, aber fesch, das ganze schlanke Persönchen entzückend. Theo lachte das Herz bei diesem Anblick, und 209 alle guten Vorsätze, wie der Gedanke an Benedikte Zankstein, verflüchtigten sich mit rasender Eile.

Im Wagen stotterte der junge Schloßherr die Information für Senta hervor; er hatte doch große Angst, daß die Dame den Einführungsschwindel mit sittsamer Entrüstung zurückweisen werde. Senta zeigte sich aber keineswegs entrüstet, sie lachte und fand das Komödienspiel famos, viel Vergnügen versprechend. Den Wiener Dialekt spottend, fragte Senta: »Soll ich die Jungfrau von ›Allesans‹ spielen?«

Der kecke Blick wie die anzügliche Frage verstimmten Theo, der als junger Mann wohl zu einem tollen Streich gelegentlich gern bereit war, aber im Banne einer guten Erziehung doch vor Banalitäten zurückschreckte. Das Persönchen war gewiß eine willkommene Reisebekanntschaft in Triest, nicht aber im sittsamen Schloß Ried. Theo wurde einsilbig auf der Fahrt nach Hause und vergaß auch, der schönen Dame das von Wurm empfohlene Reisegeld zuzustecken. Fräulein Camacero merkte sofort die Verstimmung und nahm sie als Warnung vor forciertem Drauflosmarschieren; der junge Schloßherr schien ihr noch ein unverdorbener Grünschnabel zu sein, dem die Schneid fehlte, und der sich vor Damengunst einstweilen noch fürchtete. Einlenkend meinte Senta unter bezauberndem Augenaufschlag, daß Herrn Tristner wahrscheinlich der Wiener Dialekt nicht gefalle, und damit habe der Schloßherr ganz recht, sie werde diesen Dialekt nie mehr gebrauchen, um sich nicht die Ungnade des 210 allerhöchsten Herrn zuzuziehen. »Ich würde tiefunglücklich sein und schwer darunter leiden! Kein Mann hat bisher so tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht, das dürfen Sie mir glauben! Mein Herzblut gäbe ich freudig hin, wenn es nötig wäre zu Ihrer Glückseligkeit!« flüsterte Senta und drückte Theos Hand.

»Zu gütig! Ich bin ein solches Opfer nicht wert!« sprach Theo leisen, bebenden Tones, rasch versöhnt und die Worte für tief empfundene Wahrheit nehmend.

Das elegante Juckergespann fuhr in den Schloßhof, mit schnellem Blick erkannte Theo, daß Mama mit Olga im Garten weilte, Empfang und Begrüßung also zur Bequemlichkeit der Mutter dort stattfinden mußte. Der Dame beim Aussteigen helfend, flüsterte Theo Senta zu: »Mama ist erblindet! Bitte folgen Sie mir in den Park!«

»Immer zu Ihren Diensten! Besuchen Sie mich bald, ja!« lispelte sie und schritt an Theos Seite in den Garten.

Verletzend frostig verhielt sich Olga bei der Vorstellung, doch Fräulein Camacero ignorierte den eisigen Empfang und widmete alle Aufmerksamkeit der alten Dame, der sie die Hand küßte und mit bewegten Worten für die Gnade, einige Zeit im Schlosse weilen zu dürfen, dankte.

Wohl wehrte Frau Helene solch demütiger Huldigung, der Ton echtklingender Bescheidenheit machte aber doch Eindruck auf die blinde Matrone, die 211 Fräulein Senta herzlich willkommen hieß und sogleich ins Gespräch zog. »Sie sind die Kusine meines Verwalters, das ist eine sehr gute Empfehlung! Herr Wurm ist ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, der mein volles Vertrauen genießt. Ich hoffe, Sie werden sich bei uns heimisch, zu Hause fühlen. Wenn Sie sich etwas eingewöhnt haben werden, bitte, widmen Sie ab und zu ein Viertelstündchen einer alten blinden Frau, die Ihnen dafür dankbar sein wird. Sonst aber bleiben Sie völlig Herrin Ihrer Zeit.«

Wieder küßte Senta der Matrone die Hand und gelobte tiefste Dankbarkeit.

Da Olga sich entfernt hatte, übernahm es Theo, das Fräulein ins Schloß zu führen, Mama blieb im Gartenstuhl sitzen, wo sie den Verwalter nach erfolgter Begrüßung seiner Kusine erwarten wolle.

Auf dem Wege zum Schloß fragte Senta leise: »Nun, sind Sie mit mir zufrieden?«

»Sehr! Doch Vorsicht! Wer weiß, wo Olga steckt!«

»Fräulein Schwester mißtraut mir, oder sie ist sehr stolz!«

Im Flur erwartete Wurm maliziös lächelnd die Kusine und spielte die Begrüßungskomödie verabredungsgemäß mit aller verwandtschaftlichen Wärme.

Theo erklärte sodann den Wunsch Mamas, worauf Wurm sogleich in den Garten zur Frau Tristner eilte.

Das Pärchen pilgerte langsam die Treppe ins obere Stockwerk hinan, Senta konnte nicht genug die fürstliche Pracht dieses Herrensitzes loben.

212 Theo erklärte, daß hier die Zimmer der Familie liegen, am Schlusse des Korridors das Junggesellenheim.

»Und wo werde ich einquartiert?« fragte sie mit feurigem Blick.

»Bitte, eine Treppe höher residieren die Besuchsherrschaften!«

»So hoch? Ich steige nicht gern hohe Treppen, möchte lieber im ersten Stockwerk ›residieren‹!«

»Bedaure wirklich sehr, die Anordnungen Mamas nicht ändern zu können!«

»Schade! Doch ich füge mich selbstverständlich! Mohammed kommt ja zum Berge, wenn dieser nicht zum Propheten kommen kann, nicht?« lachte Senta und hing sich an Theos Arm.

Ein großer, elegant möblierter Salon mit Schlafgemach war für Fräulein Camacero bereit gehalten. Senta jubelte bei diesem Anblick und umarmte Theo, ihn jäh küssend.

»Gott, wenn wir gesehen würden!« stotterte errötend der Schloßherr und suchte sich aus der Umarmung zu befreien.

»Wir sind ja doch allein, und ich muß Ihnen meinen Dank bekunden! Bin ich Ihnen unsympathisch, weil Sie mich nicht küssen wollen?«

»Gewiß nicht, im Gegenteil! Ich fürchte ja nur – das Erwischtwerden!«

»Keine Sorge! Flink den Gegenkuß, dann wollen wir hübsch sittsam sein, geschwisterlich meinetwegen!«

213 Senta hielt hingebend das Köpfchen zu Theos Antlitz, hastig drückte der Schloßherr einen Kuß auf die lockenden, schwellenden Lippen und lief hinweg wie ein beim Äpfelstehlen ertappter Schulknabe.

Senta murmelte: »Täppischer Grünschnabel!« und besichtigte dann die Einrichtung, bis der Diener ihr Gepäck heraufbrachte. So umständlich kramte sie ihre Koffer aus und räumte deren Inhalt in Kasten und Laden, als gelte es, sich auf Monate hinaus seßhaft zu machen, und dazu war sie auch fest entschlossen.

Verwalter Wurm hatte der Gebieterin warmen Dank für gütige Beherbergung seiner Kusine und hierauf den gewünschten Geschäftsbericht erstattet, absichtlich in epischer Breite, damit Frau Tristner vergessen sollte, auf die verwandtschaftlichen Beziehungen näher einzugehen. Eine Frage sprach die Matrone aber doch aus: »Herr Verwalter, sagen Sie mir: Ist Ihre Kusine sehr hübsch?«

»Frau Tristner befürchten, daß Herr Theo Feuer fangen könnte? Bitte ergebenst, keine Sorge zu hegen, meine Kusine ist nicht hübsch, gut gewachsen allerdings, doch reizlos, tugendhaft bis zur Prüderie, so was wie ein ›Emporfrömmling‹ und für Männer absolut ungefährlich, eher abstoßend!«

»So? Mir kam es vor, als habe das Fräulein etwas Einschmeichelndes, Ton und Sprache nehmen für die Person ein, ich sympathisiere für Ihre Kusine, die mir bescheidener, dankbarer Art zu sein deucht.«

»Gnädige Frau sind wie immer huldreich und 214 gütig. Ich werde dafür zu sorgen wissen, daß die Ehre des Hauses gewahrt bleibt. Es ist indes keine Gefahr, wer sich in Senta verliebt, müßte ein Narr sein. Reizlos und bettelarm, so was heiratet man nicht, ist selbst zum Flirten nicht geeignet.«

»Das klingt geradezu lieblos aus dem Munde eines Verwandten. Ich hätte Ihnen einen solchen Mangel an Zartgefühl nicht zugetraut!«

»Die reine Wahrheit, Frau Tristner, ich spreche die Wahrheit auch dann, wenn ich Gefahr laufe, verkannt zu werden und als Rauhbein zu erscheinen.«

»Genug davon! Bitte schicken Sie mir meine Tochter, ich will ins Haus geführt werden.«

»Zu Befehl! Darf ich vielleicht das Ehrenamt erbitten und gnädige Frau geleiten?«

»Danke sehr, Sie sind immer aufmerksam, ich will Sie nicht belästigen! Ist auch kein Genuß, eine alte blinde Frau zu schleppen!«

»Aber, bitte tausendmal! Gnädige Frau stehen in den besten Jahren.«

»Still! Kein Wort mehr! Ich glaube gar, Sie wollen mir Elogen sagen!« zürnte Frau Helene, lächelte aber doch etwas geschmeichelt. »Holen Sie mir meine Tochter!«

»Gehorsamster Diener!« rief Wurm, schnitt der Blinden eine Grimasse und enteilte. Im Schlosse erfuhr der Verwalter, daß Fräulein Olga im Musiksalon weile. Sein hastiges Eintreten schreckte das Mädchen aus dem Sinnen auf, unangenehm berührt 215 fragte Olga, wie sich der Verwalter erkühnen könne, sie hier in ihrem Bereich zu stören.

Eine höfliche Entschuldigung vorbringend, übermittelte Wurm den Wunsch Mamas und blieb vor dem Fräulein stehen.

»Was wollen Sie denn noch?«

»Ich bitte um eine Minute Audienz in wichtiger Angelegenheit! Seit zwei Tagen bemühe ich mich vergebens, gnädiges Fräulein ohne Zeugen sprechen zu können . . .«

»Ich wüßte nicht, was wir zu besprechen haben sollten!«

»Doch! Ich war bei Gericht, es ist mir gelungen, von Hodenberg den Ring, welchen gnädiges Fräulein ihm geschenkt, zurückzuerhalten . . .«

Erregt sprang Olga auf, hastig rief das Mädchen: »Wie kommen Sie dazu?«

»Verzeihen, gnädiges Fräulein! Ich intervenierte allerdings ohne Mandat, glaube aber richtig gehandelt zu haben. Mit dem Ring, den ich zu übergeben die Ehre habe, ist jegliche Bloßstellung Ihrer verehrten Person unmöglich geworden, und dies zu erreichen, war mein Ziel.« Wurm überreichte Olga den von Hodenberg erhaltenen Verlobungsring, den sie sogleich in die Tasche verschwinden ließ.

»Hat der Baron den Ring – gutwillig hergegeben?«

»Ja! Ich sicherte ihm meinen Beistand zu, falls Hodenberg die Beistellung eines tüchtigen Advokaten 216 benötigen sollte. Es wird aber der beste Anwalt keine Reinwaschung erzielen können . . .«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Verhaftete wirklich nicht Baron Hodenberg aus Hannover ist!«

»Was ist er dann?«

»Das vermag ich nicht zu sagen, dem Dialekt nach stammt er aus Hamburg. Der anscheinend tüchtige Amtsrichter wird wohl die völlige Entlarvung herbeiführen, und wir werden dann erfahren, welcher Gauner sich die Baronie Hodenberg beigelegt und unter falscher Flagge in das Haus Tristner eingeschlichen hat.«

»Sie sehen zu schwarz, ich kann es nicht glauben! Immerhin danke ich Ihnen für Ihre Bemühung und bitte Sie zugleich um Diskretion! Es darf niemand im Hause wissen, daß ich . . .«

»Meiner vollen Verschwiegenheit dürfen gnädiges Fräulein sicher sein, auch dann, wenn Sie noch weiter mich in gänzlicher Verkennung meiner guten Absicht schlecht behandeln werden.«

»Habe ich das getan? Bitte, es war nicht beabsichtigt, verzeihen Sie mir! Ich leide entsetzlich, bin manchmal wirren Sinnes, der Fall Hodenberg bringt mich noch um den Verstand, und in solcher Lage verkennt man mitunter die guten Freunde! Sie haben mir wirklich einen Freundschaftsdienst erwiesen, ich danke Ihnen vielmals! Also Diskretion! Ich eile nun zu Mama!« Olga reichte dem Verwalter die Hand 217 und duldete seinen ehrerbietigen Kuß auf die schmale Rechte.

Ein triumphierender Blick folgte der graziösen Gestalt, und allein im Musiksalon rieb sich Wurm vergnügt die Hände.

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